Prolog
Liv
Die Sonne fiel warm durch die hohen Fenster in den Raum, dabei malte sie helle Rechtecke auf den dunklen Boden. Sie flutete das helle Zimmer und wärmte meine kalten Hände, die ich in den schwarzen seidigen Stoffes meines Überwurfs gekrallt hatte. Eigentlich liebte ich die heißen Strahlen der Sonne, kostete sie aus, wo es nur ging. Nur heute bemerkte ich sie kaum, obwohl sie sich vollständig um meine kalten Finger schlossen.
Du schaffst das! — das sagte ich mir immer wieder, schaute dabei verzweifelt in den Spiegel des Frisiertisches an dem ich saß.
Ich sah direkt in meine großen grauen Augen die mir ängstlich entgegen blickten und eher zu einem scheuen Reh, als zu einer bodenständigen achtundzwanzig jährigen Ärztin zu gehören schienen.
Meine braunen Locken, die mir normalerweise in weichen Wellen bis auf den Rücken fielen waren zu einer edlen, dennoch schlichten Frisur hoch gesteckt worden aus der sich schon die ersten widerspenstigen Härchen wieder lösten. Meine Mutter würde nun aufgeregt um mich herum Springen, wenn sie hier wäre.
Gott sei dank hatte ich sie in weiser Voraussicht schon nach unten zu den Gästen geschickt um dort alles im Blick zu haben.
Ich nahm einen tiefen, bebenden Atemzug. Meine Hände strichen über den weichen Stoff meines Kleides während meine Augen unruhig durch den so bekannten Raum schweiften.
Meine Mutter hatte ihn mir zur Verfügung gestellt um mich für den bevorstehenden Tag in Ruhe zu erden und vorzubereiten. Stundenlang waren irgendwelche - von ihr engagierten - Stylistinnen um mich herum gesprungen, um mich für den Tag vorzubereiten.
Die weißen Wände des Raums waren über und über mit Bildern unserer Familie bedeckt, und in jedem Rahmen schimmerte ein Stück Vergangenheit, das ich tief in mir bewahrte. Die langen dunklen Vorhänge standen im krassen Kontrast zum Rest des Raumes, aber mir gefiel es.
Der Raum war früher mein Kinderzimmer gewesen. Viele Erinnerungen verknüpfte ich mit ihm, und es ist mir damals schwer gefallen ihn herzugeben als ich aus meinem Zuhause ausgezogen bin. Meine Mutter hatte einiges verändert und letztendlich ein Gästezimmer daraus hergerichtet.
»Nichts bleibt nun mal für immer«, dachte ich wehmütig und versuchte mich an den Raum von damals zu erinnern. Er schenkte mir stets Ruhe und Geborgenheit. Nur leider heute nicht.
Bevor ich jedoch — bestimmt zum hundertsten Mal an diesem Tag — den Kopf verlieren konnte klopfte es energisch an der Tür und meine beste Freundin Harper Callahan streckte ihr blonde Mähne herein.
Sie war der Traum aller Männer. Groß und schlank, blond wie die Sonne und mit strahlend blauen Augen gesegnet. Sie ist eine quirlige humorvolle und trotzdem bodenständige Persönlichkeit und meine beste Freundin seit Unizeiten.
»Gute Güte Liv!«, rief Harper genervt und trabte auf mich zu, so schnell es ihre hohen Schuhe erlaubten — trotz ihrer Körpergröße verzichtete sie nämlich keineswegs auf ihre Mörderteile.
»Hab ich es mir doch gedacht dass du wieder Panik schiebst! Atme Liv, atme«, schimpfte sie und atmete dabei selbst tief ein und aus. Dabei fuchtelte sie wild mit ihren Armen, in denen sie zwei Champagnergläser hielt.
Danach reichte sie mir eines davon.
»Du hast gut reden«, sagte ich etwas zu schrill und laut, stürzte mir den kompletten Inhalt meines Glases auf einmal hinunter. Harper zog eine Augenbraue nach oben — eine Geste, die sie im laufe der Jahre perfektioniert hatte.
»Auf dich wartet dort unten ja auch nicht ein Homo-Sapiens-Haufen, der dir auf Schritt und Tritt die Pest an den Hals wünscht und hofft, dass du dir beim herunterlaufen der Treppe den Hals brichst!«.
Harper sah mich im ersten Moment sprachlos an, zu perplex um einfühlsame Worte zu finden, die mich beruhigen würden. Dann legte sie den Kopf in den Nacken und lachte lauthals los. Mehr nicht.
»Ja, danke auch«, schmollte ich angesäuert und überlegte kurz ob meine Mutter böse wäre, wenn ich Harper eins ihrer sauteuren Champagnerflöten überziehen würde. Wahrscheinlich ja.
»Tja Süße, dann hättest du dir mal nicht den heißesten Chirurgen der Stadt angeln sollen würde ich meinen«, zwinkerte sie gut gelaunt und trank ihr Champagnerglas ebenfalls leer.
»Als Mika und ich zusammen kamen…«
»Ja ja ja, da war er noch kein Chirurg, bla bla bla.« Harper winkte ab. »So«, entschied sie schließlich, stellte ihr Glas schwungvoll ab und rieb ihre Hände geschäftig aneinander.
»Bereit?«, fragte sie mich mit einem breiten Grinsen und strich sich dabei ihr rauchblaues Seidenkleid glatt.
Noch während ich irgendeine zustimmende Antwort grummeln konnte ging die Tür plötzlich ein weiteres mal auf und Jackson Callahan streckte seine braune Friese herein.
Seine moosgrünen Augen fixierten mich einen Moment, bevor ein spitzbübisches Grinsen sein Gesicht in Schieflage brachte.
»Na? Hat sie schon Panik geschoben?«, wandte er sich an seine Zwillingsschwester und schlenderte seelenruhig in den Raum. Dass diese beiden Zwillinge sein sollten, hatte ich bis heute nicht verdaut.
Harper war blond, blauäugig, liebenswert und empathisch. Jackson dagegen hatte braune Haare, grüne Augen, war eine Ausgeburt der Hölle und absolut nervtötend.
Haper sah ihn grinsend an. »Mindestens ein dutzend Mal schon, was dachtest du denn?«
»Hallo? Ich stehe hier«, rief ich empört und versuchte Jackson aus dem Raum zu scheuchen. »Außerdem, hast du schonmal was von anklopfen gehört?«
»He, he. Kein Grund direkt kratzbürstig zu werden, Livzilla«, rief er noch gut gelaunt bevor er sich mit einem Hechtsprung hinter das Bett rettete, da nun doch die Champagnerflöte dran glauben musste.
»Liv!«, rief Harper entsetzt während sie aufgeregt zu ihrem Zwillingsbruder eilte, der sich hinter dem Bett gerade köstlich amüsierte. Schade dass ich nicht ernsthaft auf ihn gezielt hatte.
»Friede, Livilein. Friede! Ich bin in Mikas Auftrag hier um zu sehen, ob du noch da bist wo du sein sollst, oder schon mit wehenden Fahnen getürmt bist«, lachte er im Aufstehen und brachte mit einer gekonnten Handbewegung seine Frisur wieder in Ordnung.
Oh, wie ich diesen aufgeblasenen Schnösel doch hasste. Aber leider war er auch der beste Freund des Mannes, der unten auf mich wartete und schon in wenigen Minuten mein Mann sein würde. Und ich glaube er würde nicht sonderlich erfreut darüber sein wenn ich seinen Trauzeugen vorher umbringen würde. Ich atmete tief durch. In ein paar Minuten würde ich nicht mehr Liv Carter sein. Und das konnte mir nicht einmal ein Jackson Callahan vermiesen.
Nein, denn dann wird mein Name Liv Hunter lauten. Das einzige, worauf ich mich an diesem Tag wirklich freute.
Mika zuliebe feierten wir diese Hochzeit… und auch meiner Mutter zuliebe, die mich wahrscheinlich sonst enterbt und unter die Erde gebracht hätte. Und wegen Harper.
Ich für meinen Teil wäre schon mit einem Besuch beim Standesamt zufrieden gewesen.
Aber da ich Mika über alle Maßen liebte, habe ich mich meinem Schicksal ergeben und alles klaglos über mich ergehen lassen. Harper und Mika hatten mit einer dermaßen großen Freude diese Hochzeit geplant, dass ich mich fast darauf freute.
Nach diesem Tag starteten wir in unser neues Leben. Unser Haus am See abseits der Stadt wird in ein paar Wochen fertig sein. Morgen um diese Zeit werden wir beide im Flieger sitzen und uns um nichts mehr kümmern müssen.
Wir starteten in keine normalen Flitterwochen. Mika erfüllte mir einen Lebenstraum, bevor wir beide als Ärzte ins Saint-Laurent Medical Center in Sherbrooke zurückkehren würden und ich meine Facharztausbildung zur Kinderchirurgin beenden würde — samt Fellowship in Boston. Das Jahr Boston würde zwar hart werden, allerdings sind Mika und ich uns sicher, dass wir das bewältigen werden.
In unseren ausgedehnten Flitterwochen allerdings würden wir ein halbes Jahr für Ärzte ohne Grenzen in verschiedenen Krisengebieten im Kongo unterwegs sein und uns für alle die einsetzten, die es dringend brauchten.
Meine Mutter war ziemlich entsetzt als sie davon hörte und redete heute noch nicht wirklich mit mir.
»Hallo, Liv? Bist du noch da?«, Harper fuchtelte mit ihrer Hand wild vor meinem Gesicht herum. Anscheinend hatte sie mich nicht zum ersten Mal angesprochen.
Ups.
»Ja, ja ich bin soweit. Wir können«, versicherte ich, als ich aus meinem schwarzen Überwurf heraus schlüpfte und das weiße Kleid darunter zum Vorschein kam.
Jackson klappte für eine Sekunde die Kinnlade herunter, was er allerdings in der nächsten auch schon wieder im Griff hatte, sich umdrehte und wortlos aus dem Raum marschierte.
Vielleicht hatte ich es mir aber auch nur eingebildet. Ich drehte mich um, um mich noch einen Moment im Spiegel zu betrachten.
Mein weißes Kleid war genauso, wie ich mir eigentlich meine Hochzeit gewünscht hätte. Dezent und unauffällig.
Es erinnerte an einen Jane Austen Roman, könnte auch aus einer anderen Zeit stammen. Es war schlicht, aus zartem Musselin, der bei jeder Bewegung wie Nebel über den Boden glitt. Die hohe Taille lag knapp unter der Brust, die kurzen Ärmel umspielten meine Schultern mit stiller Anmut. In meinem Haar war kein Schleier. Das einzige Zugeständnis das ich von Harper bekommen hatte. Stattdessen hatte sie einen Kranz aus Myrte rein geflochten — schlicht, aber voller Bedeutung. Es war kein Kleid, das Aufmerksamkeit forderte. Und doch fühlte ich mich, als hätte ich nie schöner ausgesehen.
»Hier, das möchte ich dir geben bevor der Trubel losgeht und du nachher zu betrunken bist um es zu würdigen«, schniefte Harper und hielt mir ein quadratisches flaches Päckchen hin. Ich nahm es entgegen, sah ihr kurz fragend in die Augen, bevor ich das Papier öffnete und ein Buch zutage beförderte.
›Die unglaublichen Abenteuer von Liv Hunter‹ stand in goldenen Lettern auf dem schwarzen schlichten Ledereinband.
Meine Finger fuhren ehrfürchtig über die Buchstaben, malten die Worte meines zukünftigen Namens nach. Das Leder fühlte sich warm und weich an und hatte diesen typischen unverwechselbaren Geruch.
»Da wir uns ja jetzt ziemlich lange nicht sehen werden, und der Telefonempfang wahrscheinlich dürftig sein wird, dort wo ihr hingeht, kannst du mir all deine Abenteuer aufschreiben und mich später dran teilhaben lassen«, sagte sie aufgeregt — hüpfte doch tatsächlich auf und ab bei dem Gedanken.
»Danke«, hauchte ich und schaute meine Freundin mit Tränen in den Augen an. Es war einfach das perfekte Geschenk.
»Nein! Stopp! Sonst siehst du nachher aus wie ein Waschbär auf Crack!«, ermahnte Harper mich hektisch, woraufhin ich mich schnell zusammen riss und meine Rührung hinunter schluckte.
»So ist brav.« Harper tätschelte meine Schulter. »Jetzt ab mit uns, sonst meint Mika doch noch du wärst getürmt«, frotzelte Harper bevor sie mich geschäftig durch den Raum schob, Richtung Tür.
Im Vorbeigehen schnappte ich mir noch schnell meinen Brautstrauß, der geduldig auf dem hellen Schränkchen neben der Tür gewartet hatte.
Ich atmete tief durch und sah Harper strahlend an. Nun war ich bereit.
Bereit für den Rest meines Lebens.
Gemeinsam mit Mika.








