Customize readability
Aa

Bevor die Lichter ausgingen

All Rights Reserved ©

Summary

Bevor die Lichter ausgingen Ein Roman von Artur Zander Frankreich, Ende der fünfziger Jahre. In den grauen Straßen von Lille treffen zwei Kinder aufeinander, die von ihren Mitschülern gemieden und von der Welt übersehen werden. Julien Moreau und Claire Laurent sind beide von einer seltenen Hautkrankheit betroffen, die sie schon in jungen Jahren zu Außenseitern macht. Während andere Freundschaften knüpfen, erfahren sie, was Einsamkeit bedeutet. Zwischen den beiden entsteht jedoch eine Verbindung, die stärker ist als Vorurteile, Ablehnung und die Härte des Lebens. Jahre vergehen. Aus Kindern werden Erwachsene. Gemeinsam kämpfen sie sich durch einen Alltag, der von Arbeit, Geldsorgen und den Blicken fremder Menschen geprägt ist. Während die Welt um sie herum weiterzieht, halten Julien und Claire an ihren Träumen fest und versuchen, ihren Platz in einer Gesellschaft zu finden, die sie nie wirklich akzeptiert hat. Als sich eine lang ersehnte Möglichkeit eröffnet, machen sie sich auf den Weg in die Stadt, von der Claire seit ihrer Kindheit träumt. Doch manche Reisen verändern mehr als nur den Ort, an dem man sich befindet.

Status
Ongoing
Chapters
2
Rating
n/a
Age Rating
16+

Prolog

1. Mai 1977, Paris

Der Zug kam kurz nach Sonnenuntergang in Paris an, als die Stadt bereits in das besondere, gedämpfte Abendlicht eingetaucht war, das den Himmel über den Dächern grau, violett und schließlich dunkelblau erscheinen ließ. Als die Wagen unter dem riesigen Glasdach des Bahnhofes langsam ausrollten und das kreischende Geräusch der Bremsen durch die stickige, von Atem, feuchter Kleidung und kaltem Metall belastete Luft im Abteil schnitt, saß ich reglos auf meinem Platz und hatte während der gesamten Fahrt kaum ein Auge zugetan. Es waren nicht die unbequeme Sitzgelegenheit, das eintönige Geräusch der Schienen oder das Gemurmel der anderen Passagiere, die mich wachhielten, sondern die Furcht, dass Claire diese Reise nicht überstehen würde. Monate lang hatte sich ihr Zustand verschlechtert, und selbst kurze Strecken in Lille forderten mittlerweile so sehr ihre Kräfte, dass sie danach oft stundenlang im Bett lag, ohne sich zu bewegen, als würde jeder noch so kleine Schritt durch die Straßen ihren Körper und ihre Haut bestrafen. Während der gesamten Fahrt hatte sie sich jedoch nicht einmal beschwert, selbst nicht, als der Zug in der Nacht unruhige Bewegungen machte und ihr Kopf immer wieder schwer gegen meine Schulter fiel.

Als der Zug schließlich zum vollständigen Halt gekommen war, hob Claire langsam ihren Kopf und sah mit einem verschlafenen, fast ungläubigen Ausdruck aus dem Fenster. Die gelben Lichter der Bahnsteige spiegelten sich in ihren müden Augen zwischen den gläsernen Bögen des Bahnhofs, und für einen Moment schien sie jemand zu sein, der erst noch entscheiden musste, ob er der Wirklichkeit trauen durfte. Passagiere eilten mit ihrem Reisegepäck an unserem Abteil vorbei, Türen knallten, Koffer rollten über den Boden, und irgendwo rief ein Mitarbeiter des Bahnhofes mit lauter Stimme eine Durchsage aus, die im Lärm der Halle fast unterging. Ich sah, wie Claire versuchte, die Umgebung mit einem Blick zu erfassen, als müsste sie sich zunächst bestätigen, dass wir tatsächlich in Paris angekommen waren. Über Jahre hinweg kam uns dieser Ort vor wie etwas, das nur für andere Menschen da war: für die, die Geld hatten, für Menschen mit gesunden Körpern und unbeschwerter Haut, für diejenigen, die einen Raum betreten konnten, ohne sofort die Blicke aller auf sich zu ziehen. Für jene, die nicht ihr ganzes Leben damit verbracht hatten, jeden Franc zweimal umdrehen zu müssen und täglich gegen die eigene Erschöpfung zu kämpfen.

„Sind wir tatsächlich schon angekommen?“, fragte sie mit leiser Stimme, die vom langen Sitzen und Schweigen rau klang.

In diesem Moment fehlten mir die Worte, also brachte ich nur ein Nicken zustande.

Vorsichtig zog Claire die Schultern ein, als müsse sie sich vor der Bedeutung dieses Augenblicks schützen. Dabei strich sie sich eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht. Die Verbände an den Fingern waren unter ihren Handschuhen deutlich sichtbar, und dort, wo der Stoff über die Handgelenke rutschte, schimmerte die Haut rot und eingerissen hindurch. Früher hatte sie Scham über ihre Hände empfunden und verbarg sie fast zwanghaft, in der unbewussten Hoffnung, dass andere ihr Leid nicht bemerkten. In den letzten Monaten war jedoch auch diese Kraft geringer geworden. Es war, als hätte die Krankheit nicht nur ihren Körper erschöpft, sondern auch ihr Bedürfnis, vor der Welt etwas zu verbergen.

Sie hatte jedoch nie damit aufgehört, von Paris zu träumen. Selbst an den Tagen, an denen es ihr schwerfiel, aufzustehen, redete sie von dieser Stadt, als würde dort etwas auf sie warten. In unserer kleinen Wohnung fanden sich alte Zeitschriften mit Bildern vom Eiffelturm, sorgfältig ausgeschnittene Fotografien und Skizzen, die sie im Laufe der Jahre erstellt hatte. Für andere Menschen mochte Paris nur eine Stadt sein. Für Claire war es immer ein Versprechen gewesen.

Beim Aussteigen aus dem Zug wurden wir von der kühlen, feuchten Abendluft in Paris empfangen, die vom noch immer fallenden Regen genässt war und sich in feinen Pfützen auf dem Bahnsteig sammelte. Unsere Schritte klangen dumpf auf dem nassen Boden, Lautsprecherdurchsagen vermischten sich mit Gesprächsfetzen, dem metallischen Klirren von Gepäckwagen und dem hastigen Vorübergehen von Menschen, die keinen Blick nach links oder rechts verschwenden. Die Luft war erfüllt von dem Duft von frischem Brot, Rauch und nasser Wolle, vermengt mit der schwer fassbaren Großstadtluft, die sowohl nach Bewegung als auch nach Müdigkeit roch. Claire verharrte für einen kurzen Moment und ließ ihren Blick über die hohe Halle schweifen, als fürchte sie, beim schnellen Bewegen aus einem Traum zu erwachen. Ihre Lippen öffneten sich leicht, als suche sie nach einem Laut, der diesem Anblick gerecht werden könnte, doch sie sprach nicht.

Die Menschen erkannten uns natürlich sofort. Claire wurde von einer Frau, die einen kleinen Jungen an der Hand hielt, für einen kurzen Augenblick angesehen. Dann zog sie ihr Kind wortlos näher an sich heran, als wolle sie es vor etwas Unangenehmem bewahren. Zwei junge Männer, die gerade noch ein Gespräch führten, schwiegen plötzlich, als wir an ihnen vorbeigingen. Einer von ihnen drehte seinen Kopf ein wenig zu hastig zur Seite, um nicht weiter hinzusehen. Ich kannte derartige Reaktionen bereits seit Jahren, und ich trug sie mittlerweile fast so gleichgültig wie andere den Regen auf ihrem Mantel. Im Gegensatz dazu nahm Claire jeden einzelnen Blick wahr, jede noch so kleine Veränderung in den Gesichtern, jedes Zurückweichen eines Körpers. Ihre Hand schloss sich fester um meine, nicht aus Angst vor dem Weg, der noch vor uns lag, sondern vor den Blicken derjenigen, die uns selbst an diesem Ort nicht in Ruhe lassen konnten. Trotzdem wandte sie ihren Blick wieder nach vorn, so entschlossen, als wolle sie sich den Abend, auf den sie so lange gehofft hatte, von niemandem nehmen lassen.

Vor dem Bahnhof lag Paris unter einem feinen, stetigen Regen, der das Pflaster und den Asphalt dunkel glänzen ließ und die Lichter der alten Straßenlaternen in warmen Goldstreifen auf den Boden projizierte. Die Scheinwerfer der Autos warfen helle Reflexe auf die nassen Straßen, während hinter den beschlagenen Fenstern kleiner Cafés Menschen dicht beieinandersassen, über dampfenden Tassen gebeugt, mit roten Wangen vom warmen Licht und dem Rauch, der aus den offenen Türen strömte. Kellner schwenkten Tabletts durch den Dunst der Restaurants, irgendwo erklang leise Musik, und aus einer Nebenstraße kam das Echo eines Akkordeons, das im Lärm der Stadt beinahe unterging. Alles wirkte in Bewegung, lebendig und schwerelos, als hätte Paris auch in der Nacht genug Kraft, um sich immer wieder neu zu erfinden. Und obwohl mir bewusst war, dass wir nur vorübergehend hier waren und am folgenden Tag in unser gewohntes Leben zurückkehren würden – in die engen Wohnungen, die kalten Morgen und die Geräusche der Fabriken in Lille –, fühlte sich diese Stadt in diesem Moment wie eine andere Welt an, als wäre sie von einem Licht durchflutet, das wir zuvor nie gesehen hatten.

Claire wurde langsamer, bis sie schließlich mitten auf dem Gehweg stehen blieb. Als ich ihrem Blick folgte, erblickte ich zwischen den Dächern der Stadt den Eiffelturm, hoch aufragend und hell erleuchtet, wie ein stilles, goldenes Gerüst gegen den sich verdunkelnden Himmel. Wir schwiegen beide lange. Der Verkehr rauschte neben uns vorbei, Stimmen verklangen in der Ferne, doch ich hörte fast nur das leise Atmen meiner Frau, die im Regen stand, in ihrem alten Mantel und dem roten Kleid darunter, das sie seit Jahren für diesen besonderen Tag aufbewahrt hatte. Sie wirkte erschöpft, viel dünner als noch vor einem Jahr und beinahe zerbrechlich in der Art, wie sie die Schultern hielt und den Kopf leicht nach oben neigte, als müsse sie Kraft sammeln, um nicht unter der eigenen Müdigkeit einzuknicken. Und doch war in ihrem Gesicht in diesem Moment etwas zu sehen, das ich lange nicht mehr gesehen hatte und das mir fast wehtat, weil ich es so sehr vermisst hatte: Freude, vorsichtige, zarte Freude, die mehr einem Wunder glich als einem Gefühl.

„Er ist wunderschön”, sagte sie schließlich. Ihre Stimme war so leise, dass ihre Worte fast im Regen untergingen.

Als sie den Turm ansah, schaute ich sie an und fragte mich, wann ich sie zuletzt so glücklich gesehen hatte. Vielleicht vor mehreren Jahren. Vielleicht sogar noch länger. Obwohl die Krankheit ihr vieles geraubt hatte, hatte sie diesen Traum nie aufgegeben.

Zuerst blickte ich nicht auf den Turm zurück, sondern auf die Menschen um uns herum, auf die erleuchteten Fenster, die kleinen Cafés, die Paare unter Regenschirmen und die hastigen, gleichgültigen Gesichter der Fremden, die an uns vorbeigingen, ohne uns zu kennen. Hier kannte uns niemand, wusste niemand, wie wir hießen, woher wir kamen oder wie viele Jahre wir nur überwunden hatten. In dieser Stadt waren wir nichts weiter als ein weiteres Paar im Pariser Regen, unauffällig zwischen all den anderen Schatten, die sich durch die nassen Straßen bewegten. Und zum ersten Mal seit sehr langer Zeit war genau das nicht schlimm.

Let Artur Zander know what you thought about this chapter!
Love this

0

Love this

Funny

0

Funny

Spicy

0

Spicy

Suspenseful

0

Suspenseful

Emotional

0

Emotional

Profound

0

Profound

Heartwarming

0

Heartwarming

Shocking

0

Shocking

Good Writing

0

Good Writing

Compelling Plot

0

Compelling Plot

Great Character

0

Great Character

Strong Dialog

0

Strong Dialog

Further Recommendations

Charly's Weihnachten

T.M: Ich kann es gar nicht anders sagen also ich liebe diese Geschichte einfach. Sie hat für mich einfach alles was es braucht. Sie hat mich einfach mitgenommen auf eine echt schöne Reise. Danke❤️

Read Now
The Missing Heir | Billionaire Romance

user-OTNeRptjHm: Superbe intrigue captivante et géniale. Le récit est magnifique et l'écriture toujours un vrai délice. Je recommande vivement cette histoire.

Read Now
And Then, Love Found Me

Skylerblue95: I am so excited to finish reading the story to know how each chapter unfold and how the characters were portrayed. It was heartwarming and entertaining.

Read Now
 Mehrfach zurückgewiesene Gefährtin

Nicole Schär: Eine tolle Geschichte, bin schon gespannt wie sie ausgeht.

Read Now
Stripped Shadows

bm: Sehr gutes Schreiben. War total in der Geschichte und habe mitgefiebert, wie es weiter geht. Konnte das Buch kaum zur Seite legen Sehr spannend geschrieben. Freue mich auf Band 2 Hätte gern das Ruby mit Beiden lebt.Und es fehlen noch sehr viel Antworten

Read Now
The Offside Arrangement

Sarah_Davey_Lane: The Offside Arrangement was an easy five-star read for me!From the very beginning, I was hooked. The mix-up that kicks off the story had me laughing straight away, and from there I couldn't put it down. Lacey and Kaid were such fun characters to follow, and what really made this book stand out was h...

Read Now
Swipe Right for Puckboy

user-vZBJXZN5A0: Es war eine wahnsinnig schöne Geschichte. Ich habe oft gelacht und musste evtl. auch mal hier und da ein Tränchen verdrücken (sag es nicht weiter!) Es war fast traurig, als ich das letzte Kapitel gelesen hab. Aber es war genau richtig. Wenn ich etwas hätte anders haben wollen, dann vielleicht, dass ...

Read Now
In Sneakers ins neue Leben

Tanja : Eine wirklich wunderschöne Geschichte. Sehr schön geschrieben mit Gefühl. Man konnte sich sehr gut in die Charaktere hinein versetzen. Lia hat mir sehr gut gefallen,wie sie sich verändert hat im lauf der Geschichte,selbstbewusster geworden ist und sich gegen Joachim und seine Familie durch gesetzt h...

Read Now
Fashion victime du PDG

Fèmi: C'est trop bien

Read Now