Kapitel 1
Kapitel 1
„Snow! Beeil dich, sonst kommst du noch zu spät!“
„Ich bin schon unterwegs!“, rief ich zurück, schnappte mir meinen Rucksack und lief die Treppe hinunter.
Mein Vater stand bereits in der Küche und trank seinen Kaffee. Wie jeden Morgen sah er aus, als wäre er höchstens dreißig Jahre alt. Der Vorteil, wenn man ein Vampir war. Mit seinen blonden Haaren und blauen Augen, sieht er immer aus wie ein Surfer. Ich habe seinen blauen Augen geerbt, aber dafür die schwarzen Haare meiner Mutter.
„Frühstück?“, fragte er.
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich hole mir später etwas.“
Er musterte mich einen Moment.
„Du hast schlecht geschlafen.“
„Nur ein Albtraum.“
Sein Blick wurde sofort weicher. Seit dem Tod meiner Mutter genügte dieses eine Wort, damit er sich Sorgen machte.
„Alles okay?“
Ich nickte.
„Ja. Wirklich.“
Er schien mir nicht ganz zu glauben, sagte aber nichts mehr.
„Pass auf dich auf.“
„Mach ich.“
Ich verabschiedete mich mit einer kurzen Umarmung und verließ das Haus.
Der Weg zur Schule dauerte keine zehn Minuten. Wir lebten inzwischen seit fast zehn Jahren hier – ungewöhnlich lange für einen Vampir. Mein Vater hatte beschlossen, dieses Mal nicht wieder umzuziehen.
Zum Glück sah ich mit siebzehn aus wie jedes andere Mädchen. Erst mit zwanzig würde mein Körper aufhören zu altern.
Für immer. Ein Gedanke, an den ich mich wohl nie gewöhnen würde. Als ich das Schulgelände betrat, herrschte bereits das übliche Chaos. Schüler unterhielten sich lautstark, einige spielten Fußball auf dem Hof und andere saßen mit ihren Freunden auf den Bänken. Eigentlich ein ganz normaler Montagmorgen.
„Snow!“
Ich musste mich nicht einmal umdrehen.
„Morgen, Paul.“
„Du hast mich erkannt, ohne hinzusehen?“
Ich grinste.
„Du trampelst wie ein Elefant.“
„Frechheit.“
Er blieb neben mir stehen und grinste ebenfalls.
Paul kannte ich, seit wir fünf Jahre alt waren.
Damals hatte ich ihn auf dem Spielplatz kennengelernt. Wir waren beide Einzelgänger gewesen und hatten uns sofort verstanden.
Mit der Zeit hatten wir unsere Geheimnisse voreinander offenbart.
Er war ein Werwolf.
Ich eine Halbvampirin.
An unserer Freundschaft hatte das nichts geändert.
„Bereit für zwei Stunden Mathe?“, fragte er.
„Ja, das ist das einzigste Fach das ich mag.“
„Ich auch nicht.“
Gemeinsam gingen wir ins Schulgebäude.
„Übrigens“, sagte Paul grinsend, „Finn behauptet immer noch, er würde dich beim Wettrennen schlagen.“
Ich musste lachen.
„Der schafft es ja kaum, mit mir Schritt zu halten.“
„Hab ich ihm auch gesagt.“
„Und?“
„Jetzt will er es erst recht versuchen.“
„Selbst schuld.“
Paul schüttelte den Kopf.
„Manchmal frage ich mich wirklich, ob die Menschen merken, dass du nicht ganz normal bist.“
„Sie denken einfach, ich trainiere viel.“
„Oder dass du heimlich Superheldin bist.“
„Das wäre wenigstens spannender.“
Wir lachten. Es fühlte sich an wie jeder andere Schultag. Bis wir den Flur vor dem Mathematikraum erreichten. Plötzlich blieb ich stehen. Ein stechender Schmerz breitete sich in meiner Brust aus. Ich presste eine Hand dagegen.
„Snow?“
Paul klang plötzlich genauso verwirrt, wie ich mich fühlte. Als ich aufsah, bemerkte ich, dass auch er stehen geblieben war. Er starrte mich an. Seine Augen wurden immer größer.
„Nein...“
Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Das kann nicht sein.“
„Was?“
Er antwortete nicht. Stattdessen atmete er einmal tief durch. Dann noch einmal.
„Paul?“
Er fuhr sich hektisch durch die Haare.
„Sag mir, dass du das nicht auch spürst.“
Ich schluckte.
„Doch.“
Das Ziehen wurde stärker. Es war, als würde etwas Unsichtbares zwischen uns entstehen. Eine Verbindung. Warm. Unaufhaltsam. Ich sah Paul an. Er war kreidebleich geworden.
„Verdammt.“
„Paul?“
„Nein.“
Er schüttelte den Kopf.
„Nein, nein, nein.“
„Kannst du mir vielleicht erklären, was los ist?“
Er lachte trocken.
„Wenn ich das nur könnte.“
„Du machst mir langsam Angst.“
Er schloss kurz die Augen.
„Snow...“
Er zögerte.
„Du bist meine Seelenverwandte.“
Die Worte trafen mich wie ein Schlag.
„Was?“
„Genau das denke ich auch.“
Er sah aus, als hätte gerade jemand seine gesamte Welt auf den Kopf gestellt.
„Das ergibt keinen Sinn.“
„Warum nicht?“
Er öffnete den Mund.
Schloss ihn wieder.
„Nicht jetzt.“
„Paul.“
„Bitte.“
Sein Blick war ungewöhnlich ernst.
„Wir reden später.“
Noch bevor ich widersprechen konnte, klingelte es.
„Na toll“, murmelte Paul.
Gemeinsam gingen wir in den Klassenraum. Während der gesamten Mathestunde konnte ich mich kaum konzentrieren. Immer wieder schweiften meine Gedanken zu dem, was gerade passiert war.
Seelenverwandte.
Ich wusste, was das für Werwölfe bedeutete. Eine Verbindung fürs Leben. Etwas, das sich niemand aussuchen konnte. Doch warum ausgerechnet wir? Neben mir saß Paul ungewöhnlich still. Sonst kommentierte er jede zweite Aufgabe oder schrieb mir irgendwelche albernen Nachrichten auf kleine Zettel.
Heute starrte er einfach nur auf sein Heft. Selbst unser Lehrer bemerkte seine ungewöhnliche Ruhe.
„Herr Wagner, fühlen Sie sich heute krank?“
Paul hob den Kopf.
„Was?“
„Sie haben seit zwanzig Minuten keinen einzigen Kommentar abgegeben.“
Die Klasse lachte.
„Ich... bin nur müde.“
„Das glaube ich Ihnen ausnahmsweise.“
Der Unterricht ging weiter. Ich schrieb automatisch mit. Als Halbvampirin fiel mir Lernen nie schwer. Mein Gedächtnis vergaß praktisch nichts. Leider galt das nicht nur für Formeln und Vokabeln. Sondern auch für schlechte Erinnerungen. Nach der zweiten Stunde klingelte es endlich zur großen Pause.
„Snow.“
Ich drehte mich um. Paul stand hinter mir. Sein sonst so lockeres Lächeln war verschwunden.
„Kommst du mit?“
Ich nickte. Gemeinsam gingen wir hinaus auf den Schulhof. Unter unserem alten Baum blieben wir stehen. Dort hatten wir schon unzählige Pausen verbracht. Heute fühlte sich alles anders an. Paul verschränkte die Arme und starrte auf den Boden.
„Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll.“
„Dann fang einfach irgendwo an.“
Er atmete tief durch.
„Du weißt, dass Werwölfe nur einen Seelenverwandten haben.“
„Ja.“
„Und heute Morgen... hat unsere Verbindung begonnen.“
Ich nickte langsam.
„Das habe ich inzwischen verstanden.“
„Aber ich verstehe nicht warum.“
„Ich auch nicht.“
Er sah mich an.
„Snow... du kennst mich besser als fast jeder andere.“
„Das hoffe ich.“
„Dann weißt du auch, warum das ein Problem ist.“
Ich nickte.
Natürlich wusste ich es.
Vor zwei Jahren hatte Paul mir unter Tränen erzählt, dass er auf Männer stand. Seitdem war ich die Einzige, die davon wusste. Nicht einmal seine Mutter hatte er eingeweiht. Sein Vater war Alpha. Und leider ebenso homophob, wie man es sich nur vorstellen konnte. Ich kenne ihn nur aus erzählungen, gesehen habe ich ihn noch nie.
„Wenn mein Vater davon erfährt, bin ich erledigt“, sagte Paul leise.
„Ich weiß.“
„Er erwartet, dass ich irgendwann eine Gefährtin finde. Kinder bekomme. Das Rudel übernehme.“
Er lachte bitter.
„Und jetzt verbindet mich ausgerechnet das Schicksal mit meiner besten Freundin.“
Ich musste unwillkürlich schmunzeln.
„Du findest das lustig?“
„Nein.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nur irgendwie typisch.“
„Typisch?“
„Das Schicksal hat offenbar einen ziemlich seltsamen Sinn für Humor.“
Zum ersten Mal an diesem Morgen musste auch Paul leicht lächeln.
„Da hast du wahrscheinlich recht.“
Ich ließ mich gegen den Baum sinken.
„Weiß irgendjemand im Rudel Bescheid?“
„Nein.“
Er antwortete sofort.
„Niemand.“
„Und dabei bleibt es.“
Er sah mich überrascht an.
„Snow...“
„Ich habe dein Geheimnis zwei Jahre lang für mich behalten.“
Ich lächelte leicht.
„Warum sollte ich jetzt damit aufhören?“
Seine Schultern entspannten sich ein wenig.
„Danke.“
„Wofür sind beste Freunde schließlich da?“
Doch tief in meinem Inneren wusste ich bereits, dass nach heute nichts mehr so sein würde wie vorher.








