Der Anfang
Ich habe festgestellt das es so Abende gibt, die leise und unspektakulär verlaufen. Man erledigt seinen täglich anfallenden Kram, hört zu, funktioniert – und am Ende ist da nichts, woran man sich festhalten könnte. Kein Gedanke, der nachklingt. Kein Moment, der sich von anderen abhebt.
Ich stehe in der Küche und weiß nicht genau, warum ich noch hier bin. Alles, was getan werden musste, ist längst erledigt, und trotzdem gehe ich nicht zurück ins Wohnzimmer. Meine Hände liegen auf der Arbeitsfläche, ohne dass sie eine Beschäftigung haben und ich spüre erst nach ein paar Sekunden, wie kühl sie sich anfühlt. Ich habe keinen Grund mehr, hier zu stehen.
Aus dem anderen Raum dringt seine Stimme, gedämpft, beiläufig, eingebettet in die Geräusche der Serie, die wir zusammen angefangen haben. Ich könnte jetzt hingehen, mich neben ihn setzen, vielleicht ein paar Worte wechseln. Um der Vertrautheit halber. So einfach wäre das.
„Kommst du noch?“, reißt es mich aus meinen Gedanken.
„Gleich“, sage ich. Ich höre selbst, wie selbstverständlich das klingt. Trotzdem bleibe ich stehen. Dann gehe ich ins Badezimmer, schließe die Tür hinter mir und lehne mich mit dem Rücken dagegen. Es dauert einen Augenblick, bis mein Blick den Spiegel findet und ich mich selbst sehe. Es ist nichts falsch. Und genau das irritiert mich. Langsam löse ich den Zopf, lasse die Haare über meine Schultern fallen und beobachte die Bewegung im Spiegel. Meine Finger bleiben einen Moment darin hängen, fahren weiter, ohne bestimmtes Ziel. Die Spitzen meiner Haare reichen mir mittlerweile bis zu meiner Brust. Ehe ich mich versehe, streifen meine Finger nun nicht mehr durch meine Haare, sondern tasten sich zaghaft unter meine Bluse, entlang der Seidenspitze meines BHs. Früher habe ich das nicht gemacht. Nicht bewusst zumindest. Mein Körper war einfach da. Teil von allem, was ich erledige, trage, halte, organisiere. Funktional und verlässlich. Ich halte inne, als hätte ich mich gerade selbst bei etwas ertappt.
Ein leises Klopfen an der Tür. Ich ziehe die Hand sofort zurück, als hätte jemand gesehen, was ich selbst kaum benennen kann.
„Alles gut?“
„Ja“, sage ich, schneller als nötig. Ich drehe den Wasserhahn auf, nur um ein Geräusch zu haben, das den Moment überdeckt. Als ich zurück ins Wohnzimmer gehe, fügt sich alles wieder nahtlos zusammen. Ich setze mich neben ihn, nehme die Szene auf, die ich verpasst habe, lache an den richtigen Stellen, antworte, wenn er etwas sagt. Ich bin da. So, wie immer. Während ich also so neben ihm sitze, merke ich, dass ich gleichzeitig doch nicht so ganz hier bin. Mein Blick fällt auf mein Handy. Es liegt einfach da, reglos und unauffällig. Trotzdem zieht es meine Aufmerksamkeit an. Ohne groß darüber nachzudenken, nehme ich es in die Hand und entsperre den Bildschirm. Die App ist schnell geöffnet. Ich scrolle durch die Profile und bleibe immer wieder bei den Nachrichten in meinem Posteingang hängen. Nach wie vor irritiert es mich, dass ich so viele Nachrichten von deutlich älteren Männern bekomme. Ich meine, was denken die sich denn? Das mir dreißig Jahre Altersunterschied egal wären?! Während ich durch die Profilvorschläge scrolle, bleibt mein Blick an einem Foto hängen, das wohl jede Frau in seinen Bann gezogen hätte, denn mal ehrlich, wer könnte einem braungebrannten Sixpack schon widerstehen? Noch dazu sind die anderen Kandidaten eher mehr Waschbärbauch als Waschbrettbauch. Ich lege das Handy kurz weg. Keine drei Minuten. Dann nehme ich es wieder. Wann bin ich nur zu diesem unruhigen Geist geworden? Mein Blick huscht zu meinem Mann, der von meiner inneren Zerrissenheit, ob ich das Profil öffnen soll oder nicht, nichts mitzubekommen. Mein Blick überfliegt die Angaben zu Partnerschaft, Flirt oder Affäre und bleibt bei seinem Alter hängen. Okay. Hmm…na gut, er ist wesentlich älter, aber immerhin noch keine dreißig Jahre älter. Und was sein Foto so hergibt, hat er sich allem Anschein nach ordentlich in Form gehalten. Ich gestehe, ich bin neugierig. Ich wische also weiter nach unten und beginne, seinen Text zu lesen. Er ist eindeutig ein Mann, der weiß, was er will und wonach er sucht. Sehr aufmerksam versuche ich alle Infos in meinem Köpfchen abzuspeichern und bleibe an diesem einen Wort hängen. Devot. Kurz habe ich innerlich gelacht, als ich es gelesen habe, ohne wirklich zu wissen warum. Es war ein überraschtes Lachen darüber, dass jemand das so offen in sein Profil schreibt, ohne es zu relativieren. Mit einem Mal entweicht mir ein ganzer Schwall Luft aus meinen Lungen. Ich habe gar nicht bemerkt, dass ich den Atem angehalten habe. Ich könnte die App schließen. Mich wieder dem Film widmen und eine halbherzige Konversation betreiben. Stattdessen scrolle ich weiter und bleibe länger, als ich es geplant habe.








