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Der Name

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Summary

In dieser Kurzgeschichte reißt der Name eines Patienten Elina unerwartet aus ihrem Alltag in der Krankenhausapotheke.

Genre
Drama
Author
Katelli
Status
Complete
Chapters
1
Rating
5.0 1 review
Age Rating
13+

Kapitel 1

Mein Blick glitt über das Dokument, welches vor mir auf dem Bildschirm aufleuchtete. Wieder und wieder las ich den Medikamentenplan und die Diagnosen, ohne mir etwas merken zu können und anschließend den Namen, der darüberstand. Ein seltener Nachname. 

Ich kannte ihn.

In Kombination mit dem Vornamen.

War es wirklich?

Hatte ich mich nicht doch verlesen? Nein hatte ich nicht.

Das konnte einfach nicht sein. Es musste ein Zufall sein. Sicher war er nicht der Einzige, der so hieß.

Aber was, wenn es doch er war?

Konnte ich dann mit gutem Gewissen die Medikamente zusammenstellen, die er brauchte? Was wenn ich ausgerechnet hier einen Fehler machte?

Fehler durften in meinem Beruf nicht passieren. Auch wenn ich keine Ärztin war, hingen die Leben oder zumindest die Gesundheit vieler Krankenhauspatienten von den Entscheidungen ab, die ich traf. Immerhin beriet ich die Ärzte bei der Wahl der Medikamente und schrieb Behandlungsempfehlungen indem ich auf ungünstige oder gar lebensgefährliche Wechselwirkungen zwischen den Medikamenten hinwies oder Nebenwirkungen einkalkulierte.

Doch jetzt starrte ich nur auf den Behandlungsplan, den ich optimieren sollte. Oder eher starrte ich auf den Namen, welcher angegeben war um eventuelle Verwechslungen mit anderen Patientendaten von vorneherein auszuschließen.

Alles in mir drehte sich nur um ihn. Um den Namen.

Ich wusste, dass ich so nicht weiterarbeiten konnte. Eigentlich sollte ich den Fall aus persönlichen Gründen abgeben. Eigentlich sollte ich vergessen, was ich gelesen hatte und weiterarbeiten.

Aber ich konnte es nicht. Wenn es wirklich er war, dann sollte ich mich erst recht hineinknien um ihm zu helfen. Ich konnte und wollte die Verantwortung nicht abgeben. Ich würde es nicht ertragen, wenn jemand anderes eine schlechte Entscheidung für ihn treffen würde.

Wenn er es überhaupt war.

Ich stand auf. Ich konnte nicht mehr hier sitzen und mich in Gedanken fertig machen. Nein. Ich musste es wissen. Ich musste wissen, ob es wirklich er war oder jemand anderes mit demselben Namen.

Während ich mein Büro verließ hörte ich die fragende Stimme meines Kollegen. Was er von mir wollte, wusste ich nicht. Ich nahm mir nicht die Zeit zu fragen, was er gerade zu mir gesagt hatte. Ich konnte mir denken, dass er verwundert darüber war, dass ich meinen Arbeitsplatz außerhalb meiner üblichen Pausenzeit verließ. Schließlich waren wir erst vor wenigen Minuten aus der Kantine gekommen.

Unbeirrt lief ich weiter. Meine Schritte waren schnell. Ungewöhnlich schnell. Selbst für mich, die sonst immer diejenige war, die vorne in einer Gruppe ging.

Mein Herz schlug nervös, denn ich wusste, dass das was ich vorhatte nicht so ganz in Ordnung war. Denn normalerweise beinhaltete mein Job keinen oder nur sehr begrenzten Patientenkontakt. Und eigentlich durfte ich nicht einfach bei einem fremden Menschen ins Zimmer gehen.

Meine Schritte führten mich zu der Station des Krankenhauses von der ich vermutete, dass er dort sein würde. Immerhin kannte ich seine Diagnosen. Am Counter angekommen brauchte ich einen Moment um mich zu sammeln.

Sollte ich das wirklich tun? Sollte ich fragen? Ich überschritt damit eine unsichtbare rote Linie, das wusste ich. War es nicht gefährlich die Regeln zu brechen, die man sich selber gesetzt hatte? War es nicht ein Problem, wenn die Grenze zwischen Patient und Persönlichem verschwamm? Was würde – nein – was musste ich tun, wenn sich mein Verdacht bestätigte? Konnte ich es aushalten für jemanden wie ihn verantwortlich zu sein?

Schließlich gab ich mir einen Ruck, trat an den Counter, wo ein Krankenpfleger gerade Papiere in einer Ablage verstaute. Als er aufsah lächelte er mich freundlich an.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er.

Ich schluckte schwer, dann nickte ich, atmete einmal tief durch und fragte nach ihm. Nach dem Namen, der wie ein Blitz in mich eingeschlagen war und sich so fest in mein Gehirn eingebrannt hatte, dass ich ihn nur loswerden konnte, wenn ich die Wahrheit wusste. Wenn ich wusste wer er war. Er? Oder jemand anderes?


Je näher ich dem Zimmer kam in dem er – oder sein Namenszwilling – liegen sollte, desto langsamer wurden meine Schritte. Jede Bewegung fühlte sich schwer an.

War ich verrückt geworden? Was tat ich hier eigentlich? Und was würde ich tun, wenn es wirklich er war? Und was, wenn nicht? ‚Entschuldigung, da muss ich wohl das falsche Zimmer erwischt haben‘? Das konnte ich doch echt nicht bringen, oder?

Schließlich kam ich an der richtigen Tür an. Mein Körper fühlte sich inzwischen bleischwer an. So schwer, dass ich mich für einen Moment gegen eine Wand lehnen musste. Der kalte Stein an meinem Rücken fühlte sich gut an. Ich schloss die Augen. Die Kälte, die sich langsam durch meinen Körper tastete half mir mich zu sammeln.

Ich wusste, dass ich wissen musste, wer hinter dieser Tür lag. Und um das herauszufinden musste ich über meinen Schatten springen und meine Grenzen, die mich vor den Auswirkungen des Kontakts mit schlimmen Schicksalen schützen sollten, übertreten.

Ich atmete noch einmal durch. Ein. Aus. Wieder ein. Dann aus.

Mit einer schnellen Bewegung der Arme stieß ich mich von der Wand ab und öffnete die Augen.

Ich war bereit. Zumindest soweit man dafür bereit sein kann einen alten Schulfreund wiederzusehen.


Ich trat an die Tür und klopfte.

Erst zaghaft. Dann vorsichtig etwas lauter. Schließlich ein drittes Mal.

Von der anderen Seite der Tür erklang ein Geräusch, dass ich als ein ‚herein‘ deutete, daher drückte ich die Klinke herunter und öffnete die Tür.

Das Erste was ich wahrnahm war, dass der typische Geruch nach Desinfektionsmittel in diesem Raum noch intensiver war, als in anderen Bereichen des Krankenhauses. Ich sah mich um.

Beide Betten in diesem Raum waren belegt. Der fremde Mann im vorderen Bett schien in ein Buch vertieft zu sein und gar nicht wahrzunehmen, dass ich den Raum betreten hatte.

Anders war es aber mit den beiden Personen, die am oder eher neben dem anderen Bett saßen. Sie hatten sich zu mir umgedreht.

Ich erstarrte, als ich in ihnen die Eltern jenes Freundes erkannte, den ich hier vermutete.

Nein!!! Das konnte – nein durfte – nicht sein!!! Bis vor zwei Sekunden hatte ich gehofft, dass es einfach nur ein blöder Zufall gewesen war. Doch diese Hoffnung war nun zerplatzt.

Was sollte ich denn jetzt machen? Umdrehen? Dafür war es jetzt definitiv zu spät, denn er hatte mich erkannt.

„Elina“, rief er überrascht, während er sich in seinem Bett aufrichtete. „Was machst du denn hier?“

Ich spürte neben seinem fragenden Blick auch die kritischen Blicke seiner Eltern und fühlte mich augenblicklich unwohl. Ich kannte seine Eltern nicht gut, aber ich wusste, dass Miko sie oft verflucht hatte, weil sie extrem streng und Helikoptermäßig unterwegs waren.

„Kann ich mit dir sprechen?“, fragte ich nun. „Allein“, fügte ich mit einem kurzen Seitenblick auf seine Eltern hinzu.

Ich sah, wie Mikos Eltern fragend in die Richtung ihres Sohns blickten und sich dann missmutig erhoben, als dieser nickte.

Keine zwei Minuten später waren wir alleine. Von Mikos Zimmernachbarn mal abgesehen. Etwas unbeholfen zog ich den Stuhl, aus dem Mikos Vater gesessen hatte, näher an Mikos Kopfende heran und setzte mich neben ihn.

„Also? Was machst du hier?“, wiederholte Miko seine Frage.

„Ich arbeite hier“, antwortete ich.

„Hier?“, hakte er nach.

„Ja. In der Krankenhausapotheke.“

„Also doch nicht hier?“

„Ja. Nein. Vielleicht. Du hast recht damit, dass ich nicht hier auf Station arbeite. Ich bin ja keine Ärztin oder sowas. Ich bin im Hintergrund für die Medikamentenversorgung zuständig. Das heißt ich kümmere mich um Medikamentenpläne und sorge dafür, dass das Pflegepersonal alle notwendigen Medikamente in ausreichender Anzahl verteilen kann.“

„Aber was machst du dann hier? Und woher wusstest du überhaupt, dass ich hier bin?“

„Dein Medikamentenplan ist zur Überprüfung auf meinem Schreibtisch oder eher in der E-Akte gelandet. Als ich den Namen gelesen habe musste ich sofort an dich denken und habe mir Sorgen gemacht. Daher musste ich wissen, ob du dich hinter dem Namen in meiner Akte verbirgst“, erklärte ich.

Ich sah, wie Mikos dunklen Augen scheinbar noch dunkler wurden.

„Sorgen?“, fragte er mit ungewöhnlich rauer Stimme. „Warum?“

„Weil ich beim überfliegen gesehen habe, was du für Medikamente bekommst. Cyclosporin. Alleine das reicht um jemanden, der sich ein bisschen mit der Materie auskennt, in Alarmbereitschaft zu versetzten.“

„Das meine ich nicht“, sagte Miko nun.

„Nicht?“

„Nein. Wir haben uns seit vielen Jahren nicht gesehen. Wie kommt es, dass du dir jetzt noch Sorgen um mich machen musst?“

„Weil du mir immer wichtig warst. Es ist viel passiert seit dem Abi und da ist der Kontakt abgebrochen, aber dein Name hat mich an unsere gemeinsame Zeit erinnert. Und als ich gesehen habe, dass du einige Immunsuppressiva nehmen musst, die nur bei Autoimmunkrankheiten oder nach Transplantationen verabreicht werden, war es nur logisch, dass ich mir Sorgen mache. Denn egal was der Grund für die Medikamente ist, es muss eine schwierige Situation für dich sein. Immerhin bist du nicht viel älter als ich und solche Diagnosen sind immer einschneidend.“

Miko nickte stumm.

„Das stimmt wohl“, murmelte er. „Ich bin es nun nicht mehr gewohnt, dass es Menschen außerhalb der Ärzte und meinen Eltern gibt, die sich Sorgen um mich machen und denen es wirklich wichtig ist, wie es mir geht.“

Ich zog die Stirn in Falten.

„Wie meinst du das? Ich meine, du hattest doch schon immer einen großen Freundeskreis. Was ist mit deinen Freunden?“

Resigniert stich Miko sich eine seiner dunklen Haarsträhnen hinters Ohr.

„Die sind inzwischen alle nicht mehr da. Als ich krank wurde waren sie ja noch besorgt um mich, doch irgendwann waren sie genervt davon, dass ich sie nur selten begleiten konnte. Sie haben einfach nicht verstanden, wie wichtig die regelmäßige Dialyse war, nachdem meine Nieren nicht mehr gearbeitet haben. Sie wollten nicht akzeptieren, dass es zeitlich und kraftmäßig irgendwann einfach nicht mehr möglich war etwas außerhalb meines Zuhauses zu unternehmen.“

„Deine Nieren waren kaputt?“, fragte ich vorsichtig. „Warum hast du dich nicht bei mir gemeldet nachdem dich deine Freunde im Stich gelassen haben?“

Mika seufzte.

„Warum hätte ich dich damit belasten sollen? Du hast selbst gesagt, dass wir uns auseinandergelebt haben. Und ja, meine Nieren waren durch eine Infektion so stark geschädigt, dass sie nicht mehr gearbeitet haben, aber jetzt nach der Transplantation kann es nur besser werden.“

Ich nickte.

„Das hoffe und wünsche ich mir sehr. Die letzte Zeit muss hart gewesen sein. Und ich verspreche dir, dass ich mich nochmal intensiv mit deinem Medikamentenplan auseinandersetzten und dafür sorgen werde, dass du so viel Lebensqualität zurückbekommst, wie irgendwie möglich ist!“, sagte ich und meine mein Versprechen genauso, wie ich es aussprach.

„Danke Elina!“, antwortete Miko mit einem warmen Lächeln. "Du bist eine echte Freundin!"

Ich spürte, wie ich rot wurde.

Verlegen schüttelte ich den Kopf. "Es ist selbstverständlich, dass ich das mache. Schließlich ist das mein Job!"

"Trotzdem", sagte er. "Wollen wir nicht einfach wieder von vorne anfangen? Die Transplantation sollte ein Neuanfang werden, also warum starten wir dann unsere Freundschaft nicht einfach neu?"

"Wenn du das möchtest, sehr gerne!", antwortete ich. "Wenn ich so darüber nachdenke, vermisse ich, wie wir früher waren."

"Ich auch. Aber es wird anders sein als Früher. Wir sind älter geworden. Reifer. Und haben viel erlebt."

Ich nickte.

"Stimmt. Es wird anders werden. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass es schlechter wird."

Miko nickte.

Ich erhob mich und trat einen Schritt näher zu Miko. "Darf ich dich umarmen, oder geht das mit der frischen OP-Narbe noch nicht?"

"Es geht", antwortete Miko seinerseits und erhob sich ebenfalls. Langsam zwar und mit kontrollierten Bewegungen, aber schließlich stand er und wir konnten uns in die Arme schließen.

Endlich.

Nach so langer Zeit.

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Strong Dialog

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author

Zugegeben, ich mag deine Art, wie du schreibst. Du hast Wiedererkennungswert und das ist etwas, was nicht jeder Autor hat 😉
Wie sich eine Frau an jemanden aus der Schulzeit erinnert, nachdem sie dessen Medikamentenplan entdeckt und sich überwindet, zu ihm zu gehen, obwohl sie erst nicht wusste, ob das wirklich richtig ist, weil er er doch recht viele Freunde hatte.
Doch es war richtig, denn sie hat ihn nun nicht nur wiedergefunden, sondern auch herausgefunden, dass er viele falsche Freunde hatte, die in schlimmen Zeiten nicht zu ihm gehalten haben.
Wie schön, dass sie sich da Sorgen gemacht hat und ihre Entscheidung mehr als nur richtig war. 😉
Eine gefühlvolle Geschichte in Kurzfassung mit Happy End, die zeigt, dass man manchmal jemanden wiederfindet, den man in seinem Herzen nicht vergessen hat.
Gerne gelesen 😸

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