Everyone has secret
Alice drehte sich langsam in ihrem Bett um. Es quietschte und ächzte so laut, dass sie dachte, der Lattenrost müsse unter ihr nachgeben. Sie sah sich um und endlich gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit. Ein fahles Licht schien, durch einen schmalen Spalt im Vorhang auf die kleine Box, welche sie tags zuvor in einer Nische unter ihrem Fenster gefunden hatte.
Alice stand auf, nahm die verrostete kleine Blechbüchse in die Hand und fuhr mit dem Finger über das Schloss, welches auf der Vorderseite der Metallschachtel prangte. Plötzlich verspürte sie ein Zwicken über der Brust und tastete vorsichtig zu der Kette um ihren Hals. Sie hatte das kleine, bräunlich glänzende Bändchen mit dem winzigen Anhänger gestern gefunden und sich, nachdem sie die filigran bearbeitete Form daran näher betrachtet hatte, um den Hals gelegt.
Ihre Fingerspitzen berührten das kleine Stück Metall und gleichzeitig lief ihr ein eiskalter Schauer über den Rücken. Es war ein fein verzierter Schlüssel mit vier ungleichmäßigen Zacken, den sie neben der Box gefunden hatte. Sie zog sich die Kette über den Kopf und steckte den Schlüssel in das Schloss, welches sie unheimlich und gespenstisch ansah. Zitternd drehte sie ihn einmal um. Es klackte und der Deckel sprang scheppernd ab.
Alice stutzte. In der Schale vor ihr lag ein Rekorder! Gespannt hielt sie die Luft an und drückte den Knopf mit dem Playzeichen nach unten.
Knacksen und Surren erfüllten die Luft, als sich das Band ruckend in Bewegung setzte.
Während sie jetzt gedankenverloren eine ihrer blonden Locken zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her zwirbelte, begann eine raue, dumpfe Männerstimme zu sprechen.
Erneut rannte ein Schauer vom Nacken an runter zu ihren Fußspitzen. Ihr Herz setzte für einen Moment aus und zog sich schmerzhaft wieder zusammen. Es war dieser einzige Gedanke, der jetzt den gesamten Raum, wie eine dunkle, größer und schwerer werdende Wolke einnahm und sich wie Rauch um ihre Kehle legte.
Sie kannte ihn.
Der Mann auf dem Tonband war nicht einfach irgendjemand, sondern kam ihr unheimlich vertraut vor, er war der Mann, mit dem sie vor wenigen Wochen noch jede freie Minute, die sie während den Arztterminen und Treffen mit ihrem Anwalt verbracht hatte.
Er war jetzt tot.
Ihr Onkel war krank geworden und nachdem er mit Krebs diagnostiziert wurde, hatte sie einen Anruf von seiner Kanzlei erhalten. Man hatte sie gebeten, ihm noch eine Weile Gesellschaft zu leisten, weil man in seiner Situation keinen anderen Weg, als den letzten in ein Hospiz gesehen hatte. Die letzte Zeit, die er mit ihr noch verbrachte, waren sie an den verschiedensten Orten gewesen. Er hatte viel über seine Kindheit, ihre Großeltern und ihren Vater gesprochen. Alice hatte die Tage mit ihm wirklich genossen. Zusammen waren sie noch ein letztes Mal in seine Heimat gefahren, zu dem Haus, in welchem er aufgewachsen war.
Sie waren auf dem Friedhof, bei dem umfangreichen Familiengrab der Harrisons gewesen und hatten ihrem Vater, ihrer kleinen Schwester und ihren Großeltern Blumen aufs Grab gelegt.
Er hatte bei dem Anblick der verwitterten Schrift, auf den Steinen angefangen zu weinen und sie hatte ihn daraufhin in den Arm genommen und lange Zeit gehalten.
Ein paar Tage später war er dann seinem Bruder, seiner Nichte sowie seinen Eltern gefolgt.
Jetzt wieder seine dunkle, kratzige Stimme, begleitet vom elektronischen Klang des Rekorders zu hören, fühlt sich falsch an.
Als wäre er doch noch nicht ganz aus der Gegenwart verschwunden.
Sie lauschte den Worten, die er sagte und wurde sich langsam über deren Bedeutungen bewusst.
Er sprach langsam und betonte dabei jedoch jede einzelne Silbe.
„Sie haben immer geglaubt, sie wären unantastbar. Diese Familie… diese perfekte Fassade. Alles Lüge. Alles verrottet bis ins Mark. Ich habe es gesehen. Ich habe es immer gesehen.“
Eine kurze Pause. In diesem Moment hört man ihn stockend lachen und es klingt, als würde er die Finger, ganz einfach nebenbei über blechernes Metall trommeln lassen.
„Lorenz zuerst. Er war der Schwächste. Hat am lautesten geschrien. Aber am Ende… am Ende war er der Grund, weshalb ich mich dazu imstande fühlte, meine Pläne immer weiter fortzuführen.“
Ein erneutes leises, kehliges Lachen, das sofort wieder im Rauschen erstickte.
„Nun ja, wie soll ich sagen? Bei Mom und Dad war das alles am Anfang ein kleinwenig schwieriger. Härter. Zäher. Da waren einfach noch zu große Hemmungen meinerseits vorhanden. Aber ich habe es erledigt. Ich habe es zu Ende gebracht. Ich habe ihnen das Leuchten aus den Augen genommen, dieses widerliche, selbstgerechte Funkeln. Also, man lernt aus seinen Fehlern, nicht wahr? Ich werde das hier alles mitschneiden und vielleicht kann ich es für die Zukunft mit verwenden. Ich möchte nur nochmal betonen. Sie haben es verdient. Jeder einzelne von ihnen. Und ich bin stolz darauf. Stolz auf meine Hände. Stolz auf das Schweigen, das danach kam. Endlich Stille. Endlich Frieden.“
Ein kurzes, scharfes Einatmen, dann ein fast flüsterndes Murmeln, das kaum über dem Bandrauschen lag.
„Manchmal frage ich mich, ob jemand es jemals verstehen wird. Aber es spielt keine Rolle. Ich weiß, was ich getan habe. Und ich weiß, warum.“
Dann ein letzter, schwerer Atemzug, der sich wie ein kalter Hauch durch den Raum schob.
Alice Atem stockte.
Seine Worte schlangen sich um ihren Hals und ihre Hände griffen panisch nach dem kleinen Gerät, aus welchem diese schlimmen Worte weiter hin herausströmten.
„Es musste sein.“
Das Band rauschte weiter, als hätte die Stimme noch im Raum gehangen, obwohl sie längst verstummt war.
Ihre Fingerspitzen fanden endlich den Stoppknopf und beendeten seinen Satz.
Verstört blickte sie auf die zerkratzten Scheiben des Rekorders, hinter welchen das Tonband ruckartig angehalten hatte.
Sie musste hier weg.
Raus aus seinem Haus und weg von seiner Stimme. Ihre Füße rissen sich vom Boden los. Hektisch atmend stolperte sie durch den Türrahmen auf den Flur des 2. Stocks hinaus. Alice verlor das Gleichgewicht und knallte mit ihrer Seite gegen einen der Treppenpfosten. Ein dumpfer Schmerz schoss ihr Bein herunter und hinterließ ein pochendes Gefühl an der Stelle, wo sie das massive Eichenholz gerammt hatte. Ihre Bewegungen wurden unklar, ihre Gedanken rasten und ihre Stimme versagte, als sie versuchte, verzweifelt loszuschreien.
Sie sah bereits die große, schwere Eingangstür vor sich und drückte die kalte, eiserne Klinke mit ihrem gesamten Gewicht nach unten. Zitternd trat sie die steinernen Stufen der Eingangstreppe herab.
Draußen war die Luft kühl und verpasste Alice sofort eine Gänsehaut. Vor Kälte schüttelnd hielt sich Alice am Stoff ihres Pullovers fest und rannte einfach weiter. Einige Meter vom Eingangstor des riesigen Anwesens ihres Onkels stand ihr Auto, zugefroren mit einer glitzernden Schicht Eis. Der Wind schlug ihr kalt und unbarmherzig ins Gesicht und ließ ihre Wangen rosarot aufglühen. Ihre Beine trugen sie automatisch weiter, weit weg von dem Zimmer, indem sie gerade noch diese unglaublichen, schrecklichen Worte hören musste.
Alice lief, ohne nachzudenken weiter. Sie stürzte gegen etwas festes, das sich plötzlich vor ihr aufgebaut hatte, strauchelte dabei und fiel rücklinks zu Boden. Eine dumpfe Stimme holte sie wieder in das Hier und Jetzt zurück. Sofort streckte sich eine Hand zu ihr runter, zog sie vorsichtig zurück auf die Beine und hielt sie dort so lang, bis sie wieder sicheren Halt gefunden hatte.
Ihr Blick wanderte an einer grauen Winterjacke nach oben und traf dort angekommen auf ein Paar honigfarbener Augen, welche sie jetzt besorgt anschauten. Alice blinzelte. Sie hatte ihn gar nicht kommen gesehen und war plötzlich in ihn reingerannt. Zaghaft machte sie zwei Schritte zurück und musterte ihn kurz. Er sah sie fragend an. Ihr Herz klopfte immer noch wie wild und sie hatte das Gefühl, dass man ihr das auch sehr wohl ansehen konnte. Alice versuchte seinem Blick auszuweichen und an ihm vorbeizukommen, doch er stand wie eine riesige, massive Mauer vor ihr und blickte zu ihr herab. >>Ist alles okay bei dir? Hast du dich verletzt? <<
Die Laute in ihrem Hals verknoteten sich und kamen als einzelne Wortfetzen über ihre Lippen.
>>Ich, es ist alles gut. Tut mir leid. << Ein Lächeln bildete sich auf seinem Gesicht und er sah belustigt an ihr herab. Ihr wurde langsam bewusst, wie sie gerade vor ihm stand. Alice blickte auf ihre nackten Füße, vorbei an einer schwarzen Shorts und einem marineblauen Pulli, auf dessen Mitte mit geschwungenen, glitzernden Buchstaben die Worte „PLANLOS, ABER SEXY“ prangten.
Als sie endlich gemerkt hatte, wie seltsam das alles auf ihn wirken musste und was für ein komisches Bild sie jetzt abgab, schoss ihr das Blut in die Wangen und sie verwandelte sich sekundenschnell in ein Streichholz.
Das passierte immer, wenn sie in irgendwelche peinlichen, unangenehmen Situationen kam.
Ihr Kopf bekam die leuchtenden Rottöne einer Warnblinke, ihre Stirn und Wangen heiß, Arme und Beine wurden steif, so dass sie sie nichtmehr bewegen konnte, und sie bekam keine geraden Sätze ohne Stottern mehr heraus. Er grinste und setzte an etwas auf dieses merkwürdige Treffen zu erwidern, doch Alice war schneller, wobei sie es jedoch hinbekam alles nur noch komischer machen. In ihren Augen bildeten sich Tränen und sie versuchte sie zurückzublinzeln, schafft es aber nicht. Sie flossen in kleinen Bächen ihre Wangen herunter und sammelten sich an der Spitze ihres Kinns. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich und er blickte sie betroffen an. >>Habe ich was Falsches gesagt? Entschuldige bitte. Ich wollte nicht unhöflich sein. Schließlich sind sie jetzt offensichtlich die Besitzerin dieses Hauses, also mein Boss, richtig? Das war meine Schuld, ich hätte aufpassen müssen. Was ist denn los? Kann ich ihnen bei etwas helfen? << Alice Beine gaben nach und sie sankt vor ihm zu Boden. Erneut waren die Worte dieses schrecklichen Mannes, von dem sie bis eben noch geglaubt hatte, er sei ihr ganz normaler, etwas grummeliger Onkel lauter als alles andere in ihrem Kopf. Für einen Moment war sie zu abgelenkt von dem Jungen vor ihr gewesen, dass sie das, was vor wenigen Minuten noch oben im Zimmer passiert war komplett verdrängt hatte.
Doch jetzt sah sie die Box, mit dem Rekorder darin wieder deutlich vor sich. Ihr Blick war wässrig und verschwommen, in ihrem Kopf drehte sich alles und das Einzige, was sie jetzt noch spürte, war der kalte Kieselstein unter der nackten Haut ihrer Beine. Alice hatte ihre Hände vors Gesicht gehoben und presste die Handflächen gegen ihre brennend heißen Wangen. Der Junge machte einen Schritt auf sie zu, versuchte sie mit seinen Armen zu stützen und hielt sie fest an sich gedrückt.
Alice schloss die Augen und schluchzte. Ihr Brustkorb bebte und ihre Hände ballten sich zu Fäusten. Er war mit ihr in die Knie gegangen und hielt sie jetzt sicher an seine Schulter angelehnt in der Senkrechten. Ein paar Minuten saßen beide nur so da. Alice hörte seine ruhige Stimme neben sich und merkte, wie sich ihr Herzschlag langsam wieder normalisierte. Seine Hände legten sich um ihre Schultern und er half ihr dabei, wieder aufzustehen. Sie lehnte immer noch an ihm, während er sie zurück zur Tür führte und dabei langsam auf Alice einredete. >>Das war ganz schön heftig grade. Was? Geht es dir etwas besser? Soll ich erstmal bei dir bleiben? Oder sollte ich lieber gehen? Möchtest du jetzt allein sein? Oder wäre es falsch, wenn ich dich jetzt hier allein lasse? << Sie legte ihren Kopf in den Nacken und blickte ihn schweigend aus einem tränenverschmierten Gesicht an. Seine Fragen erübrigten sich, als Alice, oben angekommen weiterhin an seinen Händen festhielt. >>Natürlich. Okay. Ich bleibe bei dir. << Mit einer Hand umfasset er den silbrig glänzenden Türknauf und drückte mit einem Ruck dagegen. Die Tür vor ihnen öffnete sich, doch beim Anblick des rustikalen, prunkvoll ausgestatteten Empfangsbereich hörte Alice sofort wieder die Worte ihres Onkels und sah diesen kleinen, muskelbepackten Mann vor sich im Eingang zu seiner riesigen Villa, mit den spitzen Bögen, kunstvollen Glasfenstern und aufwendigen Verzierungen im gotischen Baustil. Er hätte die Hände auf dem Rücken verschränkt gehalten und sie von vorn mit leicht gewölbten Wangen und seinem bewundernden, gutmütigen Blick angesehen. Etwas so Grausames, wie auf dem Tonband hätte er niemals getan. Dazu wäre er garnicht im Stande gewesen, das war unmöglich. Ihr Onkel war ein angesehener, von seinem Umfeld anerkannter Anwalt, der jüngere Bruder ihres Vaters und noch viel wichtiger, ein aufrichtiger, charmanter und guter Mensch gewesen. In Wahrheit kannte sie ihn zwar auch noch nicht besonders lang und in ihrer Kindheit hatte sie ihn nur einmal getroffen, als sie noch ganz klein war, aber das, was sie gehört hatte, war etwas komplett anderes gewesen. Niemals konnte er der Mann sein, dessen Stimme dort oben in dem kleinen Gerät eingefangen wurden war. Das passte alles nicht zusammen, auch wenn es vielleicht nach ihm geklungen hatte, konnte sie sich doch auch immernoch täuschen, oder?








