Trümmer und Triebkraft
Malakai
Das Schließen der Aufzugstüren war der letzte saubere Schnitt an diesem verfluchten Abend, und direkt danach brach das nackte Chaos über mich herein. Der Knall riss mein Bewusstsein mit einer solchen Wucht entzwei, dass mir für einen Moment der Atem wegblieb. Das seidene Band, das mich im Sekundentakt mit Aurelias Herzschlag verbunden hatte, zerriss und hinterließ ein klaffendes Loch in meiner Seele, das mich unbarmherzig in die Knie zwang.
Ich presste die Handflächen auf den kalten Marmor, während mir dunkles, kochend heißes Blut über die Lippen schoss und zäh in den Staub des zerstörten Saales sickerte. Die Nachwirkung des gegnerischen Sonnensteins brannte wie ätzende Säure tief in meinem Fleisch, und die Luft im Penthouse schmeckte nach Rauch und diesem kalkulierten, reinen Licht, das meine Schatten erbarmungslos auflöste.
Ich starrte auf meine zitternden Hände, doch die tiefen Verbrennungen, die das gesegnete Silber der Allianz-Garde hinterlassen hatte, wollten sich einfach nicht schließen – meine Regeneration lief zwar glühend heiß auf Hochtouren, aber die fremde Magie blockierte jeden Versuch der Heilung.
„Mein Lord“, krächzte Kaelens raue Stimme durch die staubige Stille des Raumes.
Ich hob mühsam den Kopf, um zu sehen, wie der verletzte Krieger sich die tief herabhängende Schulter hielt und sich über die scharfen Trümmer der rissigen Marmorsäule vorwärts kämpfte.
„Die Wachen im Keller antworten nicht mehr. Gabriel hat unsere Barrieren von unten her aufgerollt und sie überrannt. Er hat sie, mein Lord.“
Ich stieß mich mit purer Willenskraft vom Boden hoch, obwohl sich jede einzelne Faser meines Körpers verzweifelt gegen die lähmende Wirkung des Lichts sträubte. Doch mein Zorn war in diesem Moment der einzige Treibstoff, der mir noch geblieben war. Er filterte den lähmenden Schmerz, fegte die Schwäche beiseite und wandelte alles in eine pure, mörderische Absicht um. Gabriel hatte mein Territorium verletzt, er war wie ein Dieb in meine Festung eingedrungen und hatte Aurelia schlussendlich an den Haaren in seinen eigenen, finsteren Abgrund gezerrt.
Aus dem dichten Schatten des hinteren Korridors trat nun auch Valerius hervor. Seine traditionelle Robe war zerfetzt und sein Gesicht wirkte im fahlen Licht aschfahl, während er eine unversehrte Chronik so fest umklammert hielt, als könnte das alte Pergament das bevorstehende Blutbad irgendwie abwenden.
„Malakai, das ist das endgültige Ende des Friedensvertrags“, sagte er, und seine tiefe Stimme zitterte so merklich, dass es die Anspannung im Raum nur noch weiter anheizte. „Gabriel hat den Hohen Rat auf seiner Seite, und die Mobilisierung der Hohen Wache war von Anfang an kein Test – sie jagen das Mädchen als eine gefährliche, biologische Anomalie. Wenn wir jetzt unüberlegt die Tunnel stürmen, bricht das gesamte Machtgefüge dieser Stadt zusammen.“
„Soll es doch zusammenbrechen“, zischte ich, und meine Stimme besaß nicht mehr das gewohnte, mühsam kontrollierte Grollen, sondern glich vielmehr dem vielstimmigen, eisigen Flüstern der reinen Vernichtung. „Die Allianz ist ein zahnloser Tiger, Valerius. Keiner dieser feigen Lords wird sein eigenes Territorium für ein Bündnis mit dem Haus Blutmond riskieren. Sie denken alle, Aurelia sei meine Schwachstelle, und sie glauben tatsächlich, sie hätten den Schlüssel zu meinem Untergang in einem Käfig eingesperrt.“
Mit entschlossenen Schritten ging ich auf den Schreibtisch zu, der die Wucht unseres letzten Ausbruchs wie durch ein Wunder überstanden hatte, und fegte die verbliebenen Kristallgläser mit einer einzigen, wilden Handbewegung beiseite, sodass sie mit einem lauten Klirren auf dem Boden zerschellten.
„Kaelen, zieh sofort die Reste der Garde zusammen“, befahl ich, ohne den Blick von den taktischen Karten zu nehmen. „Ich will jeden einzelnen Schattenkrieger, der noch eine Obsidianklinge halten kann, an den Grenzen des östlichen Tunnels sehen. Niemand wartet auf irgendwelche Befehle. Wir gehen im Morgengrauen rein.“
„Und der Sonnenstein?“, warf Valerius hastig ein, trat näher an den Tisch und deutete mit einem zitternden Finger auf die glühenden Glyphen auf dem Pergament. „Das Licht fesselt deine Primärmagie vollständig. Wenn du Gabriel ohne deine schützenden Schatten gegenübertrittst, wird seine Klinge deine Essenz ohne Zögern vom Äther trennen.“
Ich ballte die verbrannten Fäuste so fest, bis das getrocknete Blut auf meinen Knöcheln mit einem leisen Reißen aufplatzte und frischer Saft über die Haut lief.
Der physische Entzug, den das zerrissene Band in meinem Inneren auslöste, war absolut überwältigend, und ich konnte sie immer noch riechen: Ihr süßer, schwerer Duft nach Jasmin hing wie eine unvergängliche Erinnerung im Raum, untrennbar verwoben mit dem bitteren Geruch von Rauch und frischem Blut. Das Siegel hatte tiefe Wurzeln in ihrer Lebenskraft geschlagen, und das hier war längst keine strategische Allianz mehr, sondern eine biologische Falle, die uns beide gefangen hielt. Wenn Gabriel sie tötete, würde mein eigenes Nervensystem augenblicklich kollabieren, denn ihr Herzschlag war mittlerweile die absolute Bedingung für meine eigene Existenz geworden.
„Wir werden das Licht von innen heraus brechen“, sagte ich kühl, und die Kälte in meinen Worten schien die Luft im Raum gefrieren zu lassen. „Aurelia hat meine Magie geschmiedet und sie hat gelernt, die Schatten in eine tödliche Waffe zu verwandeln. Gabriel unterschätzt ihren Trotz maßlos; er hält sie für eine leichte Beute in feiner Seide, aber sie wird sein stolzes Haus von innen heraus verbrennen.“
Ich fixierte den alten Gelehrten mit einem Blick, der nicht den geringsten Raum für Gegenargumente oder Diskussionen ließ.
„Finde heraus, wie die Frequenz des Sonnensteins moduliert wird, Valerius. Und Kaelen, rüste die Waffen für den Krieg. Wenn das Haus Blutmond mein Eigentum für sich deklarieren will, dann werde ich das Gesetz dieser Stadt mit dem Blut ihres Lords völlig neu schreiben.“
Kaelen salutierte wortlos, schlug sich die Faust gegen die Brust und drehte sich um, um meine Befehle ohne jede Verzögerung auszuführen.
Ich ging langsam an die raumhohe Glasfront und blickte auf die schweigende Skyline hinab, während mein Herz in einem rasenden, unnatürlichen Takt gegen meine Rippen hämmerte. Das Band war zwar brutal gerissen, aber die tiefere Resonanz zwischen uns war noch lange nicht tot; ich roch sie immer noch in den schweren Vorhängen des Saales, vermischt mit der dunklen Hitze unserer letzten, schamlosen Begegnung.
Ich schloss die Augen und weitete meine Sinne tief in die gierige Dunkelheit der Stadt aus.
„Warte auf mich, kleine Diebin.“








