San Velario
Der Regenhört nicht auf. Er fällt in dichten, grauen Fäden vom Himmel, legt sich aufmeine Haut, kriecht unter meine Kleidung, als würde er mich prüfen wollen,bevor ich überhaupt angekommen bin. Ich gehe den schmalen Weg hinauf, der sichdurch die Hügel von Ligurien zieht, irgendwo oberhalb von Genua. Das kleineDorf Valdombra liegt hinter mir, verschwommen im Nebel, als hätte es michbereits vergessen. Vor mir erhebt sich das Internat. San Velario. Ein Name, dersich schwer anfühlt. Fremd. Und trotzdem… endgültig. Meine Ballerinas sinken inden aufgeweichten Boden. Schlamm zieht an meinen Füßen, macht jeden Schrittlangsamer, als würde mich etwas zurückhalten wollen. Meine knielangen Sockenkleben kalt an meiner Haut, durchnässt, während mein grauer Rock an meinenBeinen haftet. Das Jacket sitzt eng auf meinen Schultern, das weiße Hemddarunter zeichnet jede Bewegung meines Atems nach. Ich sehe an mir herunter.
»Perfekt.Genau so sollte ein Neuanfang aussehen. Mit 17 bin ich hier.« Meine Stimmeklingt hohl. Als würde sie nicht mehr ganz zu mir gehören. Ich bin achtzehn.Und trotzdem fühlt es sich nicht so an, als würde ich mein eigenes Lebenbetreten. Eher, als würde ich in eines hineingeschoben werden, das jemandanderes für mich ausgesucht hat. Nach dem Tod meines Vaters ist allesauseinandergefallen. Nicht laut. Nicht dramatisch. Sondern still. Meine Mutterhat sich zurückgezogen, ist irgendwo in sich selbst verschwunden, und ich… ichstand einfach daneben und habe zugesehen, wie unser Zuhause leer wurde, obwohlwir noch darin lebten. Und dann kam meine Großmutter. Mit diesem Blick, derkeine Widerrede duldet.
»Duwirst dorthin gehen, Marina.« »Es ist das Beste für dich.« Das Beste. Ichpresse meine Lippen zusammen, während der Regen stärker wird, gegen meinGesicht schlägt, als wollte er jede Erinnerung aus mir herauswaschen.
»Duverlangst immer so viel von mir«, flüstere ich leise. Aber sie hört es nicht.Sie hört mich nie. Wir verstehen uns nicht. Nicht wirklich. Vielleicht habenwir das nie getan. Für sie bin ich etwas, das funktionieren muss. Etwas, dassich formen lässt. Und San Velario… Mein Blick hebt sich langsam. Das Gebäudewirkt größer, als es sollte. Dunkler. Die Mauern sind alt, fast schwarz vomRegen, als hätten sie die Feuchtigkeit über Jahre hinweg in sich aufgenommen.Fenster spiegeln nichts zurück. Kein Licht. Kein Leben. Nur Stille. Ich bleibekurz stehen. Mein Herz schlägt langsamer. Schwerer. Ich wollte weg. Weg vonallem, was mich kaputt gemacht hat.
Weg vondiesem Gefühl, dass nichts mehr Sinn ergibt. Und jetzt bin ich hier. Danndrücke ich die Tür auf. Drinnen ist es dunkler, als ich erwartet habe. Nicht nurschummrig – es ist eine dichte, schwere Dunkelheit, die sich wie ein Schleierüber alles legt. Der Regen prasselt weiter gegen die hohen Fenster, doch kaumLicht dringt hindurch. Die Scheiben sind milchig, fast blind. Als hätte manentschieden, dass niemand hier draußen sehen soll. Oder hinaus. Ich schluckeund ziehe meinen Koffer hinter mir her.
»Okay…Büro finden«, murmele ich leise, mehr zu mir selbst als zu irgendwem. MeineSchritte hallen gedämpft durch den Flur. Türen reihen sich aneinander, allegleich, alle geschlossen. Kein Lachen. Keine Stimmen. Nur dieses unnatürlicheSchweigen, das sich in meine Gedanken schiebt. Dann sehe ich sie. Sie stehtplötzlich vor mir, als wäre sie einfach aus der Wand getreten. Eine Frau.Streng. Aufrecht. Ihr graues Haar ist zu einem makellosen Dutt gebunden, keineinziges Haar hat sich daraus gelöst. Ihre Haut wirkt blass, fast zu glatt, undihre Augen… kühl. Prüfend. Als würde sie mich in Einzelteile zerlegen. Sieträgt eine rubinrote Uniform. Ein sauber geschnittener Rock, ein enganliegendesOberteil, makellos. Kein Fleck. Kein Faltenwurf. Ich bleibe stehen, ziehe denKoffer näher zu mir.
»Entschuldigung,ich…«, sage ich.
»SignoraValenti«, unterbricht sie mich scharf, ihre Stimme ruhig, aber durchzogen vonetwas Hartem. »Mentorin dieses Hauses.« Ein kurzer Moment Stille, dann hebt sieleicht das Kinn.
»Warumbist du noch hier?«, fragt sie. Ich blinzle.
»Ich…ich suche das Büro. Ich bin neu und…«, versuche ich.
»Das istoffensichtlich.« Ihre Augen gleiten über mich, über meine durchnässte Uniform,meine Haare, die an meinem Gesicht kleben.
»Dusollst deinen Koffer in dein Zimmer bringen und anschließend in den Unterrichtgehen. Alle sind bereits in der Klasse.« Ihre Stimme lässt keinen Raum fürDiskussion. Ich zucke leicht zusammen.
»Ichwusste nicht, wo...«, sage ich.
»Dannlernst du es schneller.« Ihre Worte schneiden durch die Luft. Ich öffne denMund, doch in diesem Moment ertönt eine zweite Stimme. Ruhiger. Wärmer.
»Ichübernehme das schon.« Ein Mann tritt aus dem Halbdunkel des Flurs. BlondesHaar, ordentlich zurückgelegt. Sein Anzug sitzt perfekt, als wäre ermaßgeschneidert. Und trotzdem wirkt er… anders als sie. Seine grünen Augentreffen meine – ruhig, fast freundlich.
»Wie Siewissen, ist sie neu und kennt sich noch nicht aus.« Für einen Moment herrschtStille. Signora Valenti verengt die Augen leicht.
»ProfessorDe Ricci«, sagt sie schließlich kühl.
»SorgenSie dafür, dass sie keine Zeit mehr verschwendet«, redet sie.
»Natürlich.«Er nickt nur leicht. Sie wirft mir noch einen letzten, durchdringenden Blick zu– dann dreht sie sich um und verschwindet den Flur hinunter. Der Mann wendetsich wieder mir zu. Ein kaum merkliches Lächeln.
»Willkommenin San Velario«, sagt er ruhig.
»MeinName ist Alessandro De Ricci«, sagt er. Ich zögere einen Moment, dann richteich mich etwas auf.
»Marina…Moretti.« Mein Nachname fühlt sich fremd an in meinem Mund. Er nickt.
»Komm.Ich zeige dir dein Zimmer.« Bevor ich reagieren kann, nimmt er meinen Koffer.Wir gehen zurück zur Tür. Als ich sie öffne, schlägt mir der Regen stärkerentgegen als zuvor. Kälter. Härter. Der Himmel ist dunkler geworden. Ich bleibeeinen Moment stehen. Zögere. Er bemerkt es, dreht sich leicht zu mir um.
»Dugewöhnst dich daran«, sagt er ruhig. Dann gehe ich ihm nach. Hinter demHauptgebäude öffnet sich ein weiterer Bereich. Ein zweites Gebäude steht dort,etwas niedriger, aber genauso grau, genauso vom Regen durchtränkt. Wasser läuftin dünnen Strömen die Wände hinab.
»Hiersind die Zimmer«, er, während wir uns nähern.
»Getrennt.Jungs auf der rechten Seite, Mädchen auf der linken«, sagt er. Ich folge seinemBlick. Zwei Türen. Schwer. Dunkel. Neben der Tür der Jungs ist ein Symbol. Esist mit roter Farbe auf das Mauerwerk gemalt. Dick. Unnatürlich glänzend, alswürde der Regen es nicht berühren können. Kein Tropfen verwischt es. Ich treteeinen Schritt näher.
DasSymbol besteht aus einem Kreis, gezogen in einem einzigen, ungebrochenenStrich. In seinem Inneren kreuzen sich mehrere Linien – scharf, fast aggressiv,wie Schnitte. In der Mitte… ein längliches Zeichen, das entfernt an ein Augeerinnert. Oder an etwas, das beobachtet. Die rote Farbe wirkt zu intensiv. Zulebendig. Ich starre darauf. Und für einen Moment habe ich das Gefühl…, dass eszurückstarrt. Er öffnet die Tür, ohne zu zögern. Ein leises Knarren, dann tritter zur Seite und lässt mich zuerst eintreten. Ich bleibe einen Moment imTürrahmen stehen. Das Zimmer ist… klein. Nicht unordentlich. Nichtvernachlässigt. Einfach reduziert. Als hätte man alles Überflüssige konsequententfernt. Ein schmales Bett an der rechten Wand. Ein schlichter Schreibtischaus hellem Holz. Ein Stuhl. Ein schmaler Kleiderschrank. Mehr nicht. KeineBilder. Keine Farben. Keine Persönlichkeit. Meine Augen bleiben am Fensterhängen. Ich trete langsam näher. Draußen fällt der Regen dichter denn je.Direkt gegenüber liegt das Hauptgebäude, dessen Fenster genauso blind wirkenwie von innen. Grau. Verschlossen. Ein Ort, der alles schluckt. Alessandrotritt ein, stellt meinen Koffer neben das Bett und richtet sich wieder auf.
»Frühstückist um sieben. Wer es verpasst, geht hungrig in den Unterricht. Der Unterrichtbeginnt um acht Uhr. Und endet um fünfzehn Uhr dreißig. Danach habt ihrFreizeit«, fährt er fort.
»Innerhalbdes Internats.« Seine Worte bleiben kurz hängen. Innerhalb.
»Samstagund Sonntag sind frei«, sagt er weiter.
»Es sinddie einzigen Tage, an denen ihr das Gelände verlassen dürft«, redet er. Ichspüre, wie sich etwas in meiner Brust leicht lockert. Doch es hält nicht lange.
»Allerdings,müsst ihr bis spätestens zweiundzwanzig Uhr wieder zurück sein. Signorakontrolliert alle. Also immer pünktlich im Zimmer sein«, spricht er. Ich atmeaus. Langsam. Meine Finger streifen über den Stoff meines nassen Jackets,drücken es leicht zusammen.
»Dukannst dich umziehen, wenn du möchtest«, sagt er hinter mir. Ich drehe michleicht zu ihm um. Er steht noch immer an der Tür, mein Koffer neben ihm. SeinBlick wandert kurz zum Fenster, dann zurück zu mir.
»Aberhier«, fährt er fort, während er einen flüchtigen Blick nach draußen wirft, woder Regen in dicken Strömen gegen die Scheibe schlägt.
»… hates keine große Bedeutung.« Ein schwaches, kaum sichtbares Lächeln zieht überseine Lippen.
»Manwird sowieso in wenigen Sekunden wieder nass«, sagt er.
»Gibt esnoch Fragen, Marina Moretti?«, fragt er. Sein Blick liegt ruhig auf mir. Offen.Fast geduldig. Ich schüttle leicht den Kopf. Er nickt.
»Gut.«Ein kurzer Moment vergeht. Dann wendet er sich zur Tür.
»Dannsolltest du nicht zu spät zum Unterricht kommen.« Er legt die Hand an dieKlinke, hält jedoch noch einmal inne.
»Raumdrei. Im Hauptgebäude«, sagt er. Ich bleibe noch einen Moment stehen, danngreife ich nach meinem Koffer, öffne ihn halbherzig, nur um das Nötigsteherauszunehmen, und lasse ihn wieder zufallen. Ich ziehe das Jacket etwas engerum mich und verlasse das Zimmer. Der Regen empfängt mich sofort wieder, kälter,lauter, als hätte er gewartet. Alessandro steht ein paar Schritte entfernt, alshätte er gewusst, dass ich nicht lange brauche. Sein Blick hebt sich, als ichauf ihn zugehe. Ich folge ihm schweigend zurück zum Hauptgebäude. Der Weg istkurz, aber meine Schritte werden langsamer, je näher wir kommen. Vor der Türbleibt er stehen und dreht sich zu mir. Seine grünen Augen ruhen einen Momentauf mir, als würde er etwas prüfen.
»Ichbegleite dich«, sagt er ruhig.
»DerAnfang in einer neuen Klasse… ist nie einfach.« Seine Stimme passt nicht zudiesem Ort. Zu ruhig. Zu verständnisvoll.
»Ich warauch mal jung«, fährt er fort, ein kaum sichtbares Lächeln auf den Lippen.
»Ichkenne das.« Ein kurzer Moment vergeht, der Regen rauscht hinter uns.
»Manwird ausgeschlossen. Man wird nicht beachtet. Man fühlt sich… fehl am Platz.«Sein Blick gleitet kurz an mir vorbei, als würde er sich erinnern, dann wiederzurück zu mir.
»Aberoft ist das nur am Anfang so.« Er öffnet die Tür, und wir treten wieder hineinin die gedämpfte Dunkelheit der Flure. Unsere Schritte hallen leise, währendwir nebeneinander gehen.
»Dubrauchst dir keine Sorgen zu machen. Und falls du keine Freunde findest…« Erwirft mir einen kurzen Blick zu.
»… dannweißt du, wo du mich findest. In der Mensa«, ergänzt er.
»Ichsitze meistens hinten, nahe den Fenstern.« Fenster. Ich denke an dieblickdichten Scheiben. Er geht weiter, als wäre nichts.
»Undmach dir keine Sorgen. Ich habe mich bereits darum gekümmert. Nach demUnterricht wird ein Schüler zu dir kommen«, erklärt er.
»Erzeigt dir alles. Die Räume, die Mensa, die Kunsträume… alles, was du wissenmusst.« Seine Stimme klingt, als wäre alles längst entschieden. Wir bleiben voreiner Tür stehen. Raum drei. Mein Herz schlägt schneller. Er hebt die Hand undklopft. Einmal. Ruhig. Dann sieht er mich noch einmal an.
»Duschaffst das, Marina Moretti.« Für einen kurzen Moment liegt etwas in seinemBlick, das ich nicht einordnen kann. Dann dreht er sich um und geht. Ich bleibeallein vor der Tür stehen. Der Flur hinter mir ist still. Ich atme einmal tiefdurch. Meine Hand hebt sich, zögert, dann drücke ich die Klinke herunter undöffne die Tür.









Habe ich schon auf meiner Liste, nachdem ich es gestern auf Insta gesehen habe :-)