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Zugkraft

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Summary

Henrik hat fünfundzwanzig Jahre lang gearbeitet, ohne darüber nachzudenken. An einem Dienstag hört sein Herz auf zu schlagen. Kurz. Und fängt wieder an. Alles wie vorher. Nur dass vorher nicht mehr reicht. Im Schwarzwald gibt es eine Frau, die mit Pferden Holz aus dem Wald holt. Sie sucht keinen Nachfolger. Henrik sucht nichts. Manchmal reicht das.

Status
Ongoing
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
16+

Kapitel 1 - Bowling

Die Kontoauszüge lagen auf dem Küchentisch. Drei Seiten, Banklogo oben in der Mitte, DIN-konform gefaltet. Ich hatte sie vor einer Woche aus dem Briefkasten geholt und seitdem zweimal in die Hand genommen. Beim ersten Mal hatte ich sie aufgeklappt, draufgeschaut, wieder gefaltet. Beim zweiten Mal nicht mal das.

Einhundertdreiundsiebzigtausend. Irgendwas.

Ich kannte die Zahl, ohne hinzuschauen. Das war nicht das Problem. Das Problem war, dass ich nicht wusste, was eine Zahl bedeutet, wenn man nicht mehr sicher ist, ob man sie brauchen wird.

Draußen fuhr die Straßenbahn. Es war die Linie 302 nach Buer. Ich kannte das Geräusch so gut, dass ich es normalerweise nicht mehr hörte. Heute bemerkte ich es. Vielleicht weil es still war in der Wohnung. Vielleicht weil es seit sechs Wochen stiller war als vorher. Vielleicht, nein, sicher, weil ich langsam anfing, die Geräusche zu sortieren, die übrig blieben, wenn man aufhörte zu arbeiten.

Zwölf Wochen. So lange war ich jetzt raus. Raus aus dem Job. Raus aus der Fabrik. Sechs Wochen seit Bad Rothenfelde, zehn seit dem Krankenhaus, zwölf seit dem Dienstag.

Der Dienstag.

Frühschicht, exakt sechs Uhr zweiunddreißig. Das war die Zahl, die ich auf dem Display der Presse gelesen hatte. Ich stand vor dem großen Pressstempel und legte Platinen ein, wie ich das seit siebzehn Jahren tat, nicht schneller und nicht langsamer als sonst. Und dann lag ich auf dem Boden. Zack. Einfach so. Und da war nichts dazwischen. Kein Schmerz, kein Ziehen im Arm, kein Licht, kein Tunnel. Nur ein Schnitt im Film. Stanzen, Boden, fertig. Als hätte jemand dreißig Sekunden aus meinem Leben herausgeschnitten und die Enden zusammengeklebt.

Marco hatte den Betriebsnotruf gewählt und sofort angefangen zu drücken. Das haben sie mir danach erzählt. Marco, der seit zwei Jahren an der Nachbarpresse stand und mit dem ich vielleicht zehn Sätze pro Schicht wechselte. Die meisten davon über die Kantine oder den Schichtplan. Er hatte mich fallen sehen, hatte die Presse abgeschaltet und den Notruf gewählt, und bis die kamen, hatte er meinen Brustkorb einhundertzwanzig Mal pro Minute eingedrückt. Das hatte er beim Bund gelernt, sagte er, als er mich im Krankenhaus besuchte. Er brachte eine Tüte Weintrauben mit und blieb keine Viertelstunde. Ich weiß das, weil die Uhr über der Tür hing und ich draufgeschaut habe, nicht aus Unhöflichkeit, sondern weil mir nichts einfiel, was ich hätte sagen können. Und weil es Marco genauso erging. Wir saßen da, und er erzählte von vielen, kleinen Dingen: Er erzählt von der Presse. Davon, dass Weidemann jetzt Doppelschichten machte und dass das okay war, weil er das Geld eh ganz gut gebrauchen konnte. Ach, ja, und der Kaffeeautomat in der Kantine war wohl wieder kaputt - und ich nickte, und dann stand er auf und sagte, er müsse los, und ich bedankte mich für die Trauben. An der Tür drehte er sich um und sagte: Pass auf dich auf. Und ich sagte: Mach ich.

So lief also ein Gespräch mit jemand, der einem das Leben gerettet hatte.

Im Krankenhaus war es laut gewesen. Nicht unangenehm, einfach: voll. Monitore, Schritte, die Frau im Nachbarbett, die nachts hustete, der Pfleger, der morgens um fünf die Rollläden öffnete und dabei summte. Immer dieselbe Melodie, ich glaube es war etwas von den Bee Gees, aber ich bin mir nicht sicher. Ich hatte ein Zimmer mit zwei anderen. Die Frau, die nachts immer hustete und ein Mann nach einer Bypass-OP, der unentwegt über seine Firma, seine Frau und seinen Golden Retriever redete, der jetzt bei der Schwiegermutter war und der Hund - oder er oder beide, so ganz klar war das nicht - hasste die Schwiegermutter. Er erzählte das jeden Tag, immer etwas anders, immer mit demselben Ende: Wenn ich hier rauskomme, mache ich alles anders. Ich hörte zu, weil es ablenkte und weil er es zu brauchen schien. Ich fragte mich, ob er es glaubte. Ich fragte mich nicht, ob ich es glaubte oder mich darin wiedererkannte. Die Frage war mir nicht eingefallen.

Der Arzt hatte gesagt: Drei Monate Pause. Mindestens. Dann sehen wir weiter.

Ich hatte genickt, als wäre das eine Information. Wie: Das Teil ist auf Lager, kommt Donnerstag. Ich nickte bei solchen Sachen. Ich stellte keine Fragen. Nicht aus Stolz, nicht aus Trotz. Es gab einfach nichts zu fragen. Die Antworten änderten nichts an dem, was passiert war. Sie änderten nichts daran, was passieren würde. Und das wussten weder der Arzt noch ich. Nur: Der Arzt verpackte es in mehr und schönere Worte. Drei Monate. Mindestens. Das hieß: Wir wissen es nicht. Ich wusste vieles nicht. Und das war in Ordnung. Glaube ich.

Nach dem Krankenhaus fuhr ich nach Bad Rothenfelde. Für vier Wochen. Eine Reha-Klinik, die aussah, als hätte jemand ein Dreisternehotel in eine Kurklinik verwandelt und auf halbem Weg aufgehört. Die Zimmer waren freundlich. Das Essen war vernünftig. Die Leute waren - wie sagt man das - bemüht. Alle. Die Therapeuten, die Ärzte, die anderen Patienten. Alle wollten irgendwas: gesund werden, anders leben, die Warnzeichen erkennen, die Ernährung umstellen, die Belastung reduzieren, die Work-Life-Balance finden. Ich saß in den Gruppenrunden und hörte zu und nickte, und manchmal schrieb ich etwas auf den Zettel, den sie austeilten, weil es unhöflich gewesen wäre, ihn leer abzugeben.

Einmal sagte die Psychologin - eine junge Frau, vielleicht dreißig, mit einer Brille, die zu groß für ihr Gesicht war -, dass es helfe, dem Ereignis einen Platz zu geben. Es einzuordnen. Es nicht zu verdrängen, aber auch nicht zum Mittelpunkt zu machen. Ich fand das vernünftig. Ich hatte dem Ereignis einen Platz gegeben. Einen guten, fand ich: Es lag in der Schublade neben dem Herd, zusammen mit den Kontoauszügen und dem Garantieschein für die Waschmaschine, zwischen den Sachen, die ich irgendwann einmal brauchen könnte. Aber eben nicht jetzt.

In Bad Rothenfelde hatte ich mit dem Wandern angefangen. Nicht das Nordic Walking - das war Programm, und fand dreimal pro Woche statt. Eine Gruppe von acht Leuten mit knallbunten Stöcken auf dem asphaltierten Weg einmal rund um den Kurpark herum. Ich ging mit, die ersten drei Tage, und dann ging ich daneben. Buchstäblich. Die Gruppe auf dem Asphalt, ich auf dem Gras, weil der Boden und das Gras federte und das angenehmer zu laufen war. Am vierten Tag ging ich alleine los. Nicht die Kurpark-Runde, sondern raus. Am Waldrand entlang, über Kieswege durch die Felder Richtung Bad Laer. Nicht schnell, nicht sportlich, einfach: gehen. Ein Fuß vor den anderen, das Knirschen der Steinchen unter den Schuhen und nach wenigen Minuten wurden die Gedanken still und es war nur noch Gehen. Das war es vielleicht. Nicht die Natur, nicht die frische Luft, nicht der "therapeutische Effekt von Bewegung im Grünen", wie die Broschüre im Aufenthaltsraum versprach. Sondern dass Gehen die einzige Tätigkeit war, die ich kannte, bei der man nichts produzierte, nichts abarbeitete, nichts plante und trotzdem nicht stillstand.

Ich ging weiter, als ich zurück war. Gelsenkirchen war kein Wandergebiet, aber das war egal. Ich lief Richtung Recklinghausen. Am Friedhof vorbei Richtung Osten. Am Modellflugplatz vorbei. Zwei Stunden, manchmal drei. Morgens, weil ich ohnehin um fünf wach wurde, Schichtrhythmus, der Körper hatte das in siebzehn Jahren gelernt und vergaß es nicht, nur weil das Herz einmal Pause gemacht hatte. Also stand ich auf, kochte Kaffee, trank eine Tasse, und ging raus. Im Dunkeln, wenn es noch dunkel war. Im Hellen, wenn die Tage länger wurden. Durch dieselben Straßen, die ich seit elf Jahren kannte und die jetzt anders aussahen. Nicht schöner, nicht hässlicher. Aber deutlicher - ein besseres Wort fiel mir dafür nicht ein. Als hätte jemand den Kontrast hochgedreht.

Es waren diese beiläufigen Beobachtungen, die jetzt stärker da waren. Der Mann mit dem Hund zum Beispiel. Der fiel mir jetzt jeden Morgen auf. Er war vielleicht um die sechzig. Also der Mann, nicht der Hund. Der Hund war ein Mischling und ich wusste nicht, woran man erkannte, wie alt Hunde waren. Er sah mittelalt aus. Und er pinkelte fast jede Laterne an. Also der Hund. Nicht der Mann. Der wartete geduldig. Jedes Mal. Kein Handy, kein Blick auf die Uhr. Und ich sah ihn an und er bemerkte mich. Und wir grüßten uns. Jeden Tag.

Früher wäre mir das wahrscheinlich nicht aufgefallen. Oder ich hätte es mir zumindest nicht gemerkt. Nicht, weil ich unaufmerksam war. Sondern weil mein Tag einen klaren Ablauf hatte: Schicht, Feierabend, Couch, Schlaf, Schicht. Und da war kein Platz für einen Mann mit einem Hund, der an jeder Laterne kurz schnupperte und das Bein hob. Jetzt hatte mein Tag keinen Plan mehr, und ich sah Dinge, die schon immer dagewesen waren.

Mein Handy vibrierte. WhatsApp. Die Gruppe.

Samstag Bowling und Bier? Oder erst Pinte, dann Bowling?

Das war Scholli. Das war nicht sein richtiger Name. Scholli hieß Scholz. Und seit der achten Klasse hieß er Scholli und schrieb in die Gruppe, wie er redete: jeder Satz ein Angebot, das man annehmen konnte oder nicht.

Bier!!!!, schrieb Olli und er schrieb, als ob er Satzzeichen grundsätzlich in Großpackungen kaufte.

Hängt vom Rücken ab, schrieb Jens.

Markus?, schrieb Scholli.

Nach drei Minuten ein Daumen-hoch-Emoji von Markus. Weil er nicht gerne tippte oder sonst irgendwas tat, was Unterhaltungen mit anderen Menschen bedeuten könnte. Und trotzdem war er immer da. Jeden Samstag, seit fünfundzwanzig Jahren. Immer zu spät, immer ohne Entschuldigung und immer sofort das zweite Bier bestellt, weil Scholli ihm das erste schon hingestellt hatte.

Ich tippte: Sagt Bescheid.

Meine Standardantwort. Und doch klang sie in meinen Ohren anders seit dem Infarkt. "Sagt Bescheid" hatte früher geheißen: Bin dabei, muss nur wissen wann und wo. "Sagt Bescheid" hieß heute: Ich entscheide am Samstag, ob ich die Kraft habe, einen Abend lang der zu sein, der ich vorher war.

Die beiden Ollis - der eine mit, der andere ohne "Sch" -, Jens, Markus und ich. Wir kannten uns seit der Schule. Bowling, Squash, wenn Olli seinen Platz im Verein klarmachte. Ansonsten Bier, Fußball schauen, manchmal Grillen bei Jens, weil der einen Garten hatte und eine Frau, die an den Abenden mit Freundinnen ausging. Gute Leute. Loyale Leute. Ich mochte sie. Seit fünfundzwanzig Jahren. Und es war das Beständigste in meinem Leben und gleichzeitig wussten sie nichts von mir und meinem Leben. Natürlich kamen immer die Fragen "wie geht es dir?" und "was machst du so?". Und ich antworte "läuft wieder" und war mir unsicher, was ich da eigentlich meinte. Und Scholli nickte und machte eine Sekunde lang einen Gesichtsausdruck, der vielleicht Erleichterung war oder vielleicht auch Enttäuschung. Und dann bestellte er die nächste Runde.

Ich wusste ehrlich nicht, was ich hätte sagen oder antworten sollen, das näher an der Wahrheit dran gewesen wäre. Nicht, weil ich nicht fühlte, dass sich etwas verschoben hatte. Ich wusste einfach nur nicht, was es war. Und in meiner Welt sagte man Dinge, die man wusste. Und schwieg, wenn man es nicht wusste.

Ich stand auf und stellte die Tasse in die Spüle. Kaffee, schwarz, halb ausgetrunken. Seit dem Infarkt trank ich weniger davon. Nicht wegen den Ärzten, die es mir geraten hatten. Sondern weil ich merkte, dass ich vorher vier Tassen Kaffee pro Schicht in mich reingeschüttet hatte, um eine Müdigkeit zu betäuben, die nicht von zu wenig Schlaf herrührte.

Vom Küchenfenster sah ich auf die Bahnhofstraße. Mittwochnachmittag. Die Sonne stand so, dass sie ihr Licht genau in die Lücke zwischen dem Mehrfamilienhaus gegenüber und der alten Sparkassenfiliale schickte, die seit zwei Jahren leer stand und deren Schild jemand halbherzig abmontiert hatte, so dass nur noch "SPAR" zu lesen war. Durch diese Lücke schien für etwa zwanzig Minuten am Tag Licht auf den Gehweg, und wenn man im richtigen Moment hinschaute, sah Gelsenkirchen-Buer aus wie ein Ort, an dem man vielleicht sein wollte. Vielleicht. Ehrlich? Ich wusste nicht, ob ich an diesem Ort sein wollte. Ich hatte elf Jahre lang nicht darüber nachgedacht. Ich hatte überhaupt nie darüber nachgedacht, wo ich sein wollte. Ich war immer dort gewesen, wo die Arbeit war. Und jetzt war die Arbeit - vorübergehend, so hatten es die Ärzte genannt - nicht mehr da.

Ich ging zurück zum Tisch. Nahm die Kontoauszüge. Faltete sie einmal längs, steckte sie in die Schublade neben dem Herd, wo die Sachen lagen, die ich vielleicht irgendwann, aber nicht jetzt, brauchte. Die Garantie für die Waschmaschine. Die Karte von Marco aus dem Krankenhaus. Ein Flyer vom Wanderverein Teutoburger Wald, den mir jemand in Bad Rothenfelde in die Hand gedrückt hatte.

Am Samstag würde ich zum Bowling gehen. Oder zur Kneipe. Ich würde ein Bier trinken, vielleicht zwei, Scholli würde gegen Olli beim Skat verlieren und so tun als ärgere er sich, Markus würde wie immer zu spät kommen und Jens würde von seinem Rücken erzählen. Kurz: Alles würde genau so sein, wie es immer war.

Und irgendwann nach dem zweiten Bier oder vielleicht auch nach drittem Bier würde ich wieder an die Zahl denken. Nicht an die Summe auf dem Konto mit dem Euro-Zeichen hinten dran. An die andere Zahl mit dem Prozentzeichen hinten dran. Die Zahl, die der Arzt nicht gesagt hatte und im Raum hockte wie ein großer, rosa Elefant, über den niemand sprach.

Zweiunddreißig Prozent. Oder: Einer von drei Patienten bekam innerhalb von fünf Jahren einen zweiten Herzinfarkt.

Ich hatte es selbst nachgeschlagen, abends in Bad Rothenfelde, auf dem Handy, als ich alleine im Bett lag. Ich lag auf dem Rücken, das Smartphone über dem Kopf und tippte umständlich: Rezidivrisiko Myokardinfarkt 5 Jahre, und las. Nach einer Stunde hatte ich recht viel gelesen und sicherlich nicht mehr als die Hälfte verstanden. Einzig: Die Zahl war überall mehr oder weniger dieselbe. Zweiunddreißig Prozent. Keine Garantie. Weder in die eine, noch in die andere Richtung. Noch nicht einmal eine Zahl, die man fühlen konnte. Es war eine Abfolge von Ziffern. Wie auch auf dem Kontoauszug. Nur die eine Zahl erklärte, was ich besaß. Und die andere, was ich vielleicht nicht haben würde.

Ich schob die Schublade zu.

Draußen fuhr die dreihundertzwo. Ein Junge auf einem Fahrrad überquerte die Straße, ohne zu gucken. Eine Frau rief etwas von einem Balkon. Ein ganz normaler Mittwoch in Gelsenkirchen also.

Und während ich aus dem Küchenfenster sah, wie der Junge die andere Straßenseite erreichte, formte sich in mir eine Frage, die ich mir noch nie gestellt hatte.

Nicht: Was will ich?

Sondern: Will ich überhaupt noch etwas wollen?

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