Kapitel 1
Er fiel und fiel und fiel. In die Dunkelheit.
Dann das plötzliche Zucken seines Körpers, der ebenso wenig wie sein Verstand bemerkt atte, dass er im Bett lag und träumte. Er rang um Luft und griff nach dem Kissen, dieser flauschigen Versicherung von Wirklichkeit. Sein Herz raste. Es hatte als Letztes erfahren, dass er nicht in Lebensgefahr schwebte und beruhigte sich nur langsam. Wie er das hasste! Jetzt war er hellwach und würde kaum wieder einschlafen können. Sein Smartphone lag mit dem Bildschirm nach unten neben ihm auf der Matratze. Todsicher, dass es mitten in der Nacht sein musste, drehte er es herum und wurde vom Gerät berichtigt. Vier Uhr Dreißig. In kaum fünfzehn Minuten würde der Wecker klingeln. Also halb so wild und trotzdem ärgerlich, um so viele Minuten süßen Schlafes gebracht worden zu sein, vom eigenen überreizten Unterbewusstsein. Nikolaj drehte sich ächzend auf den Rücken und tastete nach dem Lichtschalter an der Wand. Die funzelnde Deckenlampe erhellte den Raum kaum. Er ärgerte sich regelmäßig darüber, warum er es nie fertigbrachte eine Nachttischlampe zu kaufen. Nikolaj starrte auf die geschlossenen Rollos, durch deren Ritzen sich die unbarmherzige Dämmerung presste. Ein Sack voll Steine musste sich leichter und agiler fühlen, als er an diesem Morgen. Frühschicht war nichts für ihn. Jeder Tag den er derart zeitig beginnen musste, tötete ein Stück von ihm, ganz tief drinnen. Da war er sicher. Nikolaj konnte es spüren. Die Sanduhr, durch die seine Lebenszeit rieselte, bekam einen weiteren Sprung immer dann, wenn ihn der Wecker aus dem REM-Schlaf riss. Scheiß verantwortungsbewusstes Erwachsenendasein! Sauer auf sich selbst und die Welt im Allgemeinen, rutschte er aus dem Bett und wackelte ins Bad. Nikolajs Morning-Routine entsprach in etwa der eines Sechsjährigen: Zähne putzen. Haare so kämmen, dass kein Unterschied sichtbar wurde. Gähnen. In Kleidung von gestern schlüpfen. Es gut sein lassen und zur Küche schlurfen. Erst dort versuchte er das Kind in sich zu verscheuchen und braute dazu einen doppelten Espresso. Der würde ihn hoffentlich endgültig aufwecken und sein Bewusstsein aus dem Stand-by-Modus hochfahren. Er renkte sich beinahe die Schulter aus, bei dem Versuch die schweren Rollos zu öffnen. Nikolaj blinzelte in das diffuse Licht eines frühsommerlichen Sonnenaufganges. Die Kleinstadt vor seinem Fenster sah so betulich und rechtschaffen aus, wie die Landschaft der Modelleisenbahn seines Großonkels. Nur dass diese in dessen Keller verstaubte, während Nikolajs Wohnort gerade erwachte.
Aus dem zweiten Stock blickte er bis auf die Hauptstraße hinüber, wo der Kastenwagen des Bäckers gerade an der alten Dame mit ihrem halb toten Mischlingshund vorbei zischte, welche man stets nur um diese Tageszeit zu Gesicht bekam, sonst nie. Als wäre sie ein Phantom, ein Gespenst und fünf Uhr früh ihre Geisterstunde, während der sie spuken konnte. Nikolajs professionelle Seite fragte, wer sich wohl um die gebrechliche Frau kümmerte? Sein müdes Morgen-Ich antwortete: Hauptsache nicht wir! Der Kaffee wurde kalt, während Nikolaj sich eine Weile im Ausblick verlor und erschrak, sobald die rot blinkende Anzeige der Mikrowelle halb sechs anzeigte. Es wurde Zeit sich aufzuraffen. Espresso exen. Rucksack vom Boden aufheben. Prüfender Griff, ob der Schlüsselbund in dessen Tiefen versteckt lag. Alles da. Los.
Den Aufzug nehmen war ein Fehler. Warum verspiegelte man eine enge Kammer aus Stahl und montierte eine LED-Leuchte, mit der präzisen, kalten Leuchtkraft eines chirurgischen Instruments, an dessen Decke? Nikolaj schaute weg. Seine Sneaker waren ausgetretene Modelle, welche er schon so lange besaß, dass er glaubte seine Mutter musste sie ihm noch gekauft haben. Trotzdem betrachtete er die alten Schuhe heute lieber als sein unausgeschlafenes Gesicht, in dem verschmierten Spiegel. Das Gegenteil jedes Insta-Filters. Er wusste was er zu sehen bekäme.
„Du hast die Mähne deines Vaters, Kolja", hatte Mama immer gesagt und die alte Friseurschere aus dem Waschbeckenunterschrank geholt, sobald es ihrer Meinung nach Zeit wurde die Haare des Sohnes zu stutzen. Auf dem Wannenrand gebeugt hockend, hatte Nikolaj sich beschwert warum sie das selbst machen musste, statt ihm Geld für den Friseurbesuch zu geben. Aber Nastjenka war sparsam gewesen. Ihre größte und notwendigste Tugend. Die schwarzen Stoppeln hatte sie mit der Brause in den Abfluss gespült, während sie Nikolaj einen dicken Kuss auf den Hinterkopf gab, sobald sie fertig war.
„Jetzt bist du wieder mein hübscher Junge!", hatte sie mit dem inbrünstigen Stolz einer
liebenden Mutter gesagt und ihn gezwungen das Ergebnis im Spiegel zu betrachten. Nikolaj selbst hatte der dunkelhaarige Teenager nie gefallen, aber Mama zuliebe behauptete er stur das Gegenteil. Heute schnitt ihm Amir in seinem Barber-Salon an der Ecke die Haare, wenn Nikolaj es über sich brachte hinzugehen. War schon lange her. Jetzt wo er das Geld besaß und selbst entscheiden konnte, sehnte er sich nach den selbstgemachten Haarschnitten seiner Mutter.
Endlich erreichte er das Untergeschoss und rettete sich in den finsteren Fahrradkeller. Hier warf nichts eine Reflexion. Unverputzter Beton von allen Seiten, hielt sich höflich mit jeder Beurteilung von Nikolajs Erscheinungsbild zurück. Er schulterte sein Fixie und trug das leichte Fahrrad die Treppe hinauf, an die Oberfläche. Es war jedes Mal wie auftauchen aus tiefem Wasser, wenn der enge Keller der Wohnanlage ihn freigab. Er liebte das Gefühl, obwohl er noch nie wirklich getaucht war. Zumindest nicht weiter als die vier Meter im Springerbecken des Freibades. Und das ging schon hart an die Grenze seiner Trommelfelle und der irrationalen Angst zu ertrinken. Seine Beine und das Rad waren gute Freunde, trugen Nikolaj sicher die leere Straße hinunter. Ein paar Kilometer nur. Das Fixie verzeiht keine Fehler. Solange du trittst fährst du, wenn nicht - dann nicht. Kein Leerlauf, keine Ausreden. Er mochte das, schätze die Ehrlichkeit und Gefahr sich der Länge nach hinzulegen, wenn man es nicht verstand zu bremsen. Nikolaj tat genau das im Hinterhof der Klinik und erlaubte sich beim Absteigen ein tiefes Seufzen. Bis zu diesem Moment hatte er verdrängen können was ihn erwartete. Nikolaj schickte immer noch jeden Morgen ein Stoßgebet zum Himmel, mit der Bitte es möge auch heute niemandes Tod auf seine Rechnung gehen.
Der abgetretene PVC-Boden im Klinikkeller war so grün wie Nikolajs Hoffnung keine Fehler zu machen und genauso brüchig. Die Katakomben des sanierungsbedürftigen Gebäudes weckten stets das Gefühl in ihm nach Hause zu kommen, obwohl es der Schauplatz seiner größten Ängste war. Immerhin verbrachte Nikolaj hier an den meisten Tagen mehr Zeit als in seiner Wohnung, darum wunderte es ihn nicht wie heimisch er sich glaubte.
Die Herrenumkleide im hinterletzten Winkel des Kellers war menschenleer, dafür vollgestopft mit Schuhen in ähnlich heruntergekommenem Zustand wie Nikolajs. Der Geruch warbetäubend, aber gewohnt. Er stopfte seine Kleidung hektisch in den Spind und suchte in Unterwäsche einen passenden Kittel aus dem Gitterwagen. Das Beste an seiner Arbeit war, dass man sie in einem Schlafanzug machen durfte, denn so fühlte sich die hundertausendfach durch die industrielle Kochwäsche gequälte Arbeitskleidung an. Endlich fertig und deutlich zu spät dran, schlappte er schließlich durch die automatischen Türen am Hintereingang zur Notaufnahme.
Noch war es ruhig, die Pflegekräfte der Nachtschicht verabschiedeten sich gerade müde und traten erleichtert den Rückzug an. Man grüßte, wünschte sich eine ruhige Schicht und im Gegenzug eine gute Nacht - morgens um sechs. Nikolaj betrat das fensterlose Kabuff, welchessich Arztzimmer schimpfte. Hier saß Petros, der blondeste Grieche auf dem Erdball, erschöpftinmitten eines planlos montierten Rudels aus Monitoren und Anzeigetafeln, über die Patientendaten und Kurven zuckten, während sie nicht aufhörten leise zu piepen und zu zirpen, was Nikolaj augenblicklich genauso ignorierte wie sein übermüdeter Kollege.
„Endlich, ich dachte schon du lässt mich hier verrotten", grüßte Petros und fuhr sich über das blass glänzende Gesicht. Er trug Nikolajs neues Stethoskop um den Hals hängend. Elender Dieb.
„Sorry, war's schlimm?"
„Wie immer, du wirst es gleich erfahren. Der Jackpot des Dienstes liegt noch in Schockraum Zwei, aber den fahre ich selbst hoch auf Intensiv. Rentiert sich nicht, dir dieses Elend für die paar Minuten noch zu übergeben."
„Danke, Petros." Nikolaj war froh, dass ihm der erfahrenere Kollege diese Arbeit abnahm, was nicht selbstverständlich war, da dieser längst Feierabend hatte. Aber welcher Assistenzarzt konnte sich schon den Luxus gönnen seine Dienstzeiten einzuhalten? Während sich Nikolaj an den Schreibtisch setzte, sprang die Tür auf und eine Pflegekraft steckte breit lächelnd den Kopf herein. Daniela, frisch und voller Tatendrang, als hätte sie einen unerschöpflichen Akku verbaut, welcher Müdigkeit nicht zuließ.
„Morgen Jungs! Wir holen Kaffee in der Kantine, wollt ihr auch was?"
„Wie immer", brummte Petros und warf der jungen Frau seinen Mitarbeiterausweis zu. Es war ungeschriebenes Gesetzt, dass die Ärzte zahlten, wenn die Pflege Kaffee für alle besorgte.
Danielas dicker Zopf baumelte über ihre Schulter und verfing sich im Namensschild auf ihrer Brust. „Für dich, Niko?", fragte sie weiterhin gut gelaunt. Nikolaj hasste es, wenn man ihn so nannte und bat alle Kollegen es sein zu lassen, aber der Spitzname klebte an ihm wie Patientenkotze.
„Cappuccino, danke Dani." Er lächelte bemüht. Daniela zwinkerte ihm zu und verschwand.
„Also, wo waren wir?", fragte Petros, zerstreut durch die Patientenliste scrollend.
„Nirgends, wir haben noch nicht angefangen."
„Na dann los."
Nikolaj holte seine Zettel vom Vortag aus dem Kittel, für die er von Petros einen belustigten Blick erntete, denn der glaubte nicht an schriftliche Notizen. Die beiden gingen alle anwesenden internistischen Patienten reihum durch. Unklares Abdomen in Zimmer drei. Weiblich, dreiundvierzig, wahrscheinlich ist es die Galle. Wartet noch auf einen Ultraschall. Aufnehmen.Thoraxschmerzen in Zimmer fünf. Männlich, Mitte Sechzig mit Bluthochdruck und Übergewicht. Hat Röntgen, EKG und körperliche Untersuchung erhalten, wartet auf die Laborergebnisse. Unter laufender Therapie stabil, will unbedingt seine Ehefrau bei sich haben. Hier verdrehte Petros die Augen. So ging es weiter. Sechs Patienten in den normalen Untersuchungszimmern, einer im Schockraum, wo die wirklich bedrohlichen Fälle behandelt wurden. Petros zeigte auf einen der warnend blinkenden Monitore.
„Das ist der Schockraum. Exazerbierte COPD, hängt an der NIV. Ich warte nur, dass mich Station 6-A anruft, damit ich ihn bringen kann, aber die machen selbst gerade Übergabe, da habe ich noch genug Zeit meinen Kaffee zu trinken." Damit schloss Petros seinen Bericht und nahm erfreut den Pappbecher entgegen, welchen Dani wie auf ein Stichwort gerade hereinbrachte.
„Mach denen mal Beine, wir wollen auch noch frühstücken, bevor der Wahnsinn losbricht! Solange dieses Wrack den Schockraum besetzt, haben wir keine Ruhe", beschwerte sich Daniela, während sie Nikolaj dessen Kaffee in die Hand drückte.
„Sehr wohl", ächzte Petros und wählte die Nummer der Intensivstation. Ein Patient der auf Grund seiner chronischen Lungenerkrankung so schlecht Luft bekam, dass ihm mit einer Beatmungsmaske geholfen werden musste, brauchte lückenlose Betreuung, da er sich jederzeit verschlechtern konnte und nie unbeobachtet bleiben durfte, selbst unter Monitorüberwachung. Nichts ersetzte echte Menschen am Patientenbett. Noch nicht. Aber diese Menschen wollten eine Pause machen, bevor die Schicht so richtig begann und die Notaufnahme volllief. Auch Nikolaj war bestrebt diese tickende Zeitbombe aus seinem Verantwortungsbereich geschafft zu wissen, so schnell es ging.
„Dann mache ich ihn jetzt reisefertig, danke Josch", säuselte Petros und legte auf. „Wir dürfen kommen, gehst du mit?"
Nikolaj nickte, leerte schnell den Becher und nahm sein Stethoskop kommentarlos von Petros' Hals. Er hatte erst ein paar Mal die Chance gehabt, einen Intensivpatienten zusammen mit einem fähigen Kollegen zu befördern und die Übergabe mit anzuhören, diese Gelegenheit kam gerade recht. Als sie sich aufraffen wollten, rauschte Daniela wieder in das Zimmer. Dieses Mal ohne Lächeln. „Petros! Schockraum! Jetzt!", rief sie alarmiert und eilte ohne weitere Erklärung in besagte Richtung voraus. Gleichzeitig mit ihrer Warnung, begann der zugehörige Monitor hinter den Ärzten, ein frenetisches Schrillen. Die jähe Unruhe, in der bisher friedlichen Notaufnahme, wurde körperlich spürbar. Nikolaj stellte es jedes Nackenhaar einzeln auf. Die Zeitbombe fiel ihnen gerade auf die Füße und drohte hochzugehen.
„Fuck!", fluchte Petros und hechtete über den Flur. Nikolaj dicht hinter ihm, hatte beim Erreichen des Notfalls bereits nervöse Schweißflecken unter den Achseln und ein unkontrollierbares Zittern in den Händen. Die drei anwesenden Pflegekräfte arbeiteten routiniert, aber sichtlich angespannt an dem älteren Herren, der ganz offenbar mit dem Tod rang. Um das zu erkennen brauchte es keine medizinischen Geräte. Das bloße Auge reichte. Er war bläulich-blass im Gesicht, unter der eng darauf festgeschnürten Beatmungsmaske. Untergewichtig bis zur Grenze dessen was noch vertretbar war, nass vom eigenen Schweiß und nicht mehr bei Bewusstsein. Petros drehte an der Beatmungsmaschine und starrte abwechselnd auf den Patienten und dessen fiependen Monitor.
„Scheiße, da geht nichts mehr rein!", schimpfte er in Bezug auf die Beatmungssituation und begann sogleich laut, aber kontrolliert, Befehle zu geben.
„Dani, ich brauche ein aktuelles Blutgas!"
„So gut wie fertig!", kam es deutlich von Daniela, die bereits eine Nadel in das Handgelenk des Patienten versenkt hatte, als wäre es so einfach wie Schuhe binden.
„Lara! Intubation!", rief Petros als Nächstes. Die Angesprochene nickte ernst und riss sogleich alles benötigte Sterilgut auf, welches gebraucht wurde, um einen Beatmungsschlauch in der Luftröhre des Patienten zu platzieren, jetzt wo die Maske nicht mehr ausreichte.
„Bozena, ruf die Anästhesie an, ich brauche Backup!" Petros platzierte sich hinter dem Kopfteil der Patientenliege, drückte deren Lehne herunter, griff dem bewegungslosen Mann an den Kiefer, um den Kopf richtig zu positionieren und drehte sich zu Nikolaj herum.
„Auf geht's! Das ist deine Chance!"
Alles war vorbereitet, Lara spritzte bereits Medikamente, während Petros die Beatmungsmaske löste. Die Intubation stand an. Das hatte Nikolaj an Puppen geübt. Im Studium elegante anatomische Zeichnungen von Kehlkopf und Stimmlippen studiert, Videos und Lehrfilme darüber gepaukt, aber es noch nie selbst gemacht. Die Panik davor einen 8,5mm dicken und 30cm langen Kunststoffschlauch, durch die sensiblen Strukturen im Hals eines Menschen zu schieben, stand ihm ins Gesicht geschrieben und alle Anwesenden konnten sie sehen.
„Komm, der ist schon tot, schlimmer wird's nicht", Petros winkte Nikolaj heran. Der war sprachlos, gehorchte aber. Petros redete sich leicht, hatte auf perverse Weise aber Recht. Toter als tot war nicht möglich, der schlimmste Fall war längst eingetreten. Ab hier konnten sie es nur besser machen. Alle medizinischen Geräte alarmierten im Kanon, wie der bedrohlich singende Chor einer Wagner Oper. Bozena drückte die Pause-Knöpfe, es wurde leiser. Volle Konzentration. Alle Augen waren auf Nikolaj gerichtet.
„Wo wir gerade dabei sind, soll ich schon drücken?", fragte Daniela, mit Fingerzeig auf das kaum mehr vorhandene EKG des Patienten. Sie deutete mit den Händen die Herzdruckmassage an.
„Gib Nikolaj eine Chance, dann ja", orderte Petros und drückte Nikolaj den Spatel in die zitternden Hände, mit dem er die Zunge und den Kehldeckel des sterbenden Mannes aus dem Weg schaufeln sollte, um dem Tubus seinen Weg zu bereiten. „Schritt für Schritt, wie du es gelernt hast, nur schneller!", wies Petros ruhig an. Nikolaj schob den Spatel von rechts zwischen die Zähne und hinter die Zunge, zog am Griff und schaute auf einen See aus gelblicher Kotze, statt auf rosige Schleimhäute und weiß schimmernde Stimmbänder.„Absauger!", bellte Petros und bekam selbigen in die Hand gedrückt. Das schmatzende Geräusch, mit dem das Erbrochene entfernt wurde, machte es nur schlimmer. Nikolajs Arm verkrampfte, seine Hand schmerzte, sein eigenes Herz hämmerte so laut, dass er Petros' Anweisungen kaum verstand. Aber dann endlich sah er die Stelle, wohin er wollte und schob den Schlauch mit beherztem Druck, bis zur Markierung, in die Luftröhre des Patienten. Lara nahm ihm das Ende des Tubus ab und fixierte es, Petros schloss die Beatmungsmaschine an und gab weitere Anweisungen, was zur Stabilisierung des Mannes getan werden musste. Ein grün gekleideter Kollege von der Anästhesie kam dazu und beriet sich mit Petros über die Beatmungseinstellungen, bevor er weitere Zugänge legte und den Transport in die Wege leitete. Nikolaj sah das wie aus der Ferne, beobachtete die Szenerie als unbeteiligter Zuschauer. Seine Hände waren schleimig von den Aussonderungen des Patienten. Er hatte in der Hektik keine Handschuhe angezogen, wie es eigentlich oberste hygienische Vorschrift war, aber im Notfall gab es kaum eine Regel die nicht gebogen werden konnte. Es rauschte in Nikolajs Ohren. War er das gerade gewesen? Hatte er das getan? Die Erinnerung verschwamm bereits im Nebel des natürlichen Adrenalins, welches durch seinen Körper genauso gepumpt wurde, wie das Künstliche aus den Spritzen, in den des Patienten. War es wirklich passiert, oder träumte er immer noch? War das Gefühl zu fallen diesmal echt, oder wieder nur Einbildung?
„Gut gemacht!", Daniela schlug ihm lobend auf die Schulter. Nikolaj erschrak. Sie reichte ihm ein Desinfektionstuch für seine Hände. „Wasch dir lieber die Pfoten", grinste Daniela und schob ihn zum Waschbecken im Flur. Die nächsten zwei Stunden zuckte Nikolaj bei jedem Piepen zusammen, bis eine weitere ärztliche Kollegin und schließlich ihrer beider zuständiger Oberarzt den Dienst antrat. Nicht mehr alleine auf weiter Flur, fiel die Anspannung des Geschehens am Morgen endlich von ihm ab. Der Mann hatte überlebt und Nikolajs restliche Patienten taten es bist zum Dienstschluss ebenso. Auch wenn er sich an diesem Tag noch von einer verwirrten Seniorin anspucken und vom Sohn einer krebskranken Patientin als dummer Wichser beschimpfen lassen musste, während er versuchte ersterer Blut abzunehmen, letztere vorschriftlich bezüglich ihrer Chemotherapie zu beraten und dabei professionell zu bleiben. Die Angst davor, was geschehen hätte können, wenn Petros pünktlicher nach Hause gegangen und er alleine im Schockraum zuständig gewesen wäre, saß ihm dabei im Nacken. Natürlich gab es die Pflegekräfte und Verstärkung aus der Anästhesie kam immer zügig dazu, aber Nikolajs Name hätte auf dem Arztbrief gestanden, wenn der Patient in der kurzen Zeitspanne dazwischen gestorben wäre.
Am späten Nachmittag schälte sich Nikolaj aus seinem muffigen Kittel und entdeckte einen Blutfleck auf der Hose, der ihm bis dahin nicht aufgefallen war. Widerlich. Noch fünf Dienste. Er schwang sich aufs Rad und hoffte es würde morgen weniger schlimm werden. Zuhause setzte er sich auf den handtuchgroßen Balkon vor seiner Küche und trank die Weinflasche aus, die er gestern nach der Arbeit geöffnet und ohne zu genießen halb geleert hatte. Er wusste, es war nicht gesund jeden Feierabend so zu beginnen. Direkt aus der Flasche, ohne Glas, ohne abzusetzen. Niemand musste gerade ihm sagen, dass er gefährlich nah daran war sich ein ernsthaftes Suchtproblem zuzulegen. Stress und Überforderung im Alkohol zu ertränken schien eine einfache Lösung, erwies sich aber als unmöglich. Das nagende Gefühl erstand jeden Tag von den Toten auf, wie der Messias selbst. Nikolaj betrachtete mit schwerem Kopf und unstetem Blick seine langen Beine, die er auf dem Geländer abgelegt hatte. Vor dem Hintergrund des rosa Dämmerlichts über der Stadt, sah es schön aus so dazusitzen. Er zählte bereits die Stunden, bis er wieder in die Arbeit musste.





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