Chapter 1
Olivia
„Noch einen Shot!“
Jules hebt ihr Glas so begeistert in die Luft, dass ich lachen muss. Emily stöhnt gespielt genervt auf und schiebt ihr direkt die nächste Zitronenscheibe zu.
„Du willst uns heute wirklich umbringen.“
„Quatsch.“Jules grinst unschuldig. „Ich will nur, dass wir Spaß haben. Das Leben ist viel zu kurz, um vernünftig zu sein.“
„Das sagt ausgerechnet die Frau, die letzte Woche ihren Steuerberater angerufen hat, weil sie Angst hatte, ihre Quittungen falsch sortiert zu haben.“
Emily und ich brechen gleichzeitig in Gelächter aus.
„Das war EINMAL!“
„Dreimal“, verbessere ich sie grinsend.
Jules streckt mir die Zunge raus.
Ich lehne mich entspannt auf meinem Barhocker zurück und lasse den Blick durch den Club schweifen. Bunte Lichter tanzen über die Wände, die Musik lässt den Boden unter meinen Füßen leicht vibrieren und überall wird gelacht, getanzt und gefeiert.
Eigentlich bin ich gar nicht der Typ für solche Abende.
Ich verbringe meine Freizeit lieber mit einem guten Buch, einer Serie oder einem Spieleabend mit genau diesen beiden Chaoten.
Aber heute ist anders.
Emily hat ihre Beförderung gefeiert und Jules bestand darauf, dass wir etwas machen, woran wir uns noch in zwanzig Jahren erinnern.
Deshalb sitzen wir jetzt in einem Stripclub.
Ich hätte vor ein paar Stunden niemals gedacht, dass ich diesen Satz irgendwann mal sagen würde.
„Du bereust es doch nicht, oder?“, fragt Emily und mustert mich aufmerksam.
Ich schüttle den Kopf.
„Nein. Ehrlich gesagt macht es sogar Spaß.“
„Siehst du!“ Jules klatscht begeistert in die Hände. „Ich kenne dich eben.“
„Das wage ich zu bezweifeln.“
„Doch.“
„Nein.“
„Doch.“
Emily verdreht lachend die Augen.
„Ihr seid schlimmer als ein altes Ehepaar.“
„Bitte nicht.“ Ich verziehe das Gesicht. „Ein Ex reicht mir vollkommen.“
Jules Grinsen verschwindet ein wenig.
„Tut’s noch weh?“
Ich überlege einen Moment.
Vor drei Jahren hätte ich diese Frage vermutlich mit Ja beantwortet.
Heute?
„Nein.“
Und das stimmt sogar.
Mein Ex hat sich damals von mir getrennt. Nicht, weil wir ständig gestritten hätten.
Nicht, weil wir uns auseinandergelebt hätten.
Sondern weil ihm irgendwann auffiel, dass ich eben keine Kleidergröße 36 trage.
Er hatte wortwörtlich gesagt, dass er jemanden wolle, den er ohne nachzudenken seinen Freunden vorstellen könne.
Jemanden, der besser aussehe.
Damals tat das höllisch weh.
Heute weiß ich, dass er mir eigentlich einen Gefallen getan hat.
Denn wenn ein Mensch mich nur nach meiner Figur beurteilt, war er niemals die Liebe meines Lebens.
„Du bist wunderschön“, sagt Emily plötzlich.
Ich sehe sie überrascht an.
„Woher kommt das denn jetzt?“
„Weil du gerade wieder diesen Blick hast.“
Jules nickt sofort.
„Und falls dieser Idiot irgendwann merkt, was er verloren hat, hoffe ich, dass du ihm die Tür vor der Nase zuschlägst.“
Ich muss lachen.
„Versprochen.“
Die Musik wird plötzlich lauter.
Das Licht verändert sich.
Ein Scheinwerfer richtet sich auf die große Bühne in der Mitte des Clubs.
Sofort beginnen die Gäste zu jubeln.
„Jetzt geht’s los!“, quietscht Jules begeistert.
Mehrere Männer betreten gleichzeitig die Bühne.
Groß.
Trainiert.
Attraktiv.
Das Kreischen der Frauen wird noch lauter. Ich schüttle grinsend den Kopf.
„Mein Gott…“
„Nicht wahr?“, sagt Jules völlig begeistert.
Ich beobachte die Männer eher neugierig als alles andere. Bis mein Blick an einem von ihnen hängen bleibt. Er steht etwas weiter hinten.
Dunkelbraune Haare.
Kurz geschnitten.
Breite Schultern.
Tätowierte Unterarme.
Und selbst aus dieser Entfernung erkenne ich diese unglaublich grünen Augen.
Er lächelt nicht so übertrieben wie die anderen.
Er wirkt ruhiger.
Selbstbewusster.
Fast so, als müsste er niemandem beweisen, dass er gut aussieht.
Ich merke erst, dass ich ihn anstarre, als Emily mich leicht mit dem Ellbogen anstupst.
„Na?“
„Was?“
„Du hast gerade seit einer Minute nicht geblinzelt.“
Hitze steigt mir ins Gesicht.
„Gar nicht wahr.“
Jules lacht.
„Olivia findet einen Stripper heiß.“
„Psst!“
„Sie wird rot!“
„Ich werde nicht rot!“
„Doch.“
Ich verstecke mein Gesicht hinter meinem Glas.
„Ihr seid unmöglich.“
Auf der Bühne beginnt die eigentliche Show.
Die Männer tanzen synchron, das Publikum jubelt und immer wieder verlassen einzelne Tänzer die Bühne.
Sie laufen durch die Reihen.
Flirten.
Lachen.
Ziehen Frauen spielerisch auf die Tanzfläche. Die meisten springen sofort begeistert auf. Andere lassen sich mit gespielter Gegenwehr mitziehen.
Ich sinke ein kleines Stück tiefer auf meinen Stuhl.
Bitte nicht.
Nicht ich.
Ich bin völlig zufrieden damit, von hier aus zuzusehen.
Der Mann mit den grünen Augen verschwindet plötzlich zwischen den Tischen.
Ich verliere ihn kurz aus den Augen.
Keine Ahnung warum, aber ich suche ihn sofort wieder. Sekunden später entdecke ich ihn.
Er kommt langsam näher.
Sehr viel näher.
Mein Herz macht einen kleinen Sprung.
Nein.
Bitte nicht.
Er bleibt genau vor unserem Tisch stehen. Jules hält sich bereits kichernd den Mund zu.
Emily grinst verdächtig breit.
Der Fremde sieht erst die beiden an. Dann richtet er seinen Blick auf mich.
Direkt in meine Augen.
Für einen Moment scheint der ganze Club zu verschwinden. Er streckt mir seine Hand entgegen.
„Komm mit.“
Ich starre ihn an.
„Ich… was?“
Er lächelt nur.
Und mein Herz hört auf einmal auf, vernünftig zu funktionieren.








