Schattenherzschläge- Die Wahrheit hat einen Preis
Berlin schläft nie wirklich. Selbst kurz vor vier Uhr morgens rollen Lieferwagen durch Neukölln, Taxis stehen vor Hotels, Fahrradkuriere liefern Essen aus, und irgendwo heult eine Sirene. Zwischen all dem sitzt Anna Reimers über ihrem Laptop.
Sie ist Investigativjournalistin.
Seit fast acht Monaten arbeitet sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Jonas Berg an einer Artikelserie über Clankriminalität, Kokainhandel und Geldwäsche in Berlin.
Dieses Mal ist alles anders.
Es gibt keine Gerüchte, keine anonymen Behauptungen.
Kontoauszüge, Grundbuchauszüge, Zeugenaussagen, Fotos und interne Polizeiberichte. Jedes Dokument wurde überprüft, jede Quelle verifiziert. Die Fakten sind eindeutig und kaum zu widerlegen.
Der erste Artikel erscheint an einem Freitagmorgen. Am Abend erhält sie die erste Drohung.
Sie ignoriert sie.
Am Samstag folgt die zweite.
Am Sonntag findet sie eine stinkende Blutlache vor ihrer Wohnungstür.
Am Montagmorgen veröffentlicht die Redaktion den zweiten Teil der Recherche.
In der Nacht klingelt es. Anna erwartet niemanden.
Als sie durch den Türspion blickt, sieht sie zwei Männer in Arbeitskleidung. Beide tragen einen Werkzeugkoffer.
„Hausverwaltung“, ruft einer aus dem Treppenhaus.
Sie öffnet nicht. Im nächsten Augenblick zerbirst die Wohnungstür.
Die Gewalt muss spürbar sein – eine zerbrochene Wohnungstür hat eine andere Wirkung als ein manipuliertes Türschloss.
Jonas Berg sitzt währenddessen in einem anonymen Hotelzimmer irgendwo in Brandenburg. Er ist untergetaucht, nachdem er dieselbe Blutlache vor seiner Wohnung entdeckt hat.
Anna wollte davon nichts wissen. Sie ist ehrlich enttäuscht von der Entscheidung ihres Kollegen. Doch mit seiner Flucht hat sie nicht gerechnet. Trotzdem verurteilt sie ihn nicht.
„Jeder trifft seine eigene Entscheidung“, hat Jonas gesagt, bevor sie sich trennen.
Die Berliner Polizei hat ihm offen erklärt, dass sie gegen eine derart vage Drohung kaum etwas unternehmen kann.
Wen sollen sie festnehmen? Diese Frage stellt ihm der Hauptkommissar mit einem Anflug von Sarkasmus unter seinem Schnurrbart. Eine Blutlache allein ist keine Spur, die vor Gericht Bestand hat.
Da klingelt Jonas’ Telefon.
„Herr Berg?“
„Ja?“
„Frau Reimers lebt, aber sie liegt im Koma.“
Das teilt ihm die Sekretärin des Chefredakteurs mit, der sich weigert, mit Jonas zu sprechen – insbesondere nach dem, was Anna zugestoßen ist.
Jonas schließt die Augen.
Die Nachricht verbreitet sich schneller als jeder ihrer Artikel.
Fernsehen.
Radio.
Onlineportale.
Journalisten demonstrieren vor dem Roten Rathaus. Opposition und Regierung beschuldigen sich gegenseitig. Der Regierende Bürgermeister verspricht Konsequenzen.
Der Polizeipräsident spricht von einem Angriff auf die Pressefreiheit. Doch für viele klingt das wie eine weitere Presseerklärung ohne greifbare Folgen. Keine Zeugen. Keine verwertbaren Spuren. Wieder heißt es, den Ermittlern seien die Hände gebunden.
Zwei Tage später.
Direktor Schultz, Europol-Direktor, legt schweigend eine Akte auf den Tisch. Auf der anderen Seite sitzt Ott. Sie treffen sich in Amsterdam, in einer kleinen Kneipe unweit von Otts Loft.
Ott trinkt wie immer schwarzen Kaffee. Schultz bleibt bei stillem Wasser. Es ist eines ihrer Stammlokale. Der Besitzer, ein ehemaliger Seemann, begrüßt Ott jedes Mal mit demselben Spruch:
„Du trinkst immer nur diesen beschissenen Kaffee. Vierzig Jahre bin ich zur See gefahren. Männer, die keinen Schnaps trinken, haben keine Eier.“
Ott reagiert nie darauf. Stattdessen zeigt sich auf seinen Lippen jedes Mal ein Anflug von Lächeln.
Gerade deshalb mag der alte Mann ihn. Beide sind stur. Beide reden wenig.
Ott schlägt die Akte langsam auf.
Er betrachtet aufmerksam das Deckblatt.
Anna Reimers.
Vierunddreißig Jahre.
Investigativjournalistin.
Darunter das zweite Bild.
Krankenhaus. Intensivstation. Schläuche, Monitore und Beatmungsgeräte halten sie am Leben.
Ott sagt nichts.
Schultz kennt ihn lange genug, um zu wissen, dass Schweigen bei Ott niemals Gleichgültigkeit bedeutet.
„Berlin hat offiziell um Unterstützung gebeten.“
Er formuliert den Satz bewusst vage. Er erwähnt nicht, wer genau um Hilfe ersucht hat.
Keine Reaktion.
„Der Fall entwickelt sich hässlich.“
Noch immer schweigt Ott. Erst beim letzten Satz hebt er den Blick.
„Die Berliner Polizei kann den zweiten Journalisten nicht dauerhaft schützen.“
Ott steht auf.
„Wo ist er?“
„Sie wissen es nicht. Niemand weiß, wo er sich aufhält.“
Ott greift nach seiner Lederjacke.
„Jetzt nicht mehr.“
Berlin. Mehrere Stunden später.
Ott betritt die Intensivstation. Niemand hat ihn kommen sehen. Plötzlich steht er zwischen den Monitoren und blickt schweigend auf Anna Reimers.
Sie liegt regungslos im Krankenbett. Kabel, Schläuche und Infusionsleitungen bedecken ihren Körper. Das gleichmäßige Piepen der Geräte ist das einzige Geräusch im Raum.
Eine alarmierte Krankenschwester bemerkt den unbekannten Mann und verständigt den Schutzpolizisten, der vor der Station Dienst hat und angeblich Anna schützen sollte.
Als der Beamte das Zimmer betritt, sieht er zunächst nur den Rücken eines großen, schlanken Mannes mitten im Raum.
„Entschuldigen Sie, hier dürfen Sie …“
Ott dreht sich langsam um. In seiner erhobenen Hand liegt der Europol-Dienstausweis.
Unter der geöffneten roten Lederjacke sind die beiden Schulterholster mit den Revolvern deutlich zu erkennen.
Der Beamte verstummt augenblicklich.
Die schwarze Kleidung.
Die rote Lederjacke.
Die schwarzen Augen und das blasse Gesicht.
Er hat Ott sofort erkannt.
„Verstanden.“
Ott nickt kaum merklich.
Inzwischen tritt der behandelnde Arzt hinzu.
„Mehrfache Organverletzungen, Schädel-Hirn-Trauma, massive innere Blutungen, mehrere Operationen. Im Moment kämpfen wir lediglich darum, sie am Leben zu halten.“
Ott hört nur mit halbem Ohr zu.
Sein Blick ruht auf Annas Händen. Unter mehreren Fingernägeln kleben noch feine, eingetrocknete Blutreste. Sie hat sich gewehrt. Bis zuletzt.
Ott nickt einmal. Es ist keine Geste des Mitleids. Es ist Anerkennung.
Gut für dich, Anna, denkt er.
Dann dreht er sich um und verlässt wortlos das Zimmer.
Vor der Tür wartet eine junge Krankenschwester. Verzweiflung spiegelt sich in ihren Augen.
„Glauben Sie, dass Sie die Täter finden?“
Ott bleibt stehen.
„Nein.“
Die Schwester sieht ihn erschrocken an.
Ott blickt sie ruhig an.
„Ich werde sie holen.“
Dann geht er weiter.
Am Abend verschwindet Ott aus allen offiziellen Systemen. Sein Dienstwagen bleibt auf dem Parkplatz des Krankenhauses zurück.
Sein Diensttelefon ist ausgeschaltet. Das GPS-Signal verschwindet. Auch seine Europol-Kennung meldet sich nicht mehr im Netzwerk.
Schultz weiß sofort, was das bedeutet. Ott hat aufgehört, nach Vorschrift zu ermitteln.
Jetzt beginnt seine Jagd.
Berlin ist laut.
Nicht nur auf den Straßen. Fernsehsender berichten im Minutentakt über den Angriff auf Anna Reimers. Zeitungen veröffentlichen Sonderausgaben.
In den sozialen Netzwerken überschlagen sich die Spekulationen. Politiker fordern Konsequenzen. Verbände sprechen von einem Angriff auf die Pressefreiheit. Talkshows diskutieren über organisierte Kriminalität.
Im Görlitzer Park läuft das Geschäft weiter.
Alle zehn bis zwanzig Meter sprechen Dealer neue Kunden an. Fahrradkuriere bewegen sich langsam über die Wege. Kleine Päckchen und Geldscheine wechseln beinahe beiläufig den Besitzer.
An den Eingängen stehen Beobachter, die jede auffällige Bewegung sofort weitergeben. Für sie ist der Park ein Unternehmen – ein äußerst profitables.
Ott betritt den Park.
Während er über die Wege geht, denkt er, dass fast jeder Berliner den Park nur „Görli“ nennt. Er findet diesen Kosenamen angesichts der Realität lächerlich.
Er trägt keine Schutzweste. Keine verdeckte Ausrüstung. Keine Verstärkung. Nur seinen Schlagring und die beiden Revolver. Und seinen Willen, den Angriff auf Anna Reimers nicht unbeantwortet zu lassen.
Für einen kurzen Moment denkt er an seinen Hacker-Kumpel Floppy Disk, der zurzeit nicht erreichbar ist. Der Junge hätte sich längst in sämtliche Kameras und Smartphones der Umgebung gehackt und jeden Dealer identifiziert.
Stattdessen arbeitet Ott allein.
Die rote Lederjacke fällt zwischen den dunklen Kapuzenpullovern sofort auf. Mehrere Dealer bemerken ihn gleichzeitig. Ein junger Mann löst sich aus einer Gruppe und tritt grinsend auf ihn zu.
„Bruder, was brauchst du?“
Ott bleibt stehen.
„Den Boss.“
Der Dealer lacht laut.
„Falsche Antwort.“
Sein Grinsen verschwindet, als Ott sich keinen Zentimeter bewegt.
Erst jetzt bemerkt er den Blick des Fremden.
Kalt.
Ruhig.
Unbeweglich.
Kein Kunde. Kein Zivilfahnder. Kein Tourist.
Etwas stimmt nicht. Hinter ihm verstummen die Gespräche. Mehrere Männer drehen sich gleichzeitig zu Ott um.
Der Dealer greift nach seinem Arm. Mehr schafft er nicht.
Ott zieht die rechte Hand aus der Tasche seiner Lederjacke. Der Schlagring blitzt für eine Sekunde auf, dann liegt der junge Mann bereits am Boden, der Arm gebrochen. Noch bevor er begreift, was passiert, legt Ott ihm Kabelbinder an.
Drei weitere Männer kommen näher. Kräftige Körper, entschlossene Bewegungen.
Ott bewegt sich ebenfalls.
Sein erster Schlag trifft keinen Kopf, sondern den Brustkorb. Dem Angreifer bleibt die Luft weg. Der zweite verliert durch einen gezielten Tritt mit der verstärkten Stahlkappe seines Stiefels gegen das Knie das Gleichgewicht. Der dritte zieht ein Messer.
Ott weicht einen halben Schritt zurück. Die Klinge schneidet ins Leere.
In seiner linken Hand erscheint ein Revolver. Der Mann sieht in die schwarzen Augen und lässt das Messer fallen.
Er will in diesem Moment nicht sterben.
Der gesamte Ablauf dauert weniger als eine Minute. Dann wird es still. Dutzende Augen beobachten ihn.
Ott hebt das Messer auf, klappt es zu und legt es auf eine Parkbank.
„Wer hat hier das Sagen?“
Niemand antwortet.
Er lässt den Blick durch die Runde wandern – ruhig, unerbittlich.
„Ich frage nur einmal.“
Wieder Schweigen.
Dann hebt ein älterer Mann kaum sichtbar das Kinn in Richtung eines Cafés auf der anderen Straßenseite.
Ott nickt.
Er lässt die vier Männer liegen und geht weiter. Kurz darauf treffen die ersten Streifenwagen ein.
Im Café sitzen sechs Männer an einem Tisch in der Mitte des Raumes. Sie trinken Tee und rauchen bittere Zigaretten.
Als Ott eintritt, verstummen die übrigen Gäste.
Ein kräftiger Mann mit grauem Bart lächelt.
„Polizei?“
Ott nickt.
„Setzen Sie sich.“
Ott bleibt stehen.
„Wer hat den Befehl gegeben?“
Der Mann nimmt einen Schluck Tee.
„Welchen Befehl?“
Ott hebt die Hand und zeigt ein Foto von Anna Reimers.
Der Mann wirft nur einen kurzen Blick darauf.
„Traurige Geschichte.“
„Ja.“
„Hat nichts mit uns zu tun.“
Ott macht einen Schritt nach vorn.
„Sie wird mit euch zu tun haben.“
„Inwiefern?“
„Wenn eure Läden dichtmachen.“
Der Mann lächelt erneut.
„Sie glauben wirklich, Sie kommen hier allein herein und stellen Fragen?“
Ott antwortet nicht.
Der Bärtige bemerkt als Erster, dass draußen Bewegung entsteht. Er hat bereits darauf gewartet.
Mehrere Männer nähern sich dem Café. Langsam. Ohne Hast. Sie sollen Eindruck machen. Angst erzeugen.
Ott dreht sich um.
„Für mich?“
„Vielleicht.“
„Dann sparen wir Zeit. Geh nicht weg. Ich komme gleich zurück.“
Er dreht sich um und verlässt das Café.
Draußen bilden die Männer einen Halbkreis. Elf, vielleicht zwölf. Keine Schusswaffen. Nur Schlagstöcke, Messer und zwei Baseballschläger.
Ott bleibt stehen.
Er verschwendet keine Zeit mit Einschätzung oder Zurückhaltung. Er arbeitet mit allem, was er hat: Hände, Füße, Zähne.
In seiner rechten Hand hält er den Schlagring, in der linken den Revolver. Er beginnt sofort.
Fünf Schüsse hintereinander. Fünf Männer gehen zu Boden, verletzt und kampfunfähig.
Zur selben Zeit beobachtet Jonas Berg aus seinem Versteck die Livebilder eines Nachrichtensenders.
Die Moderatorin berichtet über neue Ausschreitungen im Görlitzer Park. Im Hintergrund sind Sirenen zu hören. Blaulicht und das gelbe Licht der Krankenwagen flackern über die Szene.
Ein Kameramann filmt verletzte Dealer, Rettungswagen und Dutzende Polizeifahrzeuge.
Von Ott ist nichts zu sehen.
Der Reporter spricht von einer unbekannten Person, die innerhalb weniger Minuten eine bewaffnete Gruppe überwältigt hat. Die Frage ist, ob das mit dem Angriff auf die Journalistin Anna Reimers zusammenhängt.
Jonas weiß sofort, wer das war.
Ott hat ihn besucht. Es war der größte Schrecken seines Lebens. Für einen Moment hat er geglaubt, es seien seine letzten Minuten. Dieser Mann mit den kalten, emotionslosen schwarzen Augen stand plötzlich in seinem Hotelzimmer. Blass wie eine Leiche.
Der Europol-Mann hat ihn sehr akribisch befragt – über die Artikel, über mögliche Auslöser der Gewalt sowie über alle Fakten und Spuren.
Besonders interessiert haben ihn die Namen der Personen, denen Jonas und Anna begegnet sind, und alles, was dadurch ausgelöst worden ist.
Danach hat sich Jonas geschämt. Der Schutz seiner Quellen und Informanten hatte im Vergleich zu Annas Zustand keine Bedeutung mehr. Außerdem spürte er, dass der Mann vor ihm keine Argumentation duldete.
Anna liegt im Koma, er hat sich versteckt. Doch das ist für Ott kein Thema. Jonas, ein erfahrener Journalist, der es gewohnt ist, Menschen zu interviewen und einzuschätzen, kann aus Ott überhaupt keine Schlussfolgerungen ziehen. Er kennt zwar seinen Ruf und einige Einsätze, doch ihm ist auch klar, dass Ott ein Mann der Schatten ist – ein Mann, der scheinbar ohne Herzschlag lebt, denkt er.
Zum ersten Mal seit Tagen hat Jonas Berg das Gefühl, dass niemand mehr nur hinterherläuft. Jemand jagt jetzt die Kriminellen.
Während Jonas versucht, seine Würde zurückzugewinnen, läuft irgendwo in Berlin in einem luxuriösen Büro ein Nachrichtensender stumm auf einem großen Bildschirm. Ein Mann im maßgeschneiderten Anzug schaltet das Gerät aus.
„Also stimmt es.“
Ein zweiter Mann nickt.
„Europol hat Ott geschickt.“
Der Ältere steht auf und tritt ans Fenster. Unter ihm liegt Berlin.
„Dann drehen wir das Spiel um.“
Er greift nach seinem Telefon.
„Sagt Rotterdam, wir packen aus.“
„Warum packen?“
„Weil Berlin heute lernen wird, dass es nicht gegen einen lokalen Clan kämpft.“
Er lächelt kaum merklich.
„Sondern gegen ein Unternehmen. Unseres. Und wir wollen nicht, dass Europol – und schon gar nicht Ott – seine Aufmerksamkeit auf uns richtet.“
„Werden sie nicht Europol auf uns lenken, um sich zu retten?“
„Nein.“ Die Antwort kommt hart. „Sie wissen, dass wir sie, ihre gesamten Familien hier und in ihrer Heimat verfolgen und bestrafen werden.“
„Ja, stimmt. Die Regeln sind eindeutig.“
Damit ist klar: Hinter dem Angriff auf Anna Reimers steht nicht nur ein Berliner Clan. Die Spur führt in ein länderübergreifendes Netzwerk organisierter Kriminalität, gesteuert aus den Niederlanden. Und Ott hat mit seiner Jagd in Berlin längst dort Alarm ausgelöst.
Am nächsten Morgen titelt die Berliner Morgenpost:
„Kriegszustand im Görlitzer Park.“
Andere Zeitungen formulieren vorsichtiger:
„Wer geht gegen die Clans vor?“
„Versagt der Rechtsstaat schon wieder?“
„Verliert Berlin erneut die Kontrolle?“
Es sind genau die Schlagzeilen, die Otts Einsätze regelmäßig begleiten: Angst, Zweifel, politische Reaktionen – bis ein Ergebnis sichtbar wird, das keine Behörde liefern kann.
Für Ott ist das nur Lärm.
Die Fernsehbilder zeigen verletzte Dealer, beschlagnahmte Drogen und zahlreiche Festnahmen durch die Berliner Polizei. Die eigentlichen Auseinandersetzungen hat keine Sendung gefilmt. Und Ott will das auch nicht.
Er braucht keine Öffentlichkeit. Er braucht Informationen. Und die hat Jonas Berg geliefert.
Noch am selben Vormittag spricht Ott mit dem jungen Kurier, dessen Arm im Park gebrochen wurde. Der Junge ist kaum zwanzig.
„Ich will raus.“
Ott hört zu und nickt.
„Rede.“
Innerhalb von zwei Stunden ergänzt der Junge – obwohl er nur eine unbedeutende Figur innerhalb der Organisation ist – Otts Erkenntnisse.
Die Berliner Clans kontrollieren den Straßenverkauf, das weiß jeder. Woher die Drogen kommen, weiß er nicht. Aber er bestätigt, dass die Niederländer in Berlin sehr aktiv sind und Geschäfte mit seinem Chef machen.
Alle Entscheidungen in Berlin trifft ein Mann, den sie nur „Onkel Mirak“ nennen.
Seine Villa liegt am westlichen Stadtrand. Von dort aus werden Lieferungen, Geldwäsche und Einschüchterungen organisiert. Auch der Angriff auf Anna Reimers wird dort beschlossen.
Die Villa wirkt wie das Anwesen eines wohlhabenden Mannes.
Hohe Hecken.
Elektrisches Tor.
Luxuswagen in der Einfahrt.
Überwachungskameras.
Ott wartet bis kurz nach Mitternacht. Keine Spezialeinheit. Kein Großaufgebot. Er will keine Schießerei.
Er kappt die Stromversorgung des Grundstücks. Währenddessen denkt er erneut an Floppy Disk. Der Hacker hätte mit wenigen Befehlen alles lahmgelegt – Strom, Sicherheit und Überwachung.
Ott muss analog vorgehen. Kabel trennen. Systeme ausschalten. Kontrolle physisch brechen.
Für wenige Sekunden liegt das gesamte Anwesen im Dunkeln. Genug Zeit. Als die Notbeleuchtung anspringt, ist Ott bereits im Haus.
Der erste Wachmann greift zur Waffe. Ott ist schneller. Der Mann geht zu Boden. Der zweite zieht ein Messer. Der Kampf dauert keine fünfzehn Sekunden.
Im Obergeschoss öffnet sich eine schwere Holztür. Ein älterer Mann tritt heraus. Er hat heute einen Anruf erhalten. Die Anweisung ist eindeutig: Die Niederlande dürfen unter keinen Umständen erwähnt werden, falls Ott vor ihm auftaucht.
Er trägt einen Maßanzug, eine goldene Uhr und zeigt keine Angst. Alles an ihm schreit Macht, patriarchalischen Anspruch und Selbstverständlichkeit. Gleichzeitig hat er das Gesicht eines Großvaters – eines Mannes, der es gewohnt ist, sich um die Seinen zu kümmern und alles zu bekommen, was er will.
„Du bist Ott.“
Ott nickt.
„Und du bist Mirak.“
Der Clanchef lächelt.
„Du glaubst wirklich, wenn du mich festnimmst, ändert sich etwas?“
Ott antwortet nicht.
Mirak gibt seinen Männern ein Zeichen, den Raum zu verlassen. Sie sollen sich retten.
„Morgen übernimmt mein Cousin.“
Ein Schritt näher.
„Übermorgen dessen Bruder.“
Noch einer.
„Nächste Woche stehen neue Dealer im Park. Und was machst du dann, Cowboy? Kommst du jede Woche hierher?“
Ott sieht ihn ruhig an.
„Du irrst dich. Wie viele vor dir.“
Er hält kurz inne.
„Ich bin kein Cowboy. Ich vollstrecke einen Ad-hoc-Haftbefehl des Europäischen Gerichtshofs. Das hier ist keine Laune.“
Er legt ihm die Handschellen an.
„Aber morgen schläfst du in Rumänien.“
Zum ersten Mal verschwindet das Lächeln aus Miraks Gesicht.
Anna Reimers erliegt wenige Tage später ihren Verletzungen.
Drei Wochen später.
Das Europol-Hochsicherheitsgefängnis in Rumänien gilt als einer der sichersten Orte Europas.
Kein unkontrollierter Telefonzugang. Keine Besucher ohne richterliche Genehmigung. Familienkontakte nur über offizielle Kanäle.
Keine Verbindung zu kriminellen Netzwerken. Mirak sitzt allein in seiner Zelle. Sein Netzwerk zerfällt schneller als erwartet. Konten werden eingefroren. Waffenlager und Drogenverstecke werden ausgehoben. Mehrere Clanmitglieder werden verhaftet.
Rotterdam kappt jede Verbindung nach Berlin. Sie opfern ihn, um sich selbst zu schützen und keine Aufmerksamkeit von Europol oder Ott zu riskieren.
In Berlin steht Jonas Berg vor dem Grab von Anna Reimers. In den Händen hält er zwei Papiere. Das erste ist der Druck ihres letzten Artikels, den der Chefredakteur auf den Grabstein gelegt hat. Darunter steht nur eine Zeile:
„Die Wahrheit hat einen Preis.“
Hinter ihm bleibt jemand stehen.
Ott.
„Sie hätten sie retten sollen“, sagt Jonas leise.
Ott schweigt lange.
„Ich war zu spät.“
Mehr sagt er nicht.
Auch Jonas’ Feigheit erwähnt er nicht. Ott versteht besser als die meisten, was Angst mit Menschen macht.
Er dreht sich um und geht.
Jonas sieht ihm nach. Er versteht plötzlich, warum dieser Mann gefürchtet ist: nicht wegen seiner Härte, sondern weil ihn jede Niederlage weiter antreibt.
Jonas blickt auf das zweite Blatt in seiner Hand. Es ist ein Dokument, das ihm der Chefredakteur schweigend persönlich übergeben hat. Seine sofortige Kündigung.
Am Abend erscheint die letzte Meldung in den Nachrichten:
„Europol bestätigt die Festnahme des mutmaßlichen Auftraggebers des Angriffs auf die Berliner Journalistin Anna Reimers.“









Sehr gut beschrieben und geschrieben. Gefällt mir sehr gut 😘
Kurz, knapp, hart, wie gewohnt. Schön, dass Du wieder da bist! 🤗