Chapter 1
Ich starre auf die volle, vor mir stehende Tasse. Langsam steigt mir der Geruch des frischen Kaffees in die Nase und ich nehme einen großen Schluck.
7.27 Uhr.
Ich fühle mich immer noch etwas müde, selbst nachdem ich die komplette Tasse ausgetrunken habe und obwohl es Freitag also gleich Wochenende ist hält sich meine Lust auf Arbeit ziemlich in Grenzen.
Auch wenn ich meinen Stundenplan schon längst auswendig kenne, werfe ich trotzdem einen Blick darauf:
Stunde: Französisch (8a/d)
Stunde: Spanisch (Q11)
Stunde: /
Stunde: Französisch (6a/b)
Stunde: /
Stunde: /
Ein kleines Lächeln huscht mir übers Gesicht, als ich an Marie, eine meiner Schülerinnen aus der 8d, denke.
Natürlich weiß ich, dass Französisch nicht jedem liegt.
Doch ihr Ehrgeiz, ihr Talent für Sprachen und auch ihre Begeisterung für dieses Fach sind bemerkenswert.
Dieses Jahr ist sie meine aller beste Schülerin, sie hat bis jetzt nur Einsen geschrieben und so wie ich sie einschätze, wird das so bleiben.
Ihre Mutter hat am Elternabend erwähnt, dass Marie zweisprachig aufgewachsen war und sich daher in Französisch leicht tue, doch hinter ihrem Erfolg steckt auch viel Arbeit, das sehe ich.
Die einzige Sache, die mir jedoch etwas Sorge bereitet ist, dass sie sich bei wirklich jeder Frage in meinem Unterricht meldet.
Nicht, weil ich ihre exzellente Mitarbeit nicht schätze, sondern weil ich befürchte, dass sie zu ehrgeizig und streng zu sich selbst ist.
Ich seufze leise und atme dann tief durch.
Beim Verlassen des Hauses werfe ich noch einen kurzen Blick in den großen Spiegel im Flur.
Ich streiche mein schwarzes T-Shirt glatt und stopfe es tiefer in meine hellblaue Wide-Leg-Jeans. Meine dunklen Haare, die mir mittlerweile schon übers Schlüsselbein gehen, habe ich zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.
Ich schnappe mir meine Jeansjacke vom Kleiderhaken, packe meine graue Tasche und gehe zu meinem Auto.
Nach knapp 15 Minuten Fahrt, die ich zum Musik, besser gesagt Billie Eilish, hören genutzt habe, komme ich schließlich an der Schule an und steige aus.
Auf dem Weg zum Lehrerzimmer kann ich schon von weitem die aufgebrachte Stimme meiner Kollegin Hannelore hören, die sich wieder über irgendetwas aufzuregen scheint…wie so oft.
„Guten Morgen!“, sage ich zur Begrüßung in die Runde.
„Morgen…“, kommt es von einem unmotivierten Hartmut und von Sandra zurück.
Hannelore unterbricht ihr Geschimpfe und dreht sich sichtlich erfreut zu mir um: „Guten Morgen Chrissi! Weißt du, der Kopierer geht schon wieder nicht! Die ganzen Arbeitsblätter, die ich für die 8d farbig ausdrucken wollte, sind wieder nur schwarz-weiß rausgekommen!“
Ich seufze innerlich und muss mich bemühen, nicht den Mund zu verziehen.
Dieses Problem hatten wir doch erst letzte Woche!
„…oder du hast einfach wieder ma‘ vergess‘n auf ‘Farige Kopien‘ umzustell‘n..“, murmelt Hartmut leise vor sich hin und wirft mir einen vielsagenden Blick zu.
„Nein, Nein, dass habe ich schon gemacht!“,kommt es ein bisschen beleidigt von Hannelore zurück,“Es liegt einfach nur an dieser neuen, komplizierten Technik!“
Ich stelle meine Tasche auf dem großen Tisch in der Mitte des Lehrerzimmers ab und hole meine Mappe mit unkorrigierten Schulaufgaben heraus.
Die erste Stunde beginnt um 8.10 Uhr, also habe ich noch etwas Zeit um zu korrigieren.
Während Sandra sich leise mit Hartmut darüber unterhält, wie viele Schüler aus ihrer Klasse lineare Gleichungen nicht anständig auflösen können, diskutiert Hannelore weiter mit dem Kopierer. In dem vergeblichen Versuch, mit in diesem Chaos zu konzentrieren, lese ich zum dritten Mal den selben Satz von Sophias Médiation.
Die Tür geht auf und der Raum wird immer voller. Als um 8 Uhr der Gong ertönt, schiebe ich die Schulaufgaben wieder zurück in meine Tasche, dann gehe ich mit Anke, einer meiner liebsten Kolleginnen, zum Unterricht.
Während ich die 8a/d unterrichte, hat sie im Klassenraum nebenan die anderen achten Klassen in Französisch.
„Viel Spaß und reg‘ dich nicht auf!“, sagt Anke kurz bevor ich in mein Klassenzimmer gehe.
„Danke. Dir auch!“
Ich schnaube leise.
Spaß. Sicher doch.
Abgesehen von Marie sind alle in meiner Französischklasse auf A1-Niveau.
Und die meisten können nicht einmal „Croissant“ und „Baguette“ richtig schreiben…
„Alors“, beginne ich wie immer pünktlich nach dem zweiten Gong um 8.10 meinen Unterricht, „On commence. Bonjour à tous!“
„Bonjour madame…“
Wow. Die klingen aber sehr enthusiastisch heute.
„Maintenant, on va corriger les devoirs que vous avez dû faire pour aujourd’hui. C‘était dans le Cahier d‘Activité à la page 78.“
Langsam kramen die Schüler ihre Arbeitshefte hervor.
Drei Minuten später habe ich schon vier Leute zum Nachsitzen verdonnert, weil sie die Hausaufgaben bereits mehr als fünf mal in zwei Monaten vergessen haben.
Zwei andere haben ihr Arbeitsheft gar nicht dabei und der Rest der Klasse ist nur physisch anwesend.
„Qui veut lire la première phrase?“
Ich blicke hoffnungsvoll durch die Reihen.
Doch auch heute ist Marie wieder die einzige, die sich meldet.
Und ihre Antwort und Hausaufgabe ist natürlich perfekt.
Fast schon zu perfekt.
Ich lächele ihr kurz zu und normalerweise würde sie es erwidern.
Heute starrt sie nur stur auf die Seiten in ihrem Heft.
Die nächsten 39 Minuten der Stunde verbringen wir mit Grammatik- heute Les Adjectives et les Adverbes.
Hefteintrag, üben, üben und weiter üben…
Marie hat es sofort verstanden. Natürlich freut es mich, dass sie so eine schnelle Auffassungsgabe und Interesse an Französisch hat.
Doch andererseits sollte ihr Leben nicht nur aus Schule bestehen.
Die Stunde vergeht schnell und schon muss ich zur nächsten Klasse, der Q11, die ich in Spanisch unterrichte.
Zuerst teile ich die korrigierten Klausuren aus, worüber sich die meisten freuen, da sie wirklich gut ausgefallen sind.
Danach wiederholen wir noch Vokabeln und Grammatik von letzter Stunde.
Auch diese 45 Minuten Unterricht verfliegen regelrecht und so sitze ich wieder Kaffee trinkend im Lehrerzimmer.
„Hallo Christine.“
Stefan, ein Deutsch- und Englischlehrer, gesellt sich zu mir.
Ich bin ein bisschen überrascht, denn eigentlich kenne ich ihn kaum, was daran liegt, dass wir so gut wie nie etwas miteinander zutun habe.
Das einzige, was ihn unvergesslich und unübersehbar macht, ist der beißende Zigarettengeruch an seiner Kleidung.
Dass er sich jetzt auch noch direkt auf den Stuhl neben mich, obwohl noch 7 weitere frei sind, gesetzt hat, erfreut mich nicht gerade, da mir der Gestank direkt in die Nase zieht.
Ich bemühe mich, normal zu atmen und ringe mir ein Lächeln ab: „Hi.“
„Viel zutun?“
„Viel zu korrigieren“, setze ich den Small-Talk fort, obwohl es mir, vermutlich wegen dem grässlichen Rauchgeruch, unangenehm ist und lege meinen Kopf leicht schief, „Aber wer hat das in der Klausur-Phase nicht?“
Er nickt langsam: „Hm…“
Ich schütte mir den restlichen Kaffee so schnell wie möglich rein und nutze die Gelegenheit, um Abstand zu nehmen, damit ich mir noch einen Kaffee runterlasse.
So langsam ich kann, drücke ich auf den Knopf und tigere anschließend mit der vollen Tasse in der Hand durchs Lehrerzimmer.
Dabei rede ich unter dem gehen weiter: „Ich muss noch die Schulaufgaben von der 8d korrigieren, die Klausuren der elften Klasse… Du?“
Stefan überlegt und fährt sich mit der Hand durch seine grauen Haare: „Nur die Deutscharbeiten der 12ten Klasse und die Übungsaufsätze von meinen Nachhilfeschülern.“
„Was‘n los Chrissi?“, fragt eine bekannte Stimme hinter mir plötzlich- Hartmut, der gerade das Lehrerzimmer betreten hat.
Ich zucke leicht mit der Schulter: „Nichts, wieso fragst du?“
„Normalerweise läuft hier keiner mit‘m Kaffee zehnmal im Kreis.“
„Bewegung hat noch keinem geschadet“, erwidere ich, während ich das Fenster öffne.
Ich bleibe kurz stehen und atme die frische Luft ein paar mal tief ein.
Hartmut scheint den kühlen, angenehmen Luftzug ebenfalls zu genießen:„Lüften is‘ wirklich ’ne tolle Idee! Hier riecht‘s schon wieder wie in ‘nem Aschenbecher.“
Stefan ignoriert seinen Kommentar gekonnt.
Oder er ist jetzt so vertieft in sein Handy, dass er es tatsächlich nicht hört. Ich mustere ihn genauer:
Dafür dass er erst 46 ist, sieht er viel älter aus. Meiner Meinung nach sogar älter als Hartmut, der sich für seine 63 Jahre aber auch wirklich gut gehalten hat und dessen Gesicht bei weitem nicht so eingefallen ist wie Stefans.
Liegt vermutlich am Kettenrauchen…
Aus irgendeinem Grund mag ich Stefan nicht besonders. Er hat nie irgendetwas gemacht was dazu geführt hat, viel mehr liegt es an seinem Auftreten und dem schrecklichen Geruch, den ich mit schlechten Kindheitserinnerungen, die ich nicht loslassen kann, verbinde.
Ich sollte ihn deswegen nicht vorverurteilen, aber es fällt mir richtig schwer und ich meide Gespräche mit ihm häufig, wenn auch teilweise unbewusst.
Das Brummen des Kopieres reißt mich aus meinen nostalgischen Gedanken.
Kurze Zeit später tauchen Hannelore und Anke auf.
Beide bleiben ungeduldig vor dem Kopierer stehen.
„Willst du auch etwas ausdrucken?“, fragt Anke etwas genervt.
„Schon dabei“, antwortet Hannelore woraufhin meine Lieblingskollegin und Beste Freundin die Augen verdreht: „Das kann nicht sein, weil ich auch gerade Blätter drucken lasse.“
Hartmut sieht die beiden nur kopfschüttelnd an.
So kommt es, dass wir ein paar Minuten später alle gemeinsam den großen Stapel vermischter Arbeitsblätter sortieren müssen, weil der Kopierer alles durcheinander ausgedruckt hat:
Ein Arbeitsblatt von Anke, zwei Seiten von Hannelores Text, wieder etwas von Anke….
So zieht es sich durch den ganzen Stapel.
Irgendwann frage ich neugierig: „Wofür brauchst du eigentlich diesen sechsseitigen Artikel über virtuelle Realität, Hannelore?“
„Das ist das Material für die Schulaufgabe, die die 8d heute schreiben wird“, gibt sie unbeeindruckt zurück.
Anke wirft mir einen vielsagenden Blick zu und zieht die Augenbrauen hoch: „Sechs Seiten Material für eine Schulaufgabe?“, sie hält eine Seite des Materials demonstrativ vor Hannelores Gesicht, „Und VR, echt jetzt?“
„Was spricht dagegen?“, Hannelore blickt auf und macht eine Pause beim Blätter sortieren, „VR ist doch ein modernes Thema. Da kennen sich meine Schüler bestens aus.“
Anke schüttelt leicht den Kopf.
Als wir die Französischblätter endlich vom Deutschmaterial getrennt haben, verlässt Hannelore uns im Eiltempo, um rechtzeitig zu ihrer Schulaufgabe zu kommen.
„Also ich drucke mein Zeug ja immer mindestens einen Tag im Voraus aus…“, kommentiert Anke trocken und ich nicke zustimmend.
„Also ich druck‘ nie was aus…“, mischt Hartmut sich ein, woraufhin er einen genervten Blick von mir erntet: „Bei dir müssen die Kinder ja auch alles eigenständig zuhause üben…“
„Hmmm…Ich erklär‘s ihnen. Reicht des ned?“
Anke schnaubt und ich fange fast an laut zu lachen.
Müsste ich eine Auszeichnung für blöde Witze in jeder möglichen Lebenssituationen verleihen, würde Hartmut sie ohne zu zögern gewinnen.
Erst als ich später zur vierten Stunde das Lehrerzimmer verlasse, fällt mein Blick wieder auf Stefan, der noch immer am selben platz sitzt wie vorher. Ich hatte ihn komplett vergessen!
Es ist fast unheimlich, wie er da in seinem Stuhl hängt und sich kaum bewegt, abgesehen von seinem Finger, mit dem er auf seinem Handybildschirm herum tippt, aber ich denke nicht weiter über ihn nach.
Der Unterricht in der sechsten Klasse verläuft entspannt. Vielleicht zu entspannt, denn meine Gedanken sind ziemlich durcheinander und eine laute, chaotische Unterrichtsstunde hätte mich abgelenkt.
Marie hat heute irgendwie anders gewirkt, ich kann nicht genau sagen warum.
Es war, als hätte sie Angst gehabt, etwas falsches zu sagen, wobei gerade das doch menschlich ist. Ihr Blick war fast die ganze Stunde leer und ausdruckslos gewesen, was sehr untypisch für sie ist.
Sie ist die perfekte Musterschülerin: freundlich, talentiert, zuverlässig, intelligent - genau so, wie sich jede Lehrkraft wünscht, bis man wirklich so einen Schüler unterrichtet und den Menschen dahinter kennen lernt.
Außerdem sind durch den Kontakt mit Stefan viele meiner traumatischen Kindheitserinnerungen wieder hochgekommen und ich weiß bis heute nicht, wie ich am besten damit umgehen soll.
Unwillkürlich muss ich andauernd an meinen Vater denken, der auch Kettenraucher war. Und Trinker. Und ein Tyrann.
„Frau Duschner? Schreibt man je m’appelle mit einem oder zwei l?“, fragt ein Junge aus der hinteren Reihe nachdenklich, was mich wieder zurück in die Gegenwart bringt.
„Mit zwei l und auch zwei p“, beantworte ich seine Frage freundlich.
Als es schließlich gongt und mein Unterricht für Freitag somit vorbei ist, mache ich noch einen kurzen Abstecher im Lehrerzimmer, wo ich mich verabschiede und meine Jeansjacke vom Kleiderständer hole.
„Schönes Wochenende!“








