Kapitel 1: Funktionsfehler
SCHÖPFER-AETHER
Band 1
Kapitel 1: Funktionsfehler
Mittwoch, der 1. Juli. Halb sieben morgens, und Lukas Schnyder lag wach.
Nicht unruhig wach, nicht der Typ Wachsein, bei dem man sich noch einmal umdreht und auf die letzten kostbaren Minuten Schlaf hofft, in dem Wissen, dass sie einem ohnehin gleich genommen werden. Er lag einfach nur da, die Augen offen, den Blick auf einen Punkt an der Decke gerichtet, den es eigentlich gar nicht gab – ein imaginärer Fleck, an dem sich seine Gedanken festhielten, weil es sonst nichts gab, woran sie sich hätten festhalten können. Sein Wecker war stumm geblieben. Kein Alarm um sechs. Keine Snooze-Taste, die er im Halbschlaf dreimal traktierte, bevor die Realität ihn einholte und ihm klarmachte, dass er ohnehin aufstehen musste. Nur Stille, und das gleichmäßige Atmen von Marlen neben ihm, die noch schlief, eine Strähne blonden Haares quer über ihrem Gesicht.
Es war bereits jetzt, in dieser frühen Stunde, unangenehm warm im Schlafzimmer, eine dumpfe, klebrige Hitze, die sich über Nacht in den Wänden festgesetzt hatte und sich auch durch das gekippte Fenster nicht hatte vertreiben lassen. Das Laken unter ihm fühlte sich feucht an, nicht von Schweiß allein, sondern von dieser allgemeinen Schwüle, die in den letzten Tagen zur Gewohnheit geworden war. Irgendwo draußen, noch gedämpft durch die geschlossenen Vorhänge, begann bereits das erste, vereinzelte Vogelgezwitscher, viel zu fröhlich für die Stimmung, die in ihm herrschte.
Krankgeschrieben. Das Wort fühlte sich in seinem Kopf an wie ein Fremdkörper, etwas, das nicht zu ihm gehörte, etwas, das er nicht einmal richtig aussprechen konnte, ohne dass sich etwas in ihm dagegen sträubte. Seit siebzehn Jahren – seit er mit gerade einmal siebzehn das Kinderheim verlassen hatte, um sich selbst, ganz allein, ein Leben aufzubauen – hatte er nicht einen einzigen Monat ausgesetzt. Hatte sich durchgekämpft, durch eine Ausbildung, die er sich selbst organisieren musste, durch schlecht bezahlte erste Jobs, durch Nächte, in denen er nicht wusste, wie er die Miete zahlen sollte, bis er sich endlich – endlich – etwas erarbeitet hatte, das nach einem richtigen Leben aussah. Eine Wohnung. Zwei Katzen. Marlen, seit zehn Jahren an seiner Seite. Ein Job, der ihn forderte, der ihn manchmal an seine Grenzen brachte, aber ihn auch belohnte, ihn sehen ließ, dass er etwas wert war, dass er gebraucht wurde.
Und dann, nach zwei Jahren in einem Projekt, das ihn bis an diese Grenze und weit darüber hinaus getrieben hatte, hatte sein Herz einfach gesagt: genug.
Es war kein Wort, das er gewählt hätte. Aber es war das einzige, das passte.
Er setzte sich auf, langsam, vorsichtig, als müsste er erst testen, ob sein Körper das überhaupt noch mitmachte, als läge zwischen Liegen und Sitzen eine Distanz, die er erst neu vermessen musste. Seine Hände lagen auf seinen Knien, und er starrte sie an, als gehörten sie einem Fremden. Kräftige Hände, ein wenig schwielig an den Fingerkuppen vom jahrelangen Tippen, Hände, die Tastaturen bearbeitet, E-Mails geschrieben, Probleme gelöst, Präsentationen gehalten hatten. Hände, die etwas geschafft hatten. Und jetzt? Jetzt wissen sie nicht, was sie tun sollen, wenn niemand sie braucht, dachte er, und der Gedanke hinterließ einen schalen Nachgeschmack, der sich kaum von dem unterschied, den schlechter Schlaf im Mund zurücklässt.
Die Hitze hatte schon am frühen Morgen begonnen, sich in der Wohnung festzusetzen, kroch durch die Ritzen der Fenster, durch die Wände selbst, schien sich aus jedem Möbelstück zu lösen, das tagsüber die Sonne abbekommen hatte. Er war, wie in den letzten Nächten, fast unbekleidet eingeschlafen, und jetzt, da er aufstand, griff er nach einer leichten Jogginghose und einem ausgewaschenen T-Shirt, mehr aus Gewohnheit als aus Notwendigkeit. Man lief schließlich nicht nackt durch die eigene Wohnung, auch wenn einen ohnehin niemand sah außer Marlen und den Katzen, die das längst nicht mehr interessierte.
Im Flur kam ihm Herbert entgegen, die große, weiß-schwarz gefleckte Katze mit dem getigerten Schwanz, schlich sich zwischen seine Beine, wie sie es jeden Morgen tat, ein vertrautes Ritual aus Fell und Wärme, das früher immer ein kleines Lächeln aus ihm herausgekitzelt hatte. Er nahm es wahr. Registrierte es, irgendwo in einem Teil seines Bewusstseins, der noch funktionierte. Aber er reagierte nicht. Keine Geste, kein Blick nach unten, kein Bücken, um sie kurz zu streicheln. Er ging einfach weiter, und Herbert blieb zurück, mit einem leisen, fragenden Maunzen, das im Flur verhallte, bevor es sich in der Stille der Wohnung verlor.
In der Küche roch es bereits nach Kaffee.
„Guten Morgen”, sagte Marlen, ohne sich umzudrehen, beschäftigt mit der Pfanne auf dem Herd. Ihre Stimme klang warm, bemüht normal, so als wollte sie mit der Selbstverständlichkeit ihres Tonfalls auch ein Stück Normalität in diesen Morgen zwingen, der alles andere als normal war. „Kaffee?”
„Ja”, sagte er. „Gerne.”
Er setzte sich an den kleinen Küchentisch, ein Zweier-Tisch, eng genug, dass man sich beim Frühstücken fast berührte, wenn man die Arme ausstreckte. Marlen rührte in der Pfanne, Rühreier, das vertraute Zischen von Butter, und in der Ecke der Küche, auf der Arbeitsplatte, stand der kleine Minibackofen, in dem zwei Brötchen vor sich hin knusperten. Er war alt, dieser Ofen, die Lackierung an den Kanten leicht abgeplatzt, ein Relikt aus einer anderen Zeit. Lukas’ Großmutter hatte ihn ihm geschenkt, vor siebzehn Jahren, als er auszog.
Auszog – ein zu höfliches Wort für das, was damals passiert war.
Mit siebzehn hatte man ihn aus dem Heim entlassen, in eine kleine Dachgeschosswohnung, zwanzig Quadratmeter, fast vollständig unter Dachschrägen, sodass man sich nur in der Mitte des Zimmers aufrecht hinstellen konnte. Es hatte keine Unterstützung gegeben, keine Familie, die half, keine Möbel, die man von zu Hause mitnahm, weil es kein zu Hause gab, von dem man hätte etwas mitnehmen können. Er hatte sich aus Europaletten, die er nachts vom Hof eines Baumarkts organisiert hatte, ein Bett zusammengebaut, mit alten Matratzen, die er auf dem Sperrmüll gefunden hatte, ausgeblichen, aber sauber genug. Ein winziger Röhrenfernseher, ebenfalls vom Sperrmüll, dessen Bild leicht flimmerte, aber immerhin lief. Ein Sideboard – das einzige Möbelstück, das er sich tatsächlich neu gekauft hatte, von den zweihundert Euro, die er als Starthilfe bekommen hatte, um sich, wie es in dem offiziellen Schreiben hieß, „eigenständig einzurichten”.
Und dann, einige Wochen später, war das Paket seiner Großmutter gekommen. Sie, die ihn kaum kannte, die er nur selten gesehen hatte, hatte trotzdem irgendwie von seinem Auszug erfahren. Darin: dieser kleine Minibackofen mit Grillfunktion, sorgfältig verpackt, und ein handgeschriebener Zettel, dessen Worte sich in sein Gedächtnis eingebrannt hatten, so sehr, dass er sie auch heute noch, siebzehn Jahre später, fast wortwörtlich hätte zitieren können: Essen ist wichtig, Junge. Auch wenn man nicht viel hat, kann man daraus viel zaubern.
Er hatte diesen Ofen all die Jahre über behalten. Hatte ihn mitgenommen, von einer Wohnung in die nächste, bis hierher, in diese Küche, in der er jetzt stand und Marlens Brötchen aufbackte. Das einzige Möbelstück seines früheren Lebens, das den Sprung in dieses neue, bessere Leben mitgemacht hatte. Manchmal, wenn er ihn ansah, fragte er sich, ob seine Großmutter geahnt hatte, wie viel dieser kleine, unscheinbare Gegenstand für ihn bedeuten würde. Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich war es einfach eine spontane, gut gemeinte Geste gewesen, irgendwo zwischen Pflichtgefühl und echter Zuneigung. Aber für ihn war es das Einzige geblieben, das ihm sagte: Jemand hat an dich gedacht, als du nichts hattest.
„Ich hab gesehen, dass du die letzten Tage nicht viel gegessen hast”, sagte Marlen, während sie die Eier auf einen Teller gleiten ließ.
Er nahm es zur Kenntnis. Nickte vielleicht, ganz leicht, er wusste es selbst nicht genau. Rührte in seinem Kaffee, der noch gar nicht vor ihm stand, eine Bewegung ohne Zweck, ohne Tasse, eine Geste, die sich irgendwo zwischen seinen Gedanken verselbstständigt hatte.
Marlen stellte ihm den Kaffee hin, dampfend, frisch gemahlener Lavazza, der gute Bohnenkaffee, den er sich jeden Monat extra bestellte, weil er der Einzige war, der ihm wirklich schmeckte. Dazu einen Teller mit Rührei, zwei der noch warmen Brötchen. Der Tisch, als sie sich schließlich auch selbst setzte, war voll gedeckt: Marmelade in zwei verschiedenen Sorten, Käse, Wurstaufschnitt, Frischkäse, Butter in der kleinen Porzellandose, die sie aus den Niederlanden mitgebracht hatten. Ein Glas Orangensaft, frisch gepresst, mit kleinen Fruchtfleischstückchen, die sich langsam am Boden des Glases sammelten. Alles da. Alles bereit, in einer Ordnung, die nur jemand herstellen konnte, dem wirklich etwas an dem Menschen lag, für den dieser Tisch gedeckt wurde. Ein Frühstückstisch, wie man ihn sich nicht reichhaltiger hätte vorstellen können – das genaue Gegenteil von Mangel, von Knappheit, von all dem, was Lukas einmal als Kind gekannt hatte.
Und doch rührte Lukas nichts davon an.
Marlen setzte sich ihm gegenüber, in einem weiten, leicht ausgeschnittenen Shirt, das ihre Schultern und das zarte Schlüsselbein freiließ, die blonden Haare noch zerzaust vom Schlaf, aber auf eine Art, die ihr stand, die ihr immer stand. Sie war schön, auf eine helle, unaufdringliche Weise, schlank und sportlich von Jahren des Dressurreitens, mit diesem offenen, warmen Gesichtsausdruck, der noch nie etwas anderes ausgestrahlt hatte als ehrliche Zuneigung. Für ihn, eigentlich, viel zu schön. Das hatte er sich schon vor zehn Jahren gedacht, als sie sich kennengelernt hatten, und manchmal, in seltenen klaren Momenten, dachte er es immer noch.
Aber an diesem Morgen sah er nichts davon. Nicht wirklich. Sein Blick streifte sie, registrierte Formen und Farben, ohne dass irgendetwas davon ihn erreichte. Er war zu sehr in sich selbst, in einem Raum, in dem es keinen Platz für sie gab, so sehr er es vielleicht gewollt hätte.
Sie begann zu essen, ein Bissen Rührei, ein Stück Brötchen mit Marmelade, und während sie kaute, sah sie zu ihm hinüber, zu seinem unberührten Teller, zu seinen Händen, die nur die Kaffeetasse umklammerten.
„Du isst seit Tagen kaum etwas”, sagte sie noch einmal, leiser jetzt, fast vorsichtig. „Das ist nicht gut für dein Herz, Lukas. Das weißt du.”
Er hörte die Worte. Verstand sie. Aber sie lösten in ihm nur eine Art dumpfes Echo aus, kein direktes Gefühl, sondern eher eine Erinnerung an ein Gefühl, das er einmal gehabt hatte. Sein Blick wanderte, ohne dass er es bewusst lenkte, zum Minibackofen zurück, zu den knusprigen Brötchen, die noch darin nachglühten, und ohne dass er es hätte verhindern können, riss ihn etwas mit sich fort.
—
Der Speisesaal war groß, viel zu groß für die Wärme, die er hätte ausstrahlen sollen, mit langen Tischreihen aus hellem, abgewetztem Holz, an denen Dutzende Kinder saßen, eng aneinandergedrängt, das Klappern von Plastiklöffeln auf Plastiktellern ein ständiges, monotones Geräusch, das sich in den hohen, kahlen Wänden vielfach brach. Es roch nach kaltem Reinigungsmittel und nach dem leicht säuerlichen Dunst überkochter Milch. In der Mitte des Saals stand ein riesiger Topf, aus dem eine Erzieherin mit einer großen Kelle Haferbrei austeilte, eine Portion pro Kind, lieblos auf den Teller geklatscht, eine graue, klumpige Masse, die nicht schmecken, sondern nur sättigen sollte. Essen als Funktion. Essen als Notwendigkeit, nicht als Genuss, nicht als Geste der Fürsorge.
An diesem Morgen – Lukas konnte sich nicht mehr genau erinnern, wie alt er gewesen war, neun vielleicht, oder zehn – gab es Honig. Kleine, winzige Gläschen, kaum größer als Fingerhüte, viel zu wenige für die Anzahl der Kinder am Tisch, eine knappe Ressource, die sofort zum Gegenstand eines Kampfes wurde. Zwei der älteren Jungen rissen sich um eines dieser Gläschen, schubsten sich, schrien sich an, einer von ihnen warf seine Schüssel quer über den Tisch, Haferbrei klatschte gegen die Wand, gegen die Schulter eines anderen Kindes, das daraufhin ebenfalls zu schreien begann.
Lukas saß still da, den Löffel in der Hand, und beobachtete, wie sich der Streit ausweitete, wie ein Erzieher herbeigeeilt kam und einen der Jungen grob am Arm packte, ihn vom Tisch wegzog, während der andere noch immer wütend nach dem Honigglas griff. Lukas hätte sich auch ein Glas nehmen können – es waren noch ein paar übrig, am anderen Ende des Tisches – aber er rührte sich nicht. Nicht auffallen, dachte er, mit einer Klarheit, die für ein Kind seines Alters eigentlich erschreckend gewesen wäre, wäre sie ihm nicht längst zur zweiten Natur geworden. Die Angst, selbst in diesen Strudel aus Geschrei und Fäusten hineingezogen zu werden, war größer als der Wunsch nach etwas Süßem auf seinem faden Brei.
Er aß seinen Haferbrei pur, schlang ihn hastig hinunter, kaum gekaut, Hauptsache etwas Warmes im Magen, Hauptsache, der Tag konnte beginnen, ohne dass er weiter auffiel.
—
„Lukas?”
Marlens Stimme riss ihn zurück. Er blinzelte, kurz desorientiert, als müsste er sich erst wieder erinnern, wo er war. Die Küche. Der gedeckte Tisch. Der Kaffee in seiner Hand, dessen Wärme allmählich nachließ.
Er sagte nichts von dem, was eben durch ihn hindurchgegangen war. Konnte es nicht, oder wollte es nicht, er hätte selbst nicht sagen können, was von beidem zutraf.
Marlen sah ihn an, und in ihrem Blick lag etwas, das zwischen Sorge und Traurigkeit schwankte. Sie hatte gemerkt, dass etwas in ihm passiert war, ein kurzes Wegtreten, ein Schatten, der über sein Gesicht gehuscht war, auch wenn sie nicht hätte sagen können, was genau ihn ausgelöst hatte.
„Ich seh, dass dich etwas beschäftigt”, sagte sie leise. „Willst du nicht darüber reden?”
Er schüttelte nur den Kopf, ein knappes, fast mechanisches Schütteln, und nahm seinen ersten Schluck Kaffee.
Er war bitter.
Nicht anders zubereitet, nicht anders gemahlen, exakt derselbe Lavazza, exakt dasselbe Verhältnis von Wasser und Bohne, das er immer trank, das ihm immer geschmeckt hatte. Und doch schmeckte er heute Morgen falsch, fremd, fast ungenießbar, als hätte sich nicht der Kaffee verändert, sondern irgendetwas in ihm selbst.
Herbert sprang in diesem Moment auf den Tisch, leichtfüßig, gewohnt an diese Position, an diesen Platz, an dem sie sonst immer ein wenig Aufmerksamkeit abbekam. Sie stupste mit dem Kopf gegen Lukas’ Hand, schnurrte bereits im Voraus, in Erwartung der Streicheleinheiten, die ihr sonst sicher waren.
Früher hätte er sie hochgenommen. Hätte sie an seine Brust gedrückt, ihr Schnurren gespürt, wie es sich durch seinen ganzen Körper auszubreiten schien, ein kleines, verlässliches Stück Wärme an jedem Morgen, egal wie der Tag davor gelaufen war.
Heute schob er sie zur Seite. Nicht grob. Nicht mit Wucht. Aber bestimmt, ohne hinzusehen, eine Bewegung, die keinen Widerspruch duldete, als wäre Herbert nichts weiter als ein Gegenstand, der gerade im Weg stand.
Herbert sprang vom Tisch, mit einem leisen, beleidigten Maunzen, und verschwand unter dem Küchenschrank.
Marlen sah es. Sah, wie selbst die Katze, die Lukas sonst über alles liebte, an diesem Morgen keine Reaktion in ihm auslöste. Und etwas in ihrem Gesicht, das bis dahin noch um Geduld gerungen hatte, brach.
„Ich versteh dich nicht”, sagte sie, und ihre Stimme zitterte leicht, nicht vor Wut, sondern vor einer Frustration, die sich seit Tagen aufgestaut hatte. „Ich weiß nicht mehr, wie ich mit dir umgehen soll.”
Sie nahm ihren Teller, der jetzt leer war, stand auf und stellte ihn unsanft in die Spüle, das Porzellan klirrte gegen das Edelstahlbecken, ein lauter, scharfer Ton in einer Küche, die sonst so still gewesen war.
Lukas sagte nichts. Saß einfach da, die Kaffeetasse in der Hand, und sah ihr nach, wie sie aus der Küche ging, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Er wusste, dass sie recht hatte. Er wusste, dass er sich verändert hatte, dass er nicht mehr der Mann war, den sie kannte, der Mann, der immer alles offen ansprach, der nie ein Geheimnis aus seinen Sorgen gemacht hatte. Aber er fand keinen Weg zurück zu sich selbst. Es war, als hätte sich etwas in ihm verschlossen, eine Tür, deren Schlüssel er nicht mehr fand, egal, wie oft er in den letzten Tagen danach gesucht hatte.
Und während er dort saß, in der Stille der Küche, mit dem bitteren Geschmack des Kaffees noch auf der Zunge, dachte er an den Moment zurück, der das alles ausgelöst hatte. An den Tag, der ihn hierhergebracht hatte.
—
Es war ein Freitag gewesen.
Zwei Jahre Arbeit liefen an diesem Tag auf ihren Höhepunkt zu – ein bundesweites Projekt, sieben Standorte, eine Fusion mehrerer Firmen, die zu einer einzigen, harmonisierten Struktur verschmolzen werden sollten. Lukas hatte die Systemharmonisierung geleitet, hatte in jeder Region die bestehenden Prozesse aufgenommen, verglichen, bewertet, hatte entschieden, welche Vorgehensweise sich am Ende durchsetzen sollte, hatte geschult, erklärt, überzeugt, war auf Widerstand gestoßen, immer wieder, typisch deutsch, konservativ, festgefahren – niemand wollte sich verändern, niemand wollte den eigenen, vertrauten Weg gegen einen neuen, fremden eintauschen. Aber er hatte es durchgezogen. Zwei Jahre lang, mit einer Beharrlichkeit, die ihn selbst manchmal überrascht hatte.
Am Ende blieb nur noch eine einzige offene Frage: eine Abteilung an einem der Standorte sollte eine Aufgabe übernehmen, die in jeder anderen Region längst Teil des Standardprozesses war. Eine reine Formsache, eigentlich. Er hatte mit seinem Chef und seiner Chefin im Vorfeld gesprochen, alles war abgestimmt, alles geklärt. Er ging gut vorbereitet in das Gespräch mit dem zuständigen Abteilungsleiter, in der festen Überzeugung, dass es nur noch um die letzten organisatorischen Details ging.
Was er nicht wusste – was niemand ihm gesagt hatte –, war, dass dieser Abteilungsleiter und seine Chefin ein Verhältnis führten.
Das Gespräch lief von der ersten Minute an schief. Der Abteilungsleiter weigerte sich, stellte plötzlich alles infrage, was monatelang als beschlossen gegolten hatte, und Lukas, der genau wusste, wie viel Arbeit in diesem Prozess steckte, wie absurd es war, ausgerechnet jetzt, kurz vor der finalen Abgabe am Montag, eine Sonderlösung für eine einzelne Region zu fordern, wurde forsch. Zu forsch, vielleicht.
„Das ist absoluter Unsinn”, hatte er gesagt, seine Stimme schärfer, als er es eigentlich beabsichtigt hatte. „Wir können keine Extrawürste braten, wenn wir von Harmonisierung sprechen. Alle Abläufe sind seit Monaten bekannt. Es gibt jetzt, in letzter Minute, keinen Raum mehr für neue Diskussionen.”
Seine Chefin, die im Gespräch hinzukam, hörte sich seinen Frust an – und reagierte kalt. Unverblümt.
„Du solltest dir deiner Rolle bewusst sein, Lukas”, hatte sie gesagt, mit einer Ruhe, die fast bedrohlicher wirkte als jede Lautstärke. „Wenn die Abteilung das nicht mittragen will, dann entwickelst du eben einen neuen Prozess.”
Zwei Jahre Arbeit, in einem Satz beiseitegewischt, weil eine einzelne Person, geschützt durch eine Beziehung, von der er nichts ahnte, sich querstellte.
Etwas in ihm kochte über. Eine Welle aus Wut, aus Ungerechtigkeit, aus der schieren Fassungslosigkeit darüber, wie wenig all die Arbeit, all die Sorgfalt, all die Monate zählten, wenn am Ende persönliche Verbindungen mehr wogen als Fakten.
Er wollte etwas sagen. Wollte ihr entgegenhalten, was er von dieser Entscheidung hielt, wollte ihr klarmachen, dass das, was sie gerade von ihm verlangte, nicht nur unfair, sondern auch fachlich schlicht falsch war.
Aber bevor ein einziges Wort seine Lippen verließ, griff er sich an die Brust.
Ein Stechen, scharf, tief, als würde sich etwas in ihm zusammenziehen, das sich nie wieder lösen würde. Der Raum begann zu kippen, Stimmen wurden dumpf, weit weg, die Gesichter um ihn herum verschwammen zu unscharfen, besorgten Flecken. Das Letzte, woran er sich erinnerte, war das entsetzte Gesicht seiner Chefin, kurz bevor alles schwarz wurde.
Der Krankenwagen brachte ihn direkt von der Arbeit ins Krankenhaus. Intensivstation. Künstliche Beatmung. Keine Operation war notwendig gewesen, das hatten ihm die Ärzte später, in einem dieser sterilen, viel zu hellen Krankenzimmer, mit beruhigender Routine erklärt. Aber sein Herz hatte eine Grenze überschritten, von der es keinen schnellen Weg zurück gab. Eine lange Genesungsphase würde folgen. Zwei Wochen, erst einmal, komplett aus dem Job heraus. Und danach – eine Frage, die im Raum stehen blieb, unbeantwortet, bedrohlich in ihrer Offenheit: ob und wie eine Rückkehr überhaupt möglich sein würde.
Denn der neue Prozess, den er hätte entwickeln sollen, der eigentlich nie hätte existieren dürfen, stand noch immer da, unausgesprochen, ungelöst, ein offenes Ende in einer Geschichte, die für ihn eigentlich schon abgeschlossen gewesen war.
Genau wie er selbst, an diesem Morgen am Küchentisch, mit einem bitteren Kaffee in der Hand und einer Freundin, die gerade die Küche verlassen hatte, weil sie nicht mehr wusste, wie sie zu ihm durchdringen sollte.








