Die Sonderbehandlung by VicValentina at Inkitt
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Die Sonderbehandlung

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Summary

Avi repariert alte Bücher. Sie ist gut darin, Dinge zu bewahren – und noch besser darin, sich selbst aus allem herauszuhalten. Dann bemerkt sie die Tür. In der Praxis von Dr. Amsel gibt es einen zweiten Wartebereich, von dem niemand spricht. Manche Patienten gehen hinein und kommen verändert zurück. Ihre beste Freundin: strahlend, wie neu geboren. Ihr alter Nachbar: äußerlich unberührt, innerlich leer, als hätte jemand das Licht in ihm gedimmt. Avi will nur verstehen, was dort passiert. Aber manche Türen schließen sich hinter einem, bevor man sich entschieden hat.

Status
Ongoing
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
16+

Kapitel 1 – Der Termin

Der Wartebereich der Gemeinschaftspraxis Dr. Amsel lag im zweiten Stock eines Hauses, das von außen aussah, als hätte es seine besten Jahre vor dem Krieg gehabt und seitdem nur darauf gewartet, dass jemand es endlich bemerkte. Die Fassade blätterte am unteren Rand, und über dem Klingelschild klebte ein Aufkleber, der einmal eine Aufschrift getragen hatte und nun nur noch eine helle Stelle im Grau war. Avi war noch nie hier gewesen, obwohl die Praxis nur zwei Straßen von ihrer Wohnung entfernt lag. Sie hatte den Termin drei Wochen zuvor vereinbart, nachdem die Kopfschmerzen zum dritten Mal innerhalb eines Monats aufgetreten waren – nichts Dramatisches, nur ein dumpfes Pochen hinter der linken Schläfe, das kam und ging wie ein Untermieter, der die Miete nicht zahlte, aber trotzdem blieb.

Die Treppe roch nach Bohnerwachs und leicht nach Kohl. Jemand hatte auf den zweiten Treppenabsatz einen kleinen Gummischaber gestellt, damit die Leute die Schuhe abstreiften, und tatsächlich, Avi bemerkte es, hinterließen die meisten Schritte vor ihr keine Abdrücke auf dem Linoleum des Flurs.

Sie setzte sich auf einen der grünen Plastikstühle, die in einer Reihe an der Wand standen, als hätte man sie aus einem alten Klassenzimmer gerettet, und betrachtete den Raum mit der Aufmerksamkeit, die sie sich in den letzten Jahren angewöhnt hatte. Avi reparierte alte Bücher – löste Leinenrücken, die sich vom Buchdeckel gelöst hatten, klebte Seiten, die ein Jahrhundert lang niemand gewendet hatte. Es war eine Arbeit, die aus Beobachtung bestand, aus dem Erkennen, wo etwas zerbrochen war, ohne selbst hineinzugreifen, bis man genau wusste, wie. Diese Haltung hatte sich, ohne dass sie es bemerkt hätte, auf den Rest ihres Lebens ausgeweitet. Sie sah Dinge. Sie mischte sich nicht ein.

Der Wartebereich roch nach Desinfektionsmittel und kaltem Kaffee. An der Anmeldung saß eine Frau mittleren Alters mit einem makellos sitzenden Dutt und einem Namensschild, auf dem in sauberen Lettern »Frau Bircan« stand. Sie hatte etwas an sich, das Avi nicht sofort einordnen konnte – eine Ruhe, die zu vollkommen wirkte, um bloß professionell zu sein, fast liturgisch, wie eine Person, die ihre eigene Höflichkeit so oft wiederholt hatte, dass sie zu einer Art Gebet geworden war.

Avi zog eine Nummer aus dem kleinen Automaten neben der Tür – 14 – und sah, dass vor ihr noch sechs Personen warteten. Sie setzte sich, holte ihr Handy heraus, legte es aber gleich wieder weg, weil das Display zu hell war für die Kopfschmerzen, und beobachtete stattdessen die anderen.

Da war ein älterer Mann mit einer Zeitung, die er nicht las, deren Seiten er aber gleichmäßig und in exakten Abständen umblätterte, als wäre das Lesen selbst nicht der Punkt, sondern das Aussehen davon. Eine junge Mutter mit einem schlafenden Kind im Tragetuch, das gelegentlich die Fäuste ballte und wieder öffnete, ohne aufzuwachen. Ein Paar mittleren Alters, das sich leise über die Farbe ihrer neuen Küche unterhielt, als wären sie nicht in einer Arztpraxis, sondern in einem Möbelhaus – »Cremeweiß ist zu kalt«, sagte die Frau, und der Mann nickte auf eine Weise, die deutlich machte, dass er diese Unterhaltung schon oft geführt hatte.

Und dann, an der Anmeldung, eine Frau Anfang fünfzig in einem beigen Mantel, die sich zu Frau Bircan vorbeugte und etwas sagte, das Avi nicht verstand.

»Wie bitte?«, fragte Frau Bircan, obwohl ihre Miene keinerlei Überraschung zeigte – eher das Gegenteil, eine Art aufmerksames Erwarten, als hätte sie genau auf diese Frage gewartet, als wäre »wie bitte?« hier weniger eine Nachfrage als ein Ritual, ein Passwort, das bestätigt werden musste.

»Die Sonderbehandlung«, sagte die Frau im beigen Mantel, etwas lauter jetzt, fast trotzig, als müsste sie sich gegen einen unsichtbaren Widerstand durchsetzen. »Meine Schwester hat gesagt, ich solle danach fragen.«

Frau Bircan nickte, als wäre das die natürlichste Bitte der Welt. Sie tippte etwas in ihren Computer, dann stand sie auf, kam um den Tresen herum und legte der Frau im beigen Mantel kurz die Hand auf den Unterarm. »Kommen Sie«, sagte sie. »Wir bringen Sie in den anderen Wartebereich.«

Avi sah zu, wie die beiden Frauen durch eine Tür am Ende des Flurs verschwanden – eine unauffällige Tür, grau wie alle anderen, die sie aber bisher nicht bemerkt hatte, obwohl sie mehrmals den Flur entlanggesehen hatte. Hinterher fragte sie sich, warum nicht. Die Tür war groß genug, deutlich genug, nicht versteckt. Es war eher so, als hätte der Blick sie jedes Mal übersprungen, wie man ein Wort im Text überliest, das man nicht erwartet.

Sie warf einen Blick auf das Paar neben sich, ob sie die Wortwahl ebenfalls registriert hatten. Aber die Frau des Paares sagte gerade: »Cremeweiß ist eben nicht Weiß«, und der Mann antwortete: »Ich sage ja auch nicht, dass es Weiß ist.«

Die nächsten zwanzig Minuten vergingen, wie Wartezeiten eben vergingen: zäh, aber nicht unangenehm. Avi dachte über das Wort nach – Sonderbehandlung – und fand, dass es zwei Bedeutungen in sich trug, die sich schlecht vertrugen. Auf der einen Seite klang es nach Vorzugsbehandlung, nach etwas Begehrtem. Auf der anderen Seite hatte das Wort irgendwo in ihrem Hinterkopf einen kälteren, bürokratischeren Klang, den sie nicht benennen konnte und auch nicht wollte.

»Nummer 14«, rief eine Stimme, und Avi stand auf, faltete den Zettel mit ihrer Nummer zusammen und steckte ihn in die Tasche, obwohl sie ihn nicht mehr brauchte. Eine Krankenschwester, jünger als Frau Bircan und mit der unbeschwerten Hektik einer Person, die zu viele Patienten und zu wenig Zeit hatte, führte sie in ein Behandlungszimmer.

Dr. Amsel war ein Mann von vielleicht sechzig Jahren, mit struppigen grauen Augenbrauen und der Art von Brille, die ständig auf die Nasenspitze rutschte und die er mit dem Zeigefinger hochschob, ohne es selbst zu bemerken. Er hörte sich Avis Beschreibung der Kopfschmerzen mit einer Aufmerksamkeit an, die ehrlich wirkte, fragte nach Schlaf, nach Bildschirmzeit, nach Stress, und Avi beantwortete alles brav, während sie gleichzeitig spürte, wie ihre Gedanken immer wieder zu der grauen Tür am Ende des Flurs zurückwanderten.

»Wahrscheinlich Verspannung«, sagte Dr. Amsel schließlich und tastete vorsichtig ihren Nacken ab, Daumen und Zeigefinger an der Muskelkante unterhalb des Schädels. »Verspannt wie ein Schiffseil«, murmelte er, fast für sich. »Ich gebe Ihnen ein Rezept für Physiotherapie, und wenn es in zwei Wochen nicht besser ist, machen wir ein MRT, nur zur Sicherheit.« Er lächelte dabei auf eine Weise, die nichts Falsches an sich hatte – ein Mann, der seinen Beruf ernst nahm und sonst nichts.

Als Avi das Behandlungszimmer verließ, kam sie noch einmal am Wartebereich vorbei. Die Frau im beigen Mantel war nicht zurückgekehrt. Avi blieb einen Moment vor der grauen Tür stehen und hörte. Nichts – nur das gedämpfte Summen der Leuchtstoffröhren und, von irgendwoher, ein leises, fast unmerkliches Ticken, wie von einer Uhr, die schneller lief, als Uhren es eigentlich tun sollten.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte Frau Bircan, die plötzlich neben ihr stand, ohne dass Avi sie hätte kommen hören.

»Nein«, sagte Avi schnell. »Ich – ich habe mich nur verlaufen.«

Frau Bircan lächelte, jenes vollkommene, liturgische Lächeln. »Das passiert hier öfter, als man denkt«, sagte sie, und es klang nicht wie eine Beruhigung, sondern wie eine Feststellung, ein Naturgesetz, das man verzeichnet, ohne es zu erklären.

Draußen auf der Straße blieb Avi stehen und sah zu dem Fenster im zweiten Stock hinauf. Die Kopfschmerzen waren, seltsamerweise, verschwunden. An ihre Stelle war etwas anderes getreten – eine leichte, kribbelnde Neugier, die sie noch nicht als Vorahnung erkannte, sondern nur als das, was sie auf den ersten Blick war: die harmlose Frage, was wohl hinter einer Tür liegen mochte, die man nicht hätte bemerken sollen.

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