Kapitel 1 - Der letzte Tharion
Der Sack über meinem Kopf wurde mit einem Ruck heruntergezogen.
Ein grelles Licht traf mich so hart, dass ich blinzeln musste. Meine Augen brannten, meine Knie zitterten, und erst nach ein paar Sekunden erkannte ich, wo ich war. Ich stand auf einer hohen Tribüne mitten in Arenstone. Unter mir drängte sich eine Menschenmenge zusammen.
Überall sah ich Gesichter. Männer mit verschränkten Armen. Frauen, die ihre Kinder an sich drückten. Alte Leute, deren Blicke schwer auf mir lagen. Manche standen auf Zehenspitzen, um besser sehen zu können. Andere wendeten sich bereits ab, als wollten sie sich einreden, sie hätten damit nichts zu tun. Und doch waren sie hier.
Neben mir stand ein gewaltiger Mann. Seine Schultern waren breit wie eine Tür, sein Gesicht lag im Schatten eines dunklen Helms, und in seinen Händen hielt er eine Axt, deren Schneide im Sonnenlicht aufblitzte.
„Wir haben uns heute hier versammelt“, erklang eine Stimme von rechts, „um Henry aus dem Hause Tharion für seine Verbrechen bezahlen zu lassen.“
Diese Stimme kannte ich.
Langsam drehte ich den Kopf. Es war König Vharl aus dem Haus Reylen. Er stand nur wenige Schritte entfernt, in einem Mantel aus schwerem Stoff, der im Licht fast golden schimmerte. Seine Haltung war ruhig, sein Gesicht ernst, und als er den Arm hob und auf mich zeigte, ging ein Raunen durch die Menge.
Als wäre ich das Monster. Dabei stand der wahre Verräter direkt vor ihnen.
„Als euer König“, sagte Vharl und ließ seine Stimme über den Platz tragen, „werde ich dafür sorgen, dass Aurelion geschützt bleibt. Haus Tharion hat dieser Welt schon einmal Wunden zugefügt, die über zweihundert Jahre gebraucht haben, um zu heilen. Ich werde dafür sorgen, dass sich so etwas niemals wiederholt.“
Einige jubelten. Andere murmelten. Der Name Tharion lag wie ein Fluch über dem Platz, schwer und kalt, wie eine Kette um meinen Hals.
Der Mann mit der Axt trat hinter mich. Eine große Hand packte meine Schulter und drückte mich auf die Knie. Das Holz unter mir war rau, voller Kerben und dunkler Flecken. Für einen Herzschlag fragte ich mich, wie viele Menschen hier schon gekniet hatten. Wie viele letzte Atemzüge dieser Platz bereits verschluckt hatte.
Vharl trat näher. „Hast du, Henry von Haus Tharion, noch ein paar letzte Worte?“
Ich hob den Blick und sah in die Menge. Manche Gesichter waren angespannt vor Erwartung, beinahe gierig, als warteten sie nur darauf, meinen Kopf rollen zu sehen. Andere wirkten beschämt. Einige weinten sogar.
In mir wurde es seltsam still.
Ich dachte an den Spiegel. An Detroit. An den Dachboden meiner Großeltern, an den Moment, in dem mein Leben zerbrach und ich in eine Welt fiel, die ich nie hatte betreten wollen. Ich dachte an Bruno, an Clarice, an Liz. An Jacob. An all die Wege durch Wälder, Flüsse und brennende Dörfer. An die Kämpfe, die Narben, die Entscheidungen, die sich damals richtig angefühlt hatten und heute wie Steine in meinem Magen lagen.
Was hatte ich geopfert? Wen hatte ich geopfert? Und wofür?
Jetzt kniete ich hier, mit der Axt im Nacken, und alles fühlte sich an, als hätte es niemals gereicht.
Ich atmete tief ein. Meine Stimme zitterte am Anfang, doch mit jedem Wort wurde sie fester.
„Ich weiß, dass vieles von dem, was ich getan habe, falsch war. Vielleicht war auch nicht jede Entscheidung richtig. Aber ich wollte immer nur das Beste für Aurelion. Für euch. Für jede Welt, die durch diesen Krieg bedroht wurde.“ Ich schluckte. „Es tut mir leid, was geschehen ist. Doch ich habe gehandelt, weil wir glaubten, unseren Feind zu kennen.“
Ich wandte den Kopf zu König Vharl. Unsere Blicke trafen sich. Für einen winzigen Moment verschwand die Maske aus seiner Miene, und darunter sah ich etwas, das nach Angst aussah.
„Doch wir irrten uns“, sagte ich.
Dann sah ich wieder zur Menge. Ich sammelte all die Wut, all die Trauer und all die Hoffnung, die noch in mir übrig war.
„Lasst euch von diesen Bastarden niemals unterkriegen!“, schrie ich.
Ein Aufschrei ging durch die Menschen. Die Menge geriet in Bewegung. Stimmen überschlugen sich, manche riefen meinen Namen, andere verlangten meinen Tod. Soldaten drängten nach vorn, Speere wurden gehoben, Kinder begannen zu weinen.
Vharl hob nur eine Hand.
Der Mann hinter mir verstand den Befehl.
„Tötet ihn“, sagte der König.
Ich konnte die Axt über mir nicht sehen, aber ich spürte die Veränderung in der Luft. Das schwere Atmen des Henkers. Das leise Knarren seiner Rüstung. Dann hob er die Waffe.
Ich schloss die Augen und die Axt fiel.
Drei Monate zuvor …
Etwas Kaltes, Nasses traf mich mitten ins Gesicht.
„Scheiße!“, schrie ich und fuhr so heftig hoch, dass mir sofort schwindelig wurde. Ich tastete hektisch über mein Gesicht, als hätte mich irgendein Wesen aus dem See angesprungen.
Über mir stand Liz mit einem leeren Eimer in der Hand. Ihr Grinsen war breit genug, um die ganze Hütte zu füllen.
„Du hättest dein Gesicht sehen sollen“, sagte sie und lachte.
Ich blinzelte Wasser aus meinen Augen und versuchte, mich zu orientieren. Um mich herum roch es nach altem Holz, Rauch und feuchter Erde. Ich lag auf einer schmalen Pritsche, über die man eine kratzige Decke geworfen hatte. Die Wände der Hütte bestanden aus grob behauenen Balken, die Fenster waren mit Brettern vernagelt, doch durch die schmalen Spalten drang blasses Licht herein.
„Beruhig dich, du Spinner“, sagte Liz und warf den Eimer in eine Ecke, wo er scheppernd liegen blieb.
Ich setzte mich langsam auf. Jede Bewegung fühlte sich an, als hätte jemand meine Knochen herausgenommen, durcheinandergeworfen und falsch zusammengesetzt.
„Was ist passiert?“, fragte ich heiser. „Wo sind wir?“
Liz verschränkte die Arme, doch ihr Lächeln verschwand. „Wir haben dich bewusstlos an einem See gefunden.“
Der See.
Allein das Wort reichte, um Bilder in mir aufblitzen zu lassen. Der Spiegel. Der Lord der Ewigen Nacht. Diese Kälte, die sich um mein Herz gelegt hatte. Dann der Moment, in dem alles zerbrach.
„Woher wusstest du, wo der See war?“
„Wir haben gesehen, in welche Richtung ihr geritten seid“, sagte sie. „Danach haben wir gesucht. Drei Tage lang.“
Ich starrte sie an. „Drei Tage?“
Sie nickte.
Drei Tage. Ich hatte drei Tage dort gelegen.
Langsam kamen die Erinnerungen zurück. Der Spiegel war fort. Der Lord hatte sich zurückgezogen, nachdem ich ihn mit irgendetwas getroffen hatte, das ich selbst kaum verstand. Etwas aus mir heraus, aus dem Blut meines Hauses, aus der Verbindung, die ich noch immer nicht ganz begriff.
„Wo sind die anderen?“, fragte ich und schwang die Beine von der Pritsche. Sofort kippte der Raum zur Seite.
Liz trat näher und legte mir eine Hand unter den Arm. „Langsam, Held. Du siehst aus, als würdest du gleich wieder umkippen.“
„Wo sind sie?“, wiederholte ich.
„Nachdem die Gestalten abgezogen sind, haben wir Clarice und Bruno aus den Zellen befreit.“
Ich sah sie verständnislos an. „Abgezogen?“
Liz führte mich zur Tür. „Sie haben alles stehen und liegen gelassen. Waffen, Lager, Vorräte. Dann sind sie gegangen. Einfach so.“
Das ergab keinen Sinn. Der Lord der Ewigen Nacht hatte uns gejagt, als wären wir der Schlüssel zu allem. Warum sollte er seine Truppen zurückziehen, nur weil der Spiegel verschwunden war?
Liz öffnete die Tür, und kühle Morgenluft strömte herein.
Draußen befand sich ein Lager, versteckt zwischen dichten Bäumen. Die Hütte stand am Rand einer kleinen Lichtung, umgeben von Zelten, Vorratskisten und notdürftig errichteten Unterständen. Über einem Lagerfeuer hing ein rußiger Kessel, aus dem Dampf aufstieg. Weiter hinten übten einige Leute am Schießstand. Pfeile sirrten durch die Luft und bohrten sich in Strohsäcke. Auf dem Boden saß eine kleine Gruppe um ein Spielfeld aus eingeritzten Linien. Sie schoben Steine hin und her und stritten lachend über Regeln, die ich noch nie gehört hatte.
Ich suchte die Gesichter ab. Clarice war nirgends zu sehen. Bruno ebenfalls.
„Wo sind Clarice und Bruno?“, fragte ich.
Liz wurde ernster. „Sie überbringen Jacobs Leiche seinen Eltern.“
Der Name traf mich härter, als ich erwartet hatte.
Sofort sah ich sein blondes Haar vor mir, seine überhebliche Art, dieses selbstgefällige Grinsen, das mich am Anfang wahnsinnig gemacht hatte. Er war ein Spion gewesen. Er hatte uns verraten. Dieser Gedanke brannte immer noch. Und trotzdem war die Erinnerung an ihn komplizierter als nur Wut.
Er hatte mir gezeigt, wie ich ein Schwert richtig hielt. Wie ich die Füße setzen musste, damit mich der erste Schlag nicht zu Boden riss. Er hatte mir beigebracht, im Kampf zu atmen, statt einfach nur vor Angst zu erstarren. Er war eingebildet gewesen, ja. Arrogant. Nervig. Aber er war auch ein Teil von uns gewesen.
Und jetzt war er tot.
Ein junger Mann mit blondem Lockenkopf kam auf uns zu. Er trug ein einfaches Leinenhemd, eine abgewetzte Lederweste und ein Schwert an der Seite, das ihm noch fremd zu sein schien.
„Liz“, sagte er, „wir können aufbrechen.“ Ich sah zwischen den beiden hin und her.
„Das ist Percy“, erklärte Liz.
Percy streckte mir die Hand entgegen. „Schön, dass es dir besser geht, Henry.“
Ich nahm seine Hand. Sein Griff war fest, aber vorsichtig. „Bist du neu?“
Er nickte. Für einen Moment verdunkelte sich sein Blick. „Ja.“
Liz antwortete an seiner Stelle weiter. „Percy und seine Freunde sind die letzten Überlebenden ihres Dorfes. Wir haben sie aufgenommen.“
Ich wusste nicht, was man darauf sagen sollte. In dieser Welt schien es ständig neue Arten von Verlust zu geben.
„Cool“, sagte ich schließlich, obwohl das Wort kaum passte. „Also … gut, dass ihr hier seid.“
Percy nickte dankbar.
Ich rieb mir über das nasse Gesicht. „Und wohin soll es jetzt gehen?“
Liz blickte über die Schulter, als wollte sie sicher sein, dass niemand zu nah stand. Dann beugte sie sich etwas zu mir. „Percy hat uns von einem Ort erzählt, an dem wir unterkommen können. Aber vorher gibt es etwas, worüber wir reden müssen.“
Ihr Ton ließ mein ohnehin flaues Gefühl im Magen noch schwerer werden.
Wir gingen zurück in die Hütte. Percy schloss die Tür hinter uns, und das gedämpfte Licht machte den Raum plötzlich enger. Liz blieb vor der Pritsche stehen, die Arme vor der Brust verschränkt.
„Erzähl Henry, was du weißt“, sagte sie zu Percy.
Percy räusperte sich. „So wie es aussieht, sucht König Vharl nach euch.“
Ich runzelte die Stirn. „Wie meinst du das?“
„Seine Männer verbreiten es in den Städten und Dörfern. Überall hängen Bekanntmachungen. Boten erzählen dieselbe Geschichte.“ Percy holte tief Luft. „Er behauptet, du wärst für die Angriffe verantwortlich.“
Für einen Moment sagte niemand etwas.
In gewisser Weise stimmte es sogar. Ohne mich wäre vieles vielleicht anders gekommen. Der Spiegel hatte mich nach Aurelion gebracht. Mein Blut, mein Name, mein Haus, all das hatte etwas in Bewegung gesetzt, das längst unter der Oberfläche gelauert hatte.
„Außerdem“, fuhr Percy fort, „behauptet er, du willst den Thron deines Hauses zurückerobern.“
„Was?“ Meine Stimme wurde lauter, als ich beabsichtigt hatte. „Ich will nur nach Hause. Ich will nicht in Aurelion bleiben. Der Thron ist mir scheißegal.“
Percy zuckte leicht mit den Schultern. „Vharl sieht das anders. Oder er will, dass alle anderen es anders sehen. Er hat Angst, dass Haus Tharion zurückkehrt und Haus Reylen vom Thron stürzt.“
Ich verschränkte die Arme. In mir stieg Hitze auf, stärker als die Schwäche in meinen Beinen. „Ich habe nie darum gebeten, zu Haus Tharion zu gehören. Ich habe nie darum gebeten, in diese Welt gezogen zu werden.“
„Das interessiert Könige selten“, sagte Liz trocken.
Ich wollte antworten, doch draußen wurden Stimmen laut. Erst nur vereinzelte Rufe, dann das Schnauben von Pferden, Hufschläge, das metallische Klirren von Rüstungen.
Liz fuhr herum. „Was ist da los?“
Sie riss die Tür auf, und wir traten hinaus.
Drei Soldaten von Haus Reylen standen mitten im Lager. Ihre Pferde tänzelten unruhig und warfen die Köpfe hoch. Die Männer trugen die Farben des Königshauses, sauber, stolz und fehl am Platz zwischen den Zelten und rußigen Kesseln. Sofort verstummte das Lager. Hände glitten zu Waffen. Bogenschützen drehten sich von den Zielscheiben weg.
Percy griff bereits nach dem Griff seines Schwertes.
Liz stellte sich vor mich. „Was wollt ihr hier?“, rief sie.
Einer der Soldaten stieg vom Pferd. Er war älter als die anderen, mit kurzem Bart und einem Blick, der so kalt war wie polierter Stein. „Wir wollen Henry vom Haus Tharion.“
Ein Murmeln ging durch das Lager.
Liz hob das Kinn. „Nur über meine Leiche.“
Der Soldat legte die Hand auf den Schwertknauf. Seine beiden Begleiter taten es ihm gleich.
Ich sah die Bewegung. Ich sah Percy, der bereit war zu ziehen. Ich sah die Bogenschützen, die bereits nach Pfeilen griffen. Und ich wusste, wie schnell aus einem Wort ein Massaker werden konnte.
Schon wieder wegen mir.
Ich trat an Liz vorbei. Sie packte meinen Arm, doch ich löste mich sanft aus ihrem Griff. „Was wollt ihr?“, fragte ich den Soldaten.
Er musterte mich, als hätte er erwartet, jemanden Größeren vorzufinden. Jemanden, der besser zu den Geschichten passte, die man über Haus Tharion erzählte.
„Der König will mit Euch sprechen.“
Liz warf mir einen Blick zu, der deutlicher war als jedes Wort.
Aber wenn ich mich weigerte, würden diese Soldaten kämpfen. Vielleicht kamen danach mehr.
Ich atmete langsam aus. „Ich komme mit“, sagte ich.
„Henry“, zischte Liz.
Ich sah sie an. „Ich kann nicht zulassen, dass noch mehr Blut wegen mir fließt.“
Für einen Moment wirkte sie, als würde sie mir eine Ohrfeige geben wollen. Stattdessen trat sie näher, griff nach meiner Hand und drückte mir heimlich etwas in die Hosentasche. Ihre Finger waren kalt.
„Die Karte zeigt dir den Weg“, flüsterte sie so leise, dass nur ich es hören konnte.
Ich nickte kaum merklich. Dann wandte ich mich den Soldaten zu.
Ich wusste nicht, was mich erwartete. Aber ich wusste, dass Weglaufen hier nur größeren Schaden verursachen würde.
Also ging ich los.









Ein schockierender Anfang 😢
Unfassbar, was manche Menschen bereit sind zu tun, um ihre Macht zu behalten. Ob sich das Blatt für Henry noch wendet?