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Der Ruf des Moosrings

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Summary

Ein unerklärliches Summen. Ein Rudel voller Geheimnisse. Und ein Mann, der mich mit jedem Blick mehr aus dem Gleichgewicht bringt, als mir lieb ist. Ich wollte nur Antworten. Stattdessen finde ich mich zwischen Moosring, Alpha und Kael wieder — und plötzlich ist nichts mehr so harmlos, wie es einmal schien.

Genre
Fantasy
Author
Marie Ber
Status
Ongoing
Chapters
4
Rating
n/a
Age Rating
16+

01 Der Wald

SOFIE

Es gibt Tage, an denen man aufsteht und einfach weiß, dass man hätte liegen bleiben sollen. Dieser Tag gehörte eindeutig dazu. Er begann mit kaltem Kaffee, einem Riss in meiner Lieblingsstrumpfhose und dem dumpfen Gefühl, dass das Universum heute beschlossen hatte, mich persönlich zu ärgern.

Ich ignorierte alle Zeichen. Wie immer.

Der Regen setzte ein, als ich genau zwischen zu spät dran und völlig egal war. Kein romantisches Nieseln, sondern diese aggressive Art von Regen, die dir ins Gesicht klatscht, als hätte sie etwas gegen dich persönlich. Und dann blieb mein Auto stehen. Nicht langsam. Nicht warnend. Nein – mit einem letzten, beleidigten Ruck, direkt am Rand einer viel zu schmalen Straße, irgendwo zwischen Wald und Warum zum Teufel fahre ich hier überhaupt?

Wieso ich da gerade fuhr? Es war der schnellste Weg ins Labor. Ich hatte verschlafen, der Kaffee war kalt, die Strumpfhose. Ihr wisst schon. Eigentlich mied ich diese Strecke, weil mir gerade dieser Abschnitt schon immer ein dumpfes Gefühl bereitet hatte. Aber heute hatte ich keine andere Möglichkeit. Und nun das.

„Natürlich“, murmelte ich und starrte auf das Armaturenbrett, als könnte ich es mit purer Willenskraft wiederbeleben. „Warum auch nicht.“

Ich stieg aus, trat in eine Pfütze, fluchte laut und zog mir den Mantel enger um den Körper. Der Wald um mich herum war still. Unnatürlich still. Keine Vögel. Kein Wind. Nur Regen. Doch jetzt nahm ich es richtig wahr: dicke Stämme ragten wie Wächter auf, moosbewachsen und schwarz vor Nässe, dazwischen ein Gewirr aus Farnen und totem Laub, das unter dem Regen raschelte wie flüsternde Geheimnisse. Der Geruch stieg auf – feuchte Erde, verrottendes Holz und etwas Wildes, Ursprüngliches, das sich in meine Sinne schob.

Und dann war da dieses Summen.

Nicht von außen. Es setzte ein, als hätte jemand einen Schalter umgelegt – genau in dem Moment, in dem ich stehen blieb. Tief hinter meinen Augen, fein, vibrierend. Ich blinzelte gegen den Regen an. Es wurde stärker. Nicht viel. Nur genug, dass ich es nicht mehr ignorieren konnte. Mein Schädel pochte leicht, nicht schlimm genug, um mich umzuhauen, aber deutlich genug, um mich zu ärgern.

Dann hörte ich Schritte. Langsam. Schwer. Bestimmt.

Ich drehte mich um – und erstarrte.

Er stand ein paar Meter entfernt, halb im Schatten der Bäume, halb so, dass ich ihn sehen konnte. Groß. Breit. Dunkle Kleidung, nasses Haar, das ihm ins Gesicht fiel. Sein Blick lag auf mir, ruhig, wachsam, als würde er mehr sehen als nur eine Frau mit defektem Auto und mieser Laune. Und das Seltsamste? Ich erschrak nicht richtig.

Das Summen zog an. Nicht lauter. Enger. Als würde sich etwas in mir auf ihn ausrichten.

Warum wunderte ich mich nicht, dass er einfach so da war? Mitten im Nichts. Im Regen. Als hätte der Wald ihn ausgespuckt.

„Wenn Sie mich umbringen wollen“, sagte ich schließlich und verschränkte die Arme, „muss ich Sie enttäuschen. Heute bin ich schon selbst damit beschäftigt.“

Er blinzelte. Einmal.

„Auto kaputt?“, fragte er.

Kein Wort zu viel. Seine Stimme war tief. Ruhig. Kaum mehr als nötig.

„Nein“, antwortete ich. „Ich parke hier aus Spaß. Waldluft, Sie wissen schon.“

Ein Mundwinkel zuckte. Nur minimal. Aber ich sah es. Er trat näher. Zu nah. Er schien es zu bemerken und brachte wieder Abstand zwischen uns. Sein Blick glitt kurz über das Auto, dann zurück zu mir. Etwas lag darin. Etwas, das ich nicht deuten konnte.

Zurückgehalten.

Seine Nähe brachte Hitze – pure Wärme, die den kalten Regen durchdrang. Und darunter vibrierte das Summen, schneller jetzt, unruhiger. Nicht angenehm. Nicht unangenehm. Nur… falsch vertraut.

Er kniete sich vor die offene Motorhaube, als hätte er nie etwas anderes getan. Ruhig. Selbstverständlich. Als wäre mein liegengebliebenes Auto kein Ärgernis, sondern Teil eines Plans, den nur er kannte. Ich lehnte mich an die Tür und beobachtete ihn. Nicht absichtlich. Also… vielleicht ein bisschen.

„Ich heiße Sofie“, sagte ich nach einer Minute.

Die Stille begann sich unangenehm auszubreiten, kroch mir unter die Haut wie Kälte. Ich wollte schon wieder ansetzen und sie überbrücken. Da hörte ich ihn räuspern.

„Kael.“

Nur das. Kein überflüssiges Wort zu viel. Kein Nachname. Nichts. Natürlich nicht.

„Kael“, wiederholte ich und schmeckte den Namen.

Kurz. Klar. Passte zu ihm.

„Okay, Kael. Sag mir bitte, dass du gleich einen losen Schlauch findest und wir beide so tun können, als wäre das hier nie passiert.“

Er hob den Blick. Seine Augen waren dunkel. Zu dunkel für das graue Licht.

„Ich sage dir gleich, was los ist.“

„Ich mag Ehrlichkeit“, erklärte ich. „Meistens. Außer sie ist sehr teuer.“

Ein kaum sichtbares Schnauben. Ich grinste triumphierend.

„Du hast Glück“, sagte er schließlich. „Ist nur der Keilriemen. Locker. Kann ich fixieren. Reicht, um dich nach Hause zu bringen.“

„Du bist offiziell mein Lieblingsfremder im Wald.“

Er richtete sich auf. Kam näher. Viel näher. Langsam, mit einem Blick, den ich nicht deuten konnte. Die Hitze von ihm hüllte mich ein, sein Duft intensiver jetzt – moschusartig, ruhig, verlockend, als würde er eine Saite in mir zum Schwingen bringen. Das Summen setzte einen Schlag aus, dann sprang es wieder an, hektischer als zuvor.

„Du solltest die Strecke meiden“, sagte er leise. Nach einer kurzen Pause schob er nach: „Hier stimmt etwas nicht.“

Ich runzelte die Stirn. „Warum? Gibt’s hier mörderische Waschbären?“

Sein Blick verhärtete sich für den Bruchteil einer Sekunde.

„Etwas in der Art.“

Ah. Natürlich.

„Gut zu wissen“, murmelte ich. „Dann bleibe ich zukünftig brav auf beleuchteten Straßen und in der Nähe von Menschen. Menschen sind weniger bissig.“

Er sah mich lange an. Zu lange. Als würde er mit sich ringen. Seine Hand streifte fast meine – elektrisch. Und das Summen kippte.

Ein scharfer, heller Stich schnitt mir durch den Kopf, so plötzlich, dass ich die Luft anhielt.

Er zog die Hand sofort zurück.

Ich bemerkte nicht, dass meine Hände zitterten, bis ich sie fester um meine Tasche schloss.

„Also“, begann ich wieder, „wohnst du hier? Im Wald? In einer geheimen Blockhütte mit dramatischer Vergangenheit?“

„Nein.“

„Schade.“

„Du stellst viele Fragen.“

„Ich stelle lieber Fragen als falsche Annahmen“, erwiderte ich. „Hat mir schon öfter Ärger erspart.“

Das war gelogen. Aber er musste ja nicht alles wissen.

Er arbeitete schweigend weiter. Konzentriert. Jeder Handgriff kontrolliert, präzise. Und doch lag etwas Gespanntes in ihm. Als würde er ständig lauschen. Nicht nur auf das Auto. Auf den Wald. Auf etwas, das ich nicht hören konnte.

„Du bist nervös“, stellte ich fest.

Seine Hände hielten inne. „Nein.“

„Doch. Nicht wegen mir. Wegen etwas anderem.“

Langsam richtete er sich auf. Sein Blick traf meinen – hart, warnend.

„Du solltest fahren, sobald ich fertig bin.“

Ein Schauer lief mir über den Rücken. Nicht aus Angst. Sondern aus etwas Tieferem. Etwas, das sich anfühlte wie… etwas, das sich falsch und gleichzeitig vertraut anfühlte. Seine Nähe machte es schlimmer – oder besser.

„Kael“, sagte ich leise, ohne genau zu wissen warum, „wenn du glaubst, ich lasse mich von ein paar düsteren Blicken verscheuchen, unterschätzt du mich gewaltig.“

Aber fahren würde ich, denn der Regen wurde stärker. Natürlich nur deshalb. Ich zog die Schultern hoch. Sein Atem ging hörbar aus.

„Das tue ich nicht“, murmelte er. „Genau das ist das Problem.“

Bevor ich etwas erwidern konnte, klappte er die Motorhaube zu. Ein kurzes, hartes Klacken, gefolgt von einem dumpfen Nachklang, der in der Stille hängen blieb, als hätte selbst das Metall gezögert, bevor es zur Ruhe kam.

„Fertig.“

Er zeigte zu der Fahrertür, ich stieg ein, startete den Motor. Er sprang an, als wäre nie etwas gewesen. Verräter.

„Danke“, sagte ich und sah ihn an. „Wirklich.“

Er nickte. Trat einen Schritt zurück. Mehr Abstand, als nötig gewesen wäre. Ich hielt inne.

„Man sieht sich.“

Es war keine Frage. Sein Blick folgte mir. Schwer. Dunkel. Voller Dinge, die er nicht aussprach.

„Ich hoffe nicht.“

Ich lächelte. „Ich schon.“

Ich zog die Tür zu, winkte ihm und fuhr los. Dabei hatte ich ein merkwürdiges Gefühl. Nicht bedrohlich. Aber doch klar, dass diese Begegnung etwas ausgelöst hatte.

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