Kapitel 1
Ich stehe vor dem Spiegel in meinem Schlafzimmer und betrachte das Päckchen, das seit drei Tagen auf meinem Nachttisch liegt. Schwarzer Latex, steht auf der Versandtasche. Ein Catsuit, Größe 38, mit Frontreißverschluss. Ich habe ihn online bestellt, nach einem Glas Wein zu viel, an einem regnerischen Dienstag im März, nachdem ich stundenlang durch Foren und Bilderwelten gescrollt habe. Bilder von Frauen in glänzendem Schwarz, ihre Körper wie gegossen, jede Kurve betont, jede Kontur scharf abgegrenzt. Ich wusste nicht, warum ich nicht aufhören konnte zu scrollen. Jetzt, drei Tage später, weiß ich es immer noch nicht genau. Aber das Päckchen ist da, und meine Finger zittern leicht, als ich es öffne.
Der Geruch trifft mich zuerst. Scharf, süßlich, chemisch — ein Duft, der irgendwo zwischen Benzin und warmem Gummi liegt. Ich halte das Material an meine Wange. Es ist kühl, glatt, leblos. Und doch spüre ich etwas, als die glatte Oberfläche meine Haut berührt. Einen kleinen Schauer, der von meinem Kinn meinen Hals hinabrutscht. Ich lege den Catsuit auf das Bett und streiche ihn glatt. Das Licht der Nachttischlampe spiegelt sich auf der matten Oberfläche, und für einen Moment sehe ich mein eigenes Gesicht, verzerrt und fremd, im glänzenden Stoff.
Ich heiße Christa. Ich bin siebenundfünfzig Jahre alt, geschieden, zwei erwachsene Kinder, die in anderen Städten leben. Ich arbeite als Übersetzerin für technische Dokumentationen, von zu Hause aus, meistens allein. Mein Leben ist ruhig, geordnet, vorhersehbar. Seit der Scheidung vor neun Jahren gibt es keine Männer mehr in meinem Bett. Es gab auch nie Frauen. Und doch — und doch habe ich, solange ich denken kann, manchmal Frauen angesehen. Auf eine Art, die ich mir nicht eingestehen wollte. Die breiten Hände der Bäckerin, wenn sie das Brot in die Tüte legt. Der Geruch von Lavendel, wenn meine Kollegin Ute neben mir sitzt. Die Art, wie eine fremde Frau im Supermarkt ihre Lippen aufeinanderpresst, wenn sie nachdenkt. Kleinigkeiten. Splitter. Nichts, was ich benannt hätte. Nichts, was ich verfolgt hätte.
Bis zu diesem Dienstag im März.
Ich ziehe mich aus. Bluse, BH, Rock, Strumpfhose. Ich stehe nackt vor dem Spiegel und betrachte meinen Körper mit der kritischen Distanz, die mir in den letzten Jahren zur Gewohnheit geworden ist. Meine Brüste sind weich, schwer, die Haut nicht mehr so straff wie mit dreißig. Mein Bauch hat eine Wölbung, die ich in der Jugend nicht hatte. Die Oberschenkel berühren sich, wenn ich stehe. Falten um die Augen, um den Mund. Und doch — und doch schaue ich nicht weg. Ich nehme den Latex-Catsuit vom Bett und beginne, ihn anzuziehen.
Es ist ein Kampf. Das Material klebt an meiner Haut, zieht, zerrt, will nicht dahin, wo ich es haben will. Ich habe Talkumpuder gelesen, in den Foren. Ich habe welches im Badezimmer. Ich bestäube meine Beine, meine Arme, und plötzlich gleitet der Latex — langsam, zäh, aber gleitet. Mein linker Fuß rutscht hinein, dann der rechte. Der Stoff kriecht meine Waden hinauf, über meine Knie, die Oberschenkel. Er presst sich an mich, und ich spüre, wie er jede Unebenheit meiner Haut abformt. Jede Delle, jede Wölbung. Ich ziehe weiter, über die Hüften, und der Latex legt sich um meinen Unterleib wie eine zweite Haut. Eng, eng, eng. Ich atme ein, und mein Brustkorb dehnt sich gegen den Widerstand des Materials. Es knackt leise, ein Geräusch wie knisternde Folie.
Ich streife die Ärmel über meine Arme, schiebe meine Hände durch die Engstellen an den Handgelenken. Dann greife ich nach dem Reißverschluss, der von meinem Hals bis zum Schoß reicht. Ich ziehe ihn hoch, und der Latex schließt sich um meinen Oberkörper. Er presst meine Brüste flach, drückt sie zusammen, und ich sehe im Spiegel, wie sich meine Silhouette verändert. Mein Körper wirkt glatter, fester, konturierter. Die Falten sind verschwunden. Die Wölbungen sind verschwunden. Was bleibt, ist eine schwarze, glänzende Hülle, die mich umschließt wie eine Rüstung.
Und dann — Wärme.
Es beginnt als leises Prickeln an meinen Beinen. Wie ein zweiter Puls, der unter der Haut schlägt. Der Latex nimmt meine Körperwärme auf und speichert sie, gibt sie nicht mehr ab. Nach zwei Minuten spüre ich, wie sich Schweiß an meinem linken Knie bildet. Nach drei Minuten an meinem rechten Oberschenkel. Nach fünf Minuten klebt der Latex an meinem Bauch, feucht und warm, und ich spüre jeden Atemzug doppelt — einmal in meiner Lunge, einmal im Widerstand des Materials. Es ist, als hätte ich mein eigenes Klima geschaffen. Eine kleine, feuchte Hitze, die nur mir gehört.
Ich bewege mich im Zimmer. Ein Schritt. Der Latex knackt. Ein weiterer Schritt. Das Knacken wird zu einem leisen Zischen, wie Luft, die aus einem Reifen entweicht. Ich drehe mich vor dem Spiegel. Mein Körper glänzt. Das Licht der Nachttischlampe wirft helle Reflexe auf meine Hüften, meine Brüste, meine Schultern. Ich hebe den Arm, und der Latex spannt sich über meinem Bizeps. Ich beuge das Knie, und der Stoff zieht sich über meiner Wade straff. Ich bin — ich bin nicht mehr Christa, die Übersetzerin. Ich bin jemand anderes. Jemand, der in Schwarz gehüllt ist und glänzt.
Und dann bemerke ich etwas anderes.
Zwischen meinen Beinen, dort wo der Latex am engsten anliegt, spüre ich eine Feuchtigkeit, die nicht nur Schweiß ist. Ein Pulsieren, leise, fast unmerklich. Ein Kribbeln, das von meinem Unterleib ausstrahlt. Ich drücke meine Oberschenkel zusammen, und der Latex quietscht leise. Das Kribbeln wird stärker. Ich lege meine behandschuhte Hand auf meinen Unterleib, und der Druck des Latex auf meiner Haut, kombiniert mit dem Druck meiner Hand, erzeugt eine Welle, die meinen Rücken hinaufrutscht. Ich atme scharf ein. Der Latex dehnt sich, meine Brüste heben sich, und im Spiegel sehe ich eine Frau, deren Augen größer geworden sind, deren Mund leicht geöffnet ist, deren Wangen — trotz der schwarzen Hülle — gerötet sind.
Ich stehe da. Atme. Schwitze. Und verstehe zum ersten Mal, dass dies kein Versehen ist. Dass ich diesen Catsuit nicht betrunken bestellt habe. Dass ich hier stehe, in Schwarz gehüllt, mit pochendem Unterleib und feuchten Schenkeln, weil ich genau das wollte. Genau das brauche. Und dass die Bilder, die ich mir stundenlang angesehen habe, nicht einfach Bilder waren. Dass sie etwas in mir berührt haben, das seit siebenundfünfzig Jahren schlummert.
Ich trage den Catsuit den ganzen Abend. Ich koche mir Tee in der Küche, und der Linoleumboden quietscht unter meinen nackten Füßen — ich habe keine Schuhe angezogen, der Latex reicht bis zu den Knöcheln. Ich setze mich aufs Sofa, und der Stoff spannt sich über meinen Oberschenkeln, glitscht auf dem Polster, und ich rutsche immer wieder nach vorne. Ich schalte den Fernseher ein, aber ich sehe nicht hin. Ich spüre. Jede Faser des Latex, jede Schweißperle, die sich bildet, jeder kleine Luftzug, der über das Material streicht und mir eine Gänsehaut verleiht, die ich unter der Gummihülle nicht sehen kann.
Gegen zehn Uhr abends stehe ich wieder vor dem Spiegel. Der Latex ist jetzt warm, richtig warm, wie ein zweiter Körper, der mich umschließt. Meine Haut darunter ist feucht, glitschig, und wenn ich den Stoff an meiner Hüfte leicht anhebe, sehe ich, wie sich ein Tropfen Schweiß von meinem Bauch löst und an der Innenseite des Latex hinabrutscht. Ich ziehe den Reißverschluss herunter, langsam, Glied für Glied, und mit jedem Zentimeter, der sich öffnet, entweicht warme Luft — mein eigener Atem, eingesperrt und wieder freigegeben. Der Geruch ist intensiv: Gummi, Schweiß, und etwas anderes. Etwas Süßliches. Etwas, das aus mir kommt.
Ich lege den Catsuit auf das Bett, breite ihn aus, betrachte ihn. Er ist feucht an der Innenseite, beschlagen wie ein Spiegel nach einem heißen Bad. Ich streiche mit den Fingern darüber, und der Latex ist warm, lebendig fast, als hätte er etwas von mir aufgenommen. Etwas behalten.
Am nächsten Morgen trage ich meinen normalen Rock, meine Bluse, meine flachen Schuhe. Ich sitze am Schreibtisch und übersetze eine Betriebsanleitung für eine Industriemaschine. Aber zwischen den Sätzen, zwischen den Passivkonstruktionen und Sicherheitswarnungen, denke ich an den Latex. An die Wärme. An das Kribbeln. Ich öffne das Forum, in dem ich die Bilder gefunden habe, und diesmal lese ich nicht nur. Ich registriere Namen. Orte. Treffen.
Am Nachmittag finde ich einen Eintrag. Latex-Stammtisch, jeden zweiten Donnerstag im Monat, in einer Bar in der Innenstadt. Gäste willkommen. Dresscode: optional. Ich lese die Adresse dreimal. Dann schließe ich den Laptop, stehe auf, gehe ins Bad und wasche mir das Gesicht mit kaltem Wasser.
Zwei Wochen später stehe ich vor der Bar. Es ist ein regnerischer Abend, und ich trage den Catsuit unter meinem Mantel. Niemand kann ihn sehen, aber ich spüre ihn. Jede Faser, jede Schweißperle, die sich bereits an meinen Schultern bildet. Der Mantel ist dick, und zwischen dem Wollstoff und dem Latex baut sich eine Hitze auf, die mir einen leichten Schwindel einflößt. Ich atme tief ein, drücke die Klinke herunter und trete ein.
Die Bar ist klein, dunkel, mit roten Ledersesseln und schwarz lackiertem Holzboden. Das Licht ist warm, gedimmt, und es gibt Ecken, in die es kaum reicht. Es riecht nach Rauch und Alkohol und — ja, nach Latex. Ich rieche es sofort, den süßlich-scharfen Geruch, den ich seit zwei Wochen kenne. Und ich rieche, dass ich nicht allein bin.
Am Tresen steht eine Frau. Sie ist vielleicht Anfang vierzig, groß, schlank, mit kurzem dunklem Haar und einem Latex-Korsett, das ihre Taille einschnürt wie eine Faust. Ihr Rock ist schwarz, eng, und darunter trägt sie Stiefel — schwarze, glänzende Stiefel mit Absatz, die bis über die Knie reichen. Ich höre sie, bevor ich sie sehe. Das Klicken der Absätze auf dem Holzboden, scharf, rhythmisch, wie ein Metronom. Sie dreht sich um, und ihre Augen — grau, klar, mit kleinen Lachfalten an den Seiten — mustern mich von oben bis unten.
Margot
Der Mantel. Zieh ihn aus.
Es ist keine Frage. Es ist keine Einladung. Es ist eine Anweisung. Ihre Stimme ist tief, ruhig, mit einer Schärfe am Rand, wie eine Klinge, die in der Scheide steckt. Ich stehe da, meine Hand noch an der Türklinke, und für einen Moment weiß ich nicht, was ich tun soll. Dann löse ich den Gürtel des Mantels. Der Stoff fällt auf meinen Schultern zurück, und der Latex darunter kommt zum Vorschein — schwarz, glänzend, eng. Die Frau am Tresen hebt ihr Glas, nimmt einen Schluck, und über dem Glasrande halten ihre Augen mich fest.
Margot
Besser.
Sie kommt auf mich zu, und mit jedem Schritt knackt der Holzboden unter ihren Stiefeln. Ich höre das Zischen des Latex an ihren Oberschenkeln, das leise Quietschen der Stiefel, das Knarren des Leders. Sie bleibt vor mir stehen, eine Handbreit Abstand, und ich rieche sie — Parfüm, etwas Herbes, Zedernholz vielleicht, vermischt mit dem scharfen Geruch ihres Korsetts.
Margot
Ich bin Margot. Und du bist neu.
Christa
Christa.
Margot lächelt. Es ist ein schmales Lächeln, das nicht ihre Augen erreicht. Ihre Hände — behandschuht, schwarzer Latex, bis über die Ellbogen — greifen nach meinem Mantel und ziehen ihn mir von den Schultern. Der kalte Luftzug auf meinem nackten Nacken lässt mich schaudern. Margot hängt den Mantel an einen Haken neben der Tür, ohne hinzusehen. Ihre Augen haben mich nicht verlassen.
Margot
Erster Catsuit?
Ich nicke.
Sie tritt einen Schritt näher. Ihre behandschuhte Hand hebt sich und legt sich auf meine Hüfte. Der Latex ihrer Fingerspitzen auf dem Latex meines Catsuits — es gibt ein leises, feuchtes Geräusch, wie zwei nasse Oberflächen, die sich berühren. Und durch die doppelte Schicht spüre ich ihre Wärme. Oder ist es meine? Ich kann es nicht unterscheiden.
Margot
Du hast ihn verkehrt gepudert. Man sieht Blasen an den Oberschenkeln. Da hat sich Luft eingeschlossen.
Ich schaue hinab. Sie hat recht. An meinem linken Oberschenkel, knapp über dem Knie, wölbt sich der Latex leicht, eine kleine Blase, die sich bewegt, wenn ich atme. Ich hätte es nicht bemerkt. Margot hat es auf den ersten Blick gesehen.
Margot
Leg die Hand flach daneben. Nicht drauf. Daneben.
Ich gehorche. Meine behandschuhte Hand legt sich neben die Blase, und Margot drückt mit ihrer Hand auf die andere Seite. Sie streicht über meinen Oberschenkel, langsam, mit Druck, und die Luft wandert unter dem Latex, eine sichtbare Welle, die Richtung meines Knöchels sucht. Ich spüre, wie sich das Material anlegt, strammer, glatter, und mit jedem Zentimeter, den Margot streicht, verändert sich etwas. Nicht nur der Latex. Ich verändere mich. Mein Atem wird flacher. Mein Puls schneller. Das Kribbeln zwischen meinen Beinen, das ich an diesem ersten Abend im Schlafzimmer gespürt habe, kehrt zurück — lauter, deutlicher, unausweichlicher.
Margot bemerkt es. Ihre grauen Augen huschen über mein Gesicht, und ihr schmales Lächeln wird eine Spur breiter.
Margot
Du bist warm. Man sieht es am Gesicht. Roter Teint, beschleunigte Atmung. Der Latex speichert die Körperwärme, und nach — wie lange trägst du ihn?
Christa
Eine Stunde.
Margot
Eine Stunde. Da bist du noch am Anfang. Warte ab, was nach drei passiert.
Sie dreht sich um und geht zum Tresen zurück. Ihre Stiefel klacken auf dem Boden, und mit jedem Schritt wackelt ihr Latexrock leicht, und ich sehe, wie sich der Stoff über ihrem Gesäß spannt. Ich folge ihr, nicht weil sie mich auffordert, sondern weil meine Beine sich bewegen, als hätten sie eine eigene Anweisung erhalten.
Am Tresen sitzt noch eine Frau. Jünger, vielleicht dreißig, mit rotem Haar und einem Latex-Top, das ihre Brüste hochpresst, so dass sie fast aus dem Ausschnitt quellen. Sie trägt keine Handschuhe, und ihre nackten Arme sind blass, mit kleinen Sommersprossen. Sie trinkt einen Cocktail mit einem Strohhalm, und als ich mich neben sie setze, schaut sie auf — und lächelt. Offen, breit, ohne Margots Schärfe.
Lilli
Na, ein neues Gesicht. Ich bin Lilli.
Christa
Christa.
Lilli
Schöner Suit.
Sie beugt sich vor. Ihre Hand — nackt, warm, lebendig — streicht über meinen Arm, über den Latex, und ich spüre den Unterschied. Margots behandschuhte Berührung war distanziert, indirekt. Lillis nackte Finger auf dem Latex sind direkt, elektrisch. Jede Fingerspitze ist ein kleiner Brandpunkt, und der Latex leitet die Wärme meiner Haut an ihre Hand weiter, oder ihre Kühle an meine Haut — ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich nicht will, dass sie aufhört.
Christa
Danke.
Meine Stimme ist jetzt stabiler, aber mein Herz schlägt schneller.
Lilli
Du glänzt aber nicht. Hast du keinen Glanzspray?
Ich schüttele den Kopf.
Margot stellt ein Glas vor mich auf den Tresen. Wasser mit Zitrone.
Margot
Trink. Du wirst schwitzen. Nicht jetzt, aber gleich. Wenn die Heizung hier läuft und der Latex richtig warm wird, verlierst du Flüssigkeit. Und dann wackeln die Knie, und du landest auf dem Boden, und das ist nicht elegant.
Ich trinke. Das Wasser ist kühl, und ich spüre, wie es meine Kehle hinabrutscht, sich im Magen verteilt, und von dort ausstrahlt — eine Kühle, die gegen die Hitze des Latex ankämpft. Verliert. Aber ankämpft.
Margot zündet sich eine Zigarette. Das Feuerzeug schnappt, die Flamme zuckt, und der Tabak fängt an zu glühen. Sie zieht tief ein, die Wangen höhlen sich, und der Rauch strahlt aus ihren Nasenlöchern, zwei graue Strahlen, die sich im gedimmten Licht verlieren. Der Geruch mischt sich mit dem Latex, und plötzlich ist da ein Geruchskoktail, der mir den Kopf dreht — Gummi, Rauch, Parfüm, Schweiß. Ich nicke mir selbst zu, unbemerkt, und trinke weiter Wasser.
Lilli
Du musst aufpassen mit ihr. Margot mag es, wenn man gehorcht. Aber sie mag es auch, wenn man Fragen stellt. Was sie nicht mag, ist, wenn man dazwischenquatscht.
Ich nicke wieder. Margot dreht sich zu uns, die Zigarette zwischen den behandschuhten Fingern, der Rauch aufsteigend in einer geraden Linie, die sich erst an der Decke krümmt.
Margot
Christa. Du schaust viel. Und sagst wenig.
Christa
Ich beobachte gern.
Margot
Beobachten ist gut. Aber Beobachten ohne Handeln ist nur Voyeurismus. Und Voyeurismus ist in diesem Kreis nicht genug.
Lilli kichert leise. Margot ignoriert sie.
Margot
Ich gebe dir eine Aufgabe. Geh zum Fenster. Dort drüben. Stell dich hin. Gesicht zur Straße. Leg die Hände auf den Rücken. Und zähl die Autos, die vorbeifahren. Bis ich sage, dass du aufhören sollst.
Ich schaue sie an. Ihre Augen sind grau und unerbittlich. Kein Lächeln. Keine Spur davon.
Christa
Ist das —
Margot
Das ist eine Aufgabe. Keine Frage. Keine Diskussion. Eine Aufgabe.
Ich stehe auf. Der Latex knackt an meinen Knien, an meinen Oberschenkeln, an meinem Bauch. Ich gehe zum Fenster. Es ist ein großes Fenster, zur Straße hin, und die Scheibe ist leicht getönt — von draußen kann man nicht hineinschauen, aber ich kann hinaussehen. Ich stelle mich hin, wie sie gesagt hat. Gesicht zur Straße. Hände auf den Rücken. Meine behandschuhten Finger verschränken sich über meinem Gesäß, und der Latex spannt sich über meiner Brust, über meinen Schultern.
Ich zähle. Ein roter Kombi. Ein weißer Transporter. Ein schwarzes Coupe. Die Autos fahren vorbei, ihre Scheinwerfer zeichnen Streifen auf die nasse Straße, und ich stehe da, im Latex, im Fenster, und zähle. Und während ich zähle, merke ich, wie sich etwas verändert. Die Wärme im Latex ist jetzt nicht mehr nur Wärme. Sie ist eine Umarmung. Eine enge, feuchte, unerbittliche Umarmung, die mich festhält, während ich die Autos zähle, während ich auf Margots Erlaubnis warte, während ich — ja — gehorche.
Und das Kribbeln zwischen meinen Beinen ist nicht mehr ein Kribbeln. Es ist ein Pochen. Rhythmus, tief, langsam, synchron mit meinem Herzschlag. Der Latex presst gegen meinen Unterleib, und jeder Atemzug, den ich nehme, dehnt das Material und lässt es wieder zusammenfallen, und diese Bewegung — diese winzige, unsichtbare Bewegung — reibt gegen mich. Gegen genau die Stelle, die ich nicht benennen will. Die ich nicht benennen muss, weil mein Körper bereits benennt hat, was er will.
Ich zähle dreizehn Autos. Vierzehn. Fünfzehn. Ich höre, wie Margot und Lilli hinter mir reden, leise, aber ich kann nicht verstehen, was sie sagen. Ich höre das Klacken von Margots Stiefeln — sie steht auf, geht ein paar Schritte, setzt sich wieder. Ich höre Lillis Kichern, das leise Klingen des Eiswürfels im Glas. Und ich stehe am Fenster, gehüllt in schwarzen Latex, schwitzend, pochend, gehorchend, und zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, genau richtig zu stehen.
Margot
Christa. Komm.
Ich drehe mich um. Sie sitzt in einem der roten Ledersessel, die Beine übereinandergeschlagen, die Stiefel glänzend im gedimmten Licht. Lilli sitzt auf dem Boden neben ihr, die Beine angewinkelt, die Arme auf Margots Knien. Margots behandschuhte Hand liegt auf Lillis Kopf, die Finger vergraben im roten Haar.
Margot
Wie viele?
Christa
Siebzehn.
Margot
Gut. Setz dich.
Ich setze mich in den Sessel gegenüber. Der Latex auf dem Leder — ein Geräusch wie ein Seufzen, wie ein langes Ausatmen. Der Sessel ist warm, und die Rückenlehne drückt gegen meinen Latex-Catsuit, und ich spüre, wie die Wärme von beiden Seiten kommt — von innen, von außen. Mein Gesicht glänzt jetzt von Schweiß, und ich wische mir über die Stirn, und die behandschuhte Hand rutscht auf meiner Haut, glatt, seifig.
Margot betrachtet mich. Ihre Zigarette ist fast heruntergebrannt, die Asche lang und gebogen. Sie klopft sie ab, in ein Aschenbecher aus Kristall, und der graue Staub fällt wie Schnee.
Margot
Du gefällst mir. Du machst, was man dir sagt. Ohne zu diskutieren. Ohne zu fragen, warum. Das ist selten.
Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Also sage ich nichts. Und das Schweigen — es ist nicht leer. Es ist voll. Voll von Wärme und Gerüchen und dem leisen Knacken des Latex und dem Ticken der Uhr hinter dem Tresen und dem Rauschen des Verkehrs draußen und dem Pochen zwischen meinen Beinen, das nicht aufhört.
Lilli hebt den Kopf und schaut zu mir hoch. Ihre Augen sind groß, braun, mit einem Goldfleck im linken.
Lilli
Wenn Margot sagt, dass jemand ihr gefällt, dann bedeutet das, dass sie mehr will.
Margots Hand in Lillis Haar zieht leicht. Lilli verstummt.
Margot
Die nächste Aufgabe. Stehst du auf, gehst zum Tresen, holst die Flasche Glow-Spray, die dort hinten steht — die schwarze mit dem silbernen Sprühkopf. Bringst sie her. Kniest dich vor mir nieder. Und wartest.
Ich stehe auf. Meine Knie zittern leicht, aber ich stehe. Der Latex knackt, die Wärme wellt sich unter dem Material, und ich gehe zum Tresen. Die Flasche steht dort, wo Margot sie beschrieben hat. Ich nehme sie, spüre das kühle Glas in meiner behandschuhten Hand, und gehe zurück. Vor Margots Sessel kniee ich nieder. Der Holzboden ist hart, und der Latex spannt sich über meinen Knien, und ich spüre jeden Splitter durch die dünne Gummischicht.
Margot nimmt die Flasche. Sie schüttelt sie, und das Spray klackert im Inneren. Dann sprüht sie. Ein feiner Nebel legt sich auf meine Schultern, und plötzlich — glänze ich. Das Licht der Lampe fängt sich auf meinen Schultern, bricht sich, wirft Funken. Margot sprüht weiter, über meine Arme, meine Brust, meinen Bauch. Der Nebel riecht nach Gummi und Alkohol, und wo er den Latex trifft, wird die Oberfläche spiegelglatt, tiefschwarz und spiegelnd.
Sie sprüht auch meine Oberschenkel. Und als sie nach unten geht, näher an die Stelle, wo der Latex am engsten anliegt, näher an das Pochen, näher an die Feuchtigkeit, die ich nicht mehr leugnen kann — da hält sie inne. Die Düse der Flasche schwebt eine Handbreit über meinem Schoß. Ihre grauen Augen heben sich und treffen meine.
Margot
Du bist nass.
Leise. Ohne Spott. Ohne Frage. Feststellung. Ich schließe die Augen. Der Latex ist warm. Mein Körper ist warm. Und zwischen meinen Beinen, unter der schwarzen, glänzenden Hülle, bin ich nass. Nicht Schweiß. Nicht Kondenswasser. Ich bin nass, weil eine Frau mir Anweisungen gibt und ich gehorche. Weil eine behandschuhte Hand über meinen Oberschenkel gestrichen ist. Weil eine andere Frau nackt auf dem Boden sitzt und die Finger einer Latex-Hand in ihrem Haar liegen. Weil ich hier bin, in Schwarz gehüllt, kniend, schwitzend, glänzend, und zum ersten Mal in meinem Leben nicht fliehen will.
Margot stellt die Flasche ab. Ihre behandschuhte Hand hebt sich, legt sich an mein Kinn, hebt mein Gesicht. Ihre Finger sind warm durch den Latex, oder kalt — ich kann es nicht unterscheiden. Ihr Gesicht ist nah. Ihr Mund ist nah. Ich rieche Zedernholz und Rauch und Gummi.
Margot
Nächstes Mal trägst du Puder. Nicht zu viel. Und du trägst Schuhe. Mit Absatz. Ich will das Klacken hören, wenn du auf mich zukommst.
Sie lässt mein Kinn los. Steht auf. Ihre Stiefel klacken auf dem Holzboden, scharf und befehlend, und sie geht zur Tür. Ich bleibe knien. Lilli bleibt sitzen. Die Bar ist still, bis auf das Ticken der Uhr und das Rauschen draußen und mein eigener Atem, der sich im Latex fängt, warm und feucht und mein.
Lilli kriecht zu mir. Nicht auf den Beinen — auf den Knien, über den Holzboden, ihr Latex-Top quietscht auf dem lackierten Holz. Sie kommt neben mich, legt ihre nackte Hand auf meinen behandschuhten Arm.
Lilli
Willkommen im Kreis.
Und ihr Lächeln ist breit und warm und echt, und ihre Augen haben diesen Goldfleck, und ich spüre ihre Hand auf dem Latex, und ich spüre die Wärme, und ich nicke.
Ich stehe auf. Meine Knie schmerzen leicht vom Knien, und der Latex hat einen Abdruck des Holzbodens aufgenommen, eine kleine Beule am linken Knie, die sich langsam wieder glättet. Ich hole meinen Mantel, ziehe ihn über den Catsuit, und der Wollstoff auf dem Gummi — ein Geräusch wie ein Seufzen, wie ein langes Ausatmen. Die Tür öffnet sich, und die kühle Nachtluft trifft mein Gesicht, und der Latex darunter kühlt ab, aber nur an der Oberfläche. Unter dem Material, direkt auf meiner Haut, bin ich noch immer warm. Noch immer feucht. Noch immer pochend.
Ich gehe nach Hause. Durch den Regen, durch die nassen Straßen, den Mantel fest um mich gezogen, den Latex darunter wie ein Geheimnis, wie ein Versprechen. Und als ich in meiner Wohnung stehe, den Mantel ausziehe, den Catsuit betrachte — glänzend von dem Spray, beschlagen von innen, warm von meiner Körperwärme —, streiche ich mit den Fingern über den Stoff, über die Stelle zwischen meinen Beinen, die feucht ist, die warm ist, die auf etwas wartet, das ich siebenundfünfzig Jahre lang nicht benannt habe.
Ich lege mich ins Bett. Ohne den Catsuit auszuziehen. Der Latex knackt, als ich mich auf die Seite drehe, und die Wärme baut sich wieder auf, und das Pochen kehrt zurück, und ich schließe die Augen, und im Dunkeln sehe ich graue Augen und schwarze Handschuhe und rote Stiefel auf Holzboden, und ich höre das Klacken, scharf und befehlend, und ich lächle.
Morgen, denke ich. Morgen kaufe ich Schuhe. Mit Absatz.








