Kapitel 1
Ich wurde vor kurzem an der Goethe-Universität in
Frankfurt angenommen. Aus diesem Grund suche ich
nun eine WG.
Eine stach mir besonders ins Auge. Sie warben mit
“verflucht günstige WG sucht Mitbewohner“. Ehrlich
die interessanteste Art Mitbewohner anzuwerben. Ich
wartete nun auf die Rückmeldung dieser WG.
Gerade als ich in meiner Vorbereitung steckte, klingelte
mein Handy.
„Hallo?“
„Spreche ich mit Vincent?“
„Ähm ja, aber wer sind Sie?“
„Sie haben die Dachgeschosswohnung auf dem
Campusgelände und können sofort einziehen. Der
Vertrag wird vor Ort unterschrieben.“
Bevor ich etwas erwidern konnte, wie die Frage, ob sie
nicht noch etwas von mir benötigten, legte derjenige
auf. Einige Minuten starrte ich mein Handy an. Ich
dachte, es würde schwieriger werden, eine bezahlbare
Wohnung in Frankfurt zu finden.
Schließlich ziehen der günstige Preis und die Lage
Studenten an wie das Licht die Motten.
Das Gebäude grenzte an einen kleinen Park und
dieser wiederum an den Campus. Sei‘s drum. Ich
verschwand keine weiteren Gedanken daran, packte
meine Sachen und machte mich zu meiner neuen
Wohnung auf.
Das Gebäude befand sich, etwas abseits, an der Ecke
der Straße. Es sah älter aus als die restlichen Gebäude,
aber immer noch modern genug. Nach einem kurzen
klingeln und ca. 5 Minuten warten öffnete sich die Tür.
Oben angelangt öffnete mir ein junger Mann die Tür. Er
war schätzungsweise Mitte 20. Er war eher leger
gekleidet mit einem eleganten Hut und Gaming
Headset. Obwohl er mich herzlich und mit einem
Lächeln begrüßte, sah er völlig fertig aus. Seine tiefen
dunklen Augenringe sprachen Bände über schlaflose
Nächte. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.
Selbst wenn dieser Mann viel für die Uni lernen würde
und viel in Games vertieft wäre, könnte er niemals
solche tiefen und dunklen Augenringe haben. Oder
vielleicht doch? Ich tat es als kleine Überreaktion ab
und trat nach seinem „komm rein“, ein.
Ich trat durch die Tür und es fröstelte mich direkt.
„Scheiße ist das kalt bei euch.“
„Ach das ist normal hier.“ Ich schüttelte mich und zog
meine Jacke enger um meinen Körper.
Wir gingen durch den Flur, an der Küche vorbei
ins Wohnzimmer. „Der Vermieter hat die anderen und
mich schon in Kenntnis gesetzt. Dein Zimmer ist die
dritte Tür rechts.“
Mein Gesichtsausdruck schien meinem Mitbewohner
alles zu sagen.
„Du siehst ein bisschen überfordert aus. Also gehe ich
mal davon aus, dass dir unser Vermieter nicht viel
gesagt hat.“
„Äh, nein er meinte nur ich könne einziehen und hat
aufgelegt.“
„Das klingt typisch für Dorris“
„Dorris? Ich dachte er hieße Herr Henrich.“
Mein Mitbewohner deutete ins Wohnzimmer und
auf das große Sofa. Stirnrunzelnd ließ ich mich
darauf fallen. Er stellte sich als Matthias vor, bevor er
mir gegenüber Platz nahm.
„Dorris ruft gerne für Herrn Heinrich an und das
endet immer mit Verwirrung. Also mach dir nichts
draus.“
„Ah ja. Ist Dorris sowas wie seine Sekretärin oder wie
soll ich das verstehen?“
„Könnte man so sagen“, er kratzte sich dabei am
Bart. Es vergingen einige Stunden, in denen mir
Matthias alles erklärte. So wie es aussah, wohnten wir
hier zu viert. Matthias, Richard, Lukas und ich.
Matthias und Richard waren bereits seit zwei Jahren in
der Wohnung. Lukas und ich dagegen die Neulinge,
wobei er fünf Monate vor mir einzog.
Er legte mir den Mietvertrag zum Unterschreiben hin
und erklärte mir einiges zu der Wohnung. Zudem auch,
dass er jedem Neuling eine Warnung mit auf den Weg
geben muss. Dass diese Wohnung verflucht sei und
man seinen Sinnen nicht immer trauen kann. Er führte
die ganze Fluch-Sache auch aus, aber das klang für
mich eher wie ein Hirngespinst oder wie eine Methode,
um Mitbewohner auszusortieren. Vielleicht war es auch
ein eigenartiger Humor. Aber selbst, wenn es wahr sein
sollte, was ich wirklich nicht glaubte, unterschrieb ich.
So eine gute Wohnung zu dem Preis würde ich nie
wieder finden. Zu sich und den anderen hielt er sich
kurz. Er selbst studiert Informatik. Richard studiert
Geschichte. Bei Lukas wusste er es selbst nicht. Im
Gegenzug erzählte ich ihm, dass ich mich kürzlich für
Biologie eingeschrieben hatte. Matthias half mir
danach, meine Sachen in mein Zimmer zu bringen. Auf
dem Weg bemerkte ich aus dem Augenwinkel einen
Schatten, der vorbei huschte. Mein Herz setzte einen
Schlag aus.
„Hast du das grade gesehen Matthias?“
Er sah mich mit hochgezogener Augenbraue an
„nein was denn?“
„Ach nichts.“ Hatte ich es mir nur eingebildet?
Vielleicht war es nur ein Schatten. Das Licht im Flur
war auch schwach. Neue Umgebung, neuer Stress…
mein Kopf spielte mir bestimmt nur einen Streich. Egal
darüber nachdenken bringt nichts, denn ich hatte
wichtigeres zu tun. Matthias verabschiedete sich und
schloss die Tür hinter mir.
Ich hatte schnell alles verstaut und das Zimmer
mit ein paar Kleinigkeiten eingerichtet. Trotzdem
behielt ich dabei ein seltsames Gefühl, als ob man mich
beobachten würde. Ich versuchte dieses Unbehagen
abzuschütteln und aß etwas, sah mir meine Unterlagen
an und legte mich in mein Bett. Ich bekam die nötige
Ruhe und schlief. Allerdings war meine Nacht nicht so
erholsam, wie ich mir erhofft hatte. Klopfen, Geflüster
und Kratzen an der Tür ließen mich hochschrecken.
Früh am Morgen bereitete ich mich auf die kommenden
Vorlesungen vor. Zwar müde von der letzten Nacht,
aber so erging es bestimmt jedem nach dem Umzug.
Die Geräusche hatte ich mir bestimmt nur eingebildet.
Eine ungewohnte Umgebung kann zu erheblichem
Stress führen und unter Umständen die Wahrnehmung
und das Urteilsvermögen beeinflussen …zumindest
redete ich mir das ein.
Am Campus Riedberg angelangt, befand ich mich
zunächst in der allgemeinen Biologievorlesung.
Eigentlich wurden wir aufgeklärt, was uns alles
erwartet. Neben Biologie zählten auch Physik, Mathe
und Chemie zu den Fächern. Zudem die Arbeit mit
dem Mikroskop.
Die nächsten drei oder vier Tage vergingen, mit
zunehmender Müdigkeit. Die Klopfgeräusche ließen in
keiner einzigen Nacht nach.
Vielleicht sollte ich Matthias mal fragen, ob
irgendeiner der Nachbarn Probleme oder
Zwangsneurosen hatte. Ich konnte mich kaum mehr
auf die Vorlesung allgemeine & Zellbiologie
konzentrieren. Die Müdigkeit war nach Tagen ohne
richtigen Schlaf überwältigend.
Mit aller Kraft kämpfte ich gegen den Schlaf, doch
mein Kopf sank auf den Tisch. Ich schrak hoch und
mein Puls beschleunigte sich. Wie lange hatte ich
geschlafen? Wieviel hatte ich versäumt? Mein Blick
richtete sich wieder auf den Professor. Zu meiner
Überraschung stand nicht viel mehr auf der Tafel, wie
ich mir bereits notiert hatte. Ein Seufzen entwich
meinen Lippen. Erleichtert, nicht zu viel verpasst zu
haben. Alle waren noch immer in ihren Mitschriften
vertieft, während der Professor Zellenorganellen und
ihre Funktionen an die Tafel schrieb. Keiner schien
mein kurzes Nickerchen bemerkt zu haben, oder ich
hatte nicht geschnarcht.
Ich widmete mich meiner Mitschrift und die
Geräusche verstummten. Eine erdrückende Stille
breitete sich aus. Kalter Schweiß befeuchtete meine
Finger. Dieses Gefühl, beobachtet zu werden, überkam
mich wie eine Welle. Ich schluckte schwer und ließ
langsam meine Augen wieder in Richtung Tafel
wandern. Die Notizen waren noch dort, aber der
Professor. Einfach Weg. Niemand stand mehr dort.
Mein Blick wanderte im Hörsaal umher, aber nichts.
Keine Studenten mehr. Kein Professor. Keine
Menschenseele war mehr hier. Mein Herzschlag raste
und meine Finger zitterten. Das Gefühl das jemand,
oder etwas hinter mir stand ließ mich erschaudern. Ich
drehte mich langsam, wie in Zeitlupe, um und fiel vor
Schreck vom Stuhl. Mein Professor stand dort. Sein
Gesicht war neutral, bis auf das Grinsen, welches seine
Augen nicht erreichte. Es sah verzerrt und viel zu groß
für sein Gesicht aus. „Sie sind spät“, er klang blechern
und fern, als käme seine Stimme von wo anders. Ich
starrte ihn an, nicht in der Lage zu antworten. Bis ein
Klopfen ertönte. Langsam sah ich mich um, ohne
meinen Professor ganz aus meinem Blickfeld
verschwinden zu lassen. Lokalisieren, woher dieses
Klopfen kam, konnte ich nicht. Bis es erneut klopfte. Ich
hörte es nicht nur. Ich spürte es. Verdammt wie konnte
man ein Klopfen spüren? Es fühlte sich an, als würde
jemand gegen mein inneres Klopfen. Ich sah an mir
hinunter und erstarrte. An meinen Armen zeichneten
sich kleine Hände ab. Sie klopften und drückten sich
gegen meine Haut, als wollten sie rauskommen.
Erstarrt haftete mein Blick an diesen Händen.








