Die Ruinen von Nereon
Der Planet Nereon besaß keinen Himmel wie die Erde.
Über den kupferfarbenen Ebenen zogen sich breite Schleier aus blauem Licht, die wie langsam fließende Flüsse zwischen den Sternen schimmerten. Manche Wissenschaftler nannten das Phänomen eine Plasmaatmosphäre. Andere glaubten, die seltsamen Lichter seien Überreste einer längst vergangenen Technologie.
Elena Winter hatte dafür eine deutlich einfachere Bezeichnung gefunden. „Wunderschön“, murmelte sie.
Sie stand auf einer Felsklippe und blickte über die Landschaft des fremden Mondes. Vor ihr erhoben sich die Ruinen einer uralten Stadt aus silbrig schimmerndem Gestein. Gewaltige Türme ragten wie versteinerte Skelette in den Nachthimmel.
Seit drei Tagen befand sich ihre Expedition auf Nereon. Und seit drei Tagen schlief Elena kaum. Für eine Astrobiologin gab es nichts Aufregenderes als den Fund einer vollkommen unbekannten außerirdischen Kultur.
Sie aktivierte ihr Datenpad. „Aufzeichnung 247. Die Strukturen weisen weiterhin keine Ähnlichkeit zu bekannten menschlichen Bauweisen auf. Geschätztes Alter mindestens fünfzigtausend Jahre. Eventuell deutlich älter.“
Ein leises Knacken erklang in ihrem Funkgerät. „Doktor Winter?“
„Ja?“
„Wir haben im südlichen Sektor etwas gefunden.“
Elena lächelte. Das war bereits die vierte sensationelle Entdeckung des Tages. „Ich komme.“
Sie begann den Abstieg. Der Wind rauschte durch die zerbrochenen Bögen der alten Ruinen und erzeugte Geräusche, die beinahe wie Stimmen klangen.
Normalerweise hätte Elena darüber gelacht. Heute nicht. Irgendetwas an diesem Ort machte sie nervös.
Als würde sie beobachtet werden.
Zwanzig Minuten später erreichte sie das Ausgrabungsgebiet. Mehrere Scheinwerfer tauchten die Ruinen in kaltes, weißes Licht. Ihre Kollegin Mira winkte ihr aufgeregt zu. „Du glaubst nicht, was wir entdeckt haben!“
„Das sagst du ständig.“
„Diesmal meine ich es ernst.“
Elena trat näher. Vor ihr öffnete sich eine kreisförmige Kammer tief unter den Ruinen. In ihrer Mitte stand ein schwarzer Monolith. Er war mindestens vier Meter hoch. Glatt. Makellos. Und vollkommen frei von Staub. Als wäre er erst gestern dort aufgestellt worden. „Das ist unmöglich“, flüsterte Elena.
Mira nickte. „Genau das dachte ich auch.“
Langsam näherte sich Elena dem Objekt. Ihr Herz schlug schneller. Sie konnte nicht erklären warum. Je näher sie kam, desto stärker wurde ein seltsames Kribbeln in ihren Fingern. Die Oberfläche des Monolithen schimmerte plötzlich. Nur für einen Augenblick. Elena blieb stehen. „Habt ihr das gesehen?“
„Was?“
„Das Licht.“
Die anderen schüttelten den Kopf. Offenbar hatte niemand etwas bemerkt. Elena streckte vorsichtig die Hand aus. Ihre Fingerspitzen berührten die schwarze Oberfläche.
Im selben Moment durchfuhr sie ein stechender Schmerz. Die Welt explodierte in Licht.
Sterne. Unzählige Sterne. Elena schwebte mitten im All. Um sie herum kreisten Galaxien wie leuchtende Spiralen. Vor ihr erschien eine fremdartige Gestalt. Groß. Schlank. Aus purem silbernem Licht geformt.
Sie besaß keine klaren Gesichtszüge und doch hatte Elena das Gefühl, angesehen zu werden. Dann erklang eine Stimme. Nicht mit Worten. Sondern direkt in ihrem Geist.
Die Erbin wurde gefunden.
Elena wollte antworten. Doch sie konnte sich nicht bewegen.
Plötzlich wechselte die Vision. Flammen. Zerstörte Welten. Dunkelheit. Etwas Gigantisches bewegte sich zwischen den Sternen. Eine schwarze Leere, die ganze Sonnensysteme verschlang.
Angst schnürte Elena die Brust zu. Dann erschien eine zweite Gestalt. Ein Mann. Silberne Augen. Dunkles Haar. Ein Gesicht, das sie noch nie gesehen hatte. Und dennoch fühlte es sich seltsam vertraut an.
Er trat einen Schritt näher. Seine Lippen bewegten sich. Dieses Mal verstand sie die Worte. Finde mich.
„Elena!“ Die Stimme riss sie zurück. Sie kniete am Boden.
Mira hatte ihre Schultern gepackt. „Alles in Ordnung?“
Elena rang nach Luft. Schweiß perlte auf ihrer Stirn. „Ja ... ich glaube schon.“
„Du warst bewusstlos.“
„Wie lange?“
„Nur ein paar Sekunden.“
Elena blickte zum Monolithen. Er stand unverändert vor ihr. Still. Reglos.
Doch sie wusste, dass etwas geschehen war. Etwas, das ihr Leben verändert hatte. Sie erzählte niemandem von der Vision. Nicht von der fremden Stimme. Nicht von den brennenden Sternensystemen.
Und schon gar nicht von dem Mann mit den silbernen Augen.
In derselben Nacht konnte sie nicht schlafen. Sie saß allein in ihrem Quartier der Forschungsstation und blickte auf die Sterne.
Immer wieder dachte sie an die Worte. Finde mich.
Warum ausgerechnet sie? Wer war dieser Mann? Und weshalb hatte sie das Gefühl, dass sie ihm bereits begegnet war?
Ein Klopfen riss sie aus ihren Gedanken. „Herein.“
Die Tür öffnete sich. Ein Sicherheitsoffizier trat ein. Sein Gesicht war ungewöhnlich ernst. „Doktor Winter, wir haben ein Problem.“
Elena stellte ihr Glas ab. „Was ist passiert?“
„Eine unserer Überwachungsdrohnen hat jemanden in den Ruinen entdeckt.“
„Einen Plünderer?“
„Nein.“ Der Mann schluckte. „Die Person erschien aus dem Nichts. Für exakt sieben Sekunden. Danach verschwand sie wieder.“
Elena spürte eine Gänsehaut. „Habt ihr die Aufnahmen?“
„Ja.“ Der Offizier reichte ihr sein Datenpad.Mit klopfendem Herzen startete sie das Video.
Auf dem Bildschirm erschienen die Ruinen im Licht des Mondes. Nichts bewegte sich. Dann tauchte plötzlich eine Gestalt zwischen den Säulen auf. Ein Mann. Groß. Dunkel gekleidet. Reglos. Als würde er direkt in die Kamera schauen.
Elena erstarrte. Ihr Atem stockte. Denn sie kannte dieses Gesicht. Obwohl sie es niemals zuvor gesehen hatte. Silberne Augen. Dieselben Augen aus ihrer Vision.
Dieselben Augen, die sie noch immer bis in ihre Träume verfolgten. Auf dem Video hob der Fremde langsam den Kopf. Und lächelte. Dann brach die Aufnahme in Störsignalen zusammen.
Als das Bild zurückkehrte, war er verschwunden.
Elena starrte auf den Bildschirm. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Irgendwo tief in ihrem Inneren wusste sie bereits die Wahrheit.
Der Mann hatte nicht gewollt, dass die Expedition ihn fand. Er hatte gewollt, dass sie ihn fand. Und zum ersten Mal ahnte Elena, dass die größte Entdeckung ihres Lebens nicht in den Ruinen von Nereon verborgen lag, sondern irgendwo zwischen den Sternen.
Und sie hatte gerade erst begonnen.









Eine Adtrobiologin, fremde Welten und ein mysteriöser Mann. Ich bin gespannt wie es weitergeht.