Kapitel 1
Juliana
Der Bass dröhnte durch meinen Körper und ich bewegte mich zum Takt der Musik. Ich konnte Techno nicht leiden, doch das Ecstasy in meinem Blut sorgte dafür, dass ich völlig in einer anderen Welt schwebte. Ich hatte noch nie Drogen genommen, doch Matteo hatte mir diese winzige Pille unter die Zunge gelegt und versprochen, dass es mir gefallen würde.
Ich war noch nicht sicher, ob ich diesem rauschartigen Zustand etwas abgewinnen konnte, oder nicht. Es fühlte sich an, als wäre ich betrunken, doch alles um mich herum flirrte, als würde ich über Flammen hinwegsehen. Ich verspürte den Drang, mich zu bewegen, und es war mir völlig egal, wer mir dabei zusah.
Von hinten schlangen sich Matteos Arme um meine Taille und drückten mich an sich. Ich spürte, wie geil er war und wusste: Heute würde es endlich geschehen. Wir würden die Nacht zusammen verbringen.
Matteo und ich kannten uns seit vielen Jahren. Er war der Neffe meiner ehemaligen Nanny Elena. Als ich fünf war, war sie der Meinung, dass ich ein wenig Normalität brauchte, zwischen all dem Reichtum, den Modeschauen, zu denen mich meine Mutter schleppte, oder den sündhaftteuren Urlauben. Heimlich hatte sie mich mit zu ihrer Familie genommen, wenn meine Eltern nicht zu Hause waren. Und sie waren oft unterwegs.
Ich verbrachte mit Matteo meine gesamte Kindheit, bis mein Vater uns erwischte und Elena fristlos feuerte. Ich war damals vierzehn Jahre alt und hatte die einzige Bezugsperson verloren, die mir Stabilität und Kindheit gab. Doch das hieß nicht, dass ich mich von Matteo fernhielt. Ich schlich mich mindestens einmal im Monat aus der Villa und fuhr per Anhalter nach East L.A., um mich mit ihm zu treffen. Es war riskant, da es bei Nacht mindestens 25 Minuten dauerte, bis ich mein Ziel erreicht hatte. Doch da mein Vater ständig auf Geschäftsreise war und meine Mutter einer Charity-Gala nach der hinterherjagte, standen meine Chancen gut, dass sie mich nicht erwischten.
Mein Bruder Alexander deckte mich zum Glück immer. Er befand sich, wie ich in diesem verdammten goldenen Käfig. Doch anders als ich, lag auf ihm die Last des ganzen Familienunternehmens. Von mir forderte man lediglich, dass ich gut aussah und den Mund hielt. Zweiteres gelang mir nicht immer.
Doch heute Abend war alles egal. Ich war gerade aus einem dreimonatigen Hausarrest entlassen worden, weil mein Vater seine Leute angesetzt hatten, mich zu überwachen. Ich war nicht vorsichtig gewesen und hatte mich erwischen lassen, wie ich im Künstlerviertel von Los Feliz mit ein paar Musikern abhing. Jetzt war ich hier, in einem Untergrundtunnel, in dem regelmäßig wilde Partys stattfanden. Ich wollte den Abend genießen und ihn dann mit Matteo ausklingen lassen.
Die Security meines Vaters hatte ich recht schnell erfolgreich abgeschüttelt. Mein Bruder stand Schmiere. Ich war also sicher ... zumindest dachte ich das. Ich tanzte engumschlungen mit Matteo und knutschte wild mit ihm herum, als der Blitz mich blendete. Dieses helle Aufblitzen war mir nur zu gut bekannt, denn ich war mein Leben lang von Kameras verfolgt worden.
Ich löste mich von Matteo und sah mich um. Matteo schien meine Unsicherheit zu spüren. »Was hast du?«, schrie er mir über das Dröhnen der Musik hinweg ins Ohr.
»Hast du das Blitzen nicht gesehen?«
Nervös drehte ich mich im Kreis. Ich sah nichts Verdächtiges. Waren das die Drogen, die mich Dinge sehen ließen, die gar nicht existierten? Eines war sicher, ich würde nie wieder Ecstasy oder ähnliches konsumieren.
Matteo zog mich wieder an sich und presste seine Lippen auf die meinen. So gern ich ihn hatte, küssen konnte er überhaupt nicht. Doch das war auch gar nicht wichtig, denn er war eben einfach nur Matteo, ein Kindheitsfreund, mit dem man Pferde stehlen konnte. Uns verband keine Liebe. Das hier war einfach nur eine Freundschaft, in der man seine ersten Erfahrungen sammelte, bevor man sich in die freie Wildbahn begab.
Und genau das hatte ich heute vor. Ich wollte meine Jungfräulichkeit mit ihm verlieren. Ich war verdammte zwanzig Jahre alt und bis auf Knutschereien, war ich nie weiter gegangen. Vielleicht war es einfach die Angst, etwas falsch zu machen. Oder es mit dem Falschen zu tun. Genau deshalb hatte ich Matteo gebeten, mit mir zu schlafen. Ich vertraute ihm und hatte weitaus weniger Angst, es mit ihm zu tun, als mit irgendeinem anderen Kerl.
Das allerdings half nicht gegen die Nervosität, die sich in meinem Magen breit machte. Was, wenn das Kondom platzte? Eine Schwangerschaft wäre das letzte, was ich mir erlauben konnte. Mein Vater hasste mich ohnehin schon, weil ich gegen seine strenge Hand rebellierte. Ich hatte mir in den letzten drei Jahren mehr Skandale geleistet, als andere reiche Kids in ihrem ganzen Leben. Neben wilde Partys, war ich regelmäßig um die Häuser gezogen, hatte mich mit anderen Leuten getroffen, die nicht unserer Liga entsprachen, wie es mein Vater so gern ausdrückte. Mich interessiere nicht, was mein Vater davon hielt, denn ich plante längst meine Flucht aus der Familie Blackwell. Ich hatte genug davon, kontrolliert und überwacht zu werden. In zwei Monaten war ich endlich 21 Jahre alt und würde mit Matteo abhauen. Wir hatten überlegt, nach Mexiko zu gehen, uns dann aber doch für Boston entschieden. Matteo hatte dort Freunde und mein Bruder hatte uns ein Bankkonto eingerichtet, mit dem wir die ersten zwei Jahre versorgt waren. Wir hatten alles perfekt geplant.
Erneut blendete mich das helle aufblitzen und dieses Mal war ich mir sicher, dass es von einer Kamera kam. Ich wollte mich von Matteo lösen und nach dem Paparazzi suchen, der sich hier aufhielt, konnte ihn jedoch nicht finden. Fotos von Matteo und mir in der Presse war das Letzte, was ich jetzt noch brauchen konnte.
Plötzlich ging alles ganz schnell. Leute kreischten auf, die Musik verstummte und jeder drängte zum Ausgang. Ich verstand erst nicht, was da gerade geschah, als Matteo mich am Arm packte und schrie: »Die Bullen sind da!«
Ich riss die Augen auf. Ich musste auf jeden Fall verhindern, verhaftet zu werden. Das würde meine ganzen Fluchtpläne gefährden. Ich wollte mich durch die Menge drücken, doch jemand schubste mich und ich fiel zu Boden. Menschenmassen drängten an mir vorbei, jemand trat mich und ein Kerl fiel sogar über mich. Als ich mich hochstemmen wollte, trat mir jemand auf die Hand. Schmerzen durchzuckten meinen Arm, als mich Matteo hochriss und mich weiter zum Ausgang zog.
Wir kamen nicht einmal in die Nähe, als die Polizei uns erwischte. Ich wehrte mich, wurde niedergedrückt, während mir jemand die Hände brutal nach hinten drehte. Ich kreischte, trat und machte dadurch alles nur noch schlimmer. Wo war Matteo? Ich wollte nach ihm sehen, doch der Griff des Polizisten war so fest, dass ich mich keinen Zentimeter rühren konnte.
Ich wurde hinaus gezerrt und da war es wieder. Das Blitzen einer Kamera zuckte auf, dann noch eine und noch eine. Sie hatten mich gefunden. Ich sah schon die Schlagzeile vor mir: Milliarden-Erbin in Handschellen. Mein Vater würde mich umbringen.
All meine Fluchtpläne rückten in den Hintergrund, denn was mich jetzt erwartet, würde diese Idee zerschlagen. Dad würde mich in den nächsten hundert Jahren nicht mehr das Haus verlassen lassen. Noch bevor ich den Polizeiwagen erreicht hatte, rumorte mein Magen heftig. Ich wollte mich nach vorn beugen und übergeben, doch der Cop, der mich festhielt, ließ es nicht zu. So kotzte ich mir direkt über die Vorderseite meines Shirts. Die Presse feierte diesen unglaublichen Fund und ich schämte mich in Grund und Boden. Jede Sekunde wurde schlimmer und ich fragte mich, ob ich diese Nacht überhaupt überleben würde.
Der Moment, als ich endlich die Szenerie in diesem Polizeiwagen verließ, war ich erleichtert und zugleich hatte ich höllische Angst. Sie würden ihn anrufen! Sie würden Richard Blackwell kontaktieren und erzählen, dass seine Tochter im Knast saß. Sie konnte jetzt nur noch hoffen, dass sie meine Mutter eher erreichten. Die würde keine Sekunde zögern und mich aus der Schusslinie der Paparazzi holen. Wenn es etwas gab, was Celeste Blackwell beherrschte, dann Schadensbegrenzung. Sie hatte ihr ganzes Leben vor den Kameras verbracht, sicher könnte sie dafür sorgen, dass Dad nichts davon mitbekam. Sie würde sicher ihre Kontakte bei der Presse nutzen und die Bilder, die heute Nacht von mir geschossen wurden, verschwinden zu lassen.
Doch ich machte mir nichts vor. Er würde es erfahren. Mein Vater war kein Idiot. Er wusste immer alles und nutzte es zu seinen Gunsten. Dieser Abend würde mich alles kosten.
Ganze sieben Stunden später erschien ein Cop vor meiner Ausnüchterungszelle und öffnete die Tür. »Miss Blackwell, ihr Vater ist da.«
Ich schloss die Augen und überlegte für einen Moment, ob ich nicht einfach hierbleiben wollte. Jeder Knast war besser als die Anwesenheit, einer der reichsten Männer L.A.s. Dann erhob ich mich und ging auf den Cop zu. Ich hatte noch immer Kotze im Haar und auf meinem Shirt hängen. Mein Make-up war sicher völlig hinüber, nachdem ich sieben verdammte Stunden Zeit hatte, über meine Zukunft nachzudenken, nur um immer wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren: Er würde mich umbringen.
Ich spürte seine Präsenz, bevor ich ihn überhaupt sah. Als wir um die Ecke bogen, stand er aufrecht da, den Blick starr auf mich gerichtet. Er zeigte seine Wut nicht, und genau dann war er am gefährlichsten.
Innerlich wünschte ich mir, dass er mich ausschimpfte, wie es wohl jeder normale Vater tun würde. Doch wir waren nicht normal. Wir waren reich und standen ständig in der Öffentlichkeit. Umso schlimmer war es, dass ich heute Nacht erwischt worden war.
Richard Blackwell sagte kein Wort, als er zum Hinterausgang der Polizeistation ging. Ich überlegte für eine Sekunde, einfach zu rennen, doch seine Männer standen bereits hinter mir und versperrten mir jeglichen Fluchtweg. Ich saß in der Falle.
Das Handy und meine Tasche, die bei meiner Verhaftung in Gewahrsam genommen worden waren, würde ich so schnell nicht wieder sehen. Freiheit konnte ich mir für die nächsten Wochen ... nein Monate erst einmal abschminken.
Als ich zu dem schwarzen Mercedes gezerrt wurde, wusste ich, dass es vorbei war. Paul, der Bodyguard meines Vaters setzte sich zu mir auf den Rücksitz, während mein Vater in einen anderen Wagen stieg und davonfuhr. Unser Auto setzte sich in Bewegung und ich zitterte wie Espenlaub.
Meine Stimme brach, als ich Paul fragte: »Wie wütend ist er?«
Paul schwieg viel zu lange, bis er schließlich den Kopf schüttelte und damit meine schlimmsten Befürchtungen bewahrheitete. Genau in diesem Moment wünschte ich mir, dass er mich schlagen oder mich einfach nur anschreien würde. Doch Richard Blackwell hatte andere Mittel, um zu bestrafen, und umso ruhiger er war, desto schlimmer war diese Strafe.
Die Fahrt zu unserer Villa zog sich eine Ewigkeit und als ich ausstieg und von den Männern zum Hintereingang geführt wurde, war es, als würde man mich zum Schafott führen. Innerlich betete ich, dass meine Mutter ebenfalls da sein würde. Sie schaffte es oft, ihn zu besänftigen. Doch sie war vorgestern erst nach Paris gereist.
Zu meiner Überraschung wurde ich in mein Zimmer geführt. Paul zeigte auf mein Badezimmer und sagte: »Er sagt, Sie sollen sich das Erbrochene aus dem Haar waschen, bevor sie ihm erneut vor die Augen treten.«
Ich schluckte, denn das machte alles nur noch schlimmer. Wenn er nicht gleich mit mir sprechen wollte, dann plante er bereits eine größere Strafe für mich. Eine, der ich nicht entkommen konnte.
Mit gesenktem Kopf schlich ich an Paul und dem anderen Kerl vorbei, dessen Namen ich mir nicht merken konnte. Sie sahen mich nicht an und das war mir ganz recht. Wahrscheinlich dachte sie alle dasselbe: Kleines verwöhntes Mädchen.
Dass ich hier in diesem Haus die Hölle durchlebt hatte, konnten sie nicht verstehen. Schon als Kleinkind hatten mich meine Eltern vor die Kameras gezerrt. Ich hatte schon mit drei Jahren einen Terminkalender und eine Assistentin, weil ich Klavierunterricht, Ballett und Französischunterricht hatte. Kaum konnte ich aufrecht stehen, hatte mich meine Mutter in Chanel gekleidet und wie ein Püppchen zu Modenschauen mitgezerrt. Als ich anfing zu rebellieren, hatte mich mein Vater auf ein Internat gesteckt, das streng bewacht wurde. Ich hatte nie die Chance, ein normales Leben zu führen, außer mit Matteo und seiner Tante. Sie hatten mir ein wenig Normalität geschenkt. Jetzt würde ich sicher nie wieder normal leben können.
Ich starrte mein Spiegelbild an, als ich die Tür des Badezimmers hinter mir schloss. Ich sah furchtbar aus. Mein fast schwarzes Haar war zerzaust und vollgekotzt. Wie ich es vermutet hatte, war mein Make-up überall in meinem Gesicht verschmiert. Ich hatte sogar eine geschwollen Wange, von der ich nicht wusste, wann ich sie mir zugezogen hatte. Sie war genauso blau, wie meine Hand, auf die irgendein Arschloch getreten war. Zum Glück schmerzte sie kaum noch. Ein Zeichen, dass nichts gebrochen war.
Nachdem ich meine Kleidung ausgezogen hatte, warf ich sie direkt in den Abfalleimer. Ich stank nach Alkohol, Erbrochenem und Schweiß. Das widerte mich regelrecht an. Ich konnte es gar nicht erwarten, endlich unter dem heißen Wasserstrahl zu stehen. Die sieben Stunden in der Zelle waren Folter genug. Dabei war das sicher noch nicht einmal das, was mich jetzt erwartete.
Ich drehte das Wasser so heiß ich es ertragen konnte und ließ es über meinen Kopf fließen. Tränen vermischten sich mit dem siedenden Nass, dass meine Schultern traf. Es war kaum auszuhalten und doch brauchte ich es jetzt mehr als alles andere. Ich wusch jeden Zentimeter meines Körpers, mein Haar und dann gleich nochmal. Als ich mit einem Handtuch aus der Dusche stieg, war meine Haut knallrot. Ich ging durch den Ausgang, der zu meinem begehbaren Kleiderschrank führte, und zog mich an. Der Pullover war nicht das Stylischste, was ich fand, doch meinem Vater konnte ich jetzt auch nicht mehr schocken. Die Jeans war ihm jedoch sicher ein Dorn im Auge. Aber was half es schon. Für diese Sorgen war es jetzt definitiv zu spät.
Ich verließ den Raum und stand in meinem Schlafzimmer, doch von Paul und dem anderen Kerl fehlte jede Spur. Als ging ich zur Tür und wollte sie öffnen, doch sie war abgesperrt. Diese Bastarde hatten mich in mein eigenes Zimmer geschlossen.
Panik kam in mir auf, denn so etwas hatte mein Vater noch nie befohlen. Selbst wenn er mich zu Hausarrest verdonnert hatte, war ich dennoch immer in der Lage, durchs Haus zu gehen.
Meine Schultern bebten, als das Schluchzen mich durchzuckte. Ich rannte zur Balkontür und auch die war verriegelt. Ich war gefangen in meinem eigenen Zimmer, während draußen das Monster wartete, um mich zu bestrafen. Diesmal war ich zu weit gegangen ... ein nächstes Mal würde es nicht mehr geben.








