Wenn Der Himmel Schweigt by A. Konder at Inkitt
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Wenn der Himmel schweigt

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Summary

Nach dem Tod ihrer Mutter entdeckt die 16-jährige Leni drei geheimnisvolle Schlüssel und alte Briefe, die sie zu einem verlassenen Ort namens Sonnenhof führen. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Nele versucht sie herauszufinden, welches Geheimnis ihre Mutter all die Jahre verborgen hat. Auf ihrer Suche begegnet sie Daniel, einem Mann aus der Vergangenheit ihrer Mutter, doch sie weiß nicht, ob sie ihm vertrauen kann. Schritt für Schritt deckt Leni eine Wahrheit auf, die ihr Leben für immer verändert und sie erkennen lässt, wie weit ihre Mutter aus Liebe zu ihr gegangen ist.

Genre
Drama
Author
A. Konder
Status
Ongoing
Chapters
5
Rating
n/a
Age Rating
16+

Kapitel 1

Der Regen fiel in feinen, gleichmäßigen Tropfen auf die Windschutzscheibe. Die Scheibenwischer bewegten sich unermüdlich hin und her, doch die Sicht blieb verschwommen. Es war einer dieser grauen Herbsttage, an denen selbst die Häuser stiller wirkten als sonst.

Leni Kramer saß auf dem Beifahrersitz und starrte aus dem Fenster. Die Bäume zogen wie Schatten an ihr vorbei. Gelbe und rote Blätter wirbelten über die Straße, wurden vom Wind erfasst und verschwanden wieder.

Neben ihr hielt ihr Vater das Lenkrad so fest umklammert, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Seit sie vom Friedhof losgefahren waren, hatte keiner von ihnen ein Wort gesagt.

Das Autoradio war ausgeschaltet.

Nur das leise Rauschen des Regens erfüllte den Wagen.

Leni wusste nicht mehr, wie viele Menschen auf der Beerdigung gewesen waren. Vielleicht fünfzig. Vielleicht hundert. Sie hatte kaum jemanden wahrgenommen. Immer wieder hatte sie nur auf den dunklen Holzsarg geschaut und gehofft, dass jemand plötzlich sagen würde, alles sei ein Irrtum.

Doch niemand hatte etwas gesagt.

Es war kein Irrtum gewesen.

Ihre Mutter war tot.

Noch vor zwei Wochen hatte sie lachend in der Küche gestanden und versucht, einen Pfannkuchen in der Luft zu wenden. Er war auf dem Boden gelandet, und beide hatten so lange gelacht, bis ihnen die Tränen kamen.

Jetzt fühlte sich diese Erinnerung an, als hätte sie zu einem anderen Leben gehört.

Ihr Handy vibrierte.

Auf dem Display erschien eine Nachricht.

Nele: Ich bin jederzeit für dich da. Egal wann. ❤️

Leni las die Nachricht mehrmals.

Sie wollte antworten.

Doch sie wusste nicht, was sie schreiben sollte.

Sie legte das Handy zurück in ihre Jackentasche.

„Du musst ihr nicht sofort antworten“, sagte ihr Vater plötzlich.

Seine Stimme klang rau.

Als hätte auch er seit Tagen kaum gesprochen.

Leni nickte nur.

Mehr brachte sie nicht heraus.

Nach einigen Minuten bog das Auto in ihre Straße ein.

Die vertrauten Häuser wirkten fremd.

Vor ihrem Zuhause standen noch immer zwei verwelkte Blumensträuße, die Nachbarn am Morgen abgelegt hatten.

Ihr Vater stellte den Motor ab.

Keiner stieg aus.

Sie saßen einfach da.

„Ich weiß nicht, wie das gehen soll“, sagte ihr Vater schließlich leise.

Leni drehte den Kopf zu ihm.

Zum ersten Mal seit Tagen sah sie ihn richtig an.

Seine Augen waren gerötet.

Unter ihnen zeichneten sich dunkle Schatten ab.

Er wirkte älter als noch vor einer Woche.

„Ich auch nicht“, flüsterte sie.

Mehr sagte keiner von ihnen.

Nach einer Weile öffnete ihr Vater die Autotür.

Die kalte Herbstluft strömte ins Wageninnere.

Leni folgte ihm langsam.

Der Kies knirschte unter ihren Schuhen.

Sie blieb einen Moment vor der Haustür stehen.

Ihre Mutter hatte immer gesagt, dass ein Zuhause nicht aus Wänden bestehe.

Sondern aus den Menschen, die darin lebten.

Zum ersten Mal verstand Leni, was sie damit gemeint hatte.

Ihr Vater schloss die Tür auf.

Als sie eintraten, empfing sie eine Stille, die fast körperlich wehtat.

Kein Duft nach frisch gebackenem Kuchen.

Keine Musik aus der Küche.

Kein fröhliches „Na, seid ihr endlich wieder da?“

Nur das leise Ticken der Wanduhr.

Leni zog ihre Schuhe aus und stellte sie ordentlich neben die Tür.

„Mama hätte sich gefreut“, dachte sie.

Dieser Gedanke traf sie so unerwartet, dass sie für einen Moment die Luft anhielt.

Sie ging langsam durch den Flur.

An der Garderobe hing noch immer der rote Schal ihrer Mutter.

Er bewegte sich leicht, weil das Fenster im Treppenhaus einen Spalt offen stand.

Leni strich mit den Fingern darüber.

Der Stoff war weich.

Fast so, als würde ihre Mutter ihn jeden Augenblick wieder umlegen.

„Leni?“

Sie drehte sich um.

Ihr Vater stand noch immer im Flur.

„Wenn du allein sein möchtest ... ich bin im Wohnzimmer.“

Sie nickte.

„Danke.“

Langsam stieg sie die Treppe hinauf.

Jede Stufe knarrte.

Früher hatte sie dieses Geräusch nie bemerkt.

Heute hörte sie jedes einzelne.

Oben angekommen, blieb sie vor der Schlafzimmertür ihrer Eltern stehen.

Sie wusste nicht, warum.

Vielleicht hoffte ein Teil von ihr immer noch, dass ihre Mutter dort saß und ein Buch las.

Sie drückte vorsichtig die Klinke herunter.

Das Zimmer war ordentlich.

Zu ordentlich.

Das Bett war gemacht.

Auf dem Nachttisch stand eine halbvolle Wasserflasche.

Daneben lag ein Roman mit einem Lesezeichen zwischen den Seiten.

Leni hob das Buch auf.

Das Lesezeichen steckte auf Seite 186.

Ihre Mutter würde nie erfahren, wie die Geschichte endete.

Leni schloss die Augen.

Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals.

Sie stellte das Buch behutsam zurück.

Gerade als sie das Zimmer verlassen wollte, fiel ihr Blick auf eine schmale Holztür am Ende des Flurs.

Das Arbeitszimmer ihrer Mutter.

Die Tür stand einen kleinen Spalt offen.

Leni runzelte die Stirn.

Ihre Mutter hatte diese Tür sonst immer geschlossen.

Langsam ging sie darauf zu.

Je näher sie kam, desto schneller schlug ihr Herz.

Sie legte ihre Hand auf die Klinke.

Einen Moment lang zögerte sie.

Dann öffnete sie die Tür.

Die Tür glitt lautlos auf.

Ein kühler Luftzug strich ihr entgegen.

Das Arbeitszimmer war kleiner, als Leni es in Erinnerung hatte. Vielleicht lag es daran, dass sie seit Jahren kaum noch hier gewesen war. Als Kind hatte sie oft versucht hineinzuschlüpfen, während ihre Mutter arbeitete. Meist war sie nach wenigen Sekunden wieder lachend hinausgeschickt worden.

„Geduld“, hatte ihre Mutter dann gesagt. „Manche Dinge brauchen Zeit.“

Damals hatte Leni nicht verstanden, was sie meinte.

Heute wünschte sie sich, sie könnte sie noch ein einziges Mal danach fragen.

Der Raum war erstaunlich ordentlich.

Auf dem Schreibtisch lagen ein geschlossener Laptop, ein Stapel Notizbücher und ein Kalender. Daneben stand eine Tasse mit eingetrockneten Resten von Kaffee. Auf der Fensterbank blühte eine Orchidee, obwohl sie seit Tagen niemand gegossen haben konnte.

Leni trat langsam näher.

Sie ließ ihre Fingerspitzen über die Tischplatte gleiten.

Alles fühlte sich an wie eine eingefrorene Erinnerung.

Als hätte die Zeit in diesem Zimmer aufgehört zu laufen.

Ihr Blick fiel auf ein gerahmtes Foto.

Es zeigte sie selbst, vielleicht acht Jahre alt. Sie saß auf den Schultern ihrer Mutter, beide lachten in die Kamera. Im Hintergrund leuchtete das Riesenrad eines Jahrmarkts.

Leni musste unwillkürlich lächeln.

„Du hattest Höhenangst“, sagte sie leise in den Raum hinein. „Und trotzdem bist du mit mir gefahren.“

Das Lächeln verschwand so schnell, wie es gekommen war.

Sie stellte den Rahmen zurück.

Plötzlich bemerkte sie etwas.

Eine Schreibtischschublade stand einen Fingerbreit offen.

Das war ungewöhnlich.

Ihre Mutter schloss immer alles sorgfältig.

Neugierig zog Leni die Schublade auf.

Darin lagen Stifte, Büroklammern, alte Briefe und ein kleiner Schlüssel an einem silbernen Anhänger.

Auf dem Anhänger war eine eingravierte Zahl zu erkennen.

17.

„Wofür bist du?“, murmelte sie.

Sie nahm den Schlüssel in die Hand.

Er war überraschend schwer.

Als sie ihn umdrehte, fiel ein zusammengefalteter Zettel aus der Schublade auf den Boden.

Leni hob ihn auf.

Es war kein Brief.

Nur eine kurze Notiz.

Falls ich dir irgendwann nicht mehr alles selbst erklären kann, fang nicht mit den Schubladen an.

Leni runzelte die Stirn.

„Zu spät“, sagte sie leise.

Sie drehte den Zettel um.

Auf der Rückseite stand nur ein einziges Wort.

Holzkiste.

Ihr Blick wanderte langsam durch das Zimmer.

In der Ecke, neben dem Bücherregal, stand tatsächlich eine alte Holzkiste.

Sie war dunkelbraun, an den Ecken leicht abgeschürft und mit einem kleinen Messingschloss verschlossen.

Leni ging hinüber.

Sie kniete sich davor und strich mit den Fingern über das raue Holz.

Sofort erinnerte sie sich.

Als Kind hatte sie ihre Mutter bestimmt hundertmal gefragt, was sich darin befand.

Jedes Mal hatte sie dieselbe Antwort bekommen.

„Nicht heute.“

Damals hatte Leni gedacht, es lägen alte Fotos oder Weihnachtsgeschenke darin.

Jetzt war sie sich nicht mehr sicher.

Sie zog vorsichtig am Deckel.

Abgeschlossen.

Ihr Blick fiel auf den kleinen Schlüssel in ihrer Hand.

Die eingravierte Zahl.

Die Notiz.

Langsam führte sie den Schlüssel zum Schloss.

Einen Moment hielt sie inne.

Vielleicht sollte sie ihren Vater holen.

Vielleicht war das hier zu persönlich.

Vielleicht…

Nein.

Wenn ihre Mutter wirklich gewollt hätte, dass ihr Vater die Kiste öffnete, hätte sie seinen Namen auf den Zettel geschrieben.

Nicht ihren.

Leni atmete tief durch.

Dann steckte sie den Schlüssel ins Schloss.

Ein leises Klicken.

Das Schloss sprang auf.

Ihr Herz schlug jetzt so laut, dass sie es selbst hören konnte.

Langsam hob sie den Deckel an.

Der Duft von altem Papier stieg ihr entgegen.

Obenauf lag eine sorgfältig gefaltete, hellblaue Strickjacke.

Leni erkannte sie sofort.

Ihre Mutter hatte sie fast jeden Herbst getragen.

Darunter befanden sich mehrere Fotoalben, ein ledergebundenes Tagebuch und eine kleine Holzkassette.

Ganz oben jedoch lag ein cremefarbener Briefumschlag.

Darauf stand ihr Name.

Nicht mit Kugelschreiber.

Nicht mit Filzstift.

Sondern in der sauberen, geschwungenen Handschrift ihrer Mutter.

Für Leni.

Ihre Hände begannen zu zittern.

Sie wusste nicht, warum sie plötzlich Angst hatte.

Es war doch nur ein Brief.

Und trotzdem fühlte es sich an, als würde dieser Umschlag etwas verändern.

Etwas, das sich nie wieder rückgängig machen ließ.

Vorsichtig nahm sie ihn aus der Kiste.

Das Papier war etwas dicker als gewöhnliche Briefumschläge.

Er war mit einem dunkelroten Wachssiegel verschlossen.

In das Wachs war eine kleine Lilie geprägt – das Lieblingssymbol ihrer Mutter.

Leni setzte sich auf den Boden.

Sie hielt den Umschlag lange in den Händen.

Draußen begann es wieder zu regnen.

Die Tropfen klopften gegen das Fenster, als wollten sie sie drängen, den Brief endlich zu öffnen.

Sie fuhr mit dem Daumen über das Siegel.

Noch konnte sie den Brief ungeöffnet zurücklegen.

Noch konnte sie so tun, als hätte sie ihn nie gefunden.

Doch tief in ihrem Inneren wusste sie bereits, dass sie das nicht tun würde.

Denn manche Fragen lassen einen nicht mehr los.

Selbst dann nicht, wenn man Angst vor der Antwort hat.

Leni blieb regungslos hinter der halb geöffneten Tür stehen.

Sie wagte kaum zu atmen.

Unten schloss ihr Vater die Haustür. Das dumpfe Geräusch hallte durch das ganze Haus. Kurz darauf hörte sie Schritte, die sich in Richtung Wohnzimmer entfernten.

„Bitte nehmen Sie Platz“, sagte ihr Vater höflich.

„Danke.“

Die Stimme des Fremden war ruhig. Tief. Kontrolliert.

Leni überlegte.

Sie wusste, dass sie eigentlich nicht lauschen sollte.

Doch irgendetwas in ihrem Bauch sagte ihr, dass dieser Besuch kein Zufall war.

Sie schlich auf Zehenspitzen bis zur Treppe und setzte sich auf die oberste Stufe. Von dort konnte sie die Männer nicht sehen, aber jedes Wort hören.

„Es tut mir leid wegen Ihres Verlustes“, sagte der Fremde.

„Danke.“

Eine kurze Pause entstand.

„Sie kannten meine Frau?“

„Ja.“

Wieder Stille.

Leni runzelte die Stirn.

Die Antwort war viel zu knapp gewesen.

„Woher?“, fragte ihr Vater schließlich.

Der Mann räusperte sich.

„Wir haben vor vielen Jahren zusammengearbeitet.“

„Komisch.“

„Wieso?“

„Meine Frau hat Ihren Namen nie erwähnt.“

Der Fremde antwortete nicht sofort.

Als er schließlich sprach, klang seine Stimme nachdenklich.

„Das überrascht mich nicht.“

Leni spürte, wie sich ihre Hände verkrampften.

Ihre Mutter hatte kaum Geheimnisse gehabt.

Zumindest hatte Leni das immer geglaubt.

„Worum geht es denn überhaupt?“, fragte ihr Vater.

„Es geht um einen Gegenstand.“

„Einen Gegenstand?“

„Ja.“

„Was für einen?“

„Ich glaube nicht, dass ich darüber sprechen sollte, solange Ihre Tochter im Haus ist.“

Leni hielt die Luft an.

Woher wusste der Mann, dass sie oben war?

Sie hatte doch kein Geräusch gemacht.

Unten entstand erneut Stille.

„Sie schläft wahrscheinlich“, sagte ihr Vater.

„Nein.“

Der Fremde sprach das Wort ruhig aus.

„Sie hört uns gerade zu.“

Leni erschrak.

Instinktiv zog sie den Kopf zurück.

Ihr Herz raste.

Woher weiß er das?

Sie wartete.

Sekunden vergingen.

Dann erklangen Schritte.

Nicht unten.

Sondern auf der Treppe.

Langsam.

Bedächtig.

Jede Stufe knarrte.

Leni sprang auf.

Sie lief lautlos zurück ins Arbeitszimmer ihrer Mutter und schloss die Tür nur so weit, dass sie angelehnt blieb.

Kaum hatte sie sich neben den Schreibtisch gestellt, klopfte es.

Drei ruhige Schläge.

„Leni?“

Die Stimme ihres Vaters.

Sie öffnete.

„Ja?“

Er wirkte müde.

„Entschuldige. Ich wollte nur fragen, ob alles in Ordnung ist.“

Sie nickte.

„Wer ist der Mann?“

Ihr Vater zögerte.

„Er heißt Daniel Berger.“

„Wer ist das?“

„Ich... weiß es ehrlich gesagt selbst nicht genau.“

„Du kennst ihn nicht?“

„Nein.“

„Aber Mama schon?“

Ihr Vater senkte den Blick.

„Offenbar.“

Leni bemerkte, dass ihn diese Erkenntnis genauso verunsicherte wie sie.

„Er sagt, deine Mutter hätte etwas aufbewahrt.“

„Was denn?“

„Das wollte er mir nicht sagen.“

„Warum nicht?“

„Er meinte nur, deine Mutter hätte gewusst, dass irgendwann jemand danach fragen würde.“

Leni spürte ein unangenehmes Ziehen im Magen.

Unwillkürlich dachte sie an die Holzkiste.

An den Brief.

An das Foto.

„Kann ich ihn kennenlernen?“, fragte sie.

Ihr Vater überlegte kurz.

„Wenn du möchtest.“

Sie nickte.

Gemeinsam gingen sie die Treppe hinunter.

Mit jedem Schritt wurde Leni nervöser.

Im Wohnzimmer stand der Fremde am Fenster.

Er betrachtete den regennassen Garten.

Als er ihre Schritte hörte, drehte er sich um.

Jetzt konnte Leni ihn genauer erkennen.

Er war vielleicht Anfang fünfzig.

Sein dunkles Haar war an den Schläfen grau geworden.

Er trug einen gepflegten Mantel und hatte wache, hellgraue Augen.

Diese Augen ruhten einen Moment auf ihr.

Nicht neugierig.

Nicht aufdringlich.

Eher traurig.

„Du musst Leni sein.“

Sie nickte.

„Woher kennen Sie meine Mutter?“

Der Mann lächelte schwach.

„Das ist eine lange Geschichte.“

„Ich habe Zeit.“

Ein kurzer Schatten huschte über sein Gesicht.

„Das glaube ich.“

Er öffnete seine Ledermappe.

Langsam zog er eine vergilbte Fotografie heraus.

„Erkennst du diese Frau?“

Leni nahm das Bild entgegen.

Es zeigte ihre Mutter.

Jünger als auf allen Fotos, die sie zu Hause hatte.

Sie stand vor einem alten Backsteingebäude und lachte.

Neben ihr standen drei weitere Menschen.

Unter ihnen...

derselbe junge Mann, den Leni bereits auf dem Foto aus dem Brief gesehen hatte.

Ihr Puls beschleunigte sich.

Sie hob den Blick.

„Wer ist das?“

Daniel Berger antwortete nicht sofort.

Er schien jedes Wort sorgfältig abzuwägen.

Dann sagte er leise:

„Ein Mensch, den deine Mutter nie vergessen hat.“

Im Raum wurde es still.

So still, dass man das Ticken der Wanduhr hören konnte.

Leni sah wieder auf das Foto.

Irgendetwas stimmte nicht.

Sie wusste nur noch nicht, was.

Dann bemerkte sie das Datum am unteren Bildrand.

Es war derselbe Tag wie auf dem Foto aus dem Brief.

12. August 2004.

Ihr Herz setzte für einen Moment aus.

Das konnte kein Zufall sein.

Leni hielt das Foto so fest, dass sich die Ecken leicht verbogen.

„Woher haben Sie das?“, fragte sie leise.

Daniel Berger antwortete nicht sofort. Er sah sie lange an, als wolle er herausfinden, wie viel sie bereits wusste.

„Es gehörte deiner Mutter.“

„Aber… warum haben Sie es?“

„Weil sie es mir vor vielen Jahren gegeben hat.“

„Und weshalb?“

Er atmete tief durch.

„Mit der Bitte, es aufzubewahren. Bis der richtige Zeitpunkt gekommen ist.“

Leni spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.

Heute schien jeder von einem richtigen Zeitpunkt zu sprechen.

Die Holzkiste.

Der Brief.

Jetzt dieses Foto.

„Sie haben meine Frage nicht beantwortet“, sagte sie ruhiger, als sie sich fühlte. „Wer ist der Mann neben meiner Mutter?“

Daniel senkte den Blick auf das Bild.

„Sein Name war Elias.“

„War?“

Er nickte.

„Er lebt nicht mehr.“

Leni runzelte die Stirn.

„War er ein Freund meiner Mutter?“

Daniel schwieg.

Dieses Schweigen sagte mehr als jede Antwort.

„Mehr möchte ich im Moment nicht sagen.“

Leni spürte, wie Ärger in ihr aufstieg.

„Warum nicht?“

„Weil deine Mutter wollte, dass du manche Dinge selbst herausfindest.“

„Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn!“

Ihre Stimme war lauter geworden, als sie beabsichtigt hatte.Ihr Vater hob beschwichtigend die Hand.

„Leni…“

„Nein!“, sagte sie und sah zwischen den beiden Männern hin und her. „Seit heute Morgen erzählen mir alle, dass irgendwann alles einen Sinn ergeben wird. Aber niemand erklärt mir irgendetwas!“

Im Wohnzimmer wurde es still.

Daniel nickte langsam.

„Du hast recht.“

Er griff wieder in seine Ledermappe.

Diesmal zog er keinen Brief und kein Foto heraus.

Es war ein schmaler, dunkelblauer Schlüsselanhänger.

Daran hing ein silberner Schlüssel.

Fast genauso alt wie der, den Leni oben in der Holzkiste gefunden hatte.

Sie hielt unwillkürlich den Atem an.

„Diesen Schlüssel hat deine Mutter mir vor achtzehn Jahren gegeben.“

„Warum?“

„Falls ihr etwas passieren sollte.“

Leni spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

„Wozu gehört der Schlüssel?“

„Das weiß ich nicht.“

„Sie wissen es nicht?“

„Nein.“

„Aber Sie haben ihn achtzehn Jahre lang aufgehoben?“

„Ja.“

„Ohne zu wissen, wofür er ist?“

„Genau das wollte sie.“

Leni verstand immer weniger.

Sie dachte an den kleinen Schlüssel aus der Holzkiste.

An die eingravierte 17.

Und nun hielt Daniel einen zweiten Schlüssel in der Hand.

„Darf ich ihn sehen?“, fragte sie.

Daniel reichte ihn ihr.Der Schlüssel fühlte sich kalt an.

Auf der Rückseite des Anhängers war eine Zahl eingraviert.

18.

Leni erschrak.

Sie griff instinktiv in ihre Hosentasche.

Dort lag noch immer der andere Schlüssel.

Langsam zog sie ihn heraus.

„Meinen Sie… diesen?“

Daniels Gesicht veränderte sich augenblicklich.

Zum ersten Mal wirkte er wirklich überrascht.

„Wo hast du den her?“

„Im Arbeitszimmer meiner Mutter.“

„Sie hat ihn also doch dort gelassen…“

„Was bedeutet das?“

Daniel nahm den Schlüssel nicht aus ihrer Hand.

Er betrachtete ihn nur.Die beiden silbernen Anhänger sahen beinahe identisch aus.

Nur die Zahlen unterschieden sich.

„Sie gehören zusammen“, sagte Daniel schließlich.

„Woher wissen Sie das?“

„Weil es ursprünglich drei Schlüssel gab.“

Leni erstarrte.

„Drei?“

Daniel nickte.

„Nummer siebzehn.“

Er zeigte auf den Schlüssel in ihrer Hand.

„Nummer achtzehn.“

Er hob den eigenen an.

„Und Nummer neunzehn.“

„Wo ist der?“

Daniels Blick wurde ernst.

„Wenn ich das wüsste, wäre ich heute nicht hier.“

Ein kalter Schauer lief Leni über den Rücken.

Ihr Vater, der die ganze Zeit geschwiegen hatte, räusperte sich.

„Ich verstehe überhaupt nichts mehr.“

„Damit sind Sie nicht allein“, sagte Daniel.

Er lehnte sich langsam zurück.

„Ich glaube, Ihre Frau hat geahnt, dass dieser Tag irgendwann kommen würde.“

„Welcher Tag?“

„Der Tag, an dem alle Fragen gleichzeitig auftauchen.“

Niemand sagte etwas.

Draußen prasselte der Regen gegen die Fensterscheiben.

Plötzlich erklang ein schrilles Klingeln.

Nicht von der Haustür.

Nicht von einem Handy.Es kam aus dem Flur.

Alle drei zuckten zusammen.

„Was ist das?“, fragte Leni.

Ihr Vater stand auf.

„Ich weiß es nicht.“

Das Geräusch ertönte erneut.

Hell.

Metallisch.

Fast wie ein alter Wecker.

Daniel wurde schlagartig blass.

„Nein…“, flüsterte er.

„Das darf nicht sein.“

„Was meinen Sie?“

Er sah Leni direkt an.

„Hat deine Mutter irgendwo im Haus eine alte Standuhr?"

Leni dachte nach.

Dann nickte sie langsam.

„Ja… im Keller.“

Daniel schloss für einen Augenblick die Augen.

Als er sie wieder öffnete, war jede Farbe aus seinem Gesicht verschwunden.

„Dann hoffe ich, dass sie in den letzten achtzehn Jahren niemals stehen geblieben ist.“

„Warum?“

Er antwortete nicht.

Stattdessen ging er schnellen Schrittes zur Kellertür.

Leni und ihr Vater wechselten einen verwirrten Blick.

Dann liefen sie ihm hinterher.

Der Regen draußen wurde immer stärker.

Und tief unter dem Haus läutete die alte Uhr ein drittes Mal.Daniel blieb abrupt vor der alten Standuhr stehen.

Sein Blick ruhte auf dem dunklen Holz, als hätte er sie seit Jahren nicht mehr gesehen.

„Sie steht noch hier …“, murmelte er kaum hörbar.

Leni trat neben ihn.

„Was ist mit dieser Uhr?“

Daniel antwortete nicht.

Stattdessen fuhr er mit den Fingern über die geschnitzten Verzierungen. Unter einer feinen Staubschicht kam eine kleine Lilie zum Vorschein.

Leni stockte der Atem.

Dieselbe Lilie.

Sie war auf dem Wachssiegel des Briefes ihrer Mutter gewesen.

„Das kann kein Zufall sein“, flüsterte sie.

Daniel nickte langsam.

„Nein.“

Er kniete sich vor die Uhr und öffnete vorsichtig die schmale Holztür im unteren Teil.

Das Pendel war stehen geblieben.

Genau auf 18:47 Uhr.

Daniel legte seine Hand hinter das Pendel und tastete vorsichtig das Holz ab.

Plötzlich war ein leises Klicken zu hören.

Ein schmales Fach sprang auf.

Leni hielt unwillkürlich den Atem an.

Im Inneren lag nur ein einziger Gegenstand.

Ein alter Schlüssel.

Er sah fast genauso aus wie die beiden Schlüssel, die sie und Daniel bereits in der Hand gehalten hatten.

Am Anhänger war eine kleine Zahl eingraviert.

19.

Niemand sagte etwas.

Leni nahm den Schlüssel vorsichtig heraus.

Das Metall fühlte sich eiskalt an.

„Jetzt sind alle drei zusammen“, sagte Daniel leise.

„Was öffnen sie?“, fragte Leni.

Daniel sah sie an.

Seine Augen wirkten plötzlich traurig.

„Genau davor hatte deine Mutter immer Angst.“

„Wovor?“

Er öffnete den Mund.

Doch bevor er ein Wort sagen konnte, ertönte aus Lenis Jackentasche das Klingeln ihres Handys.

Sie zuckte zusammen.

Auf dem Display erschien eine unbekannte Nummer.

Keine Telefonnummer.

Nur zwei Wörter.

Nicht öffnen.

Leni starrte auf den Bildschirm.

Langsam hob sie den Kopf.

„Daniel …“

Doch der Platz neben ihr war leer.

Daniel Berger war verschwunden.

Die Kellertür stand weit offen.

Draußen pfiff der Wind durch den Garten.

Und irgendwo in der Ferne schlug eine Kirchenglocke.

Einmal.

Zweimal.

Dreimal.

Leni umklammerte den dritten Schlüssel.

Zum ersten Mal fragte sie sich, ob ihre Mutter sie nicht nur auf eine Wahrheit vorbereitet hatte.

Sondern auf eine Entscheidung, die ihr ganzes Leben verändern würde.

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