In Sicheren Händen by AlexWhitmore at Inkitt
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In Sicheren Händen

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Summary

Kelly Bennett trägt Narben, die weit tiefer reichen als die auf seiner Haut. Auf der Suche nach einem Neuanfang führt ihn sein Weg zu einer ungewöhnlichen Begegnung. Dominic Duvalle wirkt ruhig und kontrolliert, ein Mann, der genau weiß, was er tut und was er von anderen erwartet, und bietet Kelly nur eines an: ein gemeinsames Wochenende. Zwei Tage. Mehr Zeit braucht Dominic nicht, um herauszufinden, ob zwischen ihnen etwas entstehen kann. Für Kelly beginnt damit eine Reise, die ihn zwingt, sich den Schatten seiner Vergangenheit zu stellen. Denn Vertrauen lässt sich nicht einfordern - es muss wachsen. Und manchmal bedeutet wahre Stärke, die Kontrolle freiwillig in die Hände eines Menschen zu legen, der sie niemals missbrauchen würde.

Status
Ongoing
Chapters
4
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel 1 - Auf der Suche

Die Musik war laut genug, um die Gespräche an den Nachbartischen zu verschlucken, aber nicht so laut, dass sie das Lachen der Gäste übertönte. Bunte Lichtkegel glitten über die Tanzfläche, auf der sich Männer und Frauen zwischen ausgelassenem Tanzen und innigen Umarmungen bewegten. Die Bar gehörte zu den beliebtesten Treffpunkten der LGBTQ+-Szene in Los Angeles. Hier interessierte es niemanden, wen man liebte oder wie man aussah. Man kam hierher, um den Alltag für ein paar Stunden hinter sich zu lassen.

Kelly Bennett gelang genau das an diesem Abend nicht.

Mit finsterer Miene saß er auf einem der Barhocker und drehte lustlos das Glas Cola vor sich hin. Die Eiswürfel klirrten leise gegeneinander, jedes Mal, wenn er das Glas ein Stück weiter schob. Früher hätte an seiner Stelle ein Whiskey gestanden, vielleicht auch der dritte. Heute war es nur noch Cola. Seit Raymond ihn vor Jahren aus seiner dunkelsten Zeit geholt hatte, hatte Kelly keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Darauf war er stolz – auch wenn es Abende wie diesen gab, an denen die Versuchung für einen kurzen Moment wieder anklopfte.

„Verdammter Mist“, murmelte er zum wiederholten Mal.

Jane hob den Blick von ihrem Cocktail und tauschte ein amüsiertes Grinsen mit ihrer Frau Emily. Die beiden kannten Kelly lange genug, um zu wissen, dass dieses leise Grollen nichts Gutes bedeutete.

„Nummer zwölf“, stellte Emily trocken fest.

Kelly sah sie irritiert an. „Was?“

„Du hast heute Abend schon zwölfmal vor dich hingebrummt.“

Er verzog das Gesicht. „Hab ich nicht.“

„Doch“, mischte sich Hassan ein und nahm einen Schluck aus seinem Bier. „Und dreimal hast du dein Glas angeschaut, als hätte es dich persönlich beleidigt.“

Kelly schnaubte.

„Vielleicht hat es das.“

Hassan lachte. „Die Cola kann nun wirklich nichts für dein Liebesleben.“

Allein dieses Wort ließ Kelly erneut die Augen verdrehen.

„Liebesleben … Welches Liebesleben? Ich habe keins.“

Jane stellte ihr Glas auf den Tresen und musterte ihn aufmerksam. „Okay, jetzt erzähl. Was ist diesmal passiert?“

Kelly antwortete zunächst nicht. Sein Blick glitt über die Tanzfläche, wo zwei Männer lachend umeinander tanzten. Sie wirkten unbeschwert, glücklich und vollkommen im Moment. Schließlich stieß er einen langen Seufzer aus.

„Es war wieder eine Katastrophe.“

„Das Date?“, fragte Emily.

„Natürlich das Date.“

„So schlimm?“

Kelly lachte kurz auf, allerdings ohne jede Spur von Humor.

„Er hat zwanzig Minuten lang ausschließlich von seinem CrossFit-Studio erzählt. Danach erklärte er mir ungefragt seine Hautpflegeroutine und wollte anschließend wissen, wie viele Follower ich auf Instagram habe.“

Hassan grinste. „Und?“

„Ich habe ihm gesagt, dass ich gar kein Instagram habe.“

„Autsch.“

„Daraufhin hat er mich angesehen, als hätte ich ihm erzählt, dass ich noch mit Rauchzeichen kommuniziere.“

Diesmal mussten alle lachen. Selbst Kelly konnte sich ein flüchtiges Schmunzeln nicht verkneifen, doch es verschwand genauso schnell wieder.

Jane beobachtete ihn einen Moment.

„Das ist aber nicht der eigentliche Grund.“

Kelly schüttelte langsam den Kopf.

„Nein.“

Er ließ den Blick erneut durch die Bar wandern. Überall schienen Menschen jemanden gefunden zu haben. Manche tanzten eng umschlungen, andere unterhielten sich lachend an den Tischen oder hielten einfach nur die Hand ihres Partners. Es war kein Neid, der sich in seiner Brust ausbreitete. Es war etwas viel Schwereres.

„Ich frage mich langsam, was mit mir nicht stimmt.“

Mit einem Schlag wurde es still am Tisch.

Kelly fuhr sich durch die blonden Haare und starrte einen Moment in sein Glas.

„Seit über einem Jahr versuche ich wieder zu daten. Mal lerne ich jemanden über Freunde kennen, mal über Apps, mal ergibt sich einfach etwas. Am Anfang läuft es immer gut. Wir verstehen uns, lachen zusammen, treffen uns mehrfach … und irgendwann kommt immer derselbe Punkt.“

„Welcher?“, fragte Emily leise.

Kelly antwortete erst nach einigen Sekunden.

„Der Moment, in dem sie merken, dass ich anders bin.“

Hassan legte den Kopf schief.

„Anders inwiefern?“

Kelly überlegte einen Augenblick.

„Ich brauche Struktur. Verlässlichkeit. Ich mag keine Spielchen. Ich habe keine Lust auf Machtkämpfe oder darauf, ständig auszutesten, wer in einer Beziehung das Sagen hat. Wenn ich jemandem vertraue, dann richtig. Und irgendwie scheint genau das heutzutage jeden zu verschrecken.“

Jane nickte langsam. Sie wusste mehr über Kellys Vergangenheit als die meisten anderen Menschen. Sie wusste, welche Bedeutung Raymond in seinem Leben gehabt hatte und dass die Zeit als sein Submissiver Kelly nicht zerstört, sondern ihm Stabilität, Selbstvertrauen und einen Weg zurück ins Leben gegeben hatte. Auch wenn Kelly nur selten darüber sprach, war dieser Teil seiner Vergangenheit bis heute ein wesentlicher Bestandteil seiner Persönlichkeit.

„Vielleicht“, sagte sie schließlich behutsam, „suchst du einfach am falschen Ort.“

Kelly schüttelte sofort den Kopf.

„Ich suche überall. Und jedes Mal endet es gleich. Entweder wollen sie eine offene Beziehung, jedes Wochenende feiern oder sie halten mich für langweilig, weil ich weder trinke noch bis morgens um vier durch Clubs ziehe.“

„Und was willst du?“, fragte Hassan.

Kelly schwieg einen Moment. Sein Blick ruhte auf den langsam schmelzenden Eiswürfeln in seinem Glas, als könnte er dort die Antwort finden.

Als er schließlich aufsah, lag eine Ehrlichkeit in seinen eisblauen Augen, die seine Freunde sofort verstummen ließ.

„Ich will einfach jemanden, bei dem ich endlich aufhören kann, ständig kämpfen zu müssen. Jemanden, dem ich mich vollkommen anvertrauen kann, der die Kontrolle übernimmt, damit ich sie endlich loslassen darf. Ich will mich fallen lassen, mich hingeben, ohne mich zurückhalten zu müssen – jemanden, dem ich mich ganz ergeben kann, weil ich weiß, dass er mich hält und nicht gehen wird, sobald er erkennt, wer ich wirklich bin.“

Emily starrte Kelly einen Moment an, als hätte sie sich verhört.

„Moment mal …“ Sie blinzelte verwirrt. „Du meinst das ernst? Du willst dich einem anderen Menschen unterordnen? Also so richtig?“

Kelly erwiderte ihren Blick, ohne auszuweichen.

„Ja.“

„Das klingt…“ Emily suchte nach den richtigen Worten. „Das klingt irgendwie furchtbar ungesund.“

Noch bevor Kelly etwas erwidern konnte, legte Jane ihr eine Hand auf den Unterarm.

„Emily.“

Der ruhige Ton ihrer Stimme genügte.

„Was?“

„Überleg bitte, was du gerade gesagt hast.“ Jane sah sie ernst an. „Du bist die Erste, die sich darüber aufregt, wenn Menschen andere wegen ihrer Sexualität oder ihrer Beziehungen verurteilen. Du hältst Vorträge über Toleranz und Akzeptanz. Und jetzt sitzt du hier und bewertest Kellys Bedürfnisse, obwohl du kaum etwas darüber weißt.“

Emily öffnete den Mund, schloss ihn aber gleich wieder.

Jane sprach ruhig weiter.

„Er redet nicht davon, misshandelt zu werden. Er spricht von Vertrauen. Von Verantwortung. Von einer Beziehungsform, die für ihn funktioniert. Das ist etwas völlig anderes.“

Emily senkte den Blick.

„Du hast recht.“ Nach einem kurzen Moment sah sie Kelly wieder an. „Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht angreifen. Ehrlich nicht. Ich glaube nur, dass ich sofort diese ganzen Klischees im Kopf hatte.“

Kellys angespannte Schultern entspannten sich ein wenig.

„Schon gut. Genau deshalb erzähle ich normalerweise niemandem davon.“

„Danke, dass du es trotzdem getan hast“, sagte Emily leise.

Für einen Moment kehrte Stille ein. Hassan drehte gedankenverloren sein Bierglas zwischen den Fingern, bevor sich langsam ein Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete.

„Weißt du“, begann er, „eigentlich kenne ich da etwas, das genau zu dem passen könnte, was du suchst.“

Kelly hob eine Augenbraue.

„Jetzt bin ich gespannt.“

„Es gibt ein ziemlich exklusives BDSM-Portal im Internet. Keine Dating-App, kein Ort für irgendwelche Spielchen und auch nichts, was man über eine einfache Suchmaschine findet. Man kommt nur über Einladungen oder Empfehlungen hinein.“

Jane sah interessiert zu ihm.

„Davon habe ich noch nie gehört.“

„Die meisten nicht.“ Hassan zuckte mit den Schultern. „Die Plattform richtet sich an Menschen, die ihre Vorlieben ernst nehmen und gezielt nach passenden Beziehungen suchen. Manche möchten jemanden für einzelne Sessions kennenlernen, andere suchen ausdrücklich nach einer festen D/s-Beziehung, die über Jahre bestehen soll.“

Kelly hörte aufmerksam zu.

„Und das funktioniert?“

„Anscheinend schon.“ Hassan nickte. „Mein Ex hat sich dort angemeldet, nachdem wir uns getrennt hatten.“

Emily runzelte die Stirn.

„Moment… angemeldet?“

Hassan musste lachen.

„Nein, das beschreibt es nicht richtig. Er meinte damals selbst, er hätte sich dort regelrecht verkauft.“

„Verkauft?“, wiederholte Kelly irritiert.

„Seine Worte, nicht meine.“ Hassan grinste. „Er hat ein ausführliches Profil erstellt, in dem genau stand, wer er ist, welche Erwartungen er an eine Beziehung hat, welche Grenzen für ihn gelten und wonach er sucht. Interessenten konnten sich darauf bewerben, und wenn beide Seiten das Gefühl hatten, dass es passt, lernten sie sich kennen.“

Er nahm einen Schluck Bier und schüttelte schmunzelnd den Kopf.

„Das Verrückteste war aber etwas anderes.“

„Was denn?“, fragte Jane.

„Er hat mir erzählt, dass manche Paare ihre Vereinbarungen tatsächlich schriftlich festhalten. So richtig mit Vertrag und allem Drum und Dran. Natürlich kein rechtsverbindlicher Kaufvertrag oder so etwas, sondern eine gemeinsam ausgearbeitete Vereinbarung über Erwartungen, Grenzen und Verantwortlichkeiten.“

Kelly konnte sich ein ungläubiges Lachen nicht verkneifen.

„Das klingt gleichzeitig völlig verrückt … und irgendwie unglaublich strukturiert.“

„Genau deshalb musste ich gerade daran denken“, erwiderte Hassan. „Du hast eben von Vertrauen, Verlässlichkeit und klaren Rollen gesprochen. Ehrlich gesagt glaube ich, dass du dort eher jemanden finden würdest als auf irgendeiner Dating-App, auf der jeder nach dem nächsten schnellen Abenteuer sucht.“

Hassan lehnte sich entspannt zurück und hob sein Bier.

„Wenn du möchtest, kann ich ihn fragen.“

Kelly sah ihn überrascht an.

„Wen? Deinen Ex?“

„Klar.“ Hassan zuckte mit den Schultern. „Wir haben zwar als Paar nicht funktioniert, aber wir verstehen uns heute noch gut. Er ist seit Jahren auf der Plattform unterwegs. Wenn jemand eine neue Einladung verschicken kann, dann vermutlich er.“

Kelly starrte ihn einen Moment an.

„Das würdest du machen?“

„Warum nicht?“

„Weil...“ Kelly brach ab und schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung. Ich hätte nicht erwartet, dass sich daraus überhaupt irgendetwas ergibt.“

Hassan lächelte.

„Ganz ehrlich? Ich glaube sogar, dass du dort wesentlich bessere Chancen hast als irgendwo sonst. Du weißt ziemlich genau, was du suchst, und du spielst niemandem etwas vor. Genau dafür sind solche Plattformen doch da.“

Kelly spürte, wie sich zum ersten Mal an diesem Abend etwas in ihm löste. Die Schwere, die ihn seit dem missglückten Date begleitet hatte, verlor langsam ihren Griff.

„Frag ihn bitte.“

„Mach ich.“

„Nein, ernsthaft.“ Kelly konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Frag ihn wirklich.“

„Ich schreibe ihm nachher noch.“

„Versprich’s.“

Hassan lachte.

„Meine Güte, jetzt wirst du ungeduldig.“

„Natürlich werde ich ungeduldig.“

Jane schüttelte amüsiert den Kopf.

„Vor zehn Minuten warst du noch überzeugt, für immer allein zu bleiben.“

Kelly hob entschuldigend die Hände.

„Ich nehme jede Hoffnung, die ich kriegen kann.“

Emily lächelte ihn an.

„So gefällst du mir schon viel besser.“

„Mir auch“, gab Kelly zu.

Er bemerkte selbst, wie sich seine Stimmung verändert hatte. Natürlich wusste er, dass eine Einladung noch lange keine Beziehung bedeutete. Vielleicht würde er dort niemanden finden. Vielleicht würde auch das scheitern. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er das Gefühl, dass er vielleicht bisher einfach am falschen Ort gesucht hatte.

Hassan zog bereits sein Handy hervor.

„Ich schicke ihm gleich eine Nachricht. Wenn er antwortet, gebe ich dir Bescheid.“

Kelly nickte dankbar.

„Danke.“

„Keine Ursache.“

Jane klatschte einmal in die Hände.

„So, und jetzt reicht’s mit den tiefgründigen Gesprächen.“

Emily grinste.

„Ich ahne, was jetzt kommt.“

„Natürlich ahnst du das.“

Jane deutete mit dem Daumen zur Tür.

„Karaoke.“

Kelly stöhnte gespielt auf.

„Bitte nicht.“

„Doch.“

„Ich will nicht singen.“

„Das behauptet jeder, bis er auf der Bühne steht“, erwiderte Jane grinsend.

„Und ich brauche dafür nicht einmal Alkohol“, ergänzte Hassan stolz.

Wenige Minuten später verließen die vier die Bar und schlenderten zwei Straßen weiter zu einer kleinen Karaoke-Bar. Schon beim Betreten schlug ihnen eine Mischung aus Gelächter, Applaus und den schiefen Tönen eines Mannes entgegen, der mit erstaunlichem Selbstbewusstsein einen Rockklassiker ruinierte.

„Siehst du?“, sagte Jane. „Hier geht es nicht ums Können.“

„Sondern um den Mut“, ergänzte Emily.

„Oder um die fehlende Selbstkritik“, murmelte Kelly.

Es dauerte keine zehn Minuten, bis Jane ihren ersten Song sang. Emily folgte ihr mit einer Popballade, die deutlich besser klang, als sie selbst erwartet hatte. Danach schnappte sich Hassan entschlossen das Mikrofon.

„Jetzt passt mal auf!“

Schon nach den ersten Takten wurde klar, dass Hassan zwar jede einzelne Note verfehlte, dafür aber jede Zeile mit einer Leidenschaft sang, als stünde er im Finale einer Castingshow. Er gestikulierte, tanzte über die kleine Bühne und animierte den gesamten Raum zum Mitklatschen. Spätestens beim Refrain sang die halbe Bar mit, obwohl niemand behaupten konnte, Hassan hätte den Song musikalisch getroffen.

Als er unter tosendem Gelächter und lautem Applaus zurückkam, verneigte er sich theatralisch.

„Perfektion.“

„Katastrophe“, korrigierte Jane.

„Charmante Katastrophe“, warf Emily lachend ein.

Kelly schüttelte grinsend den Kopf.

„Ich glaube, du hast mindestens drei Tonarten gleichzeitig entdeckt.“

„Talent muss man eben haben.“

„Oder keines“, entgegnete Kelly.

„Große Worte von jemandem, der sich seit einer Stunde erfolgreich vor der Bühne drückt.“

Noch bevor Kelly protestieren konnte, hatte Hassan ihm das Mikrofon in die Hand gedrückt.

„Keine Chance.“

„Hassan...“

„Nein.“

„Ich will nicht.“

„Zu spät.“

Unter dem johlen seiner Freunde ließ sich Kelly widerwillig zur Bühne schieben. Oben angekommen blieb er einen Moment regungslos stehen. Er wirkte plötzlich unsicher, fast verloren. Seine Finger umklammerten das Mikrofon etwas fester.

„Na los!“, rief jemand aus dem Publikum.

Kelly hob den Blick zum Bildschirm und wählte einen Titel aus.

Im Raum wurde es für einen Augenblick still.

The Sound of Silence.

Einige Gäste nickten zustimmend.

Die ersten, leisen Klaviertöne erklangen.

Kelly schloss kurz die Augen. Dann begann er zu singen.

Hello darkness, my old friend...

Jane riss überrascht die Augen auf.

Emily drehte sich schlagartig zu ihr.

Hassan ließ buchstäblich die Kinnlade herunterklappen.

Die warme, außergewöhnlich klare Baritonstimme, die den Raum erfüllte, hatte nichts mit dem unsicheren Mann gemein, der eben noch behauptet hatte, nicht singen zu können. Jeder Ton saß. Ruhig. Kontrolliert. Voller Gefühl.

Nach und nach verstummten die Gespräche.

Gläser wurden abgesetzt.

Selbst hinter der Theke hörte der Barkeeper auf, Cocktails zu mixen.

Die wenigen Stimmen im Raum erstarben vollständig.

Kelly sang mit geschlossenen Augen weiter, als gäbe es niemanden außer ihm und die Musik. Seine Stimme trug eine Melancholie in sich, die weit über den Text hinausging. Jede Zeile schien aus einem Teil seines Lebens zu stammen, den kaum jemand kannte.

Als das Lied sich seinem Höhepunkt näherte, öffnete Kelly langsam die Augen.

Sein Blick verlor sich irgendwo über den Köpfen der Menschen.

Dann kam der letzte Refrain.

Seine Stimme gewann an Kraft, ohne ihre Klarheit zu verlieren. Sie wurde größer, intensiver und füllte den gesamten Raum. Die Emotionen, die er sonst so sorgfältig hinter einem ruhigen Lächeln verbarg, lagen plötzlich offen in jedem einzelnen Ton.

Als die letzten Worte verklungen waren, hielt niemand den Atem an.

Für einen winzigen Augenblick herrschte völlige Stille.

Dann brach die Bar in tosenden Applaus aus.

Menschen sprangen von ihren Plätzen auf.

Jemand pfiff begeistert.

Mehrere Gäste klatschten über ihren Köpfen, andere riefen laut nach einer Zugabe.

Kelly stand einen Moment regungslos auf der kleinen Bühne. Fast schien es, als könne er selbst nicht glauben, was gerade geschehen war.

Erst als Jane, Emily und Hassan jubelnd auf ihn zustürmten, musste er lachen.

„Du elender Lügner!“, rief Hassan und zog ihn in eine feste Umarmung. „Du behauptest ernsthaft, du könntest nicht singen?“

Kelly wurde rot und zuckte verlegen mit den Schultern.

„Ich habe nie gesagt, dass ich nicht singen kann.“

„Doch.“

„Ich habe gesagt, dass ich nicht will.“

„Das“, sagte Jane kopfschüttelnd, „war der Auftritt des Abends.“

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