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Penny
Drei Euro und fünfzig Cent.
Ich starre auf den kleinen, leicht fettigen Kassenbon in meiner Hand und tippe die Zahl mit einer fast schon meditativen Präzision in meine Budget-App ein. Für die meisten Menschen, die hier in der Frankfurter Innenstadt zwischen den gläsernen Bankentürmen umherhechehlen, ist das nicht einmal ein halber Hafermilch-Latte im hippen Café nebenan. Für mich ist es ein kleiner Triumph. Drei Euro und fünfzig Cent gespart, weil ich das Mittagsmenü gewählt und auf das extra Getränk verzichtet habe. Jeder Cent zählt. Jeder einzelne Cent ist ein weiterer Baustein für das Fundament, das ich mir seit Jahren Stein für Stein aufbaue.
Ich atme tief ein, schließe die App und klopfe mit der flachen Hand sachte auf meine Lederhandtasche, die auf dem hölzernen Tresen liegt. Darin befindet sich das Dokument, das mein ganzes Leben verändern wird: der frisch unterschriebene Kaufvertrag für meine eigene Eigentumswohnung. Bei den utopischen, geradezu unverschämten Quadratmeterpreisen in dieser Stadt grenzt es an ein absolutes Wunder, dass eine normale Bankangestellte wie ich sich so etwas überhaupt leisten kann. Aber mein Verlobter Robert und ich haben es geschafft. Fünf Jahre lang haben wir auf teure Urlaube verzichtet. Fünf Jahre lang habe ich keine neuen Klamotten gekauft, die nicht absolut notwendig waren. Wir haben gehungert, gespart, gelebt wie die Kirchenmäuse – und morgen sollte der große Umzug beginnen.
Um diesen Meilenstein ganz im Stillen zu feiern, gönne ich mir eine Portion Currywurst mit Pommes in meinem Lieblings-Traditionsimbiss an der Ecke. Es riecht nach heißem Fett, Currypulver und Heimat. Ein herrlich normaler Ort in einer Stadt, die sonst nur so vor Schickimicki-Eitelkeiten strotzt.
Doch die gemütliche Ruhe hält keine fünf Minuten.
Die schwere Glastür des Imbisses fliegt mit einem lauten Scheppern auf. Ein Windstoß fegt herein und mit ihm ein Typ, der hier so absolut fehl am Platz wirkt wie ein funkelnder Luxusschlitten auf einem matschigen Schotterweg. Ich halte die Gabel mitten in der Luft an und beobachte ihn. Seine maßgeschneiderten, tiefschwarzen Lederschuhe machen einen fast schon angewiderten Bogen um einen kleinen Senffleck auf dem Fliesenboden. Er trägt einen perfekt sitzenden, dunkelgrauen Mantel, unter dem der Kragen eines maßgeschneiderten Hemdes hervorblitzt. Seine Haare sitzen perfekt, trotz des Frankfurter Windes draußen. Er verströmt eine Aura von absolutem, unverschämtem Wohlstand.
Er steuert direkt auf die Theke zu, sieht sich mit gerümpfter Nase im Raum um und atmet hörbar durch. Als er den Verkäufer anspricht, klingt seine Stimme tief, aber so unfassbar arrogant, dass sich mir augenblicklich die Nackenhaare aufstellen.
„Guten Tag. Sagen Sie, haben Sie hier auch saubere Servietten, die nicht aus recyceltem Schmirgelpapier bestehen? Und könnte man den Tisch da drüben vielleicht abwischen? Er klebt.“
Der Imbissbesitzer, ein Urgestein mit Schürze und bärbeißigem Humor, starrt ihn nur verständnislos an. Ich dagegen kann nicht an mir halten. Ich rolle so demonstrativ und heftig mit den Augen, dass ich fast befürchte, sie bleiben permanent im Hinterkopf stecken. Was für ein typischer, reicher Schnösel. Ein Kerl, der wahrscheinlich noch nie in seinem Leben für einen einzigen Euro bluten musste und dem Papi jeden Wunsch von den Augen abliest. Warum geht so jemand überhaupt in einen Currywurst-Imbiss, wenn ihm das normale Volk zu schmutzig ist? Ich schüttle den Kopf, wende mich angewidert ab und widme mich wieder meinem Essen. Hoffentlich, denke ich mir, muss ich diesem eingebildeten Kerl im Leben nie wieder begegnen.
Eine Stunde später hat mich die harte Realität meines Jobs wieder eingeholt. Ich stehe im glänzenden, von Tageslicht durchfluteten Foyer des großen Business-Zentrums am Mainufer. Meine Chefin hat mich zu einer extrem wichtigen Ausschreibung unserer Investmentbank mitgenommen. Es geht um Millionen, um Großinvestoren und um die Zukunft unserer Abteilung. Ich merke, wie der Schweiß mir in die Handflächen steigt. Um mich abzulenken und meine Notizen noch einmal durchzugehen, klammere mich fest an mein Smartphone. Es ist ein altes Modell, die Ecken sind leicht abgeschürft, aber es funktioniert einwandfrei. Ein neues brauche ich nicht – das wäre reine Geldverschwendung.
Ich trete gerade einen Schritt beiseite, um Platz für eine Gruppe von Männern im Anzug zu machen, als plötzlich die schwere Seitentür des Foyers mit Wucht aufbricht.
Ein menschlicher Wirbelwind schießt heraus. Jemand hat es verdammt noch mal eilig. Zu eilig. Bevor ich überhaupt reagieren oder einen Schritt zurückweichen kann, rammt mich die Person voll von der Seite. Die Wucht des Aufpralls ist so stark, dass es mich brutal herumreißt. Meine Handtasche rutscht mir von der Schulter, und mein Griff um das Telefon lockert sich.
Ein hässliches, helles und mahlendes Geräusch schneidet durch die Luft.
Mein treues Telefon klatscht ungebremst auf den harten, erbarmungslosen Marmorboden. Das Display zeigt für den Bruchteil einer Sekunde ein verzerrtes Aufflackern, bevor es mit einem lauten Knacks in tausend scharfkantige Glassplitter zerspringt. Es ist ein Totalschaden. „Verdammt!“, entfährt es mir. Mein Herz sackt mir in die Magengrube.
Entsetzt und kochend vor Wut sehe ich auf, bereit, dem rücksichtslosen Trampel die Meinung zu geigen – und blicke direkt in ein vertrautes Gesicht. Ich erstarre. Es sind die dunklen, makellosen Augen des arroganten Typen aus dem Currywurst-Imbiss. Er steht vor mir, keucht leicht, hält eine edle Ledermappe umklammert und sieht mich mit einer Mischung aus Stress und minimalem Bedauern an.
„Tut mir leid, absolut keine Absicht! Notfall!“, murmelt er mit einer hastigen, fast schon geschäftsmäßigen Stimme. Er macht nicht einmal den Versuch, sich zu bücken oder mir aufzuhelfen. Er wirft einen hektischen Blick auf seine Luxusuhr, murmelt irgendetwas von einem verpassten Pitch, weicht den Glasscherben aus und rennt einfach weiter, den langen Flur hinunter, direkt auf die Konferenzräume zu. „Hey! Bleiben Sie gefälligst stehen!“, schreie ich ihm hinterher, doch meine Stimme verhallt ungehört im weiten Foyer. Er dreht sich nicht einmal um. Fassungslos knie ich mich auf den Boden und sammle die Trümmer meines Telefons auf. Ein neues Display oder ein neues Gerät werden mich mindestens zweihundert bis dreihundert Euro kosten. Geld, das in meinem streng kalkulierten Budget für diesen Monat schlichtweg nicht existiert. Meine Hände zittern vor Zorn, als ich die Glasscherben in ein Taschentuch wickle. Was für ein arroganter, rücksichtsloser Mistkerl.
Nachdem die Ausschreibung vorbei ist und meine Chefin mich mit einem knappen Lob entlassen hat, beschließe ich, zu Fuß nach Hause zu gehen. Ich brauche frische Luft, um den Ärger über den Handy-Crash und die Anspannung des Meetings abzubauen. Mein Weg führt mich an einer der exklusivsten Einkaufsstraßen der Stadt vorbei, wo sich eine Luxusboutique an die nächste reiht. Normalerweise halte ich mich hier gar nicht auf – die Preise in den Schaufenstern sind für mich reine Fiktion.
Doch als ich an einer edlen Designer-Boutique vorbeigehe, bleibt mir schlagartig der Atem weg. Mein ganzer Körper verkrampft.Durch die riesige, makellose Glasscheibe blicke ich direkt in den Laden. Und dort steht er. Robert. Mein Verlobter. Der Mann, mit dem ich seit fünf Jahren Tisch und Bett teile. Der Mann, für den ich auf jeden Luxus verzichtet habe. Er steht an der Kasse, und sein Gesicht liegt in diesem ganz bestimmten, warmen Lachen, das er mir schon seit Monaten nicht mehr geschenkt hat. Aber er lacht nicht mit mir.
Seine Hand liegt fest und vertraut an der Taille einer anderen Frau. Sie ist wunderschön, trägt einen eleganten Trenchcoat und hält eine Designertasche im Arm, die wahrscheinlich mehr wert ist als meine gesamte Anzahlung für unsere Eigentumswohnung. Während ich wie gelähmt auf dem Gehweg stehe und das Atmen vergesse, beugt Robert sich zu ihr hinunter. Er streicht ihr zärtlich eine Haarlocke aus dem Gesicht und küsst sie. Innig. Mitten im Laden. Vor aller Welt.
In diesem Moment bricht etwas in meiner Brust mit einem ohrenbetäubenden, lautlosen Knall entzwei. Die Welt um mich herum verliert schlagartig an Farbe, das Rauschen des Stadtverkehrs wird dumpf. All die Ausreden der letzten Wochen – die angeblichen Überstunden, die geschäftlichen Abendessen, seine plötzliche Distanz und die Kälte im Bett – ergeben plötzlich ein glasklares, grausames Bild. Er hat mich betrogen. Während ich jeden Cent für unsere Zukunft umgedreht habe, hat er mich eiskalt belogen.
Ich schaffe es nicht, den Laden zu betreten. Ich kann es einfach nicht. Die Demütigung, die Tränen, die mir heiß in die Augen schießen, rauben mir jede Kraft. Ich weiche zurück, drehe mich um und fliehe blindlings in die Menschenmenge, hinein in die nächste U-Bahn-Station.
Als ich die Wohnungstür öffne, empfängt mich eine drückende, unerträgliche Stille. Ich schließe die Tür hinter mir und lasse meine Tasche einfach auf den Boden fallen.
Da stehen sie. Zwei große, vollgepackte Koffer direkt neben der Garderobe. Sie stehen fluchtbereit da, aber nicht für unseren gemeinsamen Umzug morgen in das neue Haus. Ich gehe fassungslos weiter in die Küche. Unsere Mietwohnung ist nur noch halb voll, überall stapeln sich die Umzugskartons, die mir plötzlich die Luft zum Atmen nehmen. Und mittendrin steht Robert. Der Schlüssel zur neuen Eigentumswohnung liegt glänzend auf der Küchenarbeitsplatte, als hätte er ihn dort gerade eiskalt hingerichtet. Er sieht mich nicht einmal an. „Robert“, flüstere ich, und meine Stimme zittert so heftig, dass es in den Ohren wehtut. „Ich habe dich in der Stadt gesehen. Bei dem Juwelier. Wer war das?“
Er atmet tief durch, schiebt die Hände in die Hosentaschen und fixiert stur einen Fleck auf dem Boden. „Viktoria“, sagt er stumpf. Kein Zögern. Keine Reue. „Es tut mir leid, Penny. Aber ich ziehe nicht mit dir in die Eigentumswohnung. Ich ziehe heute noch zu ihr.“
Ich starre ihn an, als würde er eine völlig fremde Sprache sprechen. Meine Knie werden weich, und ich muss mich mit beiden Händen am Rand der Küchenzeile festklammern, um nicht einfach in sich zusammenzubrechen. „Viktoria?“, wiederhole ich fassungslos. „Wir haben das verdammt noch mal gemeinsam gekauft, Robert! Fünf Jahre! Fünf Jahre lang habe ich für diesen Traum geschuftet, habe auf alles verzichtet, habe jeden Euro dreimal umgedreht, während du…“
„Während ich in dieser Beziehung langsam erstickt bin!“, fällt er mir plötzlich ins Wort. Er dreht sich herum und sieht mich endlich an. Seine Augen, die mich einst so liebevoll angesehen haben, sind eiskalt und voller Vorwürfe. „Ich habe die Schnauze voll davon, Penny! Ich will nicht mein ganzes Leben lang hungern und jeden Cent zählen, nur um irgendwann eine verdammte Hypothek abgezahlt zu haben. Weißt du, wer Viktorias Vater ist? Er leitet die gesamte Regionalbank hier. Sie bietet mir Perspektiven, eine Karriere und ein Leben, das du mir mit deinem ewigen, krankhaften Cent-Umdrehen niemals hättest bieten können! Ich will leben, verdammt noch mal! Und nicht nur existieren.“
Die Worte treffen mich wie eine harte Ohrfeige. „Krankhaft? Ich habe das für uns getan…“, flüstere ich, doch die Tränen ersticken meine Stimme. „Ich bin raus, Penny“, sagt er eiskalt, greift nach seinen Koffern und geht an mir vorbei, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen.
„Der Kaufvertrag ist unterschrieben, die Bank bucht ab morgen ab. Die Raten für diesen Monat sind fällig. Sieh zu, wie du allein damit klarkommst.“ Das Geräusch, mit dem er die Wohnungstür hinter sich ins Schloss wirft, hallt wie ein finaler Hammerschlag durch die leeren Räume. Das Echo schmerzt in meiner Brust. Er ist weg. Zu ihr. Und ich bleibe zurück auf den Trümmern meines Lebens, umgeben von Pappkartons, die Zeugen einer Zukunft sind, die es niemals geben wird.
Ich lasse mich an der Küchenzeile zu Boden gleiten, vergrabe das Gesicht in den Händen und weine. Ich weine so heftig, bis mein Werkzeugkasten an Emotionen komplett leer ist und mein Körper nur noch hohl zittert. Fast zweitausend Euro monatliche Kreditrate für ein Haus, das ich nun ganz allein finanzieren muss. Es ist unmöglich. Er hat mich finanziell und emotional komplett ruiniert.
Als wäre der Tag nicht schon die absolute Definition der Hölle, ertönt plötzlich der schrille Klingelton des Tablets auf dem Küchentresen.
Ich wische mir mit dem Ärmel grob über die verquollenen Augen, ziehe mich mühsam nach oben und greife nach dem Gerät. Auf dem Display steht der Name meiner Abteilungschefin von der Investmentbank. Ein ungutes Gefühl beschleicht mich, als ich den Anruf annehme.
„Penny? Gut, dass ich Sie erreiche“, klingt ihre Stimme geschäftsmäßig, aber seltsam distanziert durch den Lautsprecher. „Frau Becker? Ist etwas mit der Ausschreibung schiefgegangen?“
„Nein, die Ausschreibung lief gut. Aber… es gibt interne Neuigkeiten, die ich Ihnen leider direkt mitteilen muss. Der Vorstand hat vor einer Stunde die endgültige Entscheidung bezüglich der Fusion mit der Hamburger Filiale durchgewinkt. Die gesamte Risikoanalyse-Abteilung an unserem Standort wird mit sofortiger Wirkung aufgelöst. Es tut mir leid, Penny. Ihre Kündigung geht Ihnen morgen postalisch zu. Sie sind ab sofort freigestellt.“
Das Tablet gleitet mir fast aus den Fingern. „Was? Aber… Frau Becker, ich arbeite seit Jahren fehlerfrei, ich habe gerade eine Wohnung finanziert, ich brauche diesen Job!“, stammle ich, während die nackte Panik meine Kehle zuschnürt. „Es ist eine betriebsbedingte Umstrukturierung, Penny. Da sind mir die Hände gebunden. Ich kann Ihnen ein gutes Arbeitszeugnis ausstellen, aber das ist alles. Auf Wiederhören.“ Das Knacken der Leitung besiegelt das Urteil.
Kein Job. Kein Verlobter. Ein zersplittertes Handy. Und ein gigantischer, existenzbedrohender Schuldenberg von zweitausend Euro im Monat für ein Haus, dessen Schlüssel nun wie ein hämischer Spott auf meiner Arbeitsplatte liegt. Ich stehe am absoluten Nullpunkt meines Lebens. Die Dunkelheit bricht über Frankfurt herein, und die Lichter der Bankentürme spiegeln sich kalt in den Fenstern der halbleeren Wohnung.
Ich starre minutenlang ins Nichts. Die Panik droht mich zu lähmen, mich zu fressen. Doch tief in mir drin, unter all dem Schmerz und der Verzweiflung, regt sich plötzlich etwas anderes. Ein Funke. Ein heißer, trotziger Funken purer Wut. Nein, denke ich mir. Ich werde nicht aufgeben. Robert wird nicht das Recht bekommen, mich am Boden zerstört zu sehen. Und diese Stadt wird mich nicht vertreiben. Ich habe fünf Jahre lang für diesen Traum geblutet. Ich werde diese Eigentumswohnung nicht kampflos an die Bank verlieren.
Mit zitternden, aber entschlossenen Fingern greife ich nach dem Tablet. Ich öffne die App WG-Gesucht. Mein Herz klopft mir bis zum Hals, während ich die Felder ausfülle. „Suche ab sofort einen zuverlässigen Zwischenmieter / Untermieter für ein wunderschönes Zimmer in bester Lage…“ Ich lade die Grundrisse hoch, tippe die Mietkonditionen ein und drücke mit einem tiefen Atemzug auf „Anzeigen veröffentlichen“.








