Über Wasser halten
Seit sechshundert Tagen beginnt mein Morgen gleich. Ich schwimme. Jeden einzelnen Tag ziehe ich meine Bahnen durch den kleinen Pool hinter meinem Haus. Dreißig Minuten Gegenstromanlage. Dreißig Minuten Ruhe im Kopf.
Früher machte mir Stille Angst. Heute rettet sie mich.
Mein Haus steht in einer kleinen Gemeinde im hessischen Ried. Viel Natur. Viel Ruhe. Genau das, was ich früher nie hatte. Besonders liebe ich die Spaziergänge auf dem Kühkopf. Dort draußen hört man fast nichts.
Kein Geschrei. Keine Sirenen. Keine zugedröhnten Stimmen mitten in der Nacht.
Nur Wind. Wasser. Stille.
Manchmal glaube ich noch immer nicht, dass dieses Leben wirklich mir gehört. Vor sechshundertfünfundachtzig Tagen hat sich mein Leben verändert. Seitdem versuche ich zu begreifen, dass ich endlich angekommen bin.
Und trotzdem bleibt diese Angst. Die Angst, dass plötzlich wieder alles verschwindet. Dass irgendwann jemand merkt, dass ich eigentlich gar nicht hierhergehöre. Denn mein Leben verlief bisher nie geradeaus.
Es war ein auf und ab, wie bei einem Schwimmer. Eine Bahn. Eine Wende. Weiter. Manchmal freiwillig. Manchmal, weil man keine andere Wahl hat.
Meine Kindheit verbrachte ich in einer Frankfurter Hochhaussiedlung. Wie ich mich fühlte? Wie eine kaputte Bierflasche in einem der Treppenhäuser.
Wenn ich heute daran zurückdenke, sehe ich verschmierte Hauswände, überfüllte Müllplätze und Menschen, die längst aufgegeben hatten. Die Luft roch nach Rauch, Urin und kaputtem Leben.
Meine Eltern waren Junkies. Oder vielleicht einfach zwei Menschen, die so tief im eigenen Absturz feststeckten, dass für ein Kind kein Platz mehr blieb. Ich war das Nebenprodukt ihres Lebens.
Erst mit sieben Jahren begriff ich, dass andere Menschen sauber wohnen. Dass Küchen nicht voller Schimmel sein müssen. Dass Kinder normalerweise ein richtiges Bett besitzen.
Mein Zimmer war eine kleine Abstellkammer ohne Fenster. Für ein Bett reichte der Platz nicht einmal aus. Meine Kleidung lagerte in Pappkartons.
Trotzdem versuchte ich schon als Kind, alles sauber zu halten. Wahrscheinlich war das mein verzweifelter Versuch, wenigstens irgendeine Kontrolle über mein Leben zu besitzen.
Das Wichtigste in diesem Raum war nicht mein Spielzeug. Nicht meine Kleidung. Sondern der Schlüssel.
Ich konnte abschließen. Dieses kleine metallene Klicken bedeutete Sicherheit. Zumindest ein bisschen. Denn mit zwei drogenabhängigen Erwachsenen und deren ständig wechselnden Freunden lebte man nicht sicher.
Bis heute besitze ich diesen Schlüssel. Vielleicht als Erinnerung daran, dass selbst die kleinsten Dinge manchmal helfen können zu überleben. Nach außen versuchte ich unsichtbar zu sein.
Im Kindergarten war ich selten. Später in der Schule lernte ich schnell: Bloß nicht auffallen.
Niemand schmierte mir Pausenbrote. Niemand weckte mich morgens. Niemand interessierte sich dafür, ob ich Hausaufgaben hatte.
Schon früh lernte ich, Unterschriften zu fälschen. Und ich lernte, niemals andere Kinder mit nach Hause zu bringen.
Die erste echte Wendung meines Lebens begann mit einem Jungen namens Mirko. Seine Eltern sahen mich wahrscheinlich schon beim ersten Besuch richtig an.
Nicht mitleidig. Nicht angewidert. Einfach ehrlich.
Bei Mirko zu Hause roch es nach Essen. Nach Waschmittel. Nach Sicherheit. Manchmal blieb ich über Nacht dort. Und morgens lag meine Kleidung frisch gewaschen neben meinen Sachen.
Bis heute könnte ich wegen solcher Kleinigkeiten heulen.
„Tim“, sagte seine Mutter damals ruhig, „du bist hier jederzeit willkommen.“
Dann zeigte sie mit dem Kochlöffel auf mich. „Aber bei uns gibt es Regeln. Wir lügen nicht. Wir klauen nicht. Und wir behandeln andere Menschen mit Respekt.“
Heute weiß ich: Das war wahrscheinlich das erste Mal in meinem Leben, dass ein Erwachsener überhaupt Erwartungen an mich hatte.
Damals wusste ich noch nicht, wie selten solche Menschen in meinem Leben bleiben würden.








