Der Club Der Vergessenen Dinge by Susanne B. Baronin von Rothensteyn at Inkitt
Customize readability
Aa

Der Club der vergessenen Dinge

All Rights Reserved ©

Summary

Nach dem Tod ihrer Tante findet Martha Seidel eine Kiste voller vergessener Erinnerungen. Ein Kinderschuh, eine Taschenuhr, ein alter Schlüssel und ein Stoffhase führen sie zu Menschen, deren Leben durch die Vergangenheit geprägt wurde. Während Martha versucht, die letzten Wünsche ihrer Tante zu erfüllen, entdeckt sie, dass manche Geschichten nie wirklich zu Ende sind – und dass auch für sie selbst ein Neuanfang möglich ist. Ein warmherziger Roman über Freundschaft, Erinnerungen, zweite Chancen und die kleinen Dinge, die unser Leben verändern.

Status
Complete
Chapters
13
Rating
n/a
Age Rating
13+

Das Haus am Lindenweg

Martha Seidel mochte alte Dinge.

Nicht die teuren Dinge, die hinter Glasvitrinen standen und bei Auktionen für Unsummen versteigert wurden. Sie mochte die Dinge, die Geschichten erzählten. Dinge mit Kratzern. Mit Macken. Mit Gebrauchsspuren. Dinge, die bewiesen, dass sie gelebt hatten.

Vielleicht war das der Grund, weshalb sie Antiquarin geworden war.

Ihr kleiner Laden „Fundstücke“ lag in der Altstadt von Grünthal, einer beschaulichen Stadt mit Kopfsteinpflaster, engen Gassen und Häusern, die aussahen, als hätten sie sich seit hundert Jahren nicht bewegt. Zwischen einem Blumenladen und einer Bäckerei verkaufte Martha alte Bücher, Porzellanfiguren, Bilderrahmen und manchmal auch Dinge, deren eigentlichen Nutzen niemand mehr kannte.

Mit ihren zweiundvierzig Jahren führte sie ein ruhiges Leben.

Manche würden sogar sagen, ein zu ruhiges Leben.

Sie lebte allein in einer kleinen Wohnung über ihrem Geschäft. Jeden Morgen öffnete sie pünktlich um neun Uhr die Tür, stellte die Kreidetafel vor den Laden und schrieb einen neuen Spruch darauf.

Heute stand dort:

“Alt bedeutet nicht wertlos. Fragen Sie meine Knie.”

Der Satz hatte bereits drei Kunden zum Lachen gebracht. Martha war zufrieden. Zumindest redete sie sich das ein.

Sie hatte dunkelblondes Haar, das sie meist zu einem lockeren Knoten zusammenband. Ihre grünlichen Augen wirkten oft nachdenklich, als würde sie ständig über etwas nachgrübeln. Früher hatte sie viel gereist. War spontan gewesen. Hatte Pläne gemacht.

Doch irgendwann war ihr Leben kleiner geworden. Nicht schlechter. Nur kleiner.

Nach einer gescheiterten Beziehung vor fast zehn Jahren hatte sie sich immer mehr in ihre Arbeit zurückgezogen. Während andere Menschen Erinnerungen sammelten, sammelte Martha die Erinnerungen anderer.

Sie bemerkte den Unterschied lange nicht. Bis zu jenem Montagmorgen Anfang April. Das Telefon klingelte kurz nach Ladenöffnung.

Als Martha den Hörer abnahm, ahnte sie bereits, wer am anderen Ende war. „Frau Seidel? Hier spricht Notar Hartmann.“

Sie schloss die Augen. „Ja.“

„Die Nachlassangelegenheiten Ihrer Tante sind abgeschlossen. Sie können die Schlüssel jederzeit abholen.“

Martha nickte, obwohl er es nicht sehen konnte. „Danke.“

„Es tut mir noch immer sehr leid.“

„Mir auch.“

Nach dem Gespräch blieb sie einige Sekunden bewegungslos stehen. Ihre Tante Charlotte war vor drei Monaten gestorben. Friedlich. Im Alter von achtzig Jahren.

Und obwohl jeder gesagt hatte, sie habe ein langes und erfülltes Leben gehabt, fühlte es sich für Martha noch immer falsch an.

Charlotte war der ungewöhnlichste Mensch gewesen, den sie jemals gekannt hatte.

Sie hatte Hüte getragen, die aussahen wie missglückte Kunstprojekte. Sie hatte regelmäßig fremde Menschen zum Kaffee eingeladen. Und sie hatte nie etwas weggeworfen. Absolut nichts.

Martha war fest davon überzeugt, dass ihre Tante sogar leere Marmeladengläser für wertvolle historische Artefakte gehalten hatte.

Als Kind hatte sie oft ihre Ferien bei Charlotte verbracht. Damals war das Haus am Lindenweg für sie ein Abenteuerland gewesen.

Verwinkelte Flure. Versteckte Kammern. Knarrende Treppen. Und ein Dachboden, den Charlotte stets als ihren „privaten Forschungskomplex“ bezeichnet hatte.

Was genau dort erforscht wurde, hatte niemand jemals herausgefunden.

Nun gehörte das Haus Martha.

Und allein dieser Gedanke erschien ihr noch immer seltsam. Am Nachmittag schloss sie den Laden früher als gewöhnlich.

Eine Stunde später stand sie vor dem alten Grundstück.

Die gusseiserne Pforte quietschte noch genauso wie früher. Der Vorgarten war inzwischen etwas verwildert. Narzissen und Tulpen kämpften tapfer gegen das Unkraut.

Die alte Linde vor dem Haus war größer geworden. Sonst hatte sich kaum etwas verändert. Martha blieb einen Moment stehen.

Das gelbe Haus wirkte verlassen. Und plötzlich spürte sie die Wucht des Verlustes viel stärker als bei der Beerdigung. Denn jetzt war niemand mehr da.

Keine Charlotte, die aus dem Fenster winkte.

Keine Stimme, die rief:

„Wenn du Hunger hast, es gibt Kuchen! Wenn nicht, gibt es trotzdem Kuchen!“

Martha lächelte. Gleichzeitig stiegen ihr Tränen in die Augen. Sie schloss die Haustür auf. Ein vertrauter Geruch schlug ihr entgegen.

Alte Bücher. Holzpolitur. Lavendel. Zeit.

Es war erstaunlich, wie ein Haus nach einem Menschen riechen konnte. Sie ging langsam durch die Räume. Das Wohnzimmer. Die Küche. Das kleine Musikzimmer, in dem Charlotte ein Klavier besessen hatte, auf dem sie zwar täglich spielte, aber niemals ein Lied vollständig zu Ende brachte.

Überall standen Kisten.

Der Notar hatte bereits viele persönliche Dinge sichern lassen, doch das meiste befand sich noch immer hier.

Martha wusste, dass sie Wochen brauchen würde, um alles zu sortieren. Vielleicht Monate. Sie seufzte. „Na wunderbar.“

Ihre Stimme hallte durch die Stille. „Du konntest wirklich nichts wegwerfen, Tante.“

Als Antwort knarrte irgendwo ein Balken. Martha hob eine Augenbraue. „Ich nehme das als Ja.“

Sie begann mit der Küche. Nach einer Stunde hatte sie genau drei Schubladen sortiert. Nach zwei Stunden vier.

Charlotte hätte stolz auf ihre Ineffizienz gewesen sein können.

Gegen Abend ließ Martha sich erschöpft auf einen Stuhl sinken. Ihr Blick fiel auf die schmale Treppe zum Dachboden.

Sofort erinnerte sie sich an ihre Kindheit. Charlotte hatte ihr damals oft verboten, dort allein hinaufzugehen.

Natürlich hatte Martha es trotzdem getan. Mehrmals.

Und jedes Mal war sie von Staub, Spinnweben und völlig belanglosen Gegenständen enttäuscht worden.

Trotzdem verspürte sie nun plötzlich den Wunsch, noch einmal nachzusehen. Vielleicht aus Neugier. Vielleicht aus Nostalgie.

Vielleicht auch, weil ein leerer Dachboden leichter zu ignorieren war als die Stille im Rest des Hauses.

Sie nahm eine Taschenlampe und stieg die knarrenden Stufen hinauf. Der Dachboden lag im Halbdunkel. Staub tanzte durch die Lichtstrahlen.

Kisten standen ordentlich aufgereiht entlang der Wände. Deutlich ordentlicher als alles andere im Haus. Das überraschte Martha.

Langsam ging sie zwischen den Stapeln hindurch. Auf vielen Kartons standen Beschriftungen. „Knöpfe ohne Zukunft.“ „Schrauben unbekannter Herkunft.“ „Möglicherweise wichtige Dinge.“ Martha musste lachen. Typisch Charlotte. Dann blieb sie stehen.

Ganz hinten, unter dem kleinen Dachfenster, stand eine einzelne Holzkiste. Sie war größer als die anderen. Sorgfältig verschlossen. Und auf dem Deckel befand sich ein Schild. Die Schrift war unverkennbar die ihrer Tante. Martha trat näher.

Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Langsam strich sie mit den Fingern über die verblassten Buchstaben.

Dort stand:

„Für den Club der vergessenen Dinge.“

Verwirrt runzelte sie die Stirn. „Den was?“ Sie kniete sich hin. Der Verschluss war alt, ließ sich aber problemlos öffnen. Langsam hob Martha den Deckel an.

Im Licht ihrer Taschenlampe kamen verschiedene Gegenstände zum Vorschein.

Ein einzelner Kinderschuh.

Eine Taschenuhr.

Ein vergilbter Brief.

Ein alter Schlüssel.

Ein Stoffhase mit nur einem Ohr.

Und ganz oben lag ein abgegriffenes Notizbuch.

Martha starrte die Dinge an.Jedes einzelne wirkte vollkommen gewöhnlich. Und doch hatte Charlotte sie offensichtlich bewusst aufbewahrt.

Vorsichtig nahm Martha das Notizbuch heraus. Auf der ersten Seite stand nur ein einziger Satz:

Wenn du diese Kiste gefunden hast, bin ich wahrscheinlich nicht mehr da. Bitte bring die Dinge zurück. Sie werden vermisst.

Martha blinzelte. Dann las sie den Satz noch einmal. Und noch einmal. Schließlich lehnte sie sich zurück.

„Ach nein“, murmelte sie. „Bitte nicht noch eine von deinen verrückten Ideen.“ Doch tief in ihrem Inneren wusste sie bereits, dass sie genau das tun würde. Sie würde herausfinden, wem diese Dinge gehörten.

Und weshalb ihre Tante sie all die Jahre aufbewahrt hatte. Noch ahnte Martha nicht, dass diese Kiste ihr Leben verändern würde.

Aber irgendwo zwischen einem Kinderschuh und einem Stoffhasen hatte ihre eigene Geschichte bereits begonnen.

Let Susanne B. Baronin von Rothensteyn know what you thought about this chapter!
Love this

0

Love this

Funny

0

Funny

Spicy

0

Spicy

Suspenseful

0

Suspenseful

Emotional

0

Emotional

Profound

0

Profound

Heartwarming

0

Heartwarming

Shocking

0

Shocking

Good Writing

0

Good Writing

Compelling Plot

0

Compelling Plot

Great Character

0

Great Character

Strong Dialog

0

Strong Dialog

Further Recommendations

Merry Christmas - Adventskalender 2025

Aelyn Raven: Wieder eine tolle Geschichte. Leider bin ich erst jetzt dazu gekommen sie zu lesen, aber das tut der Geschichte keinen Abbruch *g* ich freue mich schon auf den nächsten Adventskalender

Read Now
 Mehrfach zurückgewiesene Gefährtin

Silvia: Sehr schön geschrieben, mit Spannung von Anfang bis Ende. Tolle Geschichte .

Read Now
Fated to My Ex- Best Friend

Kota2015: A really good read. This is my first time on this web site. Glad I found it!

Read Now
Half-Claimed

AlyKeller: I like this story, the cold hands stick with me. She wasn't that cold she was warm on her heart.She and her sister problems start in child hood her parents where not careful, one twins got it all.it's probalable the reason she was treat bad by her boyfriend and sister. I really like this story, espe...

Read Now
Ein Kuss für den CEO

phelix21: Gesucht, leichte Kost für zwischendurchGefunden, viel Wahrheit in jedem Kapitel!Jedes Kapitel mit einem Tagebucheintrag zu beenden ist ein schöner schreibtechnischer Kniff.

Read Now
Luna de Verano - Die Gefährtin des Alphas (Band 1)

C.: Ich habe so oft herzhaft gelacht. Was für eine tolle Geschichte. So schön geschrieben. So schön, flüssig lesbar. Ich lieb‘s. Mir tun die Herren in der Geschichte fast leid, die Frauen sind reine Naturgewalten. Lustig, verschmitzt, offen, direkt. So schön. Danke für diese Geschichte und das wir sie l...

Read Now
The Grumpy Next Door

ccssppmm: A truly enchanting story. You start reading and you can't stop, I found myself reading with a smile on my face.I loved it.

Read Now
Bear Roberts

Tiny Grubb: I really love this book

Read Now