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Asche der Krone

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Summary

Prinz Ren, der disziplinierte Thronfolger eines mächtigen Königreichs, führt seine sechs treuesten Schwerter auf eine letzte Mission gegen den uralten Baron Abaddon einen unsterblichen Tyrannen, der mithilfe eines kosmischen Buches die Realität selbst neu erschaffen will. Was als Befreiung eines grausamen Reiches beginnt, endet in einem verzweifelten Kampf gegen eine Macht, die jede Vorstellung von Magie und Schicksal übersteigt. Als Ren Abaddons Plan durchkreuzt, wird die Welt selbst ausgelöscht und neu geschrieben. Doch Rens unerschütterlicher Wille, andere zu beschützen, überdauert sogar das Ende der Existenz. Als er schließlich die Augen öffnet, erwacht er im Jahr 2020 auf der Erde. Diese Welt erscheint ihm zugleich fremd und vertraut – voller Wunder, die er nie gesehen hat, und doch auf seltsame Weise bekannt. Doch je genauer er hinsieht, desto mehr erkennt er, dass unter der Oberfläche der modernen Gesellschaft eine zweite, verborgene Welt existiert eine Welt, die sich mitten in der gewöhnlichen versteckt und deren Geheimnisse das Schicksal beider Welten für immer verändern könnten.

Genre
Fantasy
Author
Momusic
Status
2mo ago
Chapters
4
Rating
n/a
Age Rating
16+

Das Fragment der Unendlichkeit

Der Palast von Baron Abaddon thronte wie eine Wunde aus obsidianfarbenem Stein inmitten der unbarmherzigen, schneebedeckten Gipfel des ewigen Nordens. Aus der Ferne wirkte die Festung wie eine Ansammlung gigantischer, dunkler Kristalle, die sich aus dem Eis bohrten – scharfkantig und majestätisch. Doch im Inneren dieser Mauern pulsierte die Sünde. Es war eine verborgene Stadt der Dekadenz, in der das Gold im Fackelschein schimmerte, während Sklaven in Ketten die Böden mit ihren Tränen netzten. Eine anarchische Hierarchie, getrieben von Völlerei und Grausamkeit, geschützt durch die schiere Unwirtlichkeit der Natur.

Doch der Tod war in dieses Paradies der Schande eingekehrt. Leise. Unbemerkt.

Prinz Ren stand vor den monumentalen, doppelflügeligen Toren des Thronsaals. Seine Atmung war ruhig, flach und absolut kontrolliert – ein Produkt jenes unbarmherzigen Trainings, das um drei Uhr nachts im Exil begonnen hatte. Hinter ihm standen seine verbliebenen Schwerter, die Elite des Reiches. Ihre Umhänge waren vom Blut der Wachen gezeichnet, die sie lautlos im Verborgenen gemetzelt hatten.

Ren legte die Hand auf den Griff seines treuen Langschwertes. Ein kurzer Blick über die Schulter genügte, um die stumme, perfekte Formation seiner Männer zu bestätigen. Da war Kaelen, seine rechte Hand, dessen Finger fest um den Schaft seiner schweren Streitaxt geschlossen waren. Da war Sora, der flinke Kundschafter, die Hand an zwei Kurzschwertern. Neben ihm stand Yuto, der Gelehrte, mit seinem hölzernen Langbogen und einem gezückten Jagdmesser. Toma, der stämmige Festungsexperte, sicherte die Flanke mit einem massiven Breitschwert, während Raiden, der Meister der Wurfmesser, bereits die ersten Klingen zwischen den Fingern balancierte. Und da war Shin, der Jüngste von ihnen, dessen Hände am Griff seines Katanas leicht zitterten.

In Shins Augen lag ein tiefer Schatten des Bedauerns. Die Nachricht, die er aus purer Sorge heimlich per Brieftaube abgeschickt hatte, war abgefangen worden. Er hatte den Befehl missachtet. Doch in der Bruderschaft der Schwerter war jetzt keine Zeit für Vorwürfe.

Mit einem lautlosen Stoß öffneten sich die Tore.

Der Thronsaal war von einer absurden Pracht. Kronleuchter aus geschliffenem Glas warfen tanzende Lichter auf den Marmorboden. Am Ende des Saals, mit dem Rücken zu ihnen, stand er. Baron Abaddon. Er trug ein Gewand aus schwerer, purpurner Seide und hielt ein altes, in dunkles Leder gebundenes Buch in den Händen. Auf dem Cover schimmerten neun Edelsteine in unnatürlichen Farben. Das Buch schien bereits von selbst zu schreiben – unsichtbare Federn ritzten leuchtende, unheilvolle Glyphen in das Pergament. Die Schriftzeichen gehörten zu keiner Sprache, die Ren in den Gelehrtenstädten seiner Heimat je gelernt hatte.

„Deine Tyrannei hat ihr Ende erreicht, Abaddon", durchbrach Rens Stimme die Stille des Saals. Sie war kalt, glasklar und bar jeder Emotion. „Niemand weiß von deinen Taten im Verborgenen. Und niemand wird von deiner Hinrichtung erfahren."

Abaddon hielt inne. Ein tiefes, kehliges Lachen entrann seiner Kehle, als er das Buch langsam schloss und sich umdrehte. Sein Gesicht war gezeichnet von einer unnatürlichen, maskenhaften Jugend, in der jedoch Augen brannten, die eine uralte, bösartige Intelligenz verrieten.

„Du irrst dich, junger Prinz. Oder sollte ich sagen… Kronprinz?", ein verschmitztes Lächeln legte sich auf seine Lippen.

Rens Augen verengten sich kaum merklich. Woher weiß er von meiner geheimen Ernennung? Seine kognitive Auffassungsgabe arbeitete in Millisekunden, analysierte die Siegesgewissheit des Barons. „Du wusstest, dass wir kommen."

„Oh, du bist klug", spottete Abaddon und warf ein zusammengeknülltes Stück Papier vor Rens Füße. Es war Shins Botschaft. „Aber nicht klug genug. Mein Informationsnetzwerk kontrolliert selbst meine eigenen Leute. Die Taube flog direkt in meine Hände."

Die Schwerter warfen Shin bittere Blicke zu. Der jüngste Vasall wich einen Schritt zurück, den Blick voller Scham gesenkt. Doch Ren hob leicht die Hand. Er nahm die Worte Abaddons mit absolutem Ernst auf – dieser Mann war kein gewöhnlicher Adeliger, sondern der gefährlichste, lebende Nachfahre jener Tyrannenkönige, die Rens Familie einst gestürzt hatte. Ein unerbittlicher Stratege, der im Verborgenen die Fäden zog.

„Fehler sind dazu da, um aus ihnen zu lernen. Und es spielt keine Rolle", erwiderte Ren ruhig. „Du wusstest, dass wir hier sind, weil du ein zweites Netzwerk des Terrors führst. Eines, das sich in den erlaubten, legalen Kreisen bewegt. Während ich deine Untergrundbewegung zerschlagen habe, hast du zugesehen."

Abaddons Lächeln fror ein. Die psychologische Schlacht im Raum hatte sich gedreht. Der Prinz hatte seine jahrzehntelange Intrige durchschaut, ohne eine Miene zu verziehen. Er unterschätzte diesen Gegner nicht im Geringsten. Er fixierte Abaddons Augen, bereit für den tödlichen Schlagabtausch mit dem letzten Relikt einer finsteren Epoche.

Im selben Moment erschütterte ein gellender Schrei die Festung. Durch die riesigen Fenster des Thronsaals drang das Chaos der Palaststadt herein. Sora löste sich blitzartig aus der Formation, sprintete mit unnachahmlicher Geschwindigkeit zum Fenster und kehrte Sekunden später mit bleichem Gesicht zurück.

„Mein Prinz… die Einwohner… sie schlachten sich gegenseitig ab! Sie sind in Ekstase, sie fressen und töten einander. Die Stadt brennt!"

„Euer Untergang", raunte Abaddon mit einem teuflischen Grinsen. „Und das Treibstoff-Opfer für mein kosmisches Ritual."

Der Tanz der Schwerter

„Formation Alpha! Schützt den Prinzen!", donnerte Kaelen.

Mit perfekter, jahrelang trainierter Synergie gingen die Schwerter zum Angriff über. Toma, der Festungsexperte, erkannte sofort die strukturellen Schwachstellen des Raumes. Er rammte sein massives Breitschwert in den edlen Marmorboden, hebelte eine gewaltige Steinplatte empor und trat sie mit voller Wucht nach vorne, um Abaddon die Sicht zu nehmen.

Dahinter schoss Sora hervor. Wie ein Schatten glitt er links an der fliegenden Platte vorbei, seine Kurzschwerter bereit für einen tödlichen Kreuzschnitt an Abaddons Kehle. Gleichzeitig spannte Yuto im Hintergrund seinen Langbogen. Mit mathematischer Präzision, die er aus alten ballistischen Schriften gelernt hatte, feuerte er drei Pfeile in einer perfekten Flugbahn ab, die Abaddons Ausweichwege blockieren sollten.

Doch Abaddon riss das Buch auf. Wuuush!

Eine unsichtbare, monumentale Druckwelle detonierte im Raum. Es war keine Mechanik, keine bekannte Physik. Die fliegende Marmorplatte zersplitterte in tausend Teile, Yutos Pfeile wurden in der Luft zu Asche verbrannt und Sora wurde mit brutaler Wucht zurückgeschleudert.

In einer Welt, in der es niemals Magie gegeben hatte, in der Schlachten rein mit Stahl und Verstand geschlagen wurden, war dieses kosmische Phänomen ein absoluter Schock. Ein lähmendes Entsetzen packte die Männer, als die Naturgewalt sie wie Puppen nach hinten warf. Die Realität selbst schien vor ihren Augen zu zerbrechen. Doch die Schwerter waren Veteranen unmöglicher, scheinbar auswegloser Missionen. Trotz des Schocks obsiegte ihre eiserne Disziplin; sie rissen sich augenblicklich zusammen, zwangen ihren Verstand zur Kälte und suchten mitten im Chaos nach einer taktischen Lücke.

Ren kalkulierte den Aufprall noch im Flug. Kaelen und Toma warfen sich instinktiv unter ihren Prinzen, fingen den Sturz ab und bewahrten Ren vor dem Schlimmsten. Doch um sie herum forderte die kosmische Urgewalt sofort ihren Tribut. Toma, der den Hauptaufprall der unnatürlichen Druckwelle abgefangen hatte, prallte so unglücklich mit dem Kopf gegen eine der massiven Obsidian-Säulen, dass sein Genick mit einem hässlichen Knacken brach. Sein Leben erlosch augenblicklich.

Das Adrenalin schoss Ren in den Kopf. Keine Trauer. Kein Zögern. Nur das Ziel. Er stieß sich vom Boden ab, nutzte den Schwung von Kaelens ausgestreckten Armen als Katapult und schoss wie ein Falke nach vorn. Seine Klinge visierte Abaddons Kehle an.

Doch der Baron blätterte um. Er streckte die Handfläche aus.

Mitten in der Luft fror Rens Bewegung ein. Eine unsichtbare, tonnenschwere Last umklammerte seinen Körper. Telekinese. Etwas, das es laut allen Gelehrtenbüchern der Welt gar nicht geben durfte! Er konnte keinen Muskel mehr bewegen. Abaddon ballte die Hand zu einer Faust, und die unsichtbaren Fesseln schnürten sich so eng um Rens Brustkorb, dass seine Rippen bedrohlich knackten. Ein unvorstellbarer Schmerz peitschte durch seinen Körper, doch Ren presste die Zähne zusammen. Kein Schrei entwich seinen Lippen.

„Bewundernswert", sprach Abaddon und trat näher. Er kostete den Moment aus, nun völlig überzeugt von seinem endgültigen Triumph. Seine Stimme hallte vor absolutem Größenwahn. „Das hier nennt sich Magie. Ich… ich habe dieses kosmische Buch der Magie im Zeitalter des Blutigen Massakers deines Ahnen, des Weisen Königs Aurelius von Valerius, gefunden! Ich bin seiner grausamen Säuberung entkommen – als einziger Überlebender von all den mächtigen Königen und ihren glorreichen Ländereien, die dein Reich damals in Schutt und Asche gelegt hat. Dieses Buch war mein Überleben. Es ist das einzige Objekt in dieser Welt, das Magie besitzt. Aber es reicht nicht, um dein Königreich zu stürzen. Euer Orden hat mich über Jahrhunderte blockiert… bis heute."

Der Baron lachte irrwitzig auf, die Maske fiel komplett. „Du dachtest, ich sei nur ein Nachfahre, der wirres Zeug plappert? Du dachtest, die Isolation hat meinen Verstand zerrüttet? Die Geschichtsbücher deiner Ahnen nennen mich den 'Gründer-Baron' der Blutigen Reinigung. Sie dachten, sie hätten meine Linie ausgelöscht. Doch die Wahrheit ist: Ich habe meine Seele mittels Seelenwanderung über Jahrtausende hinweg immer wieder in die Körper meiner eigenen Nachfahren transferiert! Die unnatürliche Macht dieses Buches hat mich überdauern lassen. Ich bin derselbe Mann, der vor dreitausend Jahren den ersten Krieg gegen deine Familie verlor. Und ich habe jeden einzelnen Tag deines kostbaren Reiches gehasst!"

In diesem Moment, als die Wahrheit über Abaddons unvorstellbare Existenz und seine unsterbliche Rache wie ein Vorschlaghammer einschlug, raffte sich Raiden am Boden auf. Seine Augen brannten vor absolutem Überlebenswillen. Mit einer fließenden, perfekt trainierten Bewegung schleuderte er fünf Wurfmesser nacheinander – eine blitzschnelle Kaskade aus tödlichem Stahl. Abaddon reagierte mit seiner Telekinese, stoppte vier der Klingen Zentimeter vor seinem Gesicht in der Luft – doch er hatte Yutos Ablenkung unterschätzt.

Yuto hatte im Liegen sein Jagdmesser geschleudert. Das Messer traf eines von Raidens gestoppten Messern im exakten Winkel und lenkte es ab. Die Klinge brach durch Abaddons mentalen Schutzschild und bohrte sich mit einem hässlichen Geräusch direkt in Abaddons linkes Auge.

Der Baron schrie gepeinigt auf. Seine Konzentration brach, und Ren stürzte zu Boden. Voller Raserei blätterte Abaddon eine weitere Seite um und deutete mit blutverschmierter Hand auf Raiden.

Ein infernalischer Schwall aus purem, magischem Feuer schoss aus dem Nichts. Raiden schrie auf, als die Flammen ihn lebendig verzehrten. Doch anstatt zurückzuweichen, rannte das brennende Schwert in einer letzten, heroischen Kamikaze-Attacke direkt auf Abaddon zu, um ihn mit in den Tod zu reißen. Abaddon erkannte die Gefahr durch den Rauch hindurch, sprang im letzten Moment mit einem Fluch zur Seite. Raiden brach genau dort zusammen, wo der Baron gestanden hatte. Er starb auf den Knien, als aschgraues Skelett.

Das magische Buch fiel Abaddon bei dieser hektischen Rettung aus der Hand und schlitterte über den Boden. Er sah, wie Sora und Kaelen am Boden wieder auf ihn zukamen. Voller Panik presste der Baron seine Hände auf den Marmorboden des Thronsaals und blätterte mit der reinen Macht seiner Gedanken eine weitere Seite um.

Rumpelnd brach das Fundament des Palastes auf. Riesige, dornenbesetzte Ranken schossen in Sekundenschnelle aus der Erde. Yuto, der besonnene Gelehrte, stand am nächsten zum Riss im Boden. Eine massive, spitze Ranke bohrte sich mit brutaler Wucht direkt durch seine Brust. Er spuckte Blut, sah den Prinzen ein letztes Mal an, bevor das Leben aus seinen Augen wie ein verglimmendes Licht wich.

Vom Tod seines Bruders angetrieben, sprang Kaelen, die rechte Hand des Prinzen, vor. Mit einer gewaltigen Drehung schleuderte er seine riesige Streitaxt nach dem Baron. Abaddon schlitterte über den glatten Boden, wich der Axt gerade so aus und erreichte das magische Buch. Mit einem hasserfüllten Lächeln lenkte er das Wachstum der Riesenpflanzen um. Die dornigen Ranken peitschten herum, packten Sora im Sprung, zerrissen ihn regelrecht in der Luft, und bohrten sich im nächsten Atemzug tief durch Kaelens stämmige Brust. Das unnatürliche Wachstum sorgte für ein massives Beben des gesamten Palastes.

Das Blutritual und das Erwachen des Buches

Ren, der durch das Beben aus einer beginnenden Ohnmacht gerissen wurde, fand sich plötzlich wieder schwebend. Die Telekinese zog ihn direkt vor das Gesicht des Barons. Blut lief in dicken Strömen aus Abaddons leerer Augenhöhle.

„Kann ich noch etwas für dich tun, bevor du diesmal wirklich stirbst?", verhöhnte der Baron ihn, während er die Telekinese mit einer Hand aufrecht erhielt. Er blätterte mit der freien Hand weiter, bis eine Seite erschien, die den tiefen, unendlichen Kosmos zeigte. „Diese Seite… sie steht für das Ende und den Anfang. Ich werde die Welt nach meinem Willen neu erschaffen!"

Schnitt.

Abaddons Augen weiteten sich in blankem Entsetzen. Blut quoll aus seinem Mund. Er blickte fassungslos nach unten. Eine Klinge ragte mitten aus seiner Brust.

Shin stand hinter ihm. Der totgeglaubte, jüngste Vasall hatte sich blutend aus den Trümmern nach oben gekämpft und die absolute Unachtsamkeit des Barons genutzt.

Durch den plötzlichen, tödlichen Schock des Barons riss die Telekinese ab. Ren fiel zu Boden, rappelte sich mit allerletzter Kraft auf, packte sein Langschwert mit beiden Händen und stieß es von vorne mitten in Abaddons Herz. Mit einem hasserfüllten, ungläubigen Blick sackte der jahrtausendealte Tyrann zusammen.

„Es ist vorbei", atmete Shin schwer, während er sein Katana aus dem Rücken des Barons zog und den schwer verletzten Prinzen stützte. Ren blickte sich im weiten Rund des zerstörten Saals um. „Die anderen…?"

Shins Stimme zitterte unkontrolliert. „Fünf… Fünf Tote liegen vor uns, mein Prinz. Alle tot. Nur wir beide… nur wir leben noch."

Ein tiefer, unerträglicher Schmerz fraß sich durch Rens sonst so gefühllose Miene. Er befahl Shin, die Leichen ihrer fünf gefallenen Brüder nebeneinander aufzureihen und sie mit ihren königlichen Umhängen zu bedecken. Dann zwang sich Ren, aufrecht zu stehen. Trotz der inneren Blutungen, trotz der gebrochenen Knochen nahm er die Haltung eines perfekten Militärsoldaten an. Stolz, stramm, voller absolutem Respekt. Eine Stunde lang stand er so da, während Shin ihn stützte.

Und dann sprach der Prinz, der noch nie Gefühle gezeigt hatte, zu seinen toten Freunden.

„Ich danke euch", begann er, und seine Stimme war leise, getragen von einer tiefen, brechenden Erhabenheit. „Für all die Jahre an meiner Seite. Ihr habt mir geholfen, mich beraten, mich unterstützt. Niemals habt ihr mir widersprochen, immer habt ihr meine Befehle perfekt ausgeführt. Ihr wart die harmonischste Gruppe, die dieses Reich je gesehen hat. Und niemand wurde von euch besser gestützt als ich selbst." Er holte schwer, rasselnd Luft. „Es gab keine besseren Schwerter in der Geschichte und es wird nie wieder bessere geben. Ihr habt einen Feind bezwungen, der Jahrtausende alt war, gegen den Könige versagten… und ihr habt es getan, obwohl ihr einen unfähigen Kapitän hattet, der euer Leben nicht beschützen konnte."

„Das stimmt nicht, mein Prinz!", rief Shin mit Tränen in den Augen. „Er besaß Kräfte, die wir uns nicht vorstellen konnten!"

Ren hob leicht die Hand, und Shin schwieg. „Geht ein in die Ewigkeit, meine Freunde. Kehrt zurück zur Natur, aus der ihr geboren wurdet. Doch wenn es nach mir ginge… ist der Tod dieses Monsters nicht einmal das Leben eines Einzigen von euch wert. Geschweige denn von euch fünfen. Ich wünschte, ich könnte an eurer Stelle sein…"

In diesem Moment geschah das Unfassbare.

Das Blut der fünf gefallenen Schwerter, das Blut von Abaddon und das frische Blut des sterbenden Prinzen flossen auf dem Marmor zusammen. Wie von einer ungesehenen, magnetischen Kraft angezogen, sammelten sich die roten Ströme im Zentrum – genau dort, wo das magische Buch lag.

Draußen in der brennenden Palaststadt hauchten in diesem Augenblick die letzten verletzten Einwohner Abaddons ihr Leben aus. Es war der finale Tribut. Das kosmische Buch hatte nun endgültig genug Seelen aufgenommen, um die kosmische Seite vollständig zu speisen. Angetrieben von dieser unvorstellbaren Energie und all den Millionen Seelen, die Abaddon über drei Jahrtausende hinweg – seit den blutigen Kriegen der Vergangenheit – akkumuliert hatte, begann das Artefakt wie wild umherzublättern.

Plötzlich begann sich der physische Körper von Baron Abaddon aufzulösen. Seine fleischliche Existenz zerging und verwandelte sich in eine dichte, tiefrote Tinte, die in das Buch gesaugt wurde. Gefüttert mit dieser Essenz schrieb das Buch nun in rasantem Tempo. Doch es schrieb nicht für Ren. Es schrieb in absoluter Finsternis zu Gunsten von Abaddon. Die Glyphen brannten sich in das Pergament und formten Abaddons sehnlichsten Wunsch: Sie besiegelten seine totale Herrschaft und begannen, die neue Geschichte seiner ewigen Tyrannei unumstößlich in das Fundament der Existenz zu meißeln.

Als Ren sah, wie das geschriebene Schicksal der Welt sich vor seinen Augen zugunsten des Monsters vollendete, handelte er im schwächsten, instabilsten Moment des Umschreibungsprozesses. Mit letzter, verzweifelter Urgewalt trat er vor und rammte sein Schwert mitten in das Artefakt.

Mit diesem einen, brutalen Stich stoppte der Prinz das geschriebene Schicksal Abaddons.

Doch das kosmische Artefakt ließ sich nicht einfach aufhalten. Durch den abrupten Abbruch geriet der Prozess außer Kontrolle. Um das Schicksal, das der Prinz soeben gestoppt hatte, irgendwie weiterzuschreiben, wandte sich die unberechenbare Macht des Buches augenblicklich gegen Ren. Ein blendender Lichtstrahl erfasste ihn, und das Buch begann, den lebendigen Körper des Prinzen ebenfalls in Bluttinte umzuwandeln. Da nun zwei völlig gegensätzliche Kräfte in den Seiten flossen, war es absolut unsicher, wie das geschriebene Buch enden würde – die Zukunft der gesamten Welt war in diesem Moment völlig offen und instabil.

Der Prozess dieser Wandlung von einem lebendigen Körper aus Fleisch und Blut in reine, energetische Tinte war von einem unvorstellbaren, alles verzehrenden Schmerz erfüllt. Jede Faser von Rens Sein schien gleichzeitig zu verbrennen und zu zerreißen. Doch der Prinz blieb sich selbst treu: Mit mörderischer Willenskraft presste er die Kiefer aufeinander und unterdrückte den Schmerz so gut er konnte, ohne auch nur einen einzigen Laut des Leidens von sich zu geben.

Als die Prozedur endlich aufhörte, fand sich Ren in einer völlig veränderten Realität wieder. Er blickte an sich herab und sah sich selbst in reiner Seelenform. Seine physische Gestalt war verschwunden. Völlig erschöpft und geistig ausgelaugt von der qualvollen Verwandlung schwebte seine Essenz im Raum.

Das Buch stieß einen ohrenbetäubenden, metaphysischen Schrei aus. Plötzlich begann es zu schweben. Ein gigantischer, unheimlicher Sog entstand. In diesem Augenblick wurden die Seelen aller Toten aus der gesamten Festung Abaddons regelrecht aus dem Gemäuer gesaugt. Tausende von geisterhaften Lichtern stiegen auf und begannen, das Buch in einem wilden Mahlstrom zu umkreisen, verzweifelt versuchend, dem Sog zu entfliehen. Doch die schwachen Seelen der Sklaven und Wachen hatten keine Kraft – sie wurden spielend leicht in die Seiten gezogen. Nur die starken Seelen der Krieger kämpften im tobenden Sog, wehrten sich schreiend gegen die kosmische Anziehungskraft, während das Buch ihre Essenz langsam verschlang.

Ein stechender, blutroter Glanz erfüllte den Raum. Auf den zerrissenen Seiten formierten sich brennende Buchstaben:

DU HAST DIE ANZAHL DER SEELENENERGIE GESAMMELT, UM DIE KOSMISCHE MAGIE ZU ENTFALTEN. DIE WELT WIRD NACH DEINEN VORSTELLUNGEN NEU GESCHAFFEN.

Der letzte Versuch

Abaddons Leichnam hatte sich bereits vollständig in die rote Energie der Tinte aufgelöst, die das Buch fütterte. Doch plötzlich schoss ein mächtiger Ausläufer dieser verbliebenen roten Energie vor und packte Shin.

Es war die pure Grausamkeit der Magie: Shins Körper begann sich in gleißende Partikel aufzulösen, während er in unvorstellbarer Agonie aufschrie. Sein letztes lebendes Schwert, der jüngste Vasall, wurde vor Rens Augen aus der Existenz gerissen.

Ren handelte, bevor der Gedanke sich vollständig formte. Er hatte keine Hände mehr, kein Schwert, keinen Körper, der greifen konnte – nur noch reinen Willen. Doch der Reflex, der ihn seit Jahren in jedem Kampf getragen hatte, war stärker als diese Grenze. Er warf sich, seelenlos und körperlos, in die Richtung, aus der Shins Auflösung kam, streckte sich nach dem letzten Rest seines jüngsten Bruders, so wie er es unzählige Male getan hatte, wenn ein Verbündeter fiel und noch eine einzige Sekunde blieb, um ihn zurückzuholen.

Es war kein Zorn, der ihn trieb. Es war der reine, unbedingte Drang, jemanden zu retten, der es nicht verdient hatte zu sterben – derselbe Drang, der einst einen fremden, weinenden Jungen in einer ganz anderen Welt auf ihn aufmerksam machen würde.

Doch seine Seele hatte nichts, womit sie greifen konnte. Die Energie, die er in diesem letzten, verzweifelten Ansturm entfesselte, traf nicht Shin – sie traf den Raum selbst, eine Schockwelle aus reiner, hilfloser Entschlossenheit, die alles im Umkreis erschütterte. Shin verlor durch den Aufprall augenblicklich das Bewusstsein, wodurch er das schreckliche Foltern der Atomisierung im Moment des Todes wenigstens nicht mehr spüren musste. Selbst Abaddon, der als körperlose Seele triumphieren wollte, verlor für einen Moment völlig die Fassung, wurde von der Welle hinweggerissen und musste sich mühsam im energetischen Raum wieder zusammenraffen.

Rens seelische Gestalt war nun allein durch ein strahlend weißes Energieband mit dem Artefakt verankert.

Doch da war noch etwas. Ein dicker, blutroter Strahl führte von der anderen Seite des Reiches zum Buch. Am Ende dieses Strahls schwebte die Seele von Abaddon – eine monströse, dämonische Fratze, übersät mit den Wunden von Klingen und Verbrennungen. Das wahre Spiegelbild seines verdorbenen Inneren.

Abaddon konnte nicht sprechen, doch seine Gedanken manifestierten sich als rote Worte in der Luft: Deinen schmerzhaften Tod mit anzusehen, war überaus erfreulich.

Ren versuchte zu kontern, doch er hatte in dieser Sphäre keine Stimme mehr. Abaddon grinste hasserfüllt. Ich werde die Leichen deiner Schwerter und das Leben des letzten Überlebenden genauso verstümmeln wie deine Welt! Es ist deine Schuld, weil du das Buch im Moment der Schwäche erstochen hast!

Die Seele des Prinzen, geistig völlig erschöpft von dem gescheiterten Rettungsversuch und der qualvollen Verwandlung, ließ den Kopf hängen. Seine Sicht wurde komplett schwarz, und er fiel in einen tiefen, bewusstlosen Zustand des absoluten Nichts.

Abaddon, feiernd über seinen scheinbaren Triumph, schrie in die Leere: „Niemand kann mich aufhalten! Hahahahaha!"

Das Urteil der Sieben Schwerter

In diesem Moment sah der Baron voller Entsetzen auf das schwebende, kosmische Buch. Die rote Energie, die er hineingepresst hatte, wurde mit brachialer, unaufhaltsamer Gewalt zurückgedrängt. Es waren nicht mehr nur seine roten Linien zu sehen.

Insgesamt 8 strahlende Energiestrahlen trafen nun auf das Buch. Doch nur ein einziger, einsamer Strahl war blutrot – sein eigener.

Ihm gegenüber standen 7 reine, weiß leuchtende Strahlen.

Es waren die Seelen des Prinzen Ren und seiner 6 treuen Schwerter – Kaelen, Sora, Yuto, Shin, Raiden und Toma. Selbst im Angesicht der atomaren Auflösung und des Todes hatten sich die Geister der sieben Gefährten konzentriert, um Abaddons teuflischen Plan zu vereiteln. Sie bildeten eine unüberwindbare Allianz des Lichts, stoppten die rote Energie des Barons und fluteten das Buch mit ihrer weißen Seelenkraft.

Das Buch begann, das geschriebene Schicksal der Welt vollständig umzuschreiben. Es bildete fünf gigantische Energieschichten, die pulsierend den Raum einnahmen: Die innerste Schicht um das Buch war rot, die zweite rosa, die dritte orange, die vierte hellgelb, und die fünfte erstrahlte in purem, makellosem Weiß.

Abaddon bemerkte die Umschreibung seiner Schöpfung. In purer, machtloser Raserei legte er seine komplette verbliebene Energie auf einmal dar, um das Buch mit roher Gewalt zu schließen. Das Buch schlug mit einem dumpfen, welterschütternden Knall zu, während die 9 Edelsteine wie ein wilder Mahlstrom um den Einband kreisten.

In dem Moment, als es sich schloss, entstand eine Lichtgeschwindigkeit-Druckwelle, die alles ins absolute Nichts löschte...

Die alte Welt hörte auf zu existieren.

In dem, was danach kam, gab es keinen Raum und keine Zeit, nur ein formloses, treibendes Dunkel, in dem Rens Seele wie ein Splitter ohne Anker umhertrieb. Er hatte keinen Körper. Er hatte kaum noch einen Gedanken. Nur den einen, unauslöschlichen Rest dessen, was er immer gewesen war, blieb bestehen und trug ihn durch das Nichts wie ein Kompass, der nicht wusste, wonach er suchte.

Dann hörte er es.

Es war keine Stimme, wie er sie kannte. Kein Klang, den ein Ohr hätte auffangen können, denn er hatte keines mehr. Es war eher ein Zerren, ein dünner, verzweifelter Faden, der sich durch das Dunkel spannte – das Weinen eines Jungen, irgendwo, in einer Welt, die nicht die seine war, ein stummes, erschöpftes Rufen nach Hilfe, das niemand mehr zu hören schien.

Ren sah nichts. Er wusste nicht, wohin dieser Ruf führte, kannte weder den Namen noch das Gesicht, aus dem er kam. Aber er kannte diesen Klang. Er hatte ihn tausendfach in seinem alten Leben gehört, aus den Mündern der Schwachen, die Schutz gebraucht hatten, und er hatte in seinem gesamten Dasein nie gelernt, ihn zu ignorieren.

Blind, ohne Ziel, ohne auch nur zu wissen, ob es einen Weg zurück in eine Existenz überhaupt gab, ließ sich das, was von Prinz Ren übrig geblieben war, von diesem Ruf ziehen. Nicht aus Berechnung. Nicht aus Notwendigkeit.

Allein aus dem letzten, unzerstörbaren Kern seines Wesens: dem Willen, zu helfen, wo Hilfe gebraucht wurde – selbst wenn er selbst zerbrochen war.

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