Kapitel 1
Das Königreich lag verborgen zwischen smaragdgrünen Bergen und silbernen Wasserfällen, als hätte die Welt selbst beschlossen, diesen Ort vor allem Dunklen zu schützen. Die Bewohner nannten es Elarien – das Reich des singenden Lichts.
Wenn die ersten Sonnenstrahlen am Morgen die hohen Kristallspitzen des Palastes berührten, begann ganz Elarien zu leuchten. Nicht nur im übertragenen Sinne. Die Häuser aus hellem Stein, durchzogen von schimmernden Erzadern, warfen tausendfarbige Reflexe über die Straßen. Selbst die Bäume trugen Blätter, die im Wind wie feines Glas klangen.
Die Menschen von Elarien waren anders als die Völker jenseits der Berge. Anmutig, mit langen Ohren, schimmernden Augen und einer beinahe überirdischen Schönheit, lebten sie im Einklang mit der Natur. Ihr Reichtum stammte nicht allein aus den seltenen Kristallen tief unter den Bergen, sondern aus einer uralten Gabe: der Magie des Liedes.
Jede Familie besaß einen Funken dieser Gabe. Manche konnten mit ihrem Gesang Blumen erblühen lassen, andere heilten Wunden oder riefen den Regen. Doch keine Stimme in ganz Elarien war so mächtig wie die der Kronprinzessin.
Prinzessin Elora.
An diesem Morgen stand sie allein auf dem höchsten Balkon des Palastes. Ein leichter Nebel schwebte noch über den Gärten, während die Sonne langsam hinter den Gipfeln emporstieg.
Man sagte, dass selbst die ältesten Dichter Elariens keine Worte gefunden hätten, um Eloras Schönheit gerecht zu werden. Sie war von einer Anmut, die beinahe unwirklich erschien – als wäre sie nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Sternenlicht und den Liedern des Frühlings geschaffen worden.
Ihr langes Haar fiel in sanften Wellen bis weit über ihre Taille. Es schimmerte in einem hellen Goldton mit feinen silbernen Reflexen, die im Sonnenlicht wie flüssiges Licht wirkten. Ihr Gesicht war zart und vollkommen geformt: hohe Wangenknochen, weiche Lippen und eine Haut so makellos und hell, als hätte sie niemals einen Schatten berührt.
Doch es waren ihre Augen, die jeden in ihren Bann zogen.
Sie hatten die Farbe eines klaren Waldsees im ersten Licht des Morgens – ein tiefes, leuchtendes Grün, durchzogen von goldenen Sprenkeln, die aufzuleuchten schienen, wenn sie sang oder lachte. Wer einmal in diese Augen blickte, vergaß sie nie wieder.
Selbst unter ihrem eigenen Volk, dessen Schönheit weit über die Grenzen des Reiches hinaus bekannt war, galt Elora als einzigartig. Reisende erzählten Geschichten über die Prinzessin von Elarien, deren Anblick selbst die Nachtigallen verstummen ließ.
Doch hinter all ihrer Schönheit verbarg sich eine stille Melancholie.
Elora schloss die Augen.
Für einen Moment war alles still.
Dann begann sie zu singen.
Es war keine Sprache, die irgendjemand außerhalb Elariens verstanden hätte. Die Melodie war alt – älter als das Königreich selbst. Sanft und klar erhob sich ihre Stimme in die Morgenluft, leicht wie ein Windhauch und doch erfüllt von einer Kraft, die tief unter der Erde zu antworten schien.
Die Knospen der Rosen im königlichen Garten öffneten sich eine nach der anderen.
Vögel sammelten sich auf den Marmorgeländern. Der Nebel begann zu tanzen, als wäre er lebendig, und die uralten Silberweiden neigten ihre Äste ehrfürchtig zur Prinzessin.
Als das Lied verklang, hörte Elora hinter sich langsame Schritte.
„Du weißt, dass die Gärtner sich überflüssig fühlen werden, wenn du so weitermachst."
Elora lächelte noch, bevor sie sich umdrehte.
König Aeron stand im Torbogen des Balkons. Trotz seiner Jahre strahlte er noch immer die Würde und Stärke eines Herrschers aus. Sein dunkles Haar war bereits von Silber durchzogen, doch seine bernsteinfarbenen Augen wirkten warm, wenn sie auf seine Tochter fielen.
„Dann sollten wir ihnen vielleicht eine Gehaltserhöhung geben", erwiderte Elora mit einem leisen Lachen.
Der König trat zu ihr und blickte gemeinsam mit ihr über die erwachende Stadt.
„Deine Mutter hat früher genau denselben Scherz gemacht."
Die Worte ließen die Prinzessin verstummen.
Wie immer, wenn ihre Mutter erwähnt wurde, zog ein kaum sichtbarer Schatten über ihr Gesicht. Königin Seraphine war gestorben, als Elora noch ein Kind gewesen war. Die Erinnerungen an sie bestanden nur aus Bruchstücken: ein sanftes Lachen, warme Arme und eine Stimme, die nach Lavendel und Sommer geklungen hatte.
„Ich wünschte, ich könnte mich besser an sie erinnern", sagte Elora leise.
König Aeron legte eine Hand auf ihre Schulter.
„Sie wäre unendlich stolz auf dich gewesen."
Elora senkte den Blick. Viele Menschen sagten ihr das. Doch manchmal fühlte sich das Leben im goldenen Käfig des Palastes einsam an. Sie war geliebt, bewundert, verehrt sogar – aber nur wenige begegneten ihr als Elora und nicht als der zukünftigen Königin.
Ein lautes Horn durchbrach die morgendliche Ruhe.
Vom östlichen Tor der Stadt erklang das Signal der Wächter.
Der König runzelte die Stirn.
„Ein Besucher? So früh?"
Elora trat an das Geländer. Von hier oben konnte sie die lange Handelsstraße erkennen, die sich wie ein heller Faden durch das Tal zog. Unten am Tor hatte sich bereits eine kleine Menschenmenge gebildet.
Zwischen den Wachen stand ein einzelner Reiter.
Seltsam.
Nur wenige Fremde fanden den Weg nach Elarien, und noch weniger erreichten tatsächlich die Tore des Reiches.
Der Mann trug einen dunklen Reisemantel, dessen Kapuze tief ins Gesicht gezogen war. Sein Pferd wirkte erschöpft, als hätte es eine lange Reise hinter sich. Trotz der Entfernung bemerkte Elora etwas Ungewöhnliches an ihm.
Er schien nicht beeindruckt.
Jeder Fremde, der Elarien zum ersten Mal sah, blieb gewöhnlich staunend stehen. Doch dieser Mann hob lediglich den Kopf, betrachtete die leuchtende Stadt für einen Augenblick – und lächelte.
Als würde er genau hierher gehören.
Ohne ersichtlichen Grund spürte Elora ein seltsames Ziehen in ihrer Brust.
Sie wusste noch nicht, dass diese Begegnung das Schicksal ihres Königreichs für immer verändern würde.








