Prolog
Das Lied am Fluss Für Niva – Gegen das Vergessen
Nivas Großmutter sitzt am Ufer, die Füße im kühlen Wasser. Neben ihr sitzt die kleine Niva, barfuß, die Zehen tief im warmen Schlamm. Der Fluss fließt ruhig, als hätte er alle Zeit der Welt.
Ihre Großmutter singt leise. Ein Lied, das wie ein Faden aus einer Zeit klingt, die längst verschwunden ist.
„Grenzen sind Linien, die leuchten im Traum, halten die Schatten, halten den Raum …“
Niva lauscht dem Rhythmus, dem Text.
„Warum singst du das?“, flüstert sie.
Die Großmutter streicht über ihr Kleid, als suche sie eine Naht, die es nicht mehr gibt.
„Weil mir die Grenzen fehlen.“
„Das versteh ich nicht. Papa meint, wir brauchen keine.“
Die Großmutter nickt wissend. Ihre Stimme ist weich und schwer zugleich.
„Linien verschwinden nicht, nur weil man sie nicht mehr sehen will.“
Niva rückt näher. „Ist das ein altes Lied? Ich finde es wunderschön.“
„Sehr alt“, murmelt die Frau. „Älter als ich. Älter als unsere Welt 2.0.“
Der Fluss kräuselt sich. Nicht vom Wind. Von etwas Tieferem.
Niva bemerkt es nicht. Sie zieht mit einem Stock eine Spur in den Sand.
„Und … kommt es zurück?“
Die Großmutter neigt den Kopf, als würde sie lauschen – nicht ihren Worten, sondern dem Fluss. Ihre Stimme klingt, als würde sie dem Fluss antworten.
„Manches war nie fort.“
Ein Wind streicht über das Wasser. Die Oberfläche atmet kurz ein – ein Zögern im Fluss, beinahe ein Flüstern.
„Ja, so ist es.“ Die Großmutter legt den Arm um Niva.
„Komm.“
Ihre Hand ist warm.
„Wenn du magst, bringe ich dir das Lied bei.“
Der Fluss hält inne. Einen Atemzug lang. Dann zieht ein Schatten unter der Oberfläche vorbei – zu schnell für Niva, doch nicht für die Großmutter. Sie lächelt.
Während sie gehen, summt das Wasser die letzte Zeile weiter – leise, tief, wie eine Erinnerung, die sich selbst nicht vergessen will.








