Kora - Der Anfang
Mein Leben begann am 15. Juni. Ich war ein absolutes Wunschkind. Meine Eltern hatten schon seit zwei Jahren versucht, ein Kind zu bekommen. Ich hatte die liebevollsten Eltern, die es gab – das wurde mir jedenfalls von allen Seiten immer wieder bestätigt. Als Kind sieht man das manchmal ja anders. Jedenfalls war ich ihr Lebensmittelpunkt.
Die Augen hatte ich von meiner Mutter: dunkelblaue Augen, die je nach Licht und Stimmung fast schwarz wirken konnten. Meine Haarfarbe hingegen kam mehr nach meinem Vater, der mittelblonde Haare hatte. Meine waren dunkelblond. Alle sagten mir immer wieder, dass ich einmal genau so hübsch wie meine Mutter werden würde. Sie war wirklich sehr hübsch – zierlich, mit einem Lächeln, das nie ganz verschwand. Man sah ihr das Alter nicht an, als hätte die Zeit beschlossen, sie zu verschonen. Ihr braunes Haar trug sie stets lang.
Jahrelang versuchten meine Eltern, ein zweites Kind zu bekommen, doch es klappte nicht. Als sie schon fast aufgegeben hatten, kam plötzlich – achteinhalb Jahre nach meiner Geburt – meine lang ersehnte Schwester Serena, am 20. November zur Welt. Meine Eltern waren überglücklich, und ich stolz, weil ich helfen durfte, wo ich nur konnte. Eifersüchtig auf meine Schwester war ich nie. Ich hatte mir ja selbst ein Geschwisterchen gewünscht. Trotzdem war es eine ganz schöne Umstellung, nicht mehr allein im Mittelpunkt meiner Eltern zu stehen – das muss ich zugeben.
Serena sah unserer Mutter ebenfalls sehr ähnlich, obwohl ihre Augen hellblau und ihre Haare mittelblond waren. Die Ähnlichkeit lag, wie bei mir, in der Gesichtsform. Unser Vater sagte immer zu Serena, dass sie ihre Augenfarbe von seiner Mutter habe. Es stimmte: Oma hatte ebenfalls hellblaue Augen.
Nachdem sie so lange für zwei Kinder gebraucht hatten, beschlossen meine Eltern, es dabei zu belassen. Wir waren glücklich und zufrieden und dachten, es würde immer so bleiben.
Doch dann kam die Überraschung. Meine Mutter war zum dritten Mal schwanger – ungeplant, ein kleines Wunder, das eigentlich gar nicht mehr passieren sollte. Sie wollten das Kind trotzdem bekommen, obwohl es ein Risiko war. Schließlich waren meine Eltern beide schon Ende dreißig; für eine dritte Schwangerschaft galten sie fast als alt.
Als mein Bruder Lukas geboren wurde, war ich dreizehn und meine Schwester vier Jahre alt. Das Kind war zum Glück gesund. Aber die Schwangerschaft hatte trotzdem ungeahnte Folgen. Noch im selben Jahr, bei einer Routineuntersuchung, kam der Schock: Meine Mutter hatte Gebärmutterkrebs. Sofort unternahmen die Ärzte alles, um ihr zu helfen, doch der Krebs hatte schon gestreut. Er war zu lange unbemerkt geblieben.
Ab dem Herbst lag sie nur noch im Krankenhaus – ohne Haare und mit immer weniger Hoffnung. Für uns begann eine schwere Zeit. Immer wieder musste ich meinem überforderten Vater mit meinen Geschwistern helfen: Serena zum Kindergarten bringen, Lukas wickeln und füttern. Fast täglich kamen meine Großeltern am Nachmittag zur Unterstützung.
Alle zwei Tage fuhren wir ins Krankenhaus. Es war jedes Mal schrecklich, meine Mutter so zu sehen. Sie spielte die Starke, doch ich sah genau, wenn sie meinen Bruder im Arm hielt, dass sie kurz vor dem Zusammenbruch stand. Meiner Schwester versprach sie jedes Mal, dass sie bald nach Hause kommen würde. Doch sie kam nicht mehr nach Hause. Nur zu Geburtstagen sahen wir sie außerhalb des Krankenhauses – eine Frau, die ein Schatten ihrer selbst war.
Sie war immer schlank und zierlich gewesen, doch das, was wir nun sahen, hatte nichts mehr mit zierlich zu tun. Eine bleiche, schwache, ausgemagerte Frau – vom Krebs und den Medikamenten gezeichnet, ihrer Kraft beraubt. Von ihrer ständigen, fast schon nervigen, ewig währenden guten Laune und Lebensfreude war nichts übrig geblieben.
Im Sommer war ihr – zum Glück kurzer – Leidensweg zu Ende. Sie muss gespürt haben, dass der Tod sie holen kommen würde. Bei einem unserer letzten Besuche sagte sie zu meiner Schwester: „Du wirst einmal ganz hübsch werden. Du wirst groß und stark, versprichst du mir das? Du kannst alles schaffen, auch wenn deine Mama nicht mehr da ist, ja?“ Serena nickte und weinte: „Aber Mama, du wirst wieder gesund und kommst nach Hause. Das hast du immer versprochen.“ „Ja, mein Schatz. Jetzt geh raus zu Oma. Und hör immer auf deinen Vater, deine Großeltern und deine große Schwester, ja?“ „Mhm“, hatte Serena nur genickt und war hinausgegangen.
Zu Lukas, der auf ihrem Schoß saß, sagte sie: „Es tut mir ja so leid. Ich kann nicht sehen, wie du aufwächst. Ich kann nicht für dich da sein.“ Sie drückte ihn ganz fest an sich. „Mama weint“, sagte Lukas, der aufgrund seines Alters noch nicht alles verstehen konnte. Meine Mutter nickte nur. „Nicht weinen, Mama“, befahl Lukas mit ernster Stimme.
Ich sagte zu ihr: „Mama, hör auf. Du redest so, als würdest du sterben. Du darfst nicht sterben.“ Meine Mutter legte ihre Hand auf meine Wange. „Meine Große. Du bist so ein hübsches Mädchen geworden. Ich bin sehr stolz auf dich. Du musst jetzt ein ganz starkes Mädchen sein, hörst du? Schließlich muss jemand dem Papa helfen, auf deine Geschwister aufzupassen, wenn ich es nicht mehr kann.“ „Aber du wirst es können!“ „Meine Große, ich habe vor dir nie ein Geheimnis um meinen Zustand gemacht. Du weißt, dass es unwahrscheinlich ist. Bitte pass auf deine Geschwister auf – und gib ihnen alles weiter, was ich dir gegeben habe. Versprich es mir.“ Ich nickte. „Alles, was du willst.“
Meine Mutter starb mit vierzig Jahren – und hinterließ einen verzweifelten Ehemann mit drei Kindern (15, 6 und 2 Jahre alt).
Besonders hart traf der Tod meine Großeltern mütterlicherseits. Wer sieht schon gern, wie das eigene Kind vor einem stirbt?
Mein Vater kam über seine Trauer überhaupt nicht hinweg. Er flüchtete sich in die Arbeit. Wenn er zu Hause war, kümmerte er sich kaum noch um uns. Schon vor dem Tod meiner Mutter hatte ich ihn oft in der Küche sitzen sehen – mit Bierflaschen in der Hand. Manchmal lallte er meinen Opa voll und weinte dabei.
Meine Großeltern väterlicherseits, die damals schon bei uns wohnten, wollten nicht, dass ich seine Abstürze – wie ich sie heute nenne – mitbekam. Sie gaben mir Aufgaben, schickten mich weg oder schlossen die Küchentür, wenn sie mich sahen.
Einmal aber ging ich zu meinem Vater und schrie ihn weinend an. Ich fragte ihn, was er da tat, wann er endlich wieder für uns da sein würde, und warum er mich so im Stich ließ. Er sah mich lange an, dann nahm er mich in den Arm und sagte bloß, dass ich aussähe wie meine Mutter.
„Papa! Papa, hör mir doch zu!“, flehte ich, während ich versuchte, mich aus seinem Griff zu befreien. Opa war angelaufen gekommen und hatte mich zu Oma hinausgeschoben – raus aus der Küche, weg von ihm.
Ich musste lernen, dass mein Vater, der mich immer beschützt hatte, das nicht mehr tun würde. Ich wurde die Große, der Halt für meine Geschwister – weil es sonst niemand mehr tat. Ich stellte meine eigenen Gefühle hinten an und ließ sie nur dann zu, wenn ich allein war, wenn ich niemanden damit verletzen konnte.
Anfangs vertraute ich mich noch meinen Großeltern an. Aber auch sie waren gefangen in ihrer eigenen Ratlosigkeit und Überforderung. Meine Geschwister waren noch so klein – sie brauchten unsere Großeltern mehr als ich. Ich war ja schon groß.
Der nächste harte Einschnitt in meinem Leben kam kurz nach Weihnachten: Mein Vater ging – und kam nicht mehr wieder.
Er sagte zu uns, bevor er ging, dass wir ihn zu sehr an Rita, meine Mutter, erinnern würden, und dass er es nicht mehr aushalten könne, in diesem Haus zu leben. Ich schrie, dass wir alle zusammen umziehen könnten, dass alles wieder gut werden würde, wenn er sich endlich helfen ließe. Ich erinnerte ihn daran, dass er Mama versprochen hatte, sich um uns zu kümmern – und dass er endlich damit anfangen sollte, statt sich feige zu verpissen.
Aber er sagte nur zu Serena: „Mach’s gut, Kleine. Irgendwann komme ich wieder. Ich brauche jetzt etwas Zeit für mich.“ Und dann war er verschwunden.
Du denkst jetzt bestimmt: Lass den blöden Alten doch gehen. Aber mit fünfzehn ist man nicht erwachsen. Und auch wenn es keiner zugeben will – man braucht seine Eltern in dem Alter noch. Gerade dann, wenn man vor kurzem schon seine Mutter verloren hat.
Keiner von uns dreien verstand die Welt mehr. Meine Geschwister weinten und schrien ihre Verzweiflung heraus. Sie wollten wissen, warum auch noch Papa ging – aber ich konnte es ihnen nicht erklären. Niemand konnte das. Ich verstand es selbst nicht.
Wir fielen geschockt in ein tiefes Loch, und ich fühlte mich mit einer großen Last allein gelassen. Wütend war ich schon länger auf meinen Vater gewesen – aber nun wandelte sich die Wut in Hass. Wie konnte er uns allein lassen? Wie konnte er einfach gehen? Konnte er uns überhaupt lieben?
Mein Vater – mein Papa – starb in dem Moment, als er uns den Rücken kehrte und die Haustür hinter sich schloss.
Der Rest unserer Familie – besonders meine Großeltern – war in dieser Zeit immer für uns da. Sie gaben uns Halt, so gut sie konnten. Aber auch für sie war es schwer, all das zu verarbeiten.
Trotz allem fühlten wir uns unendlich allein gelassen – so ankerlos, so ungeliebt, so verstoßen. Dieses Gefühl konnte uns niemand nehmen. Ich versuchte mein Bestes, um es für meine Geschwister erträglich zu machen. Doch das war nicht genug. Es konnte gar nicht genug sein.
In der Schule sackte ich schon seit der Erkrankung meiner Mutter ab. Aber es interessierte mich auch nicht mehr. Oft blieb ich zu Hause, statt hinzugehen. Oma schrieb mir jedes Mal eine Entschuldigung, weil sie es nicht übers Herz brachte, mich zu zwingen.
Auch Serena war schlecht in der Schule – unaufmerksam, still, abwesend. Die Versetzung schafften wir beide nur, weil die Lehrer Mitleid hatten und unsere Familie sich so viel Mühe gab. Meine Großeltern setzten sich mit uns hin, machten mit uns Aufgaben, redeten mit den Lehrern. Auch meine Freundinnen halfen mir oft, damit ich wenigstens Hausaufgaben vorzeigen konnte.
Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich Klassenarbeiten allein mit dem Lehrer nachgeschrieben habe – nur, um irgendwie eine Vier zu bekommen.
Auch das nächste Jahr wurde nicht besser. Meine Familie zerstritt sich mit meinem Vater, weil er nicht zurückkam – weil er ein Feigling war.
Mein Opa wurde aus Enttäuschung über seinen Sohn sehr krank und starb mit dem hereinbrechenden Frühling an einem Herzinfarkt, im Alter von zweiundsiebzig Jahren. Noch ein geliebter Mensch, den ich beerdigte. Noch jemand, um den ich weinte.
Meine Schwester glaubte mittlerweile an einen Fluch, der auf uns lag. Aber nicht nur wir waren getroffen – auch Oma und der Rest der Familie waren am Boden zerstört.
Mit dem Tag der Beerdigung wuchs mein Hass auf meinen Erzeuger. Ich hasste ihn dafür, dass er sein Versprechen gegenüber meiner Mutter gebrochen hatte. Dafür, dass er uns im Stich gelassen hatte. Dafür, dass Opa wegen ihm krank geworden war. Dafür, dass ich wegen ihm so oft hatte weinen müssen. Dafür, dass meine Geschwister ohne Elternteil aufwachsen mussten. Dafür, dass wir es so schwer hatten. Dafür, dass mir die Schule so egal geworden war. Und dafür, dass Oma sich so aufopfern musste.
Es war auch der Tag, an dem ich beschloss, mein Versprechen nie zu brechen: Ich würde auf meine Geschwister aufpassen. Ich würde sie beschützen – und das, wenn es sein müsste, bis zum Tod.
Ich schwor mir, mich nie so feige zu verkriechen wie mein Erzeuger. Und ich schwor, ihn nie wieder Vater oder Papa zu nennen. Denn mein Vater war einmal ein anderer Mann gewesen.








