Kapitel 1 - Ankunft
Der Bus fährt über eine Straße, die mehr rote Erde als Asphalt ist. Überall liegt dieser feine, trockene Staub, der bei jeder Berührung aufsteigt und wie ein Schleier über allem liegt. Die Hitze drückt vom Himmel herab wie eine schwere Decke; sie ist nicht mehr die saubere, gebügelte Wärme eines deutschen Sommers, sondern eine rohe, klebrige Präsenz, die an den Lippen haftet und die Luft flimmern lässt. Die Fenster sind offen, aber auch das ändert nichts daran, dass die Luft heiß bleibt, als sei sie in einem großen Ofen durch gewalzt worden.
Leonhard streckt den Kopf aus dem Fenster und lacht in einer Art, die selbst die Staub getränkte Ebene zu erfreuen scheint. Seine Stimme hat einen rauen Glanz bekommen, das Lachen einen Plan, eine Karte, die auf den Tisch gelegt wird.
„Stell dir das vor, Elsa, 200 Hektar, wenn wir Glück haben. Weidezäune, ein richtiges Gehöft. Keine Nachbarn, die uns vorschreiben, wann wir Rasen mähen müssen.“ Er klopft mit der flachen Hand gegen die Metallseite des Busses, als wolle er das Land wecken. In seinen Augen glitzert der Pioniergeist; die Jahre der Planung, die Karten auf dem Küchentisch, die Abendgespräche mit Bier und großen Plänen – all das findet in diesem Moment seinen Atemzug.
Elsa schaut nicht hinaus. Ihre Hände sind in ihrem Schoß gefaltet, die Finger kreisen nervös an einem weißen Taschentuch. Sie sieht die Gebirge in der Ferne, die flimmernden Linien am Horizont, die Akazien, die wie vereinzelte Denkmäler stehen, und in ihrem Kopf sitzt das Bild von Dortmund: graue Straßen, der Kiosk an der Ecke, die Bäckerei mit dem Namen, den sie nie ganz richtig ausspricht. Sie hat ihre Bücher verkauft, den braunen, verzierten Fußabtreter verschenkt, die Nachbarin weinte halbwegs bei der Verabschiedung. Sie hatte gehofft, die Traurigkeit hinter sich zu lassen wie eine alte Jacke – stattdessen fühlt sie, wie etwas Neues an die Stelle tritt: die Einsamkeit der Fremde.
„Ich weiß nicht, ob das gut ist“, sagt sie leise, halb zu sich, halb zu ihm. „Was, wenn wir uns hier verlaufen?“ Sie stellt die Worte wie eine Frage in die Luft, aber der Bus saugt sie nicht auf. Sie haben kein Netz, sagt ihr der Gedanke, kein vertrautes Rückwegfähnchen.
Marjorie sitzt zwischen ihnen, die Beine eng an den Körper gezogen, das Haar in einem unordentlichen Zopf geknotet. Zehn Jahre, sagt ihr Pass, zehn Jahre, sagt die Lehrerin, zehn Jahre, sagt die Welt, die sie verlassen haben. Sie beobachtet. Nicht viel. Der Blick ist ruhig, fast reserviert, als wäre sie die Einzige, die eine Fremdheit nicht mit Lärm bekämpft, sondern still anschaut. Die Steppe wirkt auf sie wie ein ganz anderes Buch, dessen Seiten sich ohne Überschrift drehen. Dort ist keine Vertrautheit, keine zuvor betretene Treppe, kein Klassenraum mit Tischen in Reih und Glied. Die Menschen, die jetzt aus dem Bus aussteigen und sich strecken und pfeifend die Hitze weg winken, sind fremd genug, aber es ist die Landschaft, die ihr ein Gefühl gibt, das größer ist als Heimweh: Entfremdung.
Auf dem Hof steht bereits ein Mann mit sonnenverbrannter Haut, der winkt und sich bemüht, freundlich zu sein. Er kommt aus der Gegend, sein Gelächter ist rau, aber irgendwie echt.
Leonhard steigt aus, seine Bewegungen sind schnell, zielgerichtet; er nimmt den Mann in die Hand, redet laut, macht Pläne mit Worten, die wie Schaufeln klingen. „Wenn der Boden mitspielt, pflanzen wir dort Sorghum, vielleicht ein paar Obstbäume dort drüben. Schau dir die Aussicht an!“, sagt er, und die Hand des Nachbarn legt sich auf seine Schulter, als sei dies ein Pakt unter Männern, die die Erde als Versprechen begreifen.
Elsa steigt mühsam aus, als trüge sie etwas Unsichtbares mit sich, schwerer als Koffer. Sie atmet die Luft ein: sie schmeckt nach Eisen, nach verbranntem Gras, nach etwas Altbekanntem und Fremdem gleichzeitig. Ihre Knie zittern nicht, aber das Herz fühlt sich wie ein kleiner Vogel an, der in einer neuen Voliere schlägt. Sie versucht zu lächeln – für Leonhard, für Marjorie, für sich selbst – doch das Lächeln ist wie ein Briefumschlag ohne Text.
Marjorie bleibt sitzen, bis Leonhard sie ruft. Dann steht sie auf, zieht die kleine Tasche über die Schulter, die ihr als Handgepäck geblieben ist, und folgt. Die ersten Schritte über den roten Staub lassen kleine Wölkchen aufsteigen, die wie Erinnerungen zurückbleiben. Sie sammelt Momente wie Kiesel: das Kreischen einer Möwe, das Knirschen der Steine, das leise Rascheln von getrocknetem Gras. Ihre Nasenflügel weiten sich, die Augen nehmen Details auf, die vielleicht einmal wichtig sein werden: die gelblich-braune Färbung der Akazienrinde, die Art, wie der Wind kleine Wirbel aus Sand formt, die scharfe Silhouette eines weit entfernten Gebirges.
Die ersten Tage sind ein Knoten aus Anpassung und Ungeduld. Leonhard ist eine Maschine der Umwandlung: Pläne, Lärm, Zäune, Maschinen, Bestellungen aus Katalogen, Versprechen an sich selbst, dass das alles schweres, sinnvolles Arbeiten ist. Er spricht mit jedem, der zuhört, organisiert, rechnet und zeigt Karten. Sein Kopf ist erfüllt von Linien, die er in die Landschaft ziehen will: Ein Zaun hier, ein Wasserloch dort, ein Hektar für Futter, ein Platz für ein Gewächshaus.
„Wir machen es richtig, Elsa. Keine halben Sachen. Wir lassen uns hier etwas wachsen, das uns gehört.“
Er sagt es ohne Bitterkeit, mit einer Art Überzeugung, die ansteckend ist, und die Männer vom Nachbarhof nicken und klopfen ihm auf die Schulter.
Elsa hört zu, aber ihre Gedanken sind wie zwei Kinder, die in verschiedene Richtungen zerren. Ein Teil von ihr bewundert ihn – seine Energie, seine Klarheit – ein anderer Teil ist wie ein verborgener Brunnen, dessen Wasser trüb ist. Sie hat die Landwirtschaft nicht gelernt wie er. Sie weiß, wie man einen Haushalt führt, wie man Kartoffeln kocht, wie man das Geld einteilt – aber in einer Welt, wo der Regen entscheidet, wie ein Jahr vergeht, fühlt sie sich klein. Die Farbe des Himmels hier ist anders, die Sprache der Leute ist anders, und in ihrem Inneren wachsen Fragen, die kein Mann leichtfertig mit einer Raute von Plänen beantworten kann: Was, wenn das Scheitern nicht nur Verlust ist, sondern ein Weg, den man nicht mehr zurückverfolgen kann?
„Du musst den Leuten hier vertrauen“, sagt Leonhard einmal, als sie abends auf der Veranda sitzen und der Himmel wie ein riesiges, glühendes Lineal über ihnen liegt. „Sie kennen Land, sie kennen Regenzeiten. Wir lernen. Wir sind nicht mehr in Dortmund, aber das heißt nicht, dass wir allein sind.“
Elsa dreht den Finger um den Rand des Bechers, aus dem sie schlürft, als sei es ein Taschentuch, das sie mustert. „Ich weiß“, sagt sie, „aber ich habe Angst.“ Es ist keine dramatische Angst. Es ist eine leise, tiefe Sorge, die sich anfühlt wie eine alte Narbe, die bei Regen wieder schmerzt. „Ich habe Angst wegen Marjorie. Sie ist noch klein. Und wir sind fremd hier. Was, wenn sie nicht zurechtkommt? Was, wenn ich scheitere, sie an ein Land verliere, das wir nicht gewählt haben, und sie dann…“
Leonhard legt die Hand auf ihre und sieht sie mit seinen dunklen Augen tief an. Er versucht, sie zu beruhigen, mit Worten, die mehr nach Logik klingen als nach Trost.
„Elsa, du bist stark. Du wirst das lernen. Und Marjorie – sie ist ein hartes Kind. Sie ist neugierig. Gib ihr Zeit.“
Marjorie hört das Gespräch, aber sie sagt nichts. Sie ist nicht trotzig, nicht diesmal; sie fühlt sich eher wie ein Beobachter, ein kleines Gespenst, das durch die Räume der neuen Welt schwebt, registriert, sammelt. Der erste Abend auf dem Hof vergeht in einer Art vagen Erwartens. Die Möbel sind aufgestellt, die Betten gemacht, die Lampen leuchten in einem Licht, das nicht ganz vertraut ist. In ihrem Kopf ist das Zimmer wie eine Bühne, auf der sie nur Statistin ist.
In der Dunkelheit aber verändert die Steppe ihr Gesicht. Wenn die Sonne fällt, wird die Hitze nicht minder – sie legt sich wie ein Abschiedskuss über die Landschaft. Die Geräusche jedoch verändern sich: ein fernes Trommeln der Nacht, das Atmen der Tiere, die das Tageslicht meiden. Die Hyänen sind das Erste, was Marjorie aufschrecken lässt. In der Ferne, entlang der Dunkelheit, heulen sie in einer Kakophonie, die wie Gelächter und Hunger zugleich klingt. Es gibt etwas Urzeitliches in diesem Rufen, etwas, das die Haut kühlt, das die Zeit dehnt. Marjorie zieht die Decke bis zum Kinn, hört die Stimmen der Erwachsenen nach, die leiser werden, und dann sind da nur noch die Hyänen.
Die Nacht ist lang. Sie liegt auf dem Rücken und starrt an die Decke, wo die Schatten der Äste sich abspielen wie Pflanzen auf einem Aquariumglas. Sie denkt an ihr Zimmer in Dortmund, an die Poster an der Wand, die Buchrücken, den warmen Geruch nach frisch gewaschenem Leinen. Sie denkt an den letzten Abend dort, an die Nachbarin, die ihr einen Kuss auf die Stirn gedrückt hat, und an den Nachbarjungen, der ihr zuzwinkerte. Die Erinnerungen sind wie kleine Boote, die auf einem großen, fremden Fluss treiben. Sie möchte sie an Land tragen, aber die Strömung ist stark.
Am nächsten Morgen ist alles anders – nicht besser, nicht schlechter, nur neu gezeichnet. Die Arbeit beginnt früh. Leonhard steht auf, als habe er einen Wecker im Blut; er schüttelt den Schlaf aus sich, zieht die Ärmel hoch und stürzt zur Arbeit. Elsa bewegt sich langsamer, aber zielstrebig; sie beginnt, Vorräte zu ordnen, den Kühlschrank zu inspizieren, Maßnahmen zu treffen, um den Haushalt in diesem fremden Rhythmus zu halten. Marjorie hilft, aber sie tut es mechanisch. Ihre Augen scheinen weiter zu sein als ihre Pflichten.
Die Tage werden zu einem Geflecht aus kleinen Punkten – der Zaun, der repariert werden muss; das Wasserfass, das neu installiert werden muss; die Gespräche mit dem Nachbarn über Wetter und Schafe; die Kinder im Dorf, die neugierig, aber vorsichtig sind. Jedes Gespräch mit den Einheimischen ist ein kleines Abenteuer, ein Balancieren zwischen Höflichkeit, Stolz und der Angst, Fehler zu machen. Elsa bemüht sich, die Wörter zu formen, die man hier spricht, doch die Grammatik liegt nicht in ihrer Zunge wie ein vertrautes Schlüsselbund. Die Fremdsprache ist eine Wand, die sie beobachtet, anstatt sie zu durchbrechen.
„Willst du mit zum Markt?“, fragt Leonhard an einem Nachmittag. Seine Stimme ist freundlich, aber es klingt auch wie eine Einladung in eine neue Rolle: der Partner, der gefallen will, der Macher.
Elsa überlegt. Die Vorstellung, Menschen zu sehen, mit denen sie vielleicht etwas gemeinsam hat – Frauen, die verstehen, wie es ist, alleine zu stehen in einem fremden Land – reizt sie. Gleichzeitig ist da noch immer die Sorge um Marjorie. „Wirst du auf sie aufpassen?“, fragt sie.
„Natürlich“, antwortet Leonhard, aber in der Art, wie er das sagt, klingt eine leichte Ungeduld mit: die Ungeduld eines Mannes, der Arbeit sieht, wo eine Frau Kummer spürt. Es ist kein bewusstes Kränken, aber es formt eine Linie, die dünn ist und doch deutlich: Er begreift die Notwendigkeit der Dinge; sie begreift die seelischen Nöte. Die Welt wartet nicht auf Gefühle, schnurrt er in Gedanken, und diese Diskrepanz beginnt, still, aber stetig, zwischen ihnen zu wachsen.
In den folgenden Abenden kommen kleine Missverständnisse auf. Ein Wort wird zu einer Spitze, ein Blick zu einem Abgrund. Leonhard meint, dass Elsa zu ängstlich ist; Elsa meint, dass Leonhard ihre Sorgen nicht sieht. Beide sind müde, beide wünschen sich eine einfache Lösung, beide fühlen sich unverstanden. Die Risse sind nicht laut – sie sind die Art Risse, die entstehen, wenn zwei Menschen verschiedene Karten derselben Welt in den Händen halten. Marjorie sitzt dazwischen wie ein drittes Papier, das noch nicht mit der Tinte beschrieben ist. Sie hört das Klirren der Tassen, das Gemurmel, die beinahe höflichen Zischlaute, und sie weiß, dass sich etwas ändert, etwas, das wachsen wird, wenn niemand es benennt.
Beim Einschlafen an diesem Abend hört sie wieder das Heulen der Hyänen, aber es ist nicht mehr nur Angst. Es ist ein Ton, der ihr etwas über die Welt sagt: dass sie nicht nur aus sicheren Gassen und bekannten Namen besteht, sondern dass draußen Dinge sind, die laut sind, die gefährlich sind, die aber auch die Rohheit des Lebens zeigen. Es ist ein Trost und eine Warnung zugleich.
Die Nacht senkt sich, und die Sterne blinken wie kleine Fragen. Die Familie Jensen liegt in getrennten Betten, unter derselben Decke, doch der Raum dazwischen ist dicht mit unausgesprochenen Sätzen. Die Reise hat begonnen, und mit ihr auch die Prüfungen: die Prüfung der Geduld, die Prüfung der Liebe, die Prüfung der Anpassung. Die Steppe atmet, und mit jedem Atemzug legt sie auf ihre neue Heimat etwas von ihrem eigenen Geruch: roter Staub, heißer Wind, eine Weite, die fordert.
Marjorie legt die Hand auf die Bettdecke, als ob sie etwas tasten möchte, das sie noch nicht gefunden hat. Sie schließt die Augen, und hinter den Lidern zieht ein Panorama vorbei: ein roter Horizont, eine Löwin in der Ferne, ein Kind, das nicht schreit. Sie legt ihren Kopf auf das Kissen und hört, wie die Nacht ihr erzählt, geduldig und hart zugleich, vom Leben, das nicht immer in geordneten Plänen verläuft. Und irgendwo, weit draußen, antwortet ein Rudel Hyänen mit einem Lachen, das sie in der Tiefe der Nacht wach hält – nicht aus Angst allein, sondern weil die Welt größer ist, als die Karten es je gezeigt haben.








