Meyra A Vampire Chronicle by Elias J. Connor at Inkitt
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Meyra - A vampire chronicle

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Summary

Zwischen Dunkelheit und Menschlichkeit liegt eine Entscheidung, die alles verändert. Als Meyra sich von ihrer uralten Vampirdynastie lossagt, bricht sie das höchste Gesetz ihres Clans: die Reinheit des Blutes. An ihrer Seite steht Kieran – einst Mensch, nun unsterblich – und die eine Wahrheit, die gefährlicher ist als jede Jagd: ihre Liebe. Gejagt von ihrem eigenen Bruder Lucien, verfolgt von einem erbarmungslosen Vampirjäger und gefangen zwischen Vergangenheit und Zukunft, fliehen Meyra und Kieran in die Schatten der Welt. Dort versuchen sie, ein Leben zu führen, das es nicht geben dürfte – ohne menschliches Blut, ohne Opfer, ohne die Grausamkeit, die ihre Art seit Jahrhunderten prägt. Doch als ihr Sohn Luval geboren wird, verändert sich alles. Denn er ist mehr als nur ein Kind. Er ist ein Symbol. Eine Bedrohung. Eine Hoffnung. Als die alte Dynastie zuschlägt und Luval entreißt, beginnt ein Krieg, der nicht nur Blut fordert, sondern Entscheidungen, die die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen lassen. Verbündete tauchen aus der Dunkelheit auf, während alte Feinde zu unerwarteten Schlüsselfiguren werden. Im Herzen eines verborgenen Schlosses entscheidet sich das Schicksal aller: Wird die Vergangenheit sie einholen – oder können Meyra und Kieran eine neue Ordnung erschaffen? Eine Welt, in der Vampire nicht herrschen, sondern beschützen? „Meyra – A Vampire Chronicle“ ist eine epische Geschichte über Liebe, Opfer und die Frage, ob selbst in der tiefsten Dunkelheit noch Menschlichkeit existieren kann.

Status
Complete
Chapters
25
Rating
n/a
Age Rating
16+

Kapitel 1 - Das Versprechen

Der Morgen hängt wie ein feuchtes Seidentuch zwischen den Bäumen, als das Schloss am Waldrand aus dem Nebel auftaucht. Es ist kein Schloss aus Märchen, eher eines, das die Welt vergessen hat: niedrigere Türme, deren Zinnen bröckeln, ein Torbogen, an dem Efeu wie eine grüne Ader hochkriecht, Fensterläden, die bei Wind leise klappern. Das Mauerwerk trägt dunkle Flecken von Regen, der über Jahre darin gesessen hat, und aus manchen Fugen wächst Moos, als wolle die Natur das Gemäuer zurückholen.

Doch innen ist Wärme. Nicht die Wärme eines großen Reichtums, sondern die, die entsteht, wenn zwei Wesen, die längst nicht mehr sterblich sein dürften, sich entschieden haben, wieder zu leben wie Menschen. Der Geruch von Holz, das im Kamin verglimmt, mischt sich mit dem Duft von getrocknetem Salbei und frischer Erde. Aus der Küche dringt das Kratzen eines Messers über Holz, leise und geduldig, und irgendwo im oberen Stock knarzt eine Diele, weil sich jemand im Schlaf umdreht.

Meyra ist schon wach, bevor die Sonne die Kronen der Eichen nur ahnt. Die Nacht ist ihr Element, doch sie hat sich angewöhnt, in den frühen Stunden aufzustehen, als wäre sie es sich selbst schuldig, dem Tag wenigstens mit offenen Augen zu begegnen. Sie sitzt am Fenstersims eines niedrigen Zimmers, das früher vielleicht ein Studierzimmer gewesen ist, heute aber mehr einer Werkstatt gleicht: Bücherstapel, Pergament, kleine Kästchen mit Kreide, Kohle, getrockneten Kräutern, ein Mörser, ein Beutel mit Salz. Auf dem Boden liegt ein alter Teppich, an manchen Stellen blank getreten.

Sie zeichnet Runen.

Nicht hastig, nicht wie ein Zaubertrick, sondern langsam, als würde jede Linie einen Gedanken in Stein meißeln. Ihre Fingerspitzen sind schwarz von Kohle. Eine einzelne Kerze brennt, obwohl draußen bereits Grau in den Himmel steigt. Das Licht flackert, und in diesem Flackern wirkt Meyras Gesicht jünger und älter zugleich: die Züge einer Neunzehnjährigen, die sie einmal war, und dahinter eine Tiefe, die nicht zu einem menschlichen Leben passt.

Ein Geräusch aus dem Flur. Schritte, schwer und vertraut.

„Du bist schon wieder bei den Zeichen“, sagt Kieran im Türrahmen. Seine Stimme ist noch rau vom Schlaf, doch sie trägt dieses warme Holz, das Meyra immer beruhigt hat. Er trägt eine einfache Jogginghose, ein altes T-Shirt, und seine dunklen Haare stehen in wirren Strähnen. Er sieht aus wie ein Mann, der gerade aufgestanden ist – und doch sind seine Bewegungen zu still, zu präzise, als würde etwas in ihm immer wach bleiben.

Meyra legt die Kreide ab, ohne aufzusehen. „Schon wieder“, wiederholt sie leise, als würde sie das Wort kosten. „Als gäbe es ein ‚zu viel‘ an Vorsicht.“

Kieran tritt näher, beugt sich über ihren Tisch und betrachtet die Linien. „Was ist das?“

„Ein Bannkreis. Kein großer.“ Sie tippt mit dem Finger auf das Zentrum. „Mehr ein… Schleier. Damit das Schloss in den Augen anderer nicht auffällt.“

„Und funktioniert es?“

Meyra lächelt, aber es ist kein fröhliches Lächeln. „Bisher ja.“

Kieran setzt sich auf die Fensterbank neben sie, so nah, dass ihre Schulter seine berührt. Er riecht nach kalter Nacht, nach Holz und dem Rest eines Traums.

„Du schläfst wenig“, sagt er feststellend.

„Ich schlafe genug.“ Meyra schaut endlich zu ihm. In ihren Augen liegt ein sanftes Blau. „Ich … ich mag nur nicht, wenn die Stille zu groß wird.“

„Weil du dann hörst, was du nicht hören willst?“

Meyra antwortet nicht sofort. Draußen kräht ein Vogel. Der Wald atmet.

„Weil ich dann denke“, sagt sie schließlich, „dass alles, was wir haben, zerbrechen könnte, wenn ich nur einen Moment unachtsam bin.“

Kieran nimmt ihre Hand, seine Finger umschließen die Kohle verschmierten Spitzen. „Hey.“

„Was?“

„Du bist nicht allein in deinem Kopf.“

Sie zieht die Hand nicht weg. „Manchmal fühlt es sich so an.“

Kieran schüttelt den Kopf. „Dann fühle ich mich schlecht, weil ich es dir nicht genug zeige.“

Meyra blinzelt. „Du zeigst es mir ständig.“

„Dann zeige ich es dir noch einmal.“ Er beugt sich vor und küsst ihre Stirn. Es ist kein dramatischer Kuss, eher ein kurzer, alltäglicher, wie ein Punkt am Satzende. „Ich bin hier.“

Meyra schließt kurz die Augen. Für einen Moment glaubt sie, sie könne atmen wie früher – bevor alles kompliziert wurde.

Aus dem unteren Stock dringt das Klappern eines Topfes. Kieran räuspert sich. „Ich mache Tee. Und ich wollte später in die Stadt. Für Mehl und Kerzen.“

„Wir haben noch genug Kerzen.“

„Ich weiß.“ Er lächelt schief. „Aber du brennst sie ab, als würdest du ein ganzes Kloster versorgen.“

„Es beruhigt mich.“

„Dann versorge ich dich eben.“ Er steht auf, streckt sich, und als er zur Tür geht, bleibt er stehen. „Und, Meyra?“

„Ja?“

„Du musst nicht alles allein halten.“

Meyra lässt den Blick über die Runen gleiten. „Ich weiß.“

Doch in Wahrheit weiß sie es nicht immer.

Später im Garten ist der Nebel dünner, das Gras glitzert von Tau. Der Garten hinter dem Schloss ist klein, unperfekt, an manchen Stellen wuchern Brombeeren, als hätten sie das Gelände erobert. Kieran hat Beete angelegt, gerade genug, um Gemüse zu ziehen. Meyra hat Kräuter gepflanzt: Salbei, Rosmarin, Beifuß – nicht nur für die Küche, sondern auch für ihre Rituale.

Sie arbeiten schweigend nebeneinander. Kieran harkt den Boden um, Meyra zieht Unkraut aus, ihre Bewegungen sind fließend, fast zu elegant für Gartenarbeit. Ab und zu hebt sie den Kopf und lauscht in den Wald, nicht aus Angst, sondern aus Gewohnheit. Sie hört die Welt anders als er: leise Schritte von Tieren, den Wasserlauf weiter hinten, das entfernte Dröhnen einer Straße.

Kieran bemerkt es. „Du horchst.“

Meyra kniet, zieht einen Wurzelstrang heraus und wirft ihn in den Eimer. „Ich höre.“

„Ist da etwas?“

„Nein.“ Sie schaut zu ihm. „Aber ich höre immer.“

Er nickt, als wäre das eine Antwort, die er kennt. „Und ich sehe immer.“

„Was siehst du?“

„Dich.“ Er grinst, weil er weiß, wie kitschig es klingt.

Meyra schnaubt leise. „Du bist unerträglich.“

„Und du bist wunderschön.“ Kieran richtet sich auf, legt die Hände an die Hüften. „Das gleicht sich aus.“

Meyra wirft ein Stück Erde nach ihm, das an seiner Hose kleben bleibt. Kieran tut, als wäre er getroffen, taumelt dramatisch zurück. Meyra lacht – ein echtes Lachen, hell und kurz, das im Nebel fast fremd wirkt.

Dann verstummt sie wieder. Es ist, als würde ihr Lachen zu schnell daran erinnern, wie selten es geworden ist.

Kieran merkt den Wechsel. Er legt den Harken ab und kommt zu ihr, hockt sich hin. „Meyra.“

„Hm?“

„Sag mir, was du denkst.“

Meyra schaut auf ihre Hände. Die Erde in ihren Fingernägeln ist dunkel. „Ich denke …“ Sie zögert. „Ich denke darüber nach, wie absurd es ist, dass wir Kartoffeln pflanzen.“

Kieran lacht leise. „Absurd?“

„Ja.“ Sie schaut zu den Beeten. „Wir könnten nachts jagen. Wir könnten uns nehmen, was wir brauchen. Wir könnten…“ Sie bricht ab.

„… könnten sein, was sie von uns erwarten“, ergänzt Kieran ruhig.

Meyra nickt. „Aber wir tun es nicht.“

„Weil wir anders sein wollen.“

„Weil wir nicht mehr töten wollen.“

Kieran legt eine Hand auf ihr Knie. „Und weil wir uns haben.“

Meyra blickt zu ihm auf. „Das reicht nicht immer.“

„Es reicht heute“, sagt er. „Und morgen finden wir heraus, wie wir es wieder reichen lassen.“

Meyra schluckt. „Du klingst wie Laura.“

Kieran wird einen Moment still.

„Ich vermisse sie.“

„Ich auch.“ Meyra senkt den Blick. „Und manchmal hasse ich, dass wir weiterleben, während sie…“

„Während sie uns gerettet hat.“ Kieran atmet langsam aus. „Sie hat es getan, damit wir genau das tun: weiterleben. Nicht nur existieren.“

Meyra stimmt ihm zu, doch das Gewicht bleibt in ihrer Brust.

Am späten Vormittag sitzt Kieran in einem der oberen Räume vor seinem Laptop. Das Zimmer war früher vielleicht eine Galerie; ein großes Fenster lässt Tageslicht herein. Kieran hat den Tisch so gestellt, dass er die Baumlinie sieht. Es beruhigt ihn, die Grenzen zu kennen. Neben dem Laptop liegt ein Skizzenbuch, Bleistifte, ein Maßstab – Überbleibsel seiner menschlichen Vergangenheit, die er nicht abstreifen will.

Auf dem Bildschirm erscheinen Gesichter: junge Leute, wache Augen, moderne Wohnungen im Hintergrund. Sie sehen ihn als Dozenten, nicht als Vampir. Und Kieran liebt diese Maskerade, weil sie nicht nur Tarnung ist, sondern ein Stück Normalität.

„Guten Morgen“, sagt er. „Heute geht es um Räume, die Menschen nicht nur beherbergen, sondern schützen.“

Ein Student hebt die Hand. „Meinen Sie … Sicherheitsarchitektur?“

Kieran lächelt. „Ich meine Verantwortung. Eine Tür ist nicht nur eine Tür. Sie ist ein Versprechen. Eine Wand ist nicht nur eine Wand. Sie ist eine Grenze zwischen Gefahr und Geborgenheit.“

Meyra sitzt unten im alten Salon, der zur Bibliothek geworden ist. Sie hört seine Stimme durch die Dielen. Sie versteht nicht alles, was er sagt – nicht, weil sie es nicht könnte, sondern weil sein Leben als Mensch ihr manchmal noch fremd ist. Trotzdem liebt sie den Klang: Kieran, der erklärt, Kieran, der lehrt, Kieran, der sich nicht von der Dunkelheit verschlingen lässt.

Sie widmet sich währenddessen ihren eigenen Studien. Ein Buch liegt offen: ein Band über Runen der Blutbindung, das sie aus London gerettet hat, als sie damals aus dem Schloss fliehen mussten. Die Seiten sind alt, riechen nach Staub und Eisen. In der Ecke ist ein Symbol, das Meyra immer wieder anstarrt: ein Kreis, durchkreuzt von drei Linien – das Zeichen der Nachtwächter.

Sie berührt es mit der Fingerspitze, und ein kurzer Stich fährt durch sie, als hätte das Papier noch Zähne.

„Nicht jetzt“, murmelt sie und schlägt die Seite um.

Neben dem Buch liegt ein Verband, sauber gefaltet. Sie hat ihn gestern gebraucht, als Kieran sich beim Holzspalten die Hand aufgerissen hat. Es ist eine kleine Wunde, für einen Vampir kaum der Rede wert, doch sie haben sich angewöhnt, Dinge menschlich zu behandeln. Kein sofortiges Heilen, kein Wegwischen. Eine Wunde darf wehtun. Sie erinnert.

Als Kieran später die Treppe hinunterkommt, ist sein Unterricht vorbei. Er wirkt entspannt, aber auch müde – nicht körperlich, eher seelisch. Er bleibt in der Tür stehen, sieht Meyra über dem Buch.

„Du bist immer noch da“, sagt er.

„Und du bist fertig.“

„Für heute.“ Kieran setzt sich auf die Armlehne des Sessels, in dem Meyra sitzt, so dass er halb hinter ihr ist. „Was liest du?“

Meyra zögert. „Etwas … Altes.“

„Etwas Gefährliches?“

Sie schüttelt den Kopf, doch ihre Augen verraten Unruhe. „Etwas Erinnerndes.“

Kieran schaut auf die Seite. Er sieht das Symbol. Seine Gesichtszüge verändern sich kaum, aber Meyra spürt, wie er innerlich anspannt.

„Das Zeichen“, sagt er ruhig.

Meyra schließt das Buch. „Ja.“

„Warum tust du dir das an?“

„Weil sie existieren.“ Meyra hebt den Blick. „Und solange sie existieren, sind wir nicht wirklich frei.“

Kieran schweigt einen Moment. „Ich dachte, wir sind frei.“

„Wir sind…“ Meyra sucht nach dem Wort. „Wir sind nicht in Ketten. Aber Freiheit ist mehr als keine Ketten.“

Kieran rutscht von der Armlehne, kniet sich vor sie. „Dann sag mir, was Freiheit für dich ist.“

Meyra schaut ihm in die Augen.

„Ein Leben, in dem ich nicht ständig befürchte, dass jemand die Tür aufreißt.“

Kierans Blick wird weich. „Dann bauen wir uns ein Leben, in dem niemand diese Tür findet.“

„Wir versuchen es doch.“

„Dann versuchen wir es weiter.“

Meyra streicht über seine Wange. „Du bist so…“ Sie lächelt kurz. „So menschlich.“

Kieran legt seine Hand über ihre. „Und du bist so stark. Dass du überhaupt noch an Menschlichkeit glaubst.“

Meyra schluckt. „Ich glaube daran, weil ich sie bei dir sehe.“

Kieran beugt sich vor, küsst ihre Finger. „Und ich sehe sie bei dir.“

Am Nachmittag gehen sie in die Stadt. Es ist ein kleiner Ort, nicht weit vom Waldrand, mit einer alten Kirche, einem Bäcker, einem kleinen Laden, in dem es alles gibt und nichts. Die Menschen hier kennen einander, aber sie sind auch daran gewöhnt, dass Fremde ab und zu auftauchen. Ein Paar, das in einem alten Schloss wohnt, ist vielleicht merkwürdig, aber nicht so merkwürdig, dass man Fragen stellt. Zumindest hoffen Meyra und Kieran das.

Meyra trägt einen Mantel, die Kapuze tief.

Kieran trägt eine einfache Jacke, seine Schultern wirken breiter als in London, weil er mehr körperlich arbeitet. Er hält Meyras Hand in der Tasche verborgen – eine Geste, die sowohl Zärtlichkeit als auch Tarnung ist.

Im Laden kauft Kieran Mehl, Kerzen, Salz. Meyra schaut sich in den Regalen um, als wäre sie eine normale Frau. Doch ihr Blick bleibt an der Blutwurst hängen, die hinter der Theke liegt.

Der Gedanke kommt wie ein Reflex. Blut. Nahrung. Erleichterung.

Sie blinzelt, zwingt sich, wegzusehen.

Kieran merkt es. Er sagt nichts, aber seine Finger drücken ihre Hand einmal leicht. Ein stummes: Ich bin da.

Draußen auf dem Platz laufen Kinder. Ein Junge trägt einen roten Schal, rennt lachend durch den Schnee, der in dünnen Flecken liegen geblieben ist. Ein kleines Mädchen hält eine Puppe, redet mit ihr, als wäre sie lebendig.

Meyra bleibt stehen. Kieran schaut zu ihr. „Was ist?“

Meyras Stimme ist kaum hörbar. „Sie sind so…“

„So was?“

„So selbstverständlich.“

Kieran folgt ihrem Blick. „Kinder.“

Meyra nickt, und plötzlich ist da dieses Ziehen in ihr, das nicht Hunger ist und nicht Angst, sondern etwas, das sich wie Sehnsucht anfühlt. Eine Sehnsucht, die sie früher nicht kannte, weil ihr Leben nur aus Überleben bestand.

Kieran sagt leise: „Du denkst wieder darüber nach.“

Meyra atmet aus. „Ja.“

Sie gehen weiter. Im Bäckerladen kaufen sie Brot. Die Verkäuferin lächelt, fragt nach dem Wetter. Meyra antwortet höflich, Kieran bezahlt. Alles wirkt normal. Und doch trägt Meyra das Gefühl, als würde sie in einem Kleid laufen, das nicht ihr gehört: menschliche Routine, gespielt, aber auch gewünscht.

Als sie den Laden verlassen, sagt Kieran plötzlich: „Ich habe heute im Unterricht etwas gesagt.“

Meyra schaut zu ihm. „Was?“

„Dass eine Tür ein Versprechen ist.“

Meyra lächelt. „Das klingt nach dir.“

„Ich habe gedacht …“ Kieran hält kurz inne. „Vielleicht… vielleicht ist ein Kind auch ein Versprechen.“

Meyra spürt, wie ihr Herz stockt. „Kieran…“

„Ich weiß.“ Er hebt abwehrend die Hände. „Ich weiß, es ist gefährlich. Ich weiß, wir sind… wir sind nicht wie andere. Aber ich kann nicht aufhören, daran zu denken, wie es wäre, jemandem beizubringen, dass man wählen kann. Dass man nicht das sein muss, was die Welt von einem erwartet.“

Meyras Augen werden feucht, obwohl sie das nicht will. „Ich weiß nicht, ob ich es darf.“

„Warum nicht?“

„Weil ich…“ Sie ringt nach Worten. „Weil ich Blut in mir trage, Kieran. Blut, das nicht rein ist, sagen sie. Blut, das…“

„Das Ghul-Blut?“

Meyra sieht ihn an.

Kieran nimmt ihr Gesicht in beide Hände, zwingt sie sanft, ihn anzusehen. „Hör mir zu. Du bist nicht deine Herkunft.“

„Aber ich könnte…“

„Du könntest kämpfen.“ Kierans Stimme ist ruhig, aber fest. „Und du kämpfst seit Jahren. Jeden Tag. Du bist der Beweis, dass man nicht dem Instinkt gehört.“

Meyra schluckt. „Und wenn unser Kind es nicht kann?“

Kieran atmet aus, und in seinem Blick liegt plötzlich etwas, das Meyra selten sieht: Angst. Nicht vor Tod, nicht vor Feinden, sondern vor Verantwortung.

„Dann“, sagt er leise, „dann lassen wir es nicht allein.“

Meyra spürt, wie diese Worte in sie einsinken. Dann lassen wir es nicht allein. Ein Satz, so einfach, dass er wehtut.

Als sie zurück im Schloss sind, ist der Abend bereits da. Das Licht in der Küche ist warm, der Kamin knackt. Kieran stellt die Einkäufe ab, hängt Mäntel auf. Meyra bleibt im Flur stehen und lauscht, ohne zu wissen warum. Der Wald ist still. Kein Ast knackt. Kein Vogel schreit. Nichts.

„Meyra?“, fragt Kieran.

„Ich höre.“

„Was?“

Meyra schüttelt den Kopf. „Nichts. Vielleicht…“ Sie lächelt gequält. „Vielleicht bin ich nur…“

„Wachsam.“

„Ja.“

Kieran kommt zu ihr, legt die Arme um sie. „Dann lass mich heute der Wachsamere sein. Du darfst einmal müde sein.“

Meyra lehnt sich an ihn.

„Ich will nicht müde sein. Ich will…“ Sie bricht ab, weil sie nicht weiß, wie man es sagt.

„Du willst Frieden“, sagt Kieran.

„Ja“, sagt sie leise..

Sie kochen gemeinsam. Nichts Großes: Suppe, Brot, Käse. Kieran schneidet Gemüse, Meyra rührt. Es ist eine alltägliche Szene, und genau deshalb ist sie so kostbar. Sie reden über den Tag, über die Stadt, über einen Studenten, der Kieran eine lächerliche Frage gestellt hat. Meyra lacht. Kieran schaut sie an, als wäre dieses Lachen die Sonne selbst.

Später sitzen sie im Salon vor dem Kamin. Meyra hat ein altes Notizbuch auf dem Schoß, in dem sie Runen skizziert. Kieran sitzt neben ihr, ein Glas Wasser in der Hand – Wasser, als wäre er wirklich menschlich.

„Weißt du“, sagt Kieran plötzlich, „als ich damals in meinem Studentenwohnheim lag und du verschwunden bist, dachte ich, ich werde nie wieder so etwas wie Ruhe fühlen.“

Meyra erstarrt. „Warum sagst du das jetzt?“

„Weil ich es gerade fühle.“ Kieran schaut ins Feuer. „Und weil es mich erschreckt. Weil ich denke: Wenn ich es fühlen kann, kann ich es auch verlieren.“

Meyra legt das Notizbuch weg. „Wir haben so viel verloren.“

„Und doch leben wir.“

Meyras Stimme ist leiser.

„Manchmal habe ich Angst, dass wir leben, weil wir es müssen, nicht weil wir es dürfen.“

Kieran dreht sich zu ihr. „Meyra. Wir dürfen.“

„Wer entscheidet das?“

„Wir.“ Kieran nimmt ihre Hand. „Niemand sonst. Nicht Sebastian. Nicht die Dynastie. Nicht irgendwelche alten Regeln.“

Meyras Augen flackern kurz – ein Schatten, ein altes Reflexlicht. Sie atmet tief. „Ich habe so lange nach Regeln gelebt, dass Freiheit sich… falsch anfühlt.“

Kieran lächelt traurig. „Dann lernen wir sie eben.“

Meyra lehnt den Kopf an seine Schulter. „Und wenn wir ein Kind haben…“ Sie zögert.

„Dann lernen wir es gemeinsam“, sagt Kieran sofort.

„Aber was, wenn es…“ Meyra schluckt. „Was, wenn es irgendwann Hunger hat? Richtig Hunger. Was, wenn es jemanden verletzt?“

Kieran schweigt einen Moment. Dann sagt er: „Dann bringen wir ihm bei, dass Hunger nicht alles ist.“

„Das ist leicht gesagt.“

„Nein.“ Kieran schüttelt den Kopf. „Es ist nicht leicht. Aber es ist möglich. Schau uns an. Wir haben es möglich gemacht.“

Meyras Blick wandert zu ihren Händen. „Ich habe Blut getrunken.“

Kieran sieht sie an „Ich auch. Und ich hasse es.“

„Und doch leben wir.“

„Und doch wählen wir jetzt anders.“ Er hebt ihr Kinn an. „Meyra, ich habe in meinem Leben viele Dinge nicht bekommen. Als Kind…“ Er bricht ab, weil die Erinnerung an seine überforderte Mutter wie ein kalter Schatten durch ihn zieht. „Ich habe mir immer gewünscht, dass jemand mich festhält und sagt: Es wird gut.“

Meyras Augen werden weich. „Ich halte dich.“

„Ich weiß.“ Kieran lächelt. „Und deshalb…“ Er atmet ein. „Deshalb will ich das auch geben. Nicht nur dir. Auch einem Kind. Unserem Kind. Wenn du das willst.“

Meyra schließt die Augen. Die Vorstellung ist wie ein Licht in ihrem Innern, das sie zugleich wärmt und erschreckt. Ein Kind im Schloss. Kleine Schritte auf den Dielen. Ein Lachen, das die Dunkelheit nicht fürchtet.

„Ich will es“, sagt sie schließlich.

Kierans Gesicht verändert sich, als hätte jemand eine Tür geöffnet.

„Wirklich?“

„Ja. Aber…“ Sie hebt die Hand. „Nicht, wenn wir es mit Blut bezahlen.“

„Nein“, sagt Kieran sofort. „Nie.“

„Und nicht, wenn wir dafür Menschen gefährden.“

„Nie.“

Meyra schaut ihn an.

„Dann müssen wir ein Versprechen erneuern.“

Kieran wird ernst. „Jetzt?“

„Komm“, sagt sie..

Sie gehen hinaus in den Garten. Die Nacht ist klar, kalt. Sterne stehen über den Baumwipfeln, und der Mond liegt wie ein silbernes Auge über dem Schloss. Der Schnee knirscht unter ihren Füßen.

Meyra bleibt beim alten Brunnen stehen. Er ist aus Stein, moosig, die Kurbel rostig. Sie legt beide Hände auf den Rand. Kieran tritt hinter sie, sein Atem ist ein weißer Hauch in der Luft.

„Hier“, sagt Meyra leise, „haben wir uns das erste Mal geschworen, dass wir anders leben.“

Kieran nickt. „Ich erinnere mich.“

Meyra dreht sich zu ihm. „Ich will, dass wir es noch einmal sagen. Nicht als Angst. Sondern als Entscheidung.“

Kieran schaut sie an, und in seinen Augen liegt ein dunkles Glühen, das nicht Hunger ist, sondern Liebe. „Sag es.“

Meyra atmet tief ein. Der Wald riecht nach Frost und Erde. „Ich verspreche“, sagt sie langsam, „dass ich kein menschliches Blut trinke. Dass ich keinen Menschen verletze, um zu leben. Dass ich…“ Ihre Stimme zittert. „Dass ich jeden Tag gegen das in mir kämpfe, was töten will.“

Kieran tritt näher, nimmt ihre Hände. „Ich verspreche“, sagt er, „dass ich dich halte, wenn du fällst. Dass ich dich erinnere, wenn du vergisst. Dass ich kein menschliches Blut trinke. Dass kein Mensch leidet, weil wir leben.“

Meyra schluckt. „Und wenn wir ein Kind haben…“

Kieran schaut sie an. „Dann lehren wir es dasselbe.“

„Und wenn es scheitert?“

Kierans Daumen streicht über ihre Fingerknöchel. „Dann stehen wir auf. Immer wieder.“

Meyras Augen füllen sich mit Tränen, die in der Kälte fast gefrieren. „Ich habe Angst.“

„Ich auch“, sagt Kieran überraschend offen. „Aber ich habe mehr Angst vor einem Leben ohne dich.“

Meyra lächelt durch Tränen. „Du bist…“

„Unerträglich?“

Meyra lacht leise. „Ja.“

Kieran beugt sich vor, küsst sie. Diesmal ist der Kuss länger, nicht nur Zärtlichkeit, sondern ein Schwur, der körperlich wird. Meyra spürt sein Herz – ein Herz, das nicht mehr menschlich ist, und doch so menschlich schlägt. Sie spürt, wie sich ihre eigene Dunkelheit beruhigt, als würde sie sich in seine Wärme legen.

Als sie sich lösen, bleibt Kieran mit der Stirn an ihrer. „Wir schaffen das.“

„Sag das nicht, als wäre es leicht.“

„Ich sage es, weil es wahr ist.“

Meyra schaut in den Wald. Ein Ast knackt leise. Beide erstarren. Kierans Blick wird scharf, seine Körperhaltung verändert sich, wie ein Tier, das Gefahr wittert. Meyras Sinne öffnen sich, hören jedes Rascheln.

„Hast du das gehört?“, flüstert Kieran.

„Ja.“

Sie lauschen.

Nichts weiter. Nur der Wind.

Meyra atmet aus, langsam.

„Vielleicht ein Fuchs“, mutmaßt Meyra.

„Vielleicht“, bestätigt Kieran.

Sein Blick bleibt noch einen Moment in der Dunkelheit hängen. „Oder etwas anderes.“

Meyra legt die Hand an seine Brust. „Nicht heute.“

Kieran schaut zu ihr. „Nicht heute“, wiederholt er, und seine Stimme ist gleichzeitig Hoffnung und Schutzzauber.

Sie gehen zurück ins Schloss. Im Flur ist es warm. Meyra zieht den Mantel aus, hängt ihn auf. Kieran löscht eine Kerze, lässt nur die im Wohnzimmer brennen.

Im Schlafzimmer ist es still. Meyra setzt sich auf das Bett, streicht über die Decke, als würde sie sich vergewissern, dass sie real ist. Kieran setzt sich neben sie.

„Meyra“, sagt er leise, „wenn du morgen aufwachst und Angst hast…“

„Dann?“

„Dann sag es mir.“

Meyra sieht ihn nachdenklich an. „Und wenn du morgen aufwachst und denkst, du bist nicht stark genug?“

Kieran lächelt schwach. „Dann erinnere mich daran, wie oft wir schon stärker waren, als wir dachten.“

Meyra lehnt sich an ihn. „Wir haben London überlebt.“

„Wir haben das Schloss überlebt.“

„Wir haben uns überlebt“, flüstert sie.

Kieran küsst ihr Haar. „Und jetzt leben wir.“

Meyra schließt die Augen. In ihr wächst eine leise Hoffnung, so zart wie ein Keimling unter Frost. Eine Hoffnung, die nicht schreit, sondern atmet.

Draußen trägt der Wald die Nacht. Das alte Schloss knarrt in seinen Balken, als würde es sich anpassen an die neue Geschichte, die in ihm geschrieben wird: keine Dynastie aus Blut und Zwang, sondern eine kleine Familie aus Liebe und Entscheidung.

Und während Meyra einschläft, Kieran neben ihr, hält sie das Versprechen fest wie eine Kerze in der Dunkelheit: Kein Mensch wird leiden, weil sie leben. In dieser Zerbrechlichkeit liegt ihre Stärke. In ihrer Liebe liegt ihr Trotz. In der leisen Hoffnung auf Familie liegt der Anfang von allem, was noch kommt.

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