Eisbrecher
Gedankenverloren drehe ich meinen Anhänger zum fünftausendsten Mal hin und her. Das Zwirbeln des kristallförmigen Kleinods hat schon immer Gedanken zum Schweigen gebracht. Doch nicht heute. Nicht seit 8 Wochen, seit meine Schwester verschwunden ist.
Die eisige Kälte beißt in meine Wangenknochen und bettelt darum mich wieder ins Schiffsinnere zu begeben. Aber ich kann nicht. Mein Blick gleitet über den Bug hinaus. Ich höre, wie die mehrere zentimeterstarke Metallwand das bereits entstandene Eis zerbricht. Es knirscht und knackt, als wir uns immer weiter nach vorn schieben. Der Wind weht mir um die Nase, zerzaust meine blonden, schulterlangen Haare und hat bestimmt dafür gesorgt, dass meine Nase schon wieder eine leuchtend rote Farbe angenommen hat. Bibbernd stecke ich meine zu Fäusten geballten Hände in die Taschen meines für diese Reise vollkommen unpassenden Parka. Er ist leuchtend gelb und höchstens dafür gut, dass man mich findet, sollte ich bei einer stärkeren Schwankung des Schiffes über Board gehen. Allerdings ist er so dünn, dass der Wind wohl seine Freude daran hat, mir sämtliche Wärme aus den Knochen zu saugen. Aber es ist mir egal. Alles ist mir egal. Ich meine fast alles ist mir egal. Dinge, die mir früher wichtig waren und meinen Tag bestimmt haben, sind nur noch Asche und Staub. Seit 8 Wochen habe ich nur noch zwei Ziele: Die Arktis erreichen. Und zweitens: Meine Schwester wieder finden.
Meine Zähne beginnen erneut zu klappern, aber ich presse den Kiefer zusammen, um das Kältezeichen zu ignorieren. Nichts und niemand bekommt mich von meinem Aussichtspunkt fort. Niemand. Punkt. Auch nicht der bereits arktisch kalte Wind, der mit seinen gefühlten minus zwanzig Grad meiner deutschen Winterjacke ins Gesicht lacht. Du dachtest, ihr habt einen harten Winter? Ich finde jedes Schlupfloch und puste dir tausende Eispfeile in die Haut. Geh nach Hause, Touri!
Ich schüttele den Kopf und fokussiere mich wieder auf den Horizont. Vielleicht sollte ich doch langsam hinein gehen, wenn mein Kopf dem Wind bereits eine arrogante, schnöselige Stimme verpasst und zu mir sprechen lässt. Hallo an die Klapse! Ich hoffe, ihr habt eine Heizung und eine Decke! Ich komme. Schnaubend verdrehe ich die Augen und erwäge erneut, den Temperaturen zu entfliehen, aber etwas hält mich fest. Und das nicht, weil meine Beine festgefroren sind. Ich kann es einfach nicht. Irgendwie habe ich die verdrehte Hoffnung, dass ich, wenn ich nur aufmerksam genug bin, es vermeiden kann, dass der Eisbrecher Harriot stecken bleibt. Was wohl laut den Matrosen ein sehr wahrscheinliches Szenario ist. Das Schiff ist das letzte der Saison, welches den weiten Weg bis nach Spitzbergen antritt. Ob es sein Ziel aber erreicht, das steht in den Sternen. Die letzten drei Jahre hatten stets aufziehende, ungewöhnlich stark sinkende Temperaturen den Metallkolloss zum Umkehren bewegt. Die letzten Frachtschiffe haben bereits Ende November unverrichteter Dinge heimfahren müssen. Aber nicht dieses Mal. Ich atme aus, um mein inneres Mantra damit zu festigen. Dieses Mal nicht! Ich muss einfach Glück haben. Keine Ahnung wie ich den ganzen Winter über in Deutschland aushalten soll, bevor das nächste Schiff im Frühjahr zur Arktis aufbricht.
Mein Herz pocht schnell und aufgeregt in der Brust. Um mich selbst zu beruhigen, nehme ich einen tiefen, stechenden Atemzug und versuche mit der Ausatmung meine Sorgen und Ängste nach draußen zu transportieren. Genau wie ich es in diesem dämlichen Beruhigungsvideo gesehen habe, das mich meine Schwester gezwungen hat anzusehen. Weiße Wölkchen steigen um meinen Mund herum auf, werden aber schnell vom Fahrtwind weggetrieben und verblassen.
Der Gedanke an meine Schwester bewirkt das genaue Gegenteil. Statt die Augen wieder auf das zufrierende Wasser zu lenken, schaffe ich es nicht, sie wieder zu öffnen. Der schmerzende Verlust sie vielleicht für immer verloren zu haben, macht mich schier wahnsinnig. Wie soll ich es verkraften, meine zweite Hälfte, mein Ebenbild nie wieder zu sehen?
„Frau Ross? Wollen Sie vielleicht nicht wieder hinein gehen?“
Die Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. Schnell schiebe ich meine Trauer wieder zurück in die hinterste Ecke meines Gehirns. Ich habe niemanden kommen hören. Aber so ganz wundert mich das nicht. Weder war ich aufmerksam genug, noch kann man bei dem tosenden Wind leise Schritte auf Deck hören.
Das resolute „Nein“ schon auf den Lippen, schrecke ich zurück, als ich den besorgten Gesichtsausdruck des Kapitäns bemerke. Was macht er überhaupt hier draußen? Er scheint sich wirklich Sorgen zu machen. Um mich! Eine Fremde, die er zwar seit ein paar Tagen kennt, aber dennoch. Verwirrt wegen der Fürsorglichkeit, schlucke ich meine barsche Antwort hinunter. „Ja, vielleicht sollte ich das“, antworte ich so langsam, als wäre der Mund der es ausspricht, nicht mein Eigener. Aber vielleicht stimmt das auch. Seit Anna ihrem Freund- nein- Verlobten hinterher gereist ist, bin ich nicht ich selbst. Es war von Anfang an ein Kamikaze-Tripp auf dem ich sie hätte begleiten müssen. Aber nein, ich empfand meine Klausurenphase wichtiger, als meine Zwillingsschwester zu unterstützen.
„Es gibt in wenigen Minuten Abendbrot. Joey hat heute eine Erbsensuppe zubereitet. Die mag ich ziemlich gerne! Schmeckt absolut fantastisch und wärmt den Bauch. Das könnten Sie jetzt gut gebrauchen!“ Sein dicker, dichter Bart weht im Wind, als er mit mir spricht. Sein Englisch hat einen auffallend schottischen Dialekt, aber ich komme damit klar, wenn er langsam genug spricht.
Mit seinem dicken Bauch, der die typisch blaue Schiffsuniform zum Spannen bringt und dem weißen Rauschebart, könnte er der Vorzeige- Santa Clause werden. Natürlich dann aber in einem roten Mantel mit weißen, plüschigen Wolleinsätzen.
„Ja, das klingt hervorragend“, höre ich mich sagen und räuspere mich angestrengt. Selbst meine Stimme klingt nicht mehr nach mir. Als hätte das Verschwinden meiner zweiten Hälfte meine Identität geklaut. Ich hoffe, ich kann sie zusammen mit Anna wieder finden.
„Dann bitte nach Ihnen“, weist er mir mit seiner dicken, bärigen Hand den Weg, als wären wir auf einer Luxuskreuzfahrt und nicht auf einem Transportfrachter.
Mit eckigen Bewegungen bringe ich meine Beine dazu, mich von meinem Aussichtsposten zu entfernen. Ich zwinge mich dazu, nicht sehnsuchtsvoll auf meinen Platz zurückzuschauen. Realistisch betrachtet weiß ich, dass ich nicht die ganze Nacht hier stehen und angestrengt in Fahrtrichtung blicken kann. Aber ich würde es gern.
„Wärmen Sie sich in der Kombüse erst einmal auf und lassen Sie sich von Joey einen Kräutertee geben. Der wird sie zusätzlich wärmen.“
„Danke“, krächze ich, als wir uns dem Seegang entsprechend torkelnd auf den roten Überbau zulaufen. Kapitän Brown nimmt wie ganz selbstverständlich meinen Arm und hält mich auf Kurs. Das Schaukeln des Schiffes macht dem alten Seebären natürlich nicht das Geringste aus.
Ein plötzliches, besonders lautes Knirschen lässt mich erschrocken zusammen zucken.
„Nur ein besonders dicker Eisbrocken, den meine Harriot eben zermalmt hat“, beruhigt er mich sofort. Wahrscheinlich sehe ich genauso ängstlich aus, wie ich mich fühle, also setzt er sofort nach: „Meine Harriot hat es vielleicht die vergangenen drei Jahre nicht geschafft ihre letzte Reise des Jahres nach Spitzbergen zu vollenden, aber ich schwöre Ihnen, dieses Jahr schaffen wir es. Wir haben bisher nur schätzungsweise eine Eisdicke von einem Meter. Das schafft meine alte Dame mit links! Letztes Jahr um diese Zeit waren es schon 2 Meter.“
Ich schlucke hart und versuche, die guten Prognosen des alten Mannes meine schwingenden Nerven beruhigen zu lassen. Aber es hilft nicht. Der kleine Anflug von Sorge in seiner Mimik ist zwar schnell wieder verschwunden, aber sie war da.
„Sind Sie sicher, Kapitän? Bitte wiegen Sie mich nicht in falscher Hoffnung. Werden wir Spitzbergen morgen erreichen?“, hake ich nach.
Kapitän Brown seufzt. „Ich kann es leider nicht Bestimmtheit sagen, Frau Ross. Wenn ich etwas in meinen 30 Jahren auf der See gelernt habe, dann das nichts gewiss ist. Die See ist wie eine wankelmütige Frau. In den einem Moment ist der Himmel klar, im anderen peitscht ein Sturm heran.“
Ich verkneife mir meinen Kommentar zum Thema Frauenfeindlichkeit. Der alte Mann meint es nicht böse. „Ich danke Ihnen, Kapitän Brown. Besonders dafür, dass Sie mich gegen die Vorschrift mitfahren lassen.“
„Mit ihrer besonderen Geschichte kann man ja nicht anders. Bitte versprechen Sie mir, dass ich Sie im Frühjahr zusammen mit ihrer Schwester wieder mit nach Schweden bringen darf.“
„Das hoffe ich auch“, verabschiede ich mich von ihm und verlasse das Deck. Als die dicke Eisentür sich schließt, lässt ein weiteres lautes Krachen das Schiff erzittern. Ich wende mich um, und sehe wie Kapitän Brown besorgt die Mütze nach oben schiebt, um sich am Kopf zu kratzen. Die Sorgen in meinem Bauch verdichten sich immer weiter zu einem fetten Eisklumpen, den weder Erbsensuppe noch Tee auftauen wird.








