Kapitel 1 - Was er mir hinterließ
Es gibt einen Moment, kurz bevor man etwas Furchtbares erfährt, in dem die Welt noch ganz normal ist. Man weiß es nicht. Man ahnt es nicht einmal. Man trinkt seinen Kaffee, man hört den Regen gegen das Fenster, man denkt an nichts Besonderes.
Ich erinnere mich genau an diesen Moment. Er dauerte vielleicht drei Sekunden. Dann klingelte mein Telefon, und meine Welt hörte auf, normal zu sein.
Aber ich will nicht mit dem Anruf beginnen. Ich will mit Chris beginnen, mit dem Chris, den ich kannte, bevor alles andere passierte – denn wenn ich jetzt an ihn denke, sehe ich zuerst dieses eine Bild vor mir. Sechs Wochen bevor er verschwand. Ein regnerischer Dienstagabend, ein Café in der Altstadt, das nach nassem Mantel und zu starkem Kaffee roch.
Chris kam zu spät, wie immer. Er hatte diese Art, sich durch eine Tür zu schieben, als würde ihn jemand verfolgen, auch wenn niemand ihn verfolgte – ein Rest von Anspannung, den er nie ganz ablegte, egal wie oft ich ihn darauf ansprach.
„Du siehst müde aus”, sagte ich, als er sich mir gegenüber auf den Stuhl fallen ließ.
„Ich bin müde.” Er strich sich die nassen Haare aus der Stirn und winkte der Bedienung. „Aber das bin ich immer. Erzähl mir was Normales. Irgendwas. Egal was.”
Das war unser Ritual geworden. Chris arbeitete für eine Sicherheitsfirma – so hatte er es mir vor Jahren erklärt, und ich hatte es geglaubt, weil ich keinen Grund gehabt hatte, es nicht zu glauben. Er reiste viel, er telefonierte in Sprachen, die ich nicht verstand, und wenn ich fragte, was er eigentlich genau tat, bekam ich immer dieselbe Antwort: „Langweiliges Zeug. Verträge. Risikoanalysen. Du würdest einschlafen, wenn ich es dir erklären würde.”
Ich hatte ihm das lange geglaubt. Nicht mehr ganz so lange, wie er dachte.
„Ich habe eine neue Kollegin bekommen”, erzählte ich ihm an jenem Abend. „Sie redet ununterbrochen über ihre Katze. Ich weiß mittlerweile mehr über dieses Tier als über die meisten Menschen, die ich kenne.”
Chris lachte, ein kurzes, echtes Lachen, das ich in den Wochen danach vermissen würde, ohne es zu wissen. Dann wurde er still. Er drehte seine Kaffeetasse zwischen den Fingern, ein Zeichen, das ich seit unserer Kindheit kannte. Es bedeutete: Er dachte über etwas nach, das er mir sagen wollte, aber noch nicht wusste, wie.
„Sarah”, sagte er schließlich. „Ich muss dir was sagen. Und ich will nicht, dass du dir Sorgen machst.”
„Das ist der sicherste Weg, mir Sorgen zu machen, Chris.”
Er lächelte, aber es erreichte seine Augen nicht. „Meine Arbeit ist – im Moment ein bisschen komplizierter als sonst. Es geht um einen Kunden. Eine große Sache. Ich kann dir nicht viel erzählen, das weißt du.”
„Das weiß ich.” Ich hatte gelernt, damit zu leben. Mit den Lücken, den halben Sätzen, den Themen, die er wechselte, sobald sie zu konkret wurden. Es hatte mich nie wirklich gestört – bis zu diesem Abend, als etwas in seiner Stimme lag, das ich vorher nicht gehört hatte.
„Falls irgendwas ist”, sagte er, „falls mit mir mal was sein sollte – ein Unfall, was auch immer – dann gibt es etwas, das du wissen musst.”
„Chris—”
„Lass mich ausreden.” Seine Hand legte sich kurz auf meine, fest, bestimmt, so, wie er es tat, wenn er wollte, dass ich wirklich zuhörte und nicht nur wartete, bis er fertig war. „In meiner Wohnung, in der obersten Schublade meines Schreibtisches, unter dem falschen Boden – du weißt, wo der ist, ich hab’s dir mal gezeigt, als wir Kinder waren, erinnerst du dich? – da liegt eine kleine Metallbox. Wenn irgendwas mit mir passiert, wenn ich nicht mehr erreichbar bin, dann öffnest du sie. Nicht vorher. Versprich mir das.”
Ich starrte ihn an. Mein Herz hatte angefangen, schneller zu schlagen, obwohl ich nicht genau sagen konnte, warum. Vielleicht, weil mein Bruder, der sonst nie ernst war, in diesem Moment vollkommen ernst war.
„Du machst mir Angst”, sagte ich leise.
„Das will ich nicht.” Er drückte meine Hand. „Ich sage dir das nur, weil ich vorsichtig bin. Weil man in meinem Job vorsichtig sein muss. Es wird wahrscheinlich nie wichtig werden, okay? Wahrscheinlich vergisst du das hier in einer Woche wieder, und in einem Jahr lachen wir darüber, wie dramatisch ich heute Abend war.”
„Und wenn nicht?”
Er sah mich an, lange, als würde er etwas in meinem Gesicht suchen. Dann sagte er die Worte, die ich seitdem nicht mehr aus dem Kopf bekommen habe.
„Wenn nicht – dann vertraue nur mir. Egal, was du in der Box findest. Egal, was dir jemand anderes erzählt. Ich weiß, wie das klingt, aber ich meine es genau so, wie ich es sage. Es gibt Leute, die dir Dinge erzählen werden, Sarah. Manche davon werden lügen. Manche werden die Wahrheit sagen, aber nicht die ganze. Aber was in dieser Box ist – das ist von mir, für dich, und du kannst dich darauf verlassen. Für dich. Sollte mir etwas passieren – ich vertraue nur dir.”
Ich hatte damals gelacht, ein nervöses, viel zu helles Lachen, um die Schwere aus dem Moment zu nehmen. „Du klingst wie in einem schlechten Agentenfilm.”
„Vielleicht bin ich das ja.” Er grinste wieder, und der Ernst verschwand so schnell, wie er gekommen war, als hätte er eine Tür zugezogen. „Vergiss es einfach. Ich wollte es nur gesagt haben. Erzähl mir mehr von der Katze.”
Ich erzählte ihm mehr von der Katze. Wir redeten über belanglose Dinge, bis das Café schloss, und als wir uns vor der Tür umarmten, roch er nach Regen und nach dem billigen Rasierwasser, das er seit der Schule benutzte, und ich dachte, dass ich ihn in zwei Wochen wiedersehen würde, so wie immer.
Ich wusste nicht, dass es das letzte Mal war, dass ich seine Stimme lachen hörte.
Drei Wochen und vier Tage später saß ich auf dem kalten Boden seiner Wohnung, umgeben von Polizisten, die höflich, aber unbeteiligt wirkten, und ich verstand zum ersten Mal wirklich, was er gemeint hatte.
Es hatte mit einem Anruf begonnen. Seine Firma – die Sicherheitsfirma, von der ich jetzt wusste, dass sie kaum mehr als ein Deckname für etwas viel Größeres war – hatte mich kontaktiert, weil Chris zu einem Termin nicht erschienen war. Das allein war ungewöhnlich; Chris kam zu spät, aber er fehlte nie. Ich hatte es zunächst nicht ernst genommen. Ein verpasster Flug, ein totes Handy, eine der tausend banalen Erklärungen, die das Leben normalerweise bereithält.
Dann waren zwei Tage vergangen. Dann vier. Dann eine Woche, in der niemand ihn gesehen, niemand von ihm gehört hatte, in der sein Telefon tot war und seine Wohnung so verlassen dastand, als hätte er sie mitten in einem Satz verlassen – eine Kaffeetasse noch halb voll auf dem Tisch, ein Laptop im Ruhezustand, ein Fenster, das jemand von innen aufgebrochen, oder vielleicht auch nur vergessen hatte zu schließen.
Die Polizei sprach von einem „freiwilligen Verschwinden”. Sie sagten das Wort so oft, dass ich anfing, es zu hassen. Als würde mein Bruder einfach beschlossen haben, sein Leben hinter sich zu lassen, ohne mir ein Wort zu sagen. Als kannten sie ihn besser als ich.
Ich wusste es besser. Ich wusste es, seit jenem Abend im Café.
Vertraue nur mir.
Ich hatte diesen Satz drei Wochen lang mit mir herumgetragen wie einen Stein in der Tasche, ohne genau zu verstehen, was er bedeutete – bis mir, an diesem Nachmittag, mitten in seiner leeren Wohnung, wieder einfiel, wo der falsche Boden in seinem Schreibtisch war.
Ich habe gewartet, bis die Polizisten gegangen waren. Sie hatten die Wohnung bereits „durchsucht”, wie sie es nannten, aber sie haben offensichtlich nichts gefunden, das sie interessierte – oder sie hatten nicht gewusst, wonach sie suchen sollten. Ich wusste es. Ich war zwölf gewesen, als Chris mir diesen Trick gezeigt hatte, in dem alten Schreibtisch unserer Eltern, ein doppelter Boden in der untersten Schublade, den unser Vater als Junge selbst eingebaut hatte, um Taschengeld vor neugierigen Geschwistern zu verstecken. Chris hatte diesen Schreibtisch geerbt, als unser Vater starb. Ich hatte nicht gewusst, dass er den doppelten Boden behalten – oder benutzt – hatte.
Meine Hände zitterten, als ich die unterste Schublade herauszog und über den Boden fuhr, bis meine Finger die kleine Kerbe fanden, die den Mechanismus löste. Das Holz hob sich mit einem leisen Klicken. Darunter lag, in ein Stück dunklen Stoff gewickelt, eine kleine, verkratzte Metallbox.
Ich saß eine ganze Weile einfach nur da und starrte sie an, bevor ich sie öffnete.
In der Box lag kein Geld. Kein Ausweis, keine Waffe, nichts, wie ich es aus Filmen kannte und – wenn ich ehrlich bin – halb erwartet hatte. Stattdessen lag darin ein einzelner Umschlag aus dickem, cremefarbenem Papier, mit meinem Namen in Chris’ Handschrift darauf: Sarah. Nur der Name. Keine Verzierung, keine Erklärung. Darunter, gefaltet, ein zweites, kleineres Stück Papier und ein schlichter silberner Ring, den ich noch nie an seiner Hand gesehen hatte – schwer, mit einem eingravierten Symbol, das ich nicht kannte: zwei ineinander verschlungene Zweige, die eine Krone formten, aber eine seltsame, unvollständige Krone, als hätte jemand ein Stück davon abgebrochen.
Ich legte den Ring zur Seite. Meine Hände zitterten so sehr, dass ich den Umschlag beinahe fallen ließ, als ich ihn aufriss.
Der Brief war kurz. Ich erwartete – ich weiß nicht, was ich erwartete. Etwas Emotionales vielleicht, etwas, das mir das Herz brach, letzte Worte, eine Liebeserklärung an das Leben, das er zurückließ. Was ich stattdessen fand, war etwas ganz anderes: sachlich, klar, fast kalt in seiner Präzision, so als hätte Chris genau gewusst, dass er unter Zeitdruck schreiben würde, und keine Zeile für Gefühle übrighatte.
Sarah,
wenn du das hier liest, ist etwas schiefgelaufen, und ich habe keine Zeit mehr, es dir persönlich zu erklären. Ich schreibe das so klar wie möglich, weil du es genau so brauchen wirst. Lies es zweimal, bevor du irgendetwas tust.
Ich arbeite seit vier Jahren nicht für eine Sicherheitsfirma im normalen Sinn. Ich arbeite – gearbeitet habe – für das Königshaus von Nordmark, offiziell als Leiter einer internen Sicherheitsanalyse, inoffiziell als jemand, der Dingen nachgeht, die niemand öffentlich untersuchen darf. Nordmark ist real, Sarah. Es liegt dort, wo auf jeder normalen Karte nur Wald und Küste eingezeichnet sind – du wirst verstehen, warum, wenn du dort bist. Es gibt Gründe, warum die Welt außerhalb es kaum kennt, und keiner dieser Gründe ist harmlos.
Ich bin dort in etwas hineingeraten, das größer ist als eine einzelne Bedrohung. Es geht um die königliche Familie selbst – um etwas, das seit Generationen verborgen gehalten wird, tief im Palast, tiefer noch im Wald dahinter. Ich habe angefangen, die falschen Fragen zu stellen. Ich glaube, jemand hat das bemerkt.
Falls mir etwas zugestoßen ist, gibt es nur eine Person dort, der du vertrauen kannst, ohne Wenn und Aber: Prinz Henrik von Nordmark. Nicht der König. Nicht die Königin. Nicht die anderen Höflinge, die dir mit offenen Armen begegnen werden, weil ein Fremder im Palast immer Aufmerksamkeit bekommt. Henrik. Er weiß, wer ich bin. Er weiß, was ich untersucht habe. Zeig ihm den Ring aus dieser Box – er wird verstehen, was das bedeutet, auch wenn er dir nicht sofort alles erklären wird. Sag ihm meinen vollen Namen: Christian Alaric Fernandes. Er wird wissen, dass du echt bist.
Nordmark erreichst du über die Küstenstraße hinter Kaldheim – die alte Karte lag deinem sechzehnten Geburtstag bei, ich habe sie extra für dich behalten, falls du sie noch hast. Wenn nicht: frag am Hafen von Kaldheim nach dem Fährmann Torvald. Sag ihm, du bist Christian Fernandes’ Schwester. Er wird dich übersetzen, auch wenn er zögert, es zuzugeben.
Vertrau niemandem sonst am Hof, bis du sicher bist, dass Henrik hinter dir steht. Vertrau vor allem nicht jedem, der freundlich wirkt – gerade dort ist Freundlichkeit oft die gefährlichste Waffe, die es gibt.
Ich weiß, wie viel ich dir hiermit aufbürde. Es tut mir leid, dass ich es nicht anders lösen konnte. Aber ich vertraue dir mehr als jedem anderen Menschen, den ich kenne, und ich glaube, dass du herausfinden wirst, was mit mir passiert ist – weil du niemals aufgibst, wenn dir jemand etwas wegnimmt, das dir gehört.
Pass auf dich auf. Und pass auf, wem du vertraust.
Chris
Ich las den Brief zweimal, so wie er es verlangt hatte, und dann noch ein drittes Mal, weil mein Verstand sich weigerte, die Worte in etwas zu übersetzen, das einen Sinn ergab.
Ein Königreich, das auf keiner Karte stand. Ein Prinz. Ein Ring mit einer zerbrochenen Krone. Mein Bruder, der Sicherheitsanalysen für ein Land geschrieben hatte, von dessen Existenz ich nichts gewusst hatte.
Ich hätte lachen können. Ich hätte es fast getan, ein hysterisches, haltloses Lachen, das irgendwo zwischen Ungläubigkeit und Panik lag. Aber dann hielt ich den Ring wieder ins Licht, drehte ihn zwischen den Fingern, betrachtete die feine, fast unnatürlich präzise Gravur der zerbrochenen Krone – etwas, das kein gewöhnlicher Juwelier so hergestellt hätte, etwas, das aussah, als wäre es älter als jede Fabrik, die ich kannte – und die Hysterie verschwand.
Mein Bruder log nicht. Nicht bei diesem Brief. Nicht mit diesem Ring in der Hand. Das war nicht seine Art, sich einen Scherz zu erlauben, schon gar nicht in einer Nachricht, die er ausdrücklich nur für den Fall geschrieben hatte, dass ihm etwas zustieß.
Und wenn er nicht log – dann war mein Bruder irgendwo in einem Land, das die Welt nicht kannte, in Gefahr wegen etwas, das er über eine königliche Familie herausgefunden hatte, die ihre eigenen Geheimnisse offenbar mit allen Mitteln schützte.
Ich stand langsam auf, den Brief in der einen, den Ring in der anderen Hand, und ging zu dem alten Bücherregal in Chris’ Wohnzimmer, in dem ich als Kind so oft gesessen und in seinen Sachen gestöbert hatte. Ich wusste genau, wonach ich suchte. Eine flache, in Leder gebundene Mappe, die er zu seinem sechzehnten – nein, zu meinem sechzehnten Geburtstag geschenkt bekommen hatte, eine alte Karte, angeblich von unserem Großvater, der zur See gefahren war, bevor er sesshaft wurde. Ich hatte sie immer für einen hübschen, aber bedeutungslosen Antiquitätenfund gehalten. Ein romantisches Andenken. Etwas, das man in eine Schublade legte und vergaß.
Ich fand die Mappe zwischen zwei alten Fotoalben, genau dort, wo ich sie vor Jahren zuletzt gesehen hatte, als Chris in unsere gemeinsame Kindheitswohnung eingezogen war und wir beide unsere Sachen sortierten. Meine Finger zitterten, als ich sie öffnete.
Die Karte war alt, das Papier brüchig an den Rändern, mit Tinte gezeichnet, die im Lauf der Jahre bräunlich verblasst war. Sie zeigte die bekannte Küstenlinie – ich erkannte Kaldheim sofort, ein kleines Fischerdorf, in dem meine Familie mütterlicherseits Wurzeln hatte, ein Ort, den ich als Kind zweimal besucht hatte. Aber wo auf jeder modernen Karte nur offenes Meer eingezeichnet war, zeigte diese alte Karte Land. Eine Küstenlinie, Wälder, Berge, und mittendrin, fein und sorgfältig eingezeichnet, ein Name in einer geschwungenen, altertümlichen Schrift.
Nordmark.
Ich setzte mich auf den Boden von Chris’ Wohnzimmer, die Karte auf den Knien, den Brief neben mir, den Ring fest in der Faust, und ich weinte zum ersten Mal, seit ich vor drei Wochen erfahren hatte, dass mein Bruder verschwunden war. Nicht aus Verzweiflung. Aus etwas, das näher an Wut lag – Wut über all die Jahre, in denen er mir eine Wahrheit verschwiegen hatte, die offensichtlich sein ganzes Leben bestimmte, Wut darüber, dass er in Gefahr geraten war, ohne dass ich es hatte kommen sehen, Wut darüber, dass ich in einem Café gesessen und über eine Katze geredet hatte, während mein Bruder mir in Wahrheit Lebewohl sagte.
Aber unter der Wut lag etwas anderes. Etwas, das mich schließlich aufstehen ließ, die Karte vorsichtig zusammenfaltete und in meine Tasche steckte, den Ring an eine Kette hängte, die ich mir um den Hals legte, damit ich ihn nie wieder verlor.
Entschlossenheit.
In den folgenden Tagen tat ich Dinge, die ich mir selbst kaum zugetraut hätte.
Ich kündigte meinen Job – nicht offiziell, ich nahm nur „unbezahlten Urlaub aus familiären Gründen”, was, wenn man es genau nahm, sogar der Wahrheit entsprach. Ich informierte niemanden über meine Pläne, weil ich nicht wusste, wem ich vertrauen konnte, und weil Chris’ letzte Worte in dem Brief noch immer in meinem Kopf widerhallten: Vertrau niemandem sonst, bis du sicher bist. Ich hatte keine Ahnung, ob diese Warnung auch für meine Freunde galt, für meine Kollegen, für die Polizeibeamten, die noch immer halbherzig nach einem Mann suchten, von dem sie glaubten, er sei einfach weggelaufen. Ich entschied, vorsichtig zu sein. Besser zu vorsichtig als zu spät.
Ich packte eine einzige Tasche. Nicht viel – ein paar Kleidungsstücke, mein Pass, so viel Bargeld, wie ich in wenigen Tagen zusammenbekommen konnte, ohne zu viele Fragen zu provozieren. Ich packte die Karte, sorgfältig zwischen zwei Buchdeckel gelegt, damit sie auf der Reise nicht beschädigt wurde. Ich trug den Ring ununterbrochen um den Hals, versteckt unter meinem Pullover, wo ich ihn spüren konnte, ein kaltes, schweres Gewicht gegen meine Haut, eine ständige Erinnerung daran, warum ich das hier tat.
In den Nächten davor schlief ich kaum. Ich lag wach und stellte mir tausend Fragen, auf die ich keine Antworten hatte. Was, wenn diese Karte veraltet war, ein Fantasiegebilde unseres Großvaters, das nichts mit der Realität zu tun hatte? Was, wenn Nordmark existierte, aber Chris’ Brief eine Falle war, geschrieben unter Zwang, von jemandem, der mich genau dorthin locken wollte, wo mein Bruder verschwunden war? Was, wenn ich in dieses Land reiste und niemals wieder herauskam?
Aber jedes Mal, wenn ich diese Fragen zu Ende dachte, kam ich zum selben Punkt zurück: Ich hatte keine andere Wahl, die ich ertragen konnte. Ich konnte nicht zu Hause bleiben, während die Polizei ein Verschwinden zu den Akten legte, das mein Bruder mit Absicht vorbereitet hatte. Ich konnte nicht einfach weiterleben, meinen Kaffee trinken, meine Kollegin über ihre Katze reden hören, während irgendwo, an einem Ort, den keine Karte der Welt zeigte, mein Bruder vielleicht noch lebte – oder vielleicht auch nicht, und ich es niemals erfahren würde, wenn ich jetzt nicht ging.
Vertraue nur mir, hatte er gesagt. Und dann, im Brief: Ich glaube, dass du herausfinden wirst, was mit mir passiert ist – weil du niemals aufgibst, wenn dir jemand etwas wegnimmt, das dir gehört.
Er hatte recht gehabt. Er hatte mich gut genug gekannt, um zu wissen, dass ich nicht zu Hause bleiben würde, egal wie unmöglich, wie gefährlich, wie wahnsinnig sich das alles anfühlte.
Am vierten Tag nach dem Fund der Box saß ich in einem Bus nach Kaldheim, die Tasche auf dem Schoß, die Karte in der Innentasche meiner Jacke, und beobachtete, wie die vertraute Stadt hinter mir verschwand, ohne zu wissen, ob ich sie jemals wiedersehen würde.
Kaldheim war kleiner, als ich es in Erinnerung hatte – oder vielleicht war ich einfach größer geworden, seit ich als Kind zuletzt hier gewesen war. Ein Fischerdorf an einer grauen, unruhigen Küste, mit Häusern, die aussahen, als hätten sie hundert Stürme überstanden und würden noch hundert weitere überstehen, mit einem Geruch nach Salz und Fisch und nassem Holz, der mich sofort in Erinnerungen an Sommer mit meiner Großmutter zurückversetzte, lange bevor sie starb, lange bevor Chris und ich anfingen, unsere eigenen Wege zu gehen.
Ich fand den Hafen ohne größere Schwierigkeiten – es gab nicht viele Orte, an denen man sich in Kaldheim verirren konnte. Fischerboote schaukelten sanft im grauen Wasser, Möwen kreischten über meinem Kopf, und ein paar alte Männer saßen auf Holzbänken und rauchten Pfeife, als hätten sie nichts Besseres zu tun, als den Tag vergehen zu sehen.
Ich fragte den Ersten, den ich traf, nach Torvald. Er musterte mich mit einem Blick, den ich nicht ganz deuten konnte – misstrauisch, vielleicht, oder einfach nur überrascht, dass eine Fremde diesen Namen kannte – und zeigte wortlos auf ein kleines, verwittertes Boot am äußersten Ende des Piers, dunkelgrün gestrichen, mit einem Namen, den die Zeit fast vollständig vom Rumpf gewaschen hatte.
Der Mann, der aus der Kajüte trat, als ich näherkam, war älter, als ich erwartet hatte – vielleicht sechzig, mit einem Gesicht, das von Wind und Salzwasser gegerbt war, und Augen, die mich mit einer Schärfe musterten, die mich für einen Moment innehalten ließ.
„Was willst du?“, fragte er, ohne Vorrede, in einem Ton, der weder unfreundlich noch einladend war.
Ich holte tief Luft. „Ich suche Torvald. Man hat mir gesagt, er könnte mir helfen.”
„Wer hat dir das gesagt?”
„Mein Bruder.” Ich zögerte, dann sprach ich die Worte aus, die Chris mir aufgetragen hatte, als wären sie ein Passwort, ein Schlüssel zu einer Tür, die ich noch nicht sehen konnte. „Ich bin Christian Fernandes’ Schwester.”
Etwas veränderte sich in seinem Gesicht. Nicht dramatisch – kein Erschrecken, kein plötzliches Erkennen –, aber etwas Kleines, ein leichtes Zusammenziehen der Augenbrauen, ein Blick, der mich noch einmal, gründlicher, musterte, als würde er nach einer Ähnlichkeit suchen.
„Christian”, wiederholte er langsam. „Der Analytiker.”
Mein Herz machte einen Sprung. „Sie kennen ihn.”
„Ich habe ihn übergesetzt. Mehrmals.” Der alte Mann – Torvald, wenn er derjenige war, nach dem ich suchte – trat näher an den Bootsrand, verschränkte die Arme und musterte mich mit einer Mischung aus Vorsicht und etwas, das fast wie Mitleid aussah. „Er ist seit sechs Wochen nicht mehr gekommen. Ich habe mich schon gefragt, ob was passiert ist.”
„Ich weiß es nicht”, sagte ich, und meine Stimme brach leicht, was ich mir nicht verzeihen konnte, weil ich mir geschworen hatte, hier stark aufzutreten. „Deswegen bin ich hier. Er hat mir einen Brief hinterlassen. Er sagte, ich soll Sie suchen, wenn ihm etwas zustößt.”
Torvald schwieg lange. So lange, dass ich anfing zu befürchten, er würde mich einfach stehen lassen, mich als verrücktes Mädchen abtun, das mit einer unglaubwürdigen Geschichte an seinem Boot auftauchte. Aber dann nickte er, langsam, widerwillig, wie jemand, der eine Entscheidung trifft, die ihm nicht gefällt, die er aber für unausweichlich hält.
„Zeig mir, was du hast”, sagte er.
Ich zog den Ring unter meinem Pullover hervor, ließ ihn an der Kette baumeln, sodass das schwache Nachmittagslicht auf die zerbrochene Krone fiel. Torvalds Blick verhärtete sich sofort, und er sah sich instinktiv um, als hätte ich etwas Gefährliches gezeigt, etwas, das man besser nicht öffentlich am Hafen präsentierte.
„Steck das weg”, sagte er scharf, und ich gehorchte sofort. „Nicht hier. Nicht so offen.”
„Was bedeutet er?“, fragte ich. „Der Ring. Was bedeutet er?”
„Das ist nicht meine Geschichte, die ich dir erzählen sollte.” Er warf einen letzten prüfenden Blick über meine Schulter, zur Straße hin, als wollte er sich vergewissern, dass niemand zuhörte. „Aber ich sage dir das: Wenn dein Bruder dir diesen Ring gegeben hat, dann wollte er, dass du am Hof gehört wirst. Das ist kein gewöhnliches Schmuckstück.”
„Können Sie mich übersetzen?”
Er zögerte noch einmal, länger diesmal, sein Blick wanderte über mein Gesicht, als würde er dort etwas suchen – eine Ähnlichkeit mit Chris vielleicht, oder ein Zeichen, ob ich der Reise überhaupt gewachsen war.
„Bist du sicher, dass du das willst?“, fragte er schließlich. „Nordmark ist nicht wie hier. Es ist schön, das schon. Aber schön und sicher sind nicht dasselbe, Mädchen. Wenn dein Bruder in Schwierigkeiten geraten ist, weil er dort zu genau hingesehen hat, dann ist es kein Ort, an den man leichtfertig reist.”
„Ich habe keine andere Wahl”, sagte ich, und ich meinte es genau so, wie ich es sagte. „Er ist mein Bruder. Er ist der einzige Mensch, der mir geblieben ist. Ich gehe nicht nach Hause, bevor ich weiß, was mit ihm passiert ist.”
Etwas in meiner Stimme – Entschlossenheit, vielleicht, oder schlicht die Verzweiflung, die ich nicht mehr verbergen konnte – schien ihn zu überzeugen. Er nickte langsam, ein Nicken, das mehr Respekt enthielt, als ich erwartet hatte.
„Morgen früh, bei Sonnenaufgang”, sagte er. „Die Überfahrt ist nicht ungefährlich, und ich fahre nur bei gutem Wetter und gutem Licht. Sei hier, bevor die Sonne über dem Wasser steht, und sag niemandem, wohin du gehst. Niemandem, verstanden?”
„Verstanden.”
Er drehte sich zum Gehen, hielt dann noch einmal inne und sah mich über die Schulter an, mit einem Ausdruck, der irgendwo zwischen Warnung und stiller Anerkennung lag.
„Dein Bruder war ein guter Mann”, sagte er. „Ehrlich, für jemanden in seinem Beruf. Ich hoffe, du findest, was du suchst.”
Ich verbrachte die Nacht in einem kleinen Gasthaus am Rand des Dorfes, in einem Zimmer, das nach Salz und altem Holz roch, und ich schlief kaum. Ich lag wach und dachte an Chris, an den Abend im Café, an seine Hand auf meiner, an seine Worte, die mich hierher gebracht hatten. Ich dachte an den Ring, der noch immer kalt an meinem Hals lag, an die zerbrochene Krone, deren Bedeutung ich noch nicht kannte, und an das Land, das auf keiner Karte der Welt existierte außer auf einer alten, brüchigen Zeichnung unseres Großvaters.
Ich dachte an einen Prinzen, dessen Namen ich nur aus einem Brief kannte, den ich niemals hätte lesen sollen, wenn alles gutgegangen wäre. Prinz Henrik. Ich versuchte, mir ein Gesicht zu ihm vorzustellen, und scheiterte – alles, was ich hatte, war ein Name und Chris’ Warnung, dass er der Einzige war, dem ich vertrauen konnte, in einem Land voller Menschen, die vielleicht genau das Gegenteil verdienten.
Kurz vor Sonnenaufgang gab ich das Bemühen, zu schlafen, auf und ging zum Hafen hinunter, in der kühlen, salzigen Dunkelheit, die dem Morgen vorausging. Torvald wartete bereits, sein Boot bereit, die Segel gesetzt, das Gesicht ernst im schwachen Licht der ersten Dämmerung.
„Bereit?“, fragte er, als ich näherkam.
Ich dachte an Chris’ letzte Worte im Brief. Pass auf dich auf. Und pass auf, wem du vertraust.
„Bereit”, sagte ich, und stieg an Bord.
Die Überfahrt dauerte länger, als ich erwartet hatte, und sie fühlte sich seltsam an, von Anfang an – nicht wie eine gewöhnliche Bootsfahrt, sondern wie ein langsames Hinübergleiten in etwas, das die Regeln der Welt, die ich kannte, nicht mehr ganz befolgte. Der Nebel, der sich über dem Wasser sammelte, war dichter, als es der klare Morgen eigentlich zuließ. Die Luft wurde kühler, feuchter, roch nach etwas, das ich nicht benennen konnte – Kiefernwald vielleicht, gemischt mit etwas Süßerem, Fremdartigem.
Torvald sprach kaum. Er stand am Ruder, den Blick fest nach vorn gerichtet, und ich saß am Bug, die Karte auf den Knien, verglich die gezeichnete Küstenlinie mit dem, was langsam aus dem Nebel auftauchte – erst schemenhaft, dann klarer: schroffe, dunkle Klippen, dichte Wälder, die bis an den Wasserrand reichten, und weit dahinter, kaum sichtbar in der Ferne, die Andeutung von etwas Hohem, Steinernem, das im ersten Licht der Sonne golden aufglühte.
„Ist das—“, begann ich.
„Vinterholm”, sagte Torvald knapp. „Die Hauptstadt. Wir legen weiter südlich an, an einer kleineren Bucht. Sicherer für jemanden, der zum ersten Mal kommt und noch nicht weiß, wer Freund und wer Feind ist.”
Ich nickte, obwohl mein Herz so laut klopfte, dass ich kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. Ich war tatsächlich hier. Ein Land, das auf keiner Karte stand, existierte wirklich, lag wirklich vor mir, in all seiner fremden, atemberaubenden Schönheit – dunkle Wälder, schneebedeckte Berggipfel in der Ferne, obwohl es unten am Wasser noch nicht kalt genug für Schnee war, eine Luft, die auf eine Weise lebendig wirkte, die ich nicht erklären konnte.
Als das Boot schließlich in einer kleinen, von Felsen geschützten Bucht anlegte, half Torvald mir beim Aussteigen, und zum ersten Mal, seit ich ihn kennengelernt hatte, sah er beinahe besorgt aus.
„Von hier aus musst du selbst weiter”, sagte er. „Der Palast liegt zwei Stunden zu Fuß, wenn du dem Weg durch den Wald folgst. Bleib auf dem Pfad. Verlass ihn nicht, egal was du hörst oder siehst – die alten Wälder hier sind nicht wie die Wälder, die du kennst.”
„Was meinen Sie damit?”
Er schüttelte nur den Kopf, als wollte er die Frage nicht beantworten, vielleicht, weil er selbst nicht genau wusste, wie er es erklären sollte, ohne dass ich ihn für verrückt hielt. „Frag am Palasttor nach Prinz Henrik. Sag niemandem sonst, warum du hier bist. Und—” Er zögerte, dann griff er in seine Manteltasche und zog ein kleines, in Leder gewickeltes Bündel hervor, das er mir in die Hand drückte. „Nimm das. Für alle Fälle.”
Ich wickelte es vorsichtig auf und fand ein kleines Messer darin, einfach, aber offensichtlich scharf, mit einem Griff aus dunklem Holz.
„Ich hoffe, du brauchst es nicht”, sagte Torvald. „Aber ich würde es dir lieber geben und du brauchst es nicht, als andersherum.”
Ich bedankte mich, so gut ich konnte, mit einer Stimme, die vor Nervosität zitterte, und sah zu, wie er sein Boot wieder in Richtung des offenen Wassers, zurück nach Kaldheim, wendete, zurück in die Welt, die ich kannte. Als er außer Sichtweite war, stand ich allein am Rand des Waldes, die Tasche über der Schulter, die Karte in der Hand, den Ring kalt an meinem Hals, und vor mir lag ein Pfad, der sich zwischen den Bäumen verlor.
Ich dachte noch einmal an Chris. An seine Stimme im Café. An die Worte, die er mir mit auf den Weg gegeben hatte, ohne zu wissen, dass ich sie wörtlich nehmen würde.
Vertraue nur mir.
Ich hatte ihm vertraut. Und jetzt, in diesem fremden Land, mit nichts als einem Brief, einer alten Karte und einem Ring mit einer zerbrochenen Krone, war es an der Zeit, herauszufinden, ob dieses Vertrauen mich zu ihm zurückführen würde – oder ob es das Letzte war, was er mir je gegeben hatte.
Ich atmete tief durch, warf mir die Tasche fester über die Schulter und betrat den Wald.
Der Weg durch den Wald von Nordmark war anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Die Bäume standen so dicht, dass das Licht nur in schmalen, silbrigen Streifen zwischen den Ästen hindurchfiel, und je weiter ich ging, desto mehr hatte ich das Gefühl, beobachtet zu werden – nicht von Menschen, sondern von etwas Älterem, etwas, das zu diesem Wald gehörte, so wie die Wurzeln und die Erde selbst. Zweimal blieb ich stehen, überzeugt, ein Rascheln gehört zu haben, das kein Wind gewesen war, aber jedes Mal, wenn ich mich umdrehte, sah ich nichts als Bäume und Schatten.
Ich dachte an Torvalds Warnung. Bleib auf dem Pfad. Verlass ihn nicht, egal was du hörst oder siehst. Ich hielt mich daran, auch wenn meine Beine irgendwann schmerzten, auch wenn die zwei Stunden, von denen er gesprochen hatte, sich anfühlten wie doppelt so lang, in einem Wald, in dem die Zeit selbst anders zu vergehen schien.
Als ich schließlich aus dem Wald heraustrat, blieb mir für einen Moment die Luft weg.
Vor mir, auf einem Hügel, umgeben von schneebedeckten Gipfeln in der Ferne und einem gefrorenen See, der im Nachmittagslicht wie flüssiges Silber glitzerte, erhob sich Schloss Rosenvik – größer, älter, atemberaubender, als ich es mir je hätte vorstellen können. Türme aus grauem Stein, gekrönt mit dunklem Schiefer, ragten in einen Himmel, der eine Spur zu klar, eine Spur zu leuchtend blau wirkte, als wäre selbst das Licht hier anders. Fahnen in den Farben des Königshauses – dunkelblau und silber, mit einem Symbol, das ich sofort wiedererkannte, dieselbe zerbrochene Krone, die auf meinem Ring eingraviert war – wehten von den höchsten Zinnen.
Es war schön. Es war furchteinflößend schön, auf eine Weise, die mir eine Gänsehaut über die Arme jagte, während ich dort stand und es betrachtete, mit dem Wissen, dass irgendwo hinter diesen Mauern die Antwort auf die Frage lag, die mich hierhergetrieben hatte.
Wo bist du, Chris?
Ich straffte die Schultern, überprüfte, dass der Ring noch sicher unter meinem Pullover lag, und ging weiter, den letzten Teil des Weges zum Palasttor hinauf, mit einem Herzschlag, der so laut in meinen Ohren dröhnte, dass ich kaum das Knirschen des Kieswegs unter meinen Füßen hörte.
Die Wachen am Tor – zwei Männer in dunkelblauer Uniform, mit Schwertern an der Seite, die aussahen, als wären sie nicht nur zur Zierde da – musterten mich mit offenkundigem Misstrauen, als ich näherkam. Eine fremde Frau, allein, in Reisekleidung, die eindeutig nicht aus Nordmark stammte, konnte kaum ein alltäglicher Anblick sein.
„Halt”, sagte einer von ihnen, seine Hand ruhte locker am Griff seines Schwertes. „Was ist Euer Anliegen am Palast?”
Meine Stimme zitterte, als ich sprach, aber ich zwang mich, sie fest klingen zu lassen. „Ich muss mit Prinz Henrik sprechen. Es ist dringend. Es geht um Christian Fernandes.”
Der Name schien eine Wirkung zu haben, die ich nicht ganz einordnen konnte – ein kurzer Blick zwischen den beiden Wachen, eine minimale Veränderung in ihrer Haltung, wachsamer jetzt, weniger abweisend.
„Wartet hier”, sagte der zweite Wächter schließlich, und verschwand durch das Tor, während der erste mich weiterhin beobachtete, als könnte ich jeden Moment etwas Unvorhergesehenes tun.
Die Minuten, die ich wartete, kamen mir endlos vor. Ich stand da, die Tasche fest umklammert, den Ring unter meinem Pullover spürend wie einen Anker, und versuchte, mich auf das vorzubereiten, was auch immer als Nächstes kommen würde. Ich hatte mir tausend Male vorgestellt, wie dieser Moment aussehen könnte – aber nichts hatte mich auf das vorbereitet, was tatsächlich geschah, als sich das Tor erneut öffnete.
Ein Mann trat heraus. Groß – größer, als ich erwartet hatte, mit blondem Haar, das im Nachmittagslicht fast golden wirkte, und Augen von einem so klaren Grün, dass ich sie selbst aus einiger Entfernung erkennen konnte. Er trug keine Krone, keine offensichtlichen Zeichen seines Standes, nur eine schlichte, aber offensichtlich hochwertige dunkle Kleidung, und doch lag etwas in seiner Haltung, in der Art, wie er sich bewegte, das keinen Zweifel daran ließ, wer er war.
Er blieb ein paar Schritte vor mir stehen und musterte mich mit einem Ausdruck, der Neugier und Vorsicht in gleichem Maße verriet.
„Man hat mir gesagt, Ihr wollt über Christian Fernandes sprechen”, sagte er. Seine Stimme war ruhig, kontrolliert, aber ich glaubte, darunter eine Anspannung zu hören, die er nicht ganz verbergen konnte. „Wer seid Ihr, und woher kennt Ihr diesen Namen?”
Ich zog den Ring unter meinem Pullover hervor, ließ ihn im Licht baumeln, und sah, wie sich sein Gesicht im selben Moment veränderte, in dem er die zerbrochene Krone erkannte – ein kurzes, unwillkürliches Zusammenziehen der Augenbrauen, ein Blick, der plötzlich sehr viel wacher, sehr viel intensiver wurde.
„Ich bin Sarah Fernandes”, sagte ich, und meine Stimme, so sehr ich es auch versucht hatte, brach ein wenig bei den nächsten Worten. „Christian ist mein Bruder. Und ich glaube, Sie sind der Einzige hier, der mir sagen kann, was mit ihm passiert ist.”
Für einen langen Moment sagte Prinz Henrik gar nichts. Er sah mich nur an, den Ring, dann wieder mein Gesicht, als würde er eine Ähnlichkeit suchen, eine Bestätigung, dass ich wirklich die war, für die ich mich ausgab.
Dann, endlich, sprach er, leise, fast so, als würde er die Worte nicht für die Wachen bestimmt haben, die in Hörweite standen.
„Ihr solltet nicht hier sein”, sagte er. „Aber ich bin froh, dass Ihr es seid. Kommt mit mir. Hier draußen ist es nicht sicher, über Euren Bruder zu sprechen.”
Er drehte sich um und ging auf das Tor zu, und nach einem letzten, zögernden Atemzug – einem letzten Moment, in dem ich mich fragte, ob ich gerade den größten Fehler meines Lebens beging oder den einzig richtigen Schritt, der mich zu meinem Bruder zurückführen würde – folgte ich ihm.
Die Tore von Schloss Rosenvik schlossen sich hinter mir, und ich wusste, mit einer Sicherheit, die tief in meinem Bauch saß, dass es kein Zurück mehr gab. Was auch immer hinter diesen Mauern auf mich wartete – die Wahrheit über Chris, über Henrik, über dieses Königreich voller Geheimnisse, das schwieg, wo es hätte sprechen sollen – ich würde es finden. Egal, was es mich kostete.








