Zu spät - wie immer
Wenn es eine olympische Disziplin dafür gäbe, zu spät zu kommen und trotzdem so aufzutreten, als hätte man alles geplant, hätte ich vermutlich gute Chancen auf eine Medaille. Ich schaue auf die Uhr meines Autos. 20:47 Uhr. Die Geburtstagsparty meines Bruders hat vor fast einer Stunde angefangen. Perfekt. Nicht zu spät. Nur... dramatisch pünktlich, wenn man bedenkt, wie lange es braucht, sich die Haare zu stylen und ein leichtes Make-up aufzulegen.
Ich greife nach der Geschenktüte auf dem Beifahrersitz, schnappe mir die Flasche Whisky, die Ben vermutlich sowieso lieber mag als alles andere, und steige aus. Drei Schritte später bleibe ich stehen.Ich sehe an mir herunter. Blaue Jeans. Schwarzes Top. Lederjacke. Meine Haare offen. Eigentlich perfekt. Gut. Vielleicht bin ich nicht zu spät. Vielleicht lasse ich die Leute einfach warten, weil mein Auftritt sonst nicht die gleiche Wirkung hätte, rede ich mir immer ein. Mit diesem Gedanken klingele ich. Die Tür öffnet sich keine eine Minute später. Und natürlich steht mein Bruder davor. Ben Hartmann. 29 Jahre alt. Eishockeyspieler mit großem Ego und mein großer Bruder. Und der einzige Mensch auf der Welt, der es schafft, mich mit einem einzigen Blick gleichzeitig genervt und erleichtert aussehen zu lassen.
“Du bist zu spät.”
Ich lächle.
“Hallo erstmal. Alles Gute zum Geburtstag Bruderherz”
“Du bist fast eine Stunde zu spät.”
“Falsch.”
Ich drücke ihm die Geschenktüte in die Hand.
“Ich bin spektakulär pünktlich.”
Er starrt mich an.
“Du weißt schon, dass das Wort pünktlich bedeutet, dass man zur richtigen Zeit da ist?”
“Du weißt schon, dass du deinen Geburtstag entspannter sehen solltest? Das ist schlecht für deine Falten alter Mann.”
Er verdreht die Augen.
“Du bist unmöglich.”
“Und trotzdem deine Lieblingsschwester.”
“Ich bin deine einzige Schwester.”
“Details.”
Er versucht ernst zu bleiben. Schafft es ungefähr zwei Sekunden. Dann zieht er mich in eine Umarmung.
“Schön, dass du da bist, Elli.”
Und genau deshalb liebe ich ihn. Ben kann nervig sein. Sehr nervig sogar. Aber er ist einer dieser Menschen, bei denen man nie daran zweifelt, dass sie hinter einem stehen.
“Natürlich bin ich da”, sage ich. “30 wird man schließlich nur einmal.”
“Ich werde nicht 30.”
Ich löse mich von ihm.
“Ben.”
“29.”
“Du bist vor einer Stunde 29 geworden.”
“Das zählt noch.”
Ich lache und betrete die Wohnung. Und dann bleibe ich stehen. Denn plötzlich fällt mir etwas ein. Mein Bruder hat nie erwähnt, wie viele Leute kommen. Oder besser gesagt: Welche Leute. Der gesamte Wohnbereich ist voll. Und ich meine voll voll. Menschen stehen überall. Im Wohnzimmer, in der Küche und im Garten. Und anhand der vielen Gesichter, die ich kenne und nicht kenne, stelle ich fest:Ben hat seine Mannschaft eingeladen. Natürlich. Ich hätte vielleicht vorher fragen sollen.
“Hast du mir gerade verschwiegen, dass ungefähr dreißig Eishockeyspieler hier sind?”
Ben zuckt mit den Schultern.
“Es sind nur zwölf.”
“Das macht es nicht besser.”
“Du magst Menschen.”
“Ich mag ausgewählte Menschen.”
“Du redest jedes Mal mit Fremden im Aufzug.”
“Weil sie sonst so traurig aussehen.”
Er lacht.
“Du bist komisch.”
“Das sagen die Besten.”
Ich gehe Richtung Küche und werde sofort von einer blonden Frau begrüßt, die ich noch nie gesehen habe.
“Du musst Elli sein.”
Ich blinzle.
“Das ist beunruhigend. Woher weißt du, wer ich bin?”
Sie zeigt auf meinen Bruder.
“Er hat jedem erzählt, dass seine kleine Schwester heute endlich mal kommt.”
Ich schaue Ben an.
“Du hast über mich gesprochen?”
“Natürlich.”
“Was hast du gesagt?”
Er nimmt einen Schluck von seinem Getränk.
“Dass du chaotisch bist. Dass du zu viel redest und dass du wahrscheinlich zu spät kommst.”
Ich verschränke die Arme.
“Okay. Das war eine faire Einschätzung.”
Die blonde Frau lacht.
“Ich bin Sarah.”
“Freut mich.”
Und genau so passiert es immer. Ich kenne eine Person. Dann zwei.Dann fünf. Und zehn Minuten später führe ich ein Gespräch mit Menschen, deren Namen ich schon wieder vergessen habe, aber deren Haustierenamen ich mir merken kann.Das ist eine meiner größten Fähigkeiten. Oder Schwäche. Kommt darauf an, wen man fragt.
Ich merke ihn erst später. Nicht, weil er der attraktivste Mann im Raum ist. Obwohl... Okay. Vielleicht ein bisschen deswegen. Aber hauptsächlich, weil plötzlich alle lachen. Ich drehe mich um. Er steht neben meinem Bruder. Groß. Dunkle Haare. Ein ruhiges Lächeln. Nicht dieses aufgesetzte Grinsen, das manche Männer haben, wenn sie glauben, sie müssten einen Raum besitzen. Nein. Er beobachtet eher. Als würde er mehr zuhören als reden. Ben bemerkt meinen Blick. “Ach, Elli.”
Oh nein. Ich kenne diesen Ton. Dieser Ton bedeutet immer Ärger.
“Das ist Cole.”
Der Mann schaut zu mir.
“Cole Bennett.”
“Elouise.”
Er hebt eine Augenbraue.
“Elouise?”
“Leider ja.”
“Warum leider?”
“Weil jeder denkt, ich wäre eine elegante Frau, die Tee trinkt und Gedichte schreibt.”
“Und du bist es nicht?”
Ich sehe ihn ernst an.
“Ich habe gestern beim Autofahren drei verschiedene andere Autofahrer beleidigt. Natürlich mit geschlossenen Fenstern.”
Ein kleines Lächeln erscheint auf seinem Gesicht.
“Das klingt nicht nach Tee.”
“Siehst du.”
Ben schüttelt den Kopf.
“Ignoriert sie.”
“Ich stehe hier”, sage ich.
“Das ist das Problem.”
Ich boxe meinem Bruder leicht gegen den Arm. Cole lacht. Und ich weiß nicht warum, aber genau dieses Lachen bleibt mir im Kopf
Eine Stunde später stehe ich mit einem Plastikbecher in der Hand vor dem Tisch, an dem irgendein Spiel aufgebaut wurde.
“Beer Pong?”
Ich sehe die Mannschaft an.
“Ernsthaft?”
Ein Typ mit Locken grinst.
“Was?”
“Ihr seid professionelle Sportler.”
“Ja.”
“Und ihr spielt ernsthaft Beer Pong?”
“Ja.”
“Das ist irgendwie enttäuschend.”
Cole steht neben mir.
“Warum?”
“Weil ich dachte, ihr macht in eurer Freizeit etwas beeindruckenderes als zu saufen.”
“Zum Beispiel?”
Ich überlege.
“Keine Ahnung. Euer Ego von Frauen streicheln lassen. Geld ausgeben. Mit den Muskeln protzten.”
“Wir spielen nur Hockey.”
“Wer‘s glaubt.”
Er lacht. “Willst du mitspielen?”
“Willst du verlieren?” grinse ich und wackeln mit meinen Augenbrauen.
Die Jungs um uns herum werden plötzlich aufmerksam.
“Sie hat dich gerade herausgefordert Cap.”
Cole sieht mich an. “Du kennst mich nicht mal.”
“Stimmt. Angst gegen mich zu hoch zu verlieren oder was, großer” gebe ich frech von mir und nehme den Ball.
“Aber ich erkenne Selbstvertrauen, wenn ich es sehe.”
“Und du glaubst, du kannst gewinnen?”
Ich lächle.“Wir werden sehen.”
Ich werfe.Der Ball landet direkt im Becher. Stille. Dann bricht die Gruppe in Gelächter aus. Cole schaut auf den Becher. Dann auf mich.
“Zufall.”
“Das werden wir ja sehen?” gebe ich selbstbewusst von mir.
Er verliert.Wieder.
Ich lege den Ball weg und verbeuge mich spöttisch. “War nett, Sportler.”
“Sportler?”
“Ich habe deinen Namen schon wieder vergessen. Sorry mein Gedächtnis ist da wie ein Sieb.”
“Du hast ihn vor fünf Minuten gehört.”
“Details.”
Er schüttelt lachend den Kopf. Und während ich zurück zu meinen neuen Freundinnen gehe, weiß ich noch nicht, dass dieser Mann irgendwann der Grund sein wird, warum ich meinen Kaffee jeden Samstagmorgen woanders trinken gehe.Und ich weiß auch noch nicht, dass er sich später genau an diesen Moment erinnern wird. Nicht an mein Aussehen. Nicht an meinen Namen. Sondern daran, dass ich ihn geschlagen habe. Zweimal.








