Prolog - Die Tür
Katja Berger saß mit klopfendem Herzen auf dem kalten Boden, den Rücken an die verschlossene Tür gelehnt. Ihr Atem ging schwer, während sie ihre Knie an ihren Körper zog. Ihren Blick hatte sie ins Leere gerichtet, bis sie das leise Aufatmen ihrer Kinder hörte. Sofort richtete sie sich auf und lauschte. Beide Kinder schliefen noch.
Diese zwei kleinen Menschen, für die sie alles geben würde, sollten nichts von diesem Sturm mitbekommen, der gerade erst wieder über sie hereingebrochen war. Sie sollten nicht lernen, dass sich Liebe und Familie manchmal so anfühlen konnte. Dass man leise werden musste, um keinen neuen Ausbruch auszulösen. Dass man die Stimmung eines anderen Menschen lesen musste, bevor man überhaupt wusste, was man selbst fühlte.
Katja's Augen waren müde und brannten von ihren Tränen, die sie versucht hatte zurückzuhalten. Es war wieder passiert. Wieder saß sie hier auf dem Boden, hinter dieser so vertrauten Tür. Schutz suchend vor dem Menschen, der einst ihre große Liebe war. Dem Mensch, von dem sie geglaubt hatte, er würde sie für immer lieben und beschützen.
Ein paar Minuten zuvor hatte sie wie immer noch versucht die Situation zu retten. Der heftige Streit hatte wieder aus dem Nichts begonnen. Ein Satz, eine Kleinigkeit, eine Bemerkung, die plötzlich eine Lawine ausgelöst hatte. Katja hatte längst gelernt, dass es nicht immer darauf ankam, was gesagt wurde. Manchmal schien es, als würde Dennis nicht auf ihre Worte reagieren, sondern auf etwas, das nur in seinem Kopf existierte.
Sie hatte versucht ruhig zu bleiben. Doch Dennis wusste genau, welche Worte sie trafen. Er hatte ihr vorgeworfen, sie würde ihn nicht verstehen. Sie würde immer alles falsch machen. Sie würde aus jeder Kleinigkeit ein Problem machen. Und irgendwann passierte wieder das, was sie mittlerweile kannte. Die Rollen veränderten sich.
Aus der Frau, die verletzt worden war, wurde plötzlich diejenige, die sich erklären und entschuldigen musste.
Sie hatte sich gefragt, wie sie innerhalb weniger Minuten von einem Gespräch über ein Problem zu einer Verteidigung ihrer eigenen Persönlichkeit gekommen war.
Warum musste sie plötzlich beweisen, dass sie keine schlechte Partnerin war?
Warum musste sie erklären, dass sie sich doch nur Frieden wünschte?
Dennis konnte unglaublich liebevoll, charmant und charismatisch sein. Genau das machte alles so schwer.
Der Mann, der sie gerade noch mit Worten verletzt hatte, konnte wenige Stunden später wieder der Mann sein, in den sie sich verliebt hatte. Der Mann, der sie zum Lachen brachte. Der Mann, der sie einst angesehen hatte, als wäre sie etwas Besonderes.
Und genau an diesem Bild hielt sie fest.
An Dennis von früher. An den Mann, bei dem sie geglaubt hatte, endlich angekommen zu sein.
Sie hatte so oft versucht stark zu bleiben, zu verzeihen und zu hoffen, dass alles nur eine schlechte Phase ist. Denn jede Beziehung hatte doch schwierige Zeiten. Oder? Und irgendwann wird alles wieder wie früher. Irgendwann würde Dennis sie wieder so ansehen wie früher.
Doch in dieser Nacht kam ihr ein Gedanke, den sie nicht mehr verdrängen konnte.
Ihre Augen füllten sich erneut mit Tränen und sie dachte an das Mädchen zurück, das sie einmal gewesen war. An das Kind, das sich nichts sehnlicher gewünscht hatte, als eine Familie, in der man sich geliebt, geborgen und sicher fühlt.
Sie spürte jetzt deutlich die unangenehme Kälte des Bodens an ihren Füßen und fragte sich, was ihre Kinder eines Tages aus all dem lernen würden.
So fasste sie in dieser Nacht einen Entschluss. Sie musste den Traum loslassen, an dem sie so lange festgehalten hatte, damit ihre Kinder eine andere Geschichte erleben durften als sie selbst.
Sie würde aufhören, an einem Traum festzuhalten, der längst zu einem Albtraum geworden war. Sie würde akzeptieren müssen, dass nicht jede Liebe gerettet werden kann.
Ihr wurde klar, dass kein Prinz kommen würde, um sie aus ihrem Märchen zu retten. Denn Märchen blieben manchmal nur Märchen. In der Realität musste man selbst die Heldin seiner eigenen Geschichte werden.








