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Holz knirschte. Das Geländer gab nach.
Nathan bemerkte es aus dem Augenwinkel, reagierte zu langsam, streckte seinen Arm nach dem Kleinen, doch Benji stürzte. Er schrie auf und landete mit dem Verandageländer im hohen Gras. Für einen Augenblick war die Zeit wie eingefroren.
Hat er sich den Kopf gestoßen? Nathan befreite sich aus der Starre, machte einen Satz nach unten und kauerte sich neben dem Jungen nieder, sodass sie Auge in Auge waren. Blut. Dunkle Tupfer am Holz. Benji rappelte sich hoch. Seine Knie waren aufgeschlagen. Nicht dramatisch, hoffentlich. Als er auf seine Hände blickte, wurde sein Gesicht kreidebleich und ihm kamen die Tränen.
Beide waren überfordert.
»Ähm.« Nathan trat einen Schritt auf ihn zu. »Halb so wild. Du hast dir sicherlich nur ein paar Schrammen zugezogen. Komm her, ich habe ein Taschentuch.«
Benji schüttelte den Kopf. Sein Blick war erschreckend leer. Ihm liefen zwar Tränen über die Wange und hin und wieder schniefte er, doch im Großen und Ganzen schien er relativ unbeeindruckt. So hart wie sein Vater, dachte Nathan. Gott sei Dank hast du dir nicht den Kopf gestoßen. Diese Verletzungen genügen schon, dass mir bald jeder Spaß vergehen wird.
»Ich habe dir gesagt, du sollst aufpassen. Das Haus ist sehr alt und muss erst renoviert werden. Du bleibst ab jetzt an meiner Hand.« Nathan streckte ihm seine Hand entgegen, doch Benji rührte sich nicht. Er ballte seine blutigen kleinen Fäuste.
Und du bist so stur wie dein Vater. Lass mich doch wenigstens deine Wunden säubern und vorläufig verbinden.
»Benjamin, willst du riskieren, dass sich deine Wunden entzünden? Du willst doch keine Blutvergiftung — dass man dir die Beine oder die Hände abnehmen muss.« Er holte eine Packung Kleenex aus seiner Hosentasche. »Also jetzt sei vernünftig.«
Benji guckte ihn an, als sei er für seinen Sturz verantwortlich; wich einen Schritt zurück, als er auf ihn zukam und ihn am Handgelenk packte. Er sträubte sich gegen seinen festen Griff.
Schließlich gab Nathan nach und ließ ihn los. Er biss sich auf die Unterlippe. »Wie du willst, ich hab verstanden. Lass uns trotzdem vorne warten, in Ordnung?«
Seufzend rappelte er sich hoch und bahnte sich einen Weg durchs hohe Gras. Die Dutzenden Zecken waren das Ganze nicht wert … Während er nach vorne ging, betrachtete er die Ostseite des Hauses, und ein Ekel ballte sich in seinem Magen. Zuletzt hatte er sich so gefühlt, als ein hiesiges Kammerorchester sein Stück aufgeführt hatte. Ganz besonders schlimm manifestierte sich dieses Gefühl zwei Tage später, als er in der Lokalgazette eine Kritik dazu las. In einer winzigen Spalte neben einem Artikel über einen Kindergartenbesuch im Seniorenzentrum — kurz zusammengefasst: Besser bei Beethoven bleiben.
Das Holz war wegen der Witterung dunkel und grau geworden. Dazu war das Haus nicht einmal besonders groß. Geräumiger als ihre Wohnung in Chicago. Blake meinte, es sei irgendwann im Neunzehnten Jahrhundert errichtet worden. Teile des Fundaments seien sogar noch älter. Auf den Fotos hatte es imposanter ausgesehen.
So richtig schlecht wurde ihm, als er einen Blick durch die Fenster aufs Interieur erhaschte. Ob wir überhaupt Strom haben? Wenn er mir dämlich grinsend eröffnet, dass wir jeden Morgen drüben beim Bach Wasser holen müssen, knüpfe ich ihn eigenhändig an dem Balken da auf. Warum ragt da überhaupt ein Balken aus der Wand?
Benji humpelte ihm mit weitem Abstand hinterher. Sein Gang war merkwürdig steif, erinnerte ihn an einen verletzten Straßenköter, der sich sogar dreibeinig verbissen weiterschleppt. Ihm gingen die Harmonien durch den Kopf, mit denen er die Szene damals untermalt hatte. Er hasste Tierdokus.
Vorne an der Straße blieb er stehen, warf einen ungeduldigen Blick zur Kurve, wo Blakes Subaru Outback hoffentlich bald hinter dem Waldrand auftauchte. Er lauschte nach Motorengeräuschen, doch die Stille war erdrückend. Es gab nur ein leises Rauschen, wenn ein warmer Sommerwind aufkam und durch die Wipfel fuhr.
Der Wald sah dunkel aus. Es waren viele Fichten darunter; der Abschnitt hinter dem Maisfeld schien besonders dunkel. Mochte möglicherweise an den Hügelbergen liegen, wie Blake sie nannte (»Das sind keine Berge«, hatte er auf der Hinfahrt gesagt, »unseren nächsten Urlaub machen wir in Denver, dann zeig ich dir, was Berge sind«). Der Wald ertrank in ihren Schatten. Dieses Bild gefiel ihm, und er hörte sofort eine leise Akkordfolge. Irgendwann werde ich den Soundtrack zu einem atmosphärischen Horrorfilm komponieren. Oder zu einem Dark Fantasy Epos? Hauptsache nicht wieder eine romantische Komödie. Wie ein Seidenhauch im Frühlingsgold … Wenn ich da geahnt hätte, dass dies nicht der Tiefpunkt meiner Karriere wäre …
»Benji«, sagte er, »du siehst grauenvoll aus. Dein Vater wird einen Infarkt bekommen, wenn er dich so sieht.«
Benji zeigte keine Regung. Er ging ein paar Schritte auf die Straße und schaute sehnsüchtig zu der Stelle, wo sie um den Waldrand bog.
Nathan grinste, um sich seine Gedanken zu verbeißen. Er lauschte lieber dieser Akkordfolge in seinen Ohren. Tiefe Streicher. Bassklarinette und Kontrafagott. Er sah schon vor sich, wie er sie orchestrieren würde. Eine rollende Basstrommel …
Die Echos im Wald verzerrten die Motorengeräusche, machten sie dumpfer und dunkler. Na endlich. Blakes kaffeebrauner SUV-Mischling tauchte drüben auf. Nathan trat hinter Benji heran und platzierte seine Hände auf seinen Schultern. Benji verkrampfte unter seiner Berührung. Vielleicht wird es hier doch ganz nett, dachte er.
Der Outback hielt auf dem Schotterplatz vor der freistehenden Garage. Fast routinemäßig, so als hätten sie ihr Leben lang hier gewohnt. Blake stieg aus, warf etwas Silbernes in die Luft; es schillerte in der späten Nachmittagssonne. Nathan konnte es nicht richtig erkennen, vermutlich waren es die Hausschlüssel. Blakes weißes Lächeln konnte er dagegen sehr deutlich erkennen. Es hob sich von seiner schwarzen Surferfrisur ab und ging bis über beide Ohren.
»Heyo, wir sind Hausbesitzer!«, rief er mit seiner hellen Stimme. Dann versteinerte sein Gesicht. Sein Blick blieb an Benjis Knien hängen. »Jesus, was ist denn mit dir passiert?«
»Er ist hingefallen«, sagte Nathan. »Aber er hat es ganz tapfer weggesteckt, nicht wahr?«
»Warum habt ihr es nicht verarztet?«
»Ich habe nur Taschentücher, und die wollte er nicht.«
»Okay, warte, Benji.« Blake joggte zurück zum Wagen, kroch halb hinein und hievte einen Rucksack auf den Fahrersitz. Er nahm einen Zipperbeutel mit Verbandszeug heraus. »Komm her, Löwe. Nähen wir deine Kriegsverletzungen.«
Benji ging zu ihm ohne ein Widerwort und ließ sich auf den Fahrersitz heben. Er wirkte auf einmal viel entspannter.
Nathan hielt sich abseits und beobachtete die beiden. Früher hätte er nie gedacht, dass Blake einmal einen so liebevollen Vater abgeben würde. Wie oft er ihm nach einer Eskapade die Haare über der Toilette gehalten hatte …
Als Blake seinem kleinen Löwen den Verband ums linke Knie wickelte, sagte er: »Wo hat’s dich denn hingehauen? Hast du mit deinem anderen Dad Fangen gespielt?«
»Nee«, sagte Benji. »Hinten bei der Veranda. Das Geländer ist einfach so weggekracht.«
»So? Hast du drauf rumgeturnt?«
»Ein bisschen«, sagte Benji ehrlich. »Aber nicht so viel, dass es kaputt geht.«
»War dein Dad auch da?«
»Frag ihn halt«, antwortete Nathan an Benjis Stelle. »Er steht hinter dir.«
»Sorry. War nicht so …«
»Japp.« Benji nickte. »Es ist so schnell gegangen, und es war ja auch meine Schuld. Keine große Sache.« Er zuckte die Achseln.
Oh Kleiner, da kennst du deinen Vater schlecht.
Blake warf Nathan einen kurzen Blick zu. Er wusste, was dieser bedeutete: Wir reden, wenn der Kleine im Bett ist.
»Wann gehen wir endlich ins Haus?«, sagte Benji.
Blake lächelte. »Ich bin nicht mal mit deinem zweiten Knie fertig. Pass auf, es brennt gleich.« Er spritzte ihm Desinfektionsmittel auf die Wunde. Benji japste auf.
»So ungeduldig wie sein Vater«, sagte Nathan und kam sich sofort dumm dabei vor. Oft hatte er den Drang, etwas sagen zu müssen, obwohl ihm nichts einfiel.
»Fuck off«, erwiderte Blake, stockte. »Äh …, das hast du überhört, okee, Benji?«
»Ich bin nicht mehr fünf«, sagte Benji. »Was glaubst du, Papa, was ich in der Schule alles höre? Wir leben nicht mehr in der Steinzeit.«
»Autsch.« Er kniff Benji in die Seite. »Die Jugend ist heute ganz schön verkommen!«
Beide lachten.
Nathan rang sich ein Schmunzeln ab. Diesmal hielt er den Mund.
Nachdem Benjis Blessuren versorgt und ein Splitter aus seinem Daumenballen entfernt worden waren, blitzte erneut der Schlüsselbund in Blakes Hand.
»Seid ihr ready?«
Benji nickte eifrig. »Darf ich aufschließen?«
»Wenn du dir nicht die Finger dabei brichst.« Blake händigte ihm den Schlüsselbund aus.
»Welcher ist der richtige?«
»Weiß nicht. Probier mal alle durch.«
Sie bewegten sich die Natursteinstufen nach oben. Alle wurden auf einmal ein wenig ehrfürchtig. Die Haustür lag versteckt im Schatten hinter zwei Holzsäulen. Sie schien groß und schwerfällig. Alt. Seit wie vielen Jahren sie wohl schon Eindringlinge davon abhielt, nach drinnen zu gelangen? Ob hier in dieser Einöde jemals jemand einen Einbruch gewagt hatte? Und was hätte er sich bitte zu stehlen erhofft?
Im Türfenster erkannte er ihre halbtransparenten bleichen Gesichter. Dahinter die Treppe in den ersten Stock. Am Geländerpfosten hielt eine geschnitzte Hand eine große Kugel umklammert.
Blake legte Benji einen Arm auf die Schulter. Bei ihm schien Benji entspannt zu bleiben, friemelte den ersten Schlüssel ins Schloss. Er passte nicht. Ebenso wenig der Zweite. Beim Vierten wurde er ungeduldig. Schließlich gab es ein befriedigendes metallisches Klacken, das im gesamten Gebäude widerzuhallen schien. Obwohl die Tür so massiv wirkte, ging sie geschmeidig leicht nach innen auf und ließ die neuen Bewohner eintreten. Hinter ihnen fiel sie dumpf und schwer ins Schloss wie eine Kirchenpforte. Die dunklen Töne resonierten im Haus, in den uralten Balken, in den Wänden, in den Dielen. Es klang fast wie eine gemurmelte Melodie.








