Die Krise
«Früher war alles besser», dachte Herr Sutter. Aber irgendwie muss es ja weitergehen. Seit 2057 dauerte die Krise schon. Sieben ganze Jahre. Angefangen hatte sie in Ghana. Der Kaffeerost (Hemileia vastatrix), ein kleiner rötlicher Pilz, hatte sehr von der Klimaerwärmung profitiert. Er frass sich durch: Blatt für Blatt, Baum für Baum. Was früher grün war, wurde zuerst rostrot, dann dürr, und schliesslich waren alle Blätter am Boden. Nachdem er bereits in den 40er Jahren fast den ganzen Bestand der Arabica-Plantagen zerstört hatte, mutierte er. Er befiel Kakaopflanzen. Zuerst nur in Ghana. Dann in der Elfenbeinküste. Später in Brasilien, Indien und Vietnam. Der ganze Kakao war weg. Verschwunden.
«Wie gut schmeckte doch die Burgdorfer-Zartbitter», träumte Herr Sutter. Mit 33% Kakao-Anteil. Und Haselnüssen. Mit Honig aus Solothurner Hanglagen. Eine herrliche Schokolade. Preisgekrönt an der Minsker Schokoladenmesse 2052, mit der Platin Medaille. Die Lieblingsschokolade von Bundespräsidentin Céline Dupont und Eishockey-Spieler Adrian Neuninger.
Sandra Militariu, die mit ihrer Familie in der Wohnung oben wohnte, hatte rechtzeitig einen Vorrat angelegt. 20 Tafeln hatte sie im Februar 2058 im Denner gekauft. Im Treppenhaus hat sie Herrn Sutter später stolz davon erzählt. Damals hat eine Tafel noch 4 Franken und 45 Rappen gekostet. Heute werden die überlebenden Tafeln für über 200 Franken je Stück gehandelt. Obwohl das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist.
Zuerst dachten viele: «Das betrifft doch nur die Schokolade». «Das geht wieder vorbei». «Wir haben grössere Sorgen». «Das Leben geht weiter». Aber die Folgen wurden unterschätzt. Der kleine rötliche Pilz griff weitere Pflanzen an. Die Lebensmittelindustrie in Europa und Nordamerika wurde hart getroffen. Ein Viertel der Angestellten wurde entlassen. Doch, ja, das Leben ging trotzdem weiter.
Aber die Krise war nicht mehr aufzuhalten. Die Lebensmittel wurden teurer. Viele ernährten sich nur noch von Linsen, Süsskartoffeln und Vitamintabletten. Reis und Weizen wurden zu Höchstpreisen an der Hamburger Börse versteigert. Und Fleisch? Ja, Fleisch wurde zum seltenen Genuss.








