Gähnende Leere

Aus Ihrer Sicht
Ich schlug langsam die Augen auf. Das schwach rötliche Licht der untergehenden Sonne brannte kurz in meinen Augen. Ich kniff sie instinktiv zu dünnen Schlitzen zusammen.
Habe ich hier geschlafen?
Ich war vollkommen verwirrt. Nicht wissend, wie ich hier gelandet oder was überhaupt geschehen war. Der Nebel um meine Gedanken war dichter als der Wald, der mich umgab.
Ich versuchte mich aufzurichten, wurde jedoch direkt mit Schmerzen bestraft, als würden mir meine Eingeweide herausgerissen.
Erst jetzt viel mir auf, dass meine linke Hand in etwas Dickflüssigem… Klebrigem gehüllt war.
Blut…
Ich blinzelte gegen die Sonnenstrahlen, die sanft durch die Bäume auf meinem Gesicht tanzten. Leichter Wind wehte mir den angenehmen Geruch von Blumen, Moos und Holz um die Nase.
Ich schloss die Augen und atmete ein. Direkt wieder vom Schmerz bestraft.
Meine linke Hand stark gegen die Wunde an meinem Bauch pressend und gegen den Schmerz ankämpfend versuchte ich mich aufzurichten, nur um wieder hilflos zusammen zu sacken. Gegen die Wurzeln des Baumes gelehnt, runzelte ich die Stirn.
Denk nach.
Verdammt.
Wie bist du hier gelandet?
Dann blitzten Erinnerungen durch mich hindurch.
Ein kleiner Junge mit einer grünen Brille, nicht älter als 7 vielleicht 8, der mich anlächelte, wie jemanden Vertrautes. Bedingungslose Vertrautheit. Das Bild verschwamm genauso schnell wie es gekommen war.
Wer war das?
Ich versuchte mich ein weiteres Mal aufzurichten, gegen den Schmerz ankämpfend. Ich schloss meine Augen und konzentrierte mich auf die Erinnerung.
Doch was mir dieses Mal vor dem inneren Auge erschien, war nicht annähernd, was ich erwartet hatte. Um mich herum Feuer, so real, dass ich die Hitze spürte und den Rauch schmecken konnte. Angst und Verzweiflung umschlangen mich, ich konnte nicht mehr atmen. Ich hörte Schreie. Schreie voller Panik. Ich verstand nur Bruchstücke davon.
„Du… nicht bekom…! … mein Tod …nichts!“
Der Nebel wurde wieder dichter, umschlang mich wie eine warme wohlige Decke und alles vor meinen Augen verschwamm.
Kopfschmerzen, die kurzzeitig sogar den Schmerz in meiner Bauchseite verdrängten.
Ich atmete ein weiteres Mal auf.
Wer war das?
Wo war ich?
Verdammt.
Ich fluchte vor mich hin. Aber es half nichts.
Reiß dich zusammen!
Ja, ich muss mich zusammenreißen!
Was auch immer geschehen war, wer auch immer mich verletzt hatte, war vermutlich auf meiner Spur. Wer weiß wie lange ich ohnmächtig hier lag. Vielleicht nur Minuten, vielleicht Stunden.
Klarheit blitze kurz auf.
Ich habe vielleicht Verfolger!
Ich schloss meine Augen und versuchte aufzuhorchen. Instinktiv suchte ich sämtliche Geräusche des Waldes ab. Mir war selbst nicht bewusst, wie sensibel mein Gehör tatsächlich war, und wie präzise ich die Geräusche um mich herum zu deuten vermochte.
Links von mir, auf einer kleinen Lichtung ein Reh. Es graste ruhig.
Vor mir sprang ein Hase ins Gebüsch.
Rechts von mir, in einiger Entfernung, das Plätschern eines kleinen Baches.
Ich konzentrierte mich ein wenig mehr, versuchte das Rascheln der Blätter im Wind, das Zwitschern der Vögel und das Quieken von Frischlingen auszublenden.
Irgendwo weit entfernt hörte ich Motorengeräusche eines vorbeifahrenden Fahrzeugs.
Eine Straße?
Ich horchte genauer hin. Doch nichts weiter.
Habe ich mich verhört?
Ein stechender Schmerz holte mich aus meiner Trance wieder in die Realität.
„Verdammt…“, stöhnte ich.
Ich sah an mir herunter. Meine Schuhe, schlichte schwarze Sneaker, waren in Schlamm gehüllt und zerschlissen. Meine leicht blaue Jeans war an mehreren Stellen zerrissen und ein kleiner Zweig hatte sich in einem Riss verfangen. Das linke Hosenbein war mit Blut getränkt. Meine Bluse war viel zu dünn. Vom schwachen Besch war nicht mehr viel zu erkennen, Blut, Schmutz und Moosflecken verwandelten sie in einen bunten Lappen. Warum mir mehrere Knöpfe an der Bluse fehlten, wollte ich gar nicht erst hinterfragen.
Ein Kribbeln kitzelte an meiner Bauchseite. Mit jeder Sekunde, die verstrich, wurde es stärker. Es juckte, brannte beinahe. Ich riss meine Bluse hoch, nur um zu bemerken, dass die Blutung aufgehört und die Wunde sich leicht geschlossen hatte.
Heilung?
Was zu Henker war das?
WAS bin ich?
Der Schmerz wurde dumpf, pochte nur noch leicht und ließ mir Raum zum Aufatmen. Ich setze mich endlich auf.
Ich fuhr mit meiner rechten Hand durchs Haar, einige Strähnen fielen mir direkt wieder ins Gesicht. Da sah ich es, weiß… silbrig… beinahe glänzend.
Wieso ist es weiß?
Ich hatte Asch-braunes Haar. Ein verwaschenes Braun. Eine Haarfarbe, die ich immer gehasst habe, immer gefärbt habe. Rot, Aubergine, Orange, Schwarz, Cosmic Blue. Alles nur kein Braun. Doch das hier waren nicht meine Haare. Ich wusste es tief in mir. Nicht woher. Nur wusste ich, dies konnte nicht mein Haar sein!
Ich sah wieder an mir herunter, diesmal wissend, dass etwas nicht richtig war. Nichts an dieser ganzen verdammten Situation war richtig. Ich war dürr! Nein! Das war nicht mein Körper! Meine Hände waren nur Haut und Knochen. Keine Ringe. Ich trug Ringe?
Panik erwachte in mir zu neuem Leben. Ich hörte wieder diese grausamen Schreie. Schreie nicht nur wegen körperlicher Schmerzen, sondern Verlust. Schreie, die deutlich machten, wie schmerzhaft es ist, jemand wichtigen zu verlieren.
Und dann…
Nichts…
Es wurde so still, als hätte mir jemand eine ganze Tonne Watte in die Ohren stopft.
Ich seufzte.
Verwirrung.
Völlige Verwirrung…
Ich schloss die Augen.
Hielt den Atem an.
Sekunden verstrichen. Sekunden wurden zu Minuten. Bis ich nicht mehr erkennen konnte, wie lange ich in diesem Schock die Luft angehalten hatte.
Meine Lunge schrie nach Sauerstoff und endlich ließ ich es zu, atmete schwer, tief…
Schmerz…
Bildete ich mir das ein?
Ist das ein Traum?
Woher weiß ich, wann ein zu real gefühlter Traum, tatsächlich Realität ist?
Erneut versuchte ich Erinnerungen aufzurufen, die einfach nicht da waren, nur Nebel.
Ruckartig sprang ich auf.
Mein Name!?
Wie ist mein Name?
Nichts…
In meinem Kopf war gähnende Leere…
Kein Name.
Keine Herkunft.
Ich tastete an mir herab.
Leere Taschen.
Keine Hinweise.
Ich sah mich um.
Nichts…
Ich drehte mich zum Baum, schloss meine Augen und lehnte mich resigniert mit der Stirn dagegen. Mein Arme schlaff an meinen Seiten hängend, seufzte ich erneut.
Unbewusst schlug ich mit der Stirn gegen den Baum.
Reiß dich zusammen!
Wer war das?
Ich sah mich um. Beobachtete jede Bewegung in den Büschen und in den Baumkronen. Ich sah niemanden. Ich spürte und hörte niemanden. Wessen Stimme was das?
Mein Herz schlug mir bis zum Hals.
Werde ich etwa verrückt?!
Halluzinationen?
Ich hob eine Hand an meine Stirn.
Was mach ich jetzt? Ist das ein Traum?
Egal!
Ich fuhr abermals herum, drehte mich mehrmals um meine eigene Achse, den Wald um mich herum durchsuchend.
Ich ballte die Fäuste.
Ist das meine Realität? Oder spielt das alles nur in meinem Kopf ab?
Egal! Du bist hier!
Mir entwich ein erstickter Pieps, als ich meine Hand auf meinen Mund presste, um nicht loszuschreien.
Fang an zu leben!
Die Stimme war in meinem Kopf!
Nein, keine Stimme. Mehr ein Knurren. Oder ein Gefühl?
Ich seufzte schwer.
Fang an zu leben, also, ja? Habe ich bisher nicht gelebt? Nicht, dass ich mich daran erinnern würde…
Ein Lachen entwich mir. Es war kein fröhliches Lachen. Es war ein Lachen, das meinen Zustand widerspiegelte. Ich verlor meinen Verstand.
Nein.
Ich hatte ihn bereits verloren.
Menschen wurden durch Erinnerungen und Erfahrungen definiert. Ich war eine Leere Hülle. Ohne Erinnerungen und sämtliche Gefühle, die in mir aufflammten, wurden im Keim erstickt und vom Nebel verschluckt. Wer auch immer ich war, jetzt bin ich ein reines Nichts.
Bau es neu auf!
LEBE!
Ich setze mich abwesend in Bewegung in Richtung Bach.
Wasser.
Das ist das Logischste. Das ist das Erste. Zum Leben braucht man erst einmal Wasser.
Ich stieß mich vom Baum ab und trat aus seinem Schatten. Ein langsamer und tiefer Atemzug wirkte beruhigend, durch den Geruch des Waldes, Moos, Holz, frisches Gras und Erde.
Dann…
Ein Schritt.
Ein weiterer Schritt.
Meine Bewegungen waren schwerfällig, als wäre ich eine aus Blei gegossene Statue, die gerade erst zum Leben erwacht ist. Ich rutschte immer wieder auf dem weichen und feuchten Waldboden aus.
Die Geräusche des Waldes bildeten nach einer Weile eine Melodie, zwischen dem Zwitschern, dem Rascheln und Quieken wurden meine stapfenden Geräusche in der Erde plötzlich rhythmisch.
Als ich an einem umgestürzten Baum ankam, kletterte ich schwerfällig auf ihn und rutschte auf der anderen Seite runter.
Das Plätschern des Bachen wurde lauter und klarer, je näher ich kam.
Ich hielt nicht am Rand an, ich stapfte direkt ins Wasser und fiel auf die Knie.
Meine Schuhe, und Jeans sogen sich mit Wasser voll. Ich wusch mir zunächst notdürftig das Blut ab, das langsam Bachabwärts gespült wurde.
Das Wasser war kühl. Gerade genug, um zu erfrischen.
Ich sammelte Wasser in meine Handflächen und spritze es mir ins Gesicht.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Als wäre es ein bekanntes Ritual.
Danach trank ich etwas davon.
Die Ärmel meiner Bluse wurden Nass und klebten an meiner Haut. Ich erschrak bei dem Anblick, obwohl nur Sekunden später auch dieser Schreck vom Nebel verschluckt wurde.
Ich zog die Ärmel zurück und betrachtete nüchtern meine blauen Flecke und Narben, die langsam verblassten. Die Haut an meinen Handgelenken dagegen, sah verbrannt aus und abgeschürft. Die Heilung setzte zwar schon ein, aber es ging langsamer. Ich blickte zu meinem Bauch hinunter. Die Stichwunde war viel tiefer, viel größer, als diese Brandwunde und war beinahe vollständig verheilt. Aber meine Handgelenke nicht.
Mich überströmte eine Art tiefes Wissen. Keine Erinnerung. Wissen.
Silber. Nur Silber war in der Lage die Heilung einzuschränken und sie sogar vollständig zu blockieren.
Wenn ich eines dieser Fabelwesen aus den Büchern bin.
Ich schlug meine Arme auf meinen Kopf, raufte mir die Haare.
Wann las ich je solche Bücher. Woher wollte ich das Wissen haben?
Das ist doch alles reinster Wahnsinn!
VERDAMMT!
Ich stand wieder ruckartig aufrecht.
Aufgeschreckte Vögel!
Adrenalin durchströmte mich.
Etwas in mir übernahm die Kontrolle.
Ich sprang.
Unbewusst.
Schnell.
Kletterte.
Versteckte mich im Geäst einer hohen Baumkrone.








