Heimkehr
Der Zug ratterte monoton über die Schienen.
Marcus saß allein am Fenster und starrte hinaus auf die vorbeiziehende Landschaft. Felder. Wälder. Kleine Dörfer mit roten Ziegeldächern. Alles wirkte friedlich. Zu friedlich.
Vor ihm auf dem kleinen Tisch lag ein zusammengefalteter Entlassungsbescheid. Daneben ein grauer Rucksack, in dem sich sein gesamtes Leben befand.
Er hätte erleichtert sein sollen.
Das zumindest hatten alle erwartet.
Du kannst froh sein, dass du wieder nach Hause kommst.
Du hast deinen Dienst getan.
Jetzt beginnt ein neues Leben.
Marcus wusste nicht mehr, wie sich so etwas anfühlte.
Das Abteil war ruhig. Zwei Reihen vor ihm blätterte eine ältere Frau in einer Zeitschrift. Ein Kind drückte sein Gesicht gegen die Scheibe und zeigte begeistert auf eine Herde Kühe auf einer Weide.
Marcus zog unwillkürlich die Schultern hoch.
Als das Kind plötzlich laut lachte, zuckte er zusammen. Sofort. Wie ein Reflex. Sein Herz begann schneller zu schlagen. Er hasste das.
Hasste es, dass sein eigener Körper Entscheidungen traf, bevor sein Verstand überhaupt reagieren konnte.
Langsam schloss er die Augen. Einatmen. Ausatmen.
Der Psychologe hatte ihm diese Übung gezeigt.
"Du bist nicht mehr dort."
"Du bist hier."
"Es gibt keine Gefahr."
Marcus öffnete die Augen wieder.
Draußen zog eine Baumreihe vorbei.
Keine Gefahr. Nur ein Zug. Nur Deutschland. Nur Zuhause.
Warum fühlte es sich dann nicht so an?
Der Zug hielt in einer mittelgroßen Stadt.
Mehrere Passagiere stiegen aus.
Neue kamen hinzu.
Eine junge Frau setzte sich auf den freien Platz gegenüber.
Freundliches Gesicht.
Braune Haare.
Vielleicht Ende zwanzig.
Sie lächelte kurz.
„Ist hier noch frei?“
Marcus nickte.
„Ja.“
Danach schwiegen beide.
Was ihm sehr recht war.
Die Frau zog ein Buch aus ihrer Tasche und begann zu lesen.
Marcus blickte aus dem Fenster.
Die Spiegelung seines Gesichts erschien in der Scheibe.
Dunkle Augen.
Kurze Haare.
Eine feine Narbe an der Schläfe.
Er wirkte älter als dreißig.
Viel älter.
Manchmal fragte er sich, ob andere Menschen sehen konnten, was er gesehen hatte.
Ob sie ahnten, welche Bilder in seinem Kopf lebten.
Oder ob sie nur einen Mann in Zivilkleidung sahen.
Einen ganz gewöhnlichen Reisenden.
Drei Stunden später erreichte der Zug die Kreisstadt.
Endstation.
Hier musste er umsteigen.
Marcus hob seinen Rucksack auf und trat hinaus auf den Bahnsteig.
Warme Sommerluft empfing ihn.
Menschen eilten mit Koffern an ihm vorbei. Jugendliche lachten. Irgendwo spielte Straßenmusik.
Es war beinahe surreal.
Vor sechs Monaten hatte er in einer anderen Welt gestanden.
Einer Welt aus Staub, Rauch und Sirenen.
Jetzt roch die Luft nach frisch gebackenen Brezeln.
Marcus wusste nicht, was schlimmer war.
Der Krieg.
Oder das Gefühl, dass niemand verstand, warum er ihn nicht einfach hinter sich lassen konnte.
Der Busbahnhof lag direkt neben dem Bahnhof.
Der Bus in sein Heimatdorf fuhr erst in zwanzig Minuten.
Marcus setzte sich auf eine Bank.
Neben ihm diskutierten zwei Rentner über das Wetter.
Auf der anderen Seite telefonierte ein Schüler lautstark mit seinem Freund.
Normale Gespräche.
Normale Menschen.
Er fühlte sich wie ein Beobachter.
Als würde er alles durch eine Glasscheibe betrachten.
Die Stimme des Fahrers unterbrach seine Gedanken.
„Linie 204. Abfahrt nach Waldhagen.“
Marcus stand auf.
Falkenried.
Sein Dorf.
Sein Zuhause.
Das Wort klang plötzlich fremd.
Der Bus war fast leer.
Marcus setzte sich in die letzte Reihe.
Langsam verließ das Fahrzeug die Stadt.
Die Straßen wurden schmaler.
Die Häuser kleiner.
Die Felder größer.
Er kannte jede Kurve dieser Strecke.
Früher hatte er hier gesessen, wenn er von der Schule kam.
Damals hatte sein größtes Problem darin bestanden, eine Mathearbeit zu bestehen.
Ein anderes Leben.
Ein anderer Mensch.
Der Bus fuhr an einem kleinen See vorbei.
An einer alten Kirche.
An den Windrädern auf dem Hügel.
Alles war noch da.
Nur er selbst passte nicht mehr hinein.
Als das Ortsschild von Waldhagen auftauchte, verspürte Marcus plötzlich eine ungewohnte Enge in der Brust.
Seine Hände ballten sich unbewusst zu Fäusten.
Der Fahrer hielt am Dorfplatz.
„Endstation.“
Marcus blieb einen Moment sitzen.
Nur einen Moment.
Dann stand er auf.
Die Bustür öffnete sich mit einem leisen Zischen.
Er stieg aus.
Stille.
Keine Motoren.
Keine Sirenen.
Kein Geschrei.
Nur Vogelgezwitscher.
Die Nachmittagssonne lag golden auf den Fachwerkhäusern.
Vor der Bäckerei standen zwei Fahrräder.
Am Brunnen unterhielten sich ältere Dorfbewohner.
Jemand winkte ihm zu.
Marcus erkannte den Mann nicht sofort.
Doch der Fremde erkannte ihn.
„Marcus? Bist du das?“
Marcus zwang sich zu einem Lächeln.
„Ja.“
Der Mann kam näher.
„Mensch, Junge. Du bist endlich wieder da.“
Marcus nickte.
Mehr brachte er nicht heraus.
Der Mann redete weiter, doch Marcus hörte kaum zu.
Sein Blick wanderte über den Platz.
Zu den Häusern.
Zu den Straßen.
Zu den vertrauten Fassaden seiner Kindheit.
Alles war noch genauso wie früher.
Und genau das machte ihm Angst.
Denn zum ersten Mal wurde ihm klar, dass der Krieg nicht dort draußen geblieben war.
Er hatte ihn mitgebracht.
Bis hierher.
Bis nach Hause.








