Letzte Reihe
Der Regen hatte mich erwischt, bevor ich überhaupt das Schulgelände erreicht hatte.
Ich war zu spät losgelaufen, wie fast jeden Morgen, und meine Jacke war zu dünn. Der Wind hatte mir das Wasser ins Gesicht gedrückt, in die Haare, unter den Kragen - aber ich war daran gewöhnt. Ich beschwerte mich nie. Nicht laut.
Der Flur roch wie immer nach nasser Kleidung und abgestandener Luft. Stimmen hallten, Türen klappten, Schritte auf Linoleum. Ich war mittendrin, aber gleichzeitig nicht wirklich da. Ich grüßte niemanden, niemand grüßte mich. Es war mir recht so.
Mein Spind klemmte, also trat ich leicht dagegen, bis er aufsprang. Ich zog meine Bücher heraus, die schon Eselsohren hatten, und stopfte sie in meine Tasche, die ich über der Schulter trug. Die Reißverschlüsse klirrten leise. Ich mochte diese kleinen Geräusche. Sie machten mich ruhig.
Ich lief den Gang entlang, an den weißen Wänden vorbei, die voller alter Aushänge waren, halb abgerissen, überklebt, vergessen. Alles wirkte müde.
Ich war es auch.
Der Klassenraum war schon halb voll, als ich eintrat.
Ich nickte kurz jemandem zu - vielleicht aus Höflichkeit, vielleicht aus Gewohnheit - und ließ mich auf meinen Stammplatz in der letzten Reihe sinken. Es war mein sicherer Ort. Nicht zu nah am Fenster, nicht zu nah an der Tür. Weit genug weg, um zu verschwinden, aber nah genug, um alles zu beobachten.
Ich legte mein Heft auf den Tisch, nahm einen Stift zur Hand, klickte ihn einmal. Und dann nochmal.
Niemand beachtete es. Ich war einfach da.
Der Stuhl unter mir quietschte leise, als ich mich ein Stück nach hinten lehnte.
Draußen war es immer noch grau, und der Regen trommelte in gleichmäßigen, fast beruhigenden Mustern gegen das Fenster. Ich liebte dieses Geräusch - es war wie ein Hintergrundrauschen für meine Gedanken.
Der Unterricht hätte längst beginnen sollen, aber der Raum war leer. Kein Lehrer. Nur wir.
Das übliche Murmeln. Kaugummi. Musik aus versteckten Kopfhörern. Alles wie immer.
Und dann - die Tür.
Ein leises Klicken.
Kein Schwung, kein hastiges Reinkommen. Nur... Präsenz.
Er trat ein, so als gehörte er nicht hierher. Nicht wirklich.
Schwarz gekleidet, wie jeden Tag, Hemd locker, Haare leicht zerzaust.
Er sah nicht in unsere Gesichter. Auch nicht in meines.
Er stellte seine Tasche auf den Tisch, als hätte er alle Zeit der Welt, schob den Ärmel seines Hemds hoch und sah auf seine Uhr. Dann erst hob er den Kopf.
„Guten Morgen", sagte er ruhig.
Kein Lächeln. Kein Interesse. Nur Routine.
Ich beobachtete ihn.
Nicht auffällig. Nur ein kurzer Blick, wie aus Versehen.
Ich wusste nicht, was es war. Vielleicht seine Stimme, vielleicht die Art, wie er sich bewegte - als würde ihn nichts wirklich berühren.
Nicht mal wir.
Er begann zu sprechen, irgendetwas über Literatur und Bedeutung. Ich hörte nicht zu.
Ich hörte seiner Stimme zu.
Dem Rhythmus. Der Ruhe darin.
Ein paar Reihen vor mir tuschelte jemand, und ich zwang mich, den Blick auf mein Heft zu senken. Leer. Keine einzige Notiz. Nur mein Vorname in der Ecke, schwach geschrieben, als wollte ich auch da nicht wirklich sichtbar sein.








