Das Labyrinth der Wildnis
Die Stille des Urwalds war eine Beleidigung.
Ich hatte mir das so einfach vorgestellt: Einfach die große Barriere hinter mir lassen, den goldenen Hallen von Elbion den Rücken kehren und endlich mein eigenes Leben leben. Ohne die strengen Gesetze meines Onkels Ralis, ohne die täglichen, erstickenden Verpflichtungen am Hof, und vor allem ohne diesen verfluchten Segen in meinen Adern, der mich wie ein wandelndes Leuchtfeuer für jede magische Kreatur machte. Man erzählte sich in den heiligen Hallen Geschichten über die Freiheit jenseits der Grenze, über weite Ebenen und unberührte Natur. Niemand hatte erwähnt, dass diese Natur einen verdammt noch mal fressen wollte.
Deshalb war ich gelaufen. Seit Stunden folgte ich einem schmalen Wildpfad, die Zähne aufeinandergepresst, den Kragen meines Reiseumhangs tief ins Gesicht gezogen, um den feinen, eisigen Nieselregen abzuwehren, der unerbittlich durch das Blätterdach drang.
Und genau hinter mir, irgendwo im dichten Farn, knackte es mal wieder.
„Geh mir einfach nicht auf die Nerven“, zischte ich in den leeren Raum und beschleunigte meine Schritte, während ein helles, spöttisches Kichern durch die Zweige hallte, das verdächtig nah klang.
Das Problem war nicht nur die Wildnis. Das Problem war er.
Seit ich die Grenze passiert hatte, war dieser verdammte Naturgeist wie ein Schatten hinter mir her. Kein plumpes Monster, das aus dem Unterholz sprang und wild um sich biss, sondern ein hochgewachsener, unverschämt gelassener Kerl. Er trug wildes, weiß-braun gestreiftes Haar, das im Nacken zu einem hohen Zopf gebunden war, und besaß warme, braune Augen, die mich von der ersten Sekunde an musterten wie ein Jäger seine Beute. Er hatte es sich in meinem Kielwasser bequem gemacht, als wäre ich eine Attraktion auf einem Jahrmarkt.
Ich hatte versucht, ihn abzuhängen. Ich hatte verflucht noch mal alles gegeben: Ich war durch eiskalte Bachläufe gewatet, hatte dorniges Unterholz durchquert, das mir die Haut aufriss, und Kletterpartien an nassen Steilwänden hingelegt, die jeden normalen Verfolger längst hätten abschütteln müssen. Aber der Geist? Er war einfach in aller Seelenruhe hinterhergeschlendert, hatte sich über meine kläglichen Umwege lustig gemacht und mich mit einer unerträglichen, fast katzenhaften Selbstversessenheit beobachtet.
„Ich brauche dich nicht!“, hatte ich ihm vor einer Stunde zugerufen, als er sich an einem Ast lehnend über meinen Schlammfilm im Gesicht lustig gemacht hatte, ehe ich in panischer Eigenschaft einen völlig falschen Abzweig genommen hatte.
Jetzt wusste ich, wohin das geführt hatte.
Ich blieb abrupt stehen und starrte fassungslos auf das, was vor mir lag. Der schmale Pfad hatte sich vor einer halben Stunde klammheimlich im grauen, dichten Nebel aufgelöst, der nun wie eine feuchte Wand über dem Boden hing. Jetzt stand ich auf einer tückischen, feuchten, moosüberwucherten Felskante. Unter mir gähnte ein tiefer, nebelverhangener Abgrund, von dem man nicht einmal das Ende erahnen konnte, und hinter mir... hinter mir gab es nur noch ein undurchdringliches, labyrinthisches Dickicht aus gigantischen, verdrehten Baumwurzeln und mannhohen Dornenhecken.
Ich hatte mich verlaufen. Und zwar so gründlich, wie man es nur als verwöhnter Kronprinz schaffen konnte.
Ein kalter Schauer lief mir den Rücken herunter, den ich mit purer Willenskraft sofort auf das miserable Wetter und ganz sicher nicht auf die Panik schob, die drohte, in meiner Brust die Kontrolle zu übernehmen. Ich atmete langsam durch die Nase aus, drehte mich um, musterte den dichten Wald – und da stand er.
Er lehnte sich so lässig, als stünde er in einer Taverne und würde auf ein Glas Wein warten, gegen den Stamm einer uralten Eiche. Die Arme vor der dunklen Lederweste verschränkt, die Muskeln unter dem Stoff entspannt. Ein amüsiertes, fast spöttisches Lächeln lag auf seinen Lippen, während der feine, erdige Duft nach Moos, Ozon und feuchter Erde von ihm zu mir herüberwehte.
„Suchst du jemanden, Kronprinz?“, fragte er mit einer tiefen, ruhigen Stimme, die mühelos durch den feuchten Nebel drang und meine Nerven wie eine Geigensaite spannte.
Ich starrte ihn an, die Hände unter dem Umhang zu Fäusten geballt, um das unkontrollierte Zittern meiner Finger zu verbergen. „Du bist mir also tatsächlich die ganze Zeit gefolgt. Was willst du von mir, Geist?“
„Mein Name ist Eden“, antwortete er mit einer unverschämten, fast schlafwandlerischen Gelassenheit und stieß sich von dem Baum ab, um ein paar geschmeidige Schritte auf mich zuzugehen. Seine Stiefel machten keinen Laut im feuchten Moos. „Und für jemanden, der so wild darauf ist, seine absolute Unabhängigkeit zu beweisen, rennst du verdammt zielstrebig im Kreis, Faelar.“
Ich presste die Zähne aufeinander, bis mein Kiefer schmerzte, wandte ihm demonstrativ den Rücken zu und schnaubte verächtlich durch die Nase.
„Vergiss es, Eden“, warf ich ihm über die Schulter zu und setzte mich mit forschen Schritten in Bewegung, obwohl ich nicht einmal wusste, wohin. Ich starrte stur in den grauen Nebel vor mir. „Ich brauche deinen Pakt nicht und ich brauche dich erst recht nicht. Ich werde diesen Weg ganz alleine finden. Geh mir einfach aus den Augen.“
Hinter mir hörte ich ein leises, humorloses Auflachen, das mir direkt unter die Haut ging.
„Nur zu, Kronprinz“, rief Eden mir mit dieser unerträglich entspannten Stimme hinterher, ohne auch nur einen Schritt schneller zu werden. „Geh nur ein paar Meter weiter in den Nebel hinein. Die nächtlichen Jäger dieses Waldes riechen deinen königlichen Segen schon meilenweit gegen den Wind. Sie haben schon lange keinen so delikaten Snack mehr gehabt.“
Ich ignorierte ihn. Zehn Schritte. Zwanzig. Der Nebel schien dichter zu werden, kroch wie eiskalte Finger unter meinen Kragen, und die Geräusche des Waldes veränderten sich schlagartig. Das Plätschern des fernen Baches verstummte, das Rascheln der Blätter klang auf einmal unnatürlich gedämpft. Ein tiefes, dumpfes Knurren hallte plötzlich von links durch das Unterholz, so kraftvoll, dass der Erdboden unter meinen Stiefeln vibrierte.
Mein Herz schlug mir mit wuchtigen Schlägen bis zum Hals. Ich blieb wie angewurzelt stehen, die Muskeln bis zum Zerreißen angespannt, die Luft in meiner Lunge eingefroren.
Aus dem grauen Dunst direkt vor mir hoben sich zwei glühende, bernsteinfarbene Augen ab, kalt und hungrig. Augenblicklich folgte eine massive, schattenhafte Gestalt, die lautlos auf mich zuwankte. Die bernsteinfarbenen Augen des Biests fixierten uns im Nebel, und im selben Moment knackte es links und rechts von uns im Unterholz. Weitere Schatten schoben sich aus dem Dunst hervor – wir waren eingekreist. Ein ganzes Rudel.
In meinem Kopf rattern die Zahnräder blitzschnell, angetrieben von purem Adrenalin. Ich war vielleicht kein erfahrener Krieger, der gelernt hatte, Monster im Nahkampf zu zerlegen, aber ich wusste eins: Eden klebte an meinen Fersen, und er war der Schlüssel zum Überleben.
Ehe Eden auch nur einen Schritt vortreten konnte, um den heroischen Retter zu spielen, packte ich ihn kurzerhand am Kragen seiner Lederweste, riss ihn mit einer unerwarteten Kraft an mich heran und schlang meine freie Hand entschlossen um sein Handgelenk, genau auf die pulsierenden Adern seiner Mana-Signatur.
Vor Edens Augen flackerte für einen winzigen Bruchteil einer Sekunde pure, ungespielte Verblüffung auf, ehe sein Gesicht sofort wieder in diese ungerührte Maske glitt.
„Was zur Hölle...“, setzte er an, doch ich schnitt ihm das Wort ab, während die Kreaturen näher kamen, ihre Lefzen zurückzogen und das Sabbern anfingen.
Wenn dieser Pakt geschlossen werden musste, um sein ungezähmtes Mana gegen die Bestien zu entfesseln, dann würde ich es auf meine Weise tun – zu meinen Bedingungen. Ich riss Eden am Kragen brutal nach unten, schloss die Augen und presste meine Lippen auf seine.
Es war kein zärtlicher Kuss, kein Hauch von Romantik, sondern ein Akt purer, verzweifelter Erpressung und kaltem Kalkül. Doch im selben Moment, in dem sich unsere Lippen berührten, explodierte die Welt um uns herum.
Ein gleißender, brennender Strom aus reiner Magie schoss durch meinen Körper, als hätte ich einen Blitz verschluckt. Es schmeckte nach Ozon, feuchter Walderde und eiskaltem Quellwasser. Edens Mana stürzte sich auf meine wilden, unkontrollierten Reserven wie ein reißender Strom, der alles mitriss. Ich spürte, wie er in diesem Kuss die Kontrolle übernahm, wie sich unsere Seelen und Energien mit einem schmerzhaften, elektrisierenden Ruck ineinander verhakten. Die Bindung schloss sich – unlösbar, wild und von unseren hämmernden Herzschlägen angetrieben.
Atemlos riss ich den Kopf wieder zurück, die Lungen brennend voll kalter Luft, und keuchte schwer gegen seine Brust, während das fremde Feuer in meinen Adern tanzte. Ich warf ihm ein bitterböses, triumphierendes Lächeln zu.
„Du wolltest mich beschützen, Naturgeist? Herzlichen Glückwunsch, du hast den Zuschlag“, zischte ich ihm leise ins Ohr, während ich den anstürmenden Bestien ein kühl berechnendes Auge zuwarf. „Aber wenn ich hier und heute draufgehe, bin ich ja verdammt gespannt, was Onkel Ralis und die Krieger von Elbion mit dir anstellen, wenn sie herausfinden, dass der Kronprinz wegen deiner Unfähigkeit im Wald verreckt ist.“
Eden starrte mich an. Einen Herzschlag lang herrschte absolute, gespannte Stille zwischen uns, in der der erdige Duft fast elektrisch in der Luft knisterte. Dann breitete sich ein absolut hämisches, breites Grinsen auf seinem Gesicht aus, und in seinen braunen Augen funkelte pure, ungebändigte Begeisterung.
„Du bist ein biestiges kleines Luder, Kronprinz“, flüsterte er heiser, und in seiner tiefen Stimme schwang plötzlich eine Mischung aus amüsiertem Respekt und purem Adrenalin mit. „Deal.“
Ehe die vorderste Kreatur uns erreichen konnte, wirbelte Eden herum. Er hob die Hand, und die entfesselte Macht, die jetzt durch unsere frisch geschmiedete Bindung in ihm pulsierte, brach mit einer solchen Wucht hervor, dass eine gleißende Schockwelle aus purem Licht und Wind durch den Wald fegte. Das Biest und seine Meute wurden augenblicklich von den Beinen gerissen und in den Nebel zurückgeschleudert.
Die Druckwelle hatte sich eben erst im Nebel aufgelöst, und das Jaulen der fliehenden Bestien hallte noch in meinen Ohren. Mein Herz hämmerte wie wild gegen meine Rippen.
Ich stieß Eden von mir, auch wenn sich meine Beine noch ein wenig wackelig anfügten, und strich mir mit zitternder Hand den Umhang glatt. Ich biss die Zähne zusammen und sah ihm direkt in die Augen.
„Bring mich aus diesem verdammten Wald raus“, fauchte ich, während der kalte Wind durch die Bäume strich. „Dann kannst du deiner Wege gehen.“
Statt sich zu entfernen, glitt ein dunkles, amüsiertes Funkeln in Edens Augen. Mit einer Theatralik, die mich augenblicklich erstarren ließ, sank er langsam auf ein Knie herab – direkt in das feuchte Moos vor mir.
Ich atmete scharf ein, wollte zurückweichen, doch seine Hand schnellte vor und schloss sich fest, aber sanft um mein Handgelenk, genau an der Stelle, wo unsere Magie pulsierte. Er zog meine Hand Zentimeter für Zentimeter nach unten, während er den Blick nicht eine Sekunde von meinen Augen abwandte.
Bevor ich auch nur einen Laut herausbringen konnte, führte er meine Hand zu seinem Mund. Seine warmen Lippen strichen langsam, fast spöttisch über meinen Handrücken, während sein weiß-brauner Haarzopf über seine Schulter nach vorn in den Schmutz hing.
„Wie Ihr befehlt, mein Prinz“, flüsterte er gegen meine Haut, und seine tiefe Stimme triefte nur so vor eiskalter Verlockung und hohnlachender Hingabe. Als er den Kopf hob, sah er zu mir auf wie ein ergebener Vasall, der seinen Herrn gerade in die Hölle folgen würde – und es absolut genoss. „Aber vergesst nicht: Ihr habt mich gerufen. Ihr habt mich gebunden. Jetzt müsst ihr auch mit den Konsequenzen leben, dass ich von eurer Seite nicht mehr weiche.“
„Was...“, presste ich hervor, die Stimme vor purem Unglauben und Empörung gepresst, während mein Puls raste und ich meine Hand mit einem Ruck aus seinem Griff riss. „Du bist ein elendiger, größenwahnsinniger...“
Eden stand langsam wieder auf, das breite Grinsen nicht eine Sekunde aus seinem Gesicht gewichen, und klopfte sich lässig das Knie ab. Er machte einen langsamen Schritt auf mich zu, bis die Luft zwischen uns wieder nach Ozon und warmer Erdenluft schmeckte.
„Du hast gerade einen Naturgeist an dich gebunden, Kronprinz“, fuhr er fort, und in seinem Ton schwang pure Faszination und Besitzanspruch mit. „Du hast mir einen Pakt aufzwingen wollen, aber dir ist wohl im Eifer des Gefechts entgangen, wie das funktioniert. Ich kriege reines, ungezähmtes Mana, das bis zum Rand mit dem königlichen Segen vollgepumpt ist – so etwas wie dich findet man alle paar Jahrhunderte mal.“
Er lehnte sich leicht vor, sodass sein Gesicht gefährlich nah an mein herankam.
„Ich begleite dich aus diesem Wald, ja“, flüsterte er knapp vor meinen Lippen. „Aber danach? Verabschiede dich schon mal von dem Gedanken, dass ich freiwillig auch nur einen Schritt von deiner Seite weiche.“
„Du kannst nicht bei mir bleiben! Das ist völlig unmöglich“, zischte ich und stieß ihn mit beiden Händen vor die Brust, auch wenn das bei seiner Statur ungefähr so viel Wirkung zeigte wie ein Regentropfen auf einen Felsen. „Ich habe dich aus purem Überlebenswillen erpresst, nicht, um mir einen anhänglichen Schatten ans Bein zu binden, der mich auf Schritt und Tritt verfolgt!“
Eden tat nicht mal so, als würde ihn meine Empörung kratzen. Er fing meinen Stoß mühelos ab, indem er nach meiner Hand griff – genau dort, wo die frisch geschmiedete Bindung unter unserer Haut pulsierte – und sie keinen Millimeter von sich weg bewegte. Die Wärme seiner Haut brannte durch meine Kleidung hindurch.
„Wieso, als dein Auserwählter muss ich doch bei dir bleiben“, erwiderte er mit dieser unerträglichen, tiefen Gelassenheit, während ein entsetzlich amüsiertes Grinsen nicht eine Sekunde aus seinem Gesicht verschwand. „Ich könnte es mir nie verzeihen, dein Vertrauen zu missbrauchen.“
Elender Mistkerl. Dieser Geist genoss es, mich in den Wahnsinn zu treiben, und er hatte nicht die geringste Absicht, jemals wieder aufzuhören.








