Customize readability
Aa

The Things We Never Pray For

All Rights Reserved ©

Summary

„In Gracewood glaubt jeder an Gott. Doch nicht jeder betet zum selben." William hatte nie vor, nach Gracewood zu ziehen. Doch Entscheidungen trifft seine Mutter schon immer für ihn. Zwischen einer streng gläubigen Gemeinde, unausgesprochenen Regeln und einem Jungen, der ihn völlig aus dem Gleichgewicht bringt, beginnt William zu erkennen, dass in Gracewood weit mehr verborgen liegt als religiöser Fanatismus. Denn manche Wunder sind keine Wunder. Und manche Gebete sollten niemals erhört werden.

Status
Ongoing
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
18+

Chapter 1


Kapitel 1 – Gracewood


Für das letzte Schuljahr noch einmal in eine neue Stadt zu ziehen, stand definitiv nicht auf meiner Liste mit Dingen, die ich unbedingt erleben wollte. Nach elf Schuljahren hatte ich selbst am Ende noch das Gefühl, niemanden wirklich zu kennen und irgendwie immer für mich zu sein.


Ich bin gern allein, deshalb habe ich das nie als besonders schlimm empfunden. Trotzdem gab es Momente, in denen ich mir gewünscht habe, meine Pausen nicht allein verbringen zu müssen.

Nicht einmal ich kann sagen, warum ich immer allein bin. Ich wurde nie gemobbt, hatte nie Feinde und habe mich auch nie mit irgendetwas lächerlich gemacht. Ich sehe nicht ungewöhnlich aus, bin weder besonders laut noch komme ich aus einem seltsamen Umfeld. Wahrscheinlich liegt es einfach an meiner introvertierten Art. Ich gehe nicht gern auf andere zu, meide Partys und kann Menschenmengen überhaupt nichts abgewinnen.


Die meisten aus meinem Jahrgang haben irgendwann angefangen, regelmäßig Alkohol zu trinken. Dass sie dafür eigentlich noch drei Jahre zu jung sind, schien niemanden zu interessieren. Ich frage mich manchmal, was sie wohl erst tun werden, wenn sie mit einundzwanzig tatsächlich legal trinken dürfen.


„Will? Kannst du mir bitte einmal helfen?"Die Stimme meiner Mutter reißt mich aus meinen Gedanken. Sie steht in der Küche und räumt gerade die Umzugskartons aus.„Ich komme da oben nicht ran."


Sie deutet auf einen der oberen Küchenschränke und hält ein paar hellblaue Teller in den Händen.


„Noch mehr davon?", frage ich verwundert, nehme ihr die Teller ab und stelle sie in das oberste Regal. Anschließend sehe ich sie fragend an.


„Ich schmeiße doch nicht alles weg", antwortet sie, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt. „Holst du bitte noch die restlichen Kartons rein und fängst schon mal mit der Wäsche an?"


Ich nicke. „Ja. Aber warum machst du eigentlich so einen Stress? Wir können das doch auch später noch erledigen." Nach über zehn Stunden Autofahrt fühle ich mich einfach nur erschöpft. Zwar war ich nicht selbst gefahren, aber meine Mutter durch die halben Vereinigten Staaten zu navigieren, war anstrengend genug.


„In drei Stunden werden wir in der Gemeinde aufgenommen. Bis dahin möchte ich fertig sein."


„Heute?" Verblüfft sehe ich sie an. „Kann das nicht wenigstens bis nächstes Wochenende warten?"


Sie dreht sich langsam zu mir um und verengt die Augen. „William, hol jetzt bitte die Kartons rein und stell sie einfach in mein Schlafzimmer. Los."


Ohne weiter nachzufragen tue ich, worum sie mich bittet.


Der reine Weg. So nennt sich unsere neue Gemeinde.


Ich kann mir nicht vorstellen, was hier anders sein soll als an unserem alten Wohnort. Nur wegen dieser Gemeinde hat meine Mutter beschlossen, unser ganzes Leben hinter uns zu lassen. Sie hat ihre Arbeit gekündigt, ihre Freunde zurückgelassen und den Kontakt zu einem Großteil unserer Familie aufgegeben. Was genau ist an diesem Ort so besonders?


Nachdem ich die letzten Kartons ins Haus gebracht und meine Kleidung eingeräumt habe, gehe ich in mein neues Zimmer. Seufzend lasse ich mich auf das Bett fallen und betrachte den Berg aus Sachen, der noch immer auf dem Boden liegt.


Eigentlich will ich gar nicht hier sein.


Theoretisch hätte ich auch in Willow Creek bleiben können. Aber wie? Ich bin noch Schüler, stehe kurz vor meinem Abschluss und habe zusätzlich eine Mutter, die mein Leben gern für mich plant.


Im Moment bleibt mir also nichts anderes übrig, als mein neues Leben zu akzeptieren und mich irgendwie damit abzufinden.


Mit diesem Gedanken beginne ich, meinen Kleiderschrank einzuräumen.


„Wo ist dein Anzug?", fragt meine Mutter und mustert mich von oben bis unten. „Das ist dein erster Tag in der Gemeinde. Du musst ordentlich aussehen."


Ich werfe einen Blick in den Spiegel. Eine schlichte Jeans, dunkle Sneaker und ein dunkelgrauer Hoodie. Meiner Meinung nach sehe ich völlig ordentlich aus.


Ich zucke mit den Schultern. „Mir gefällt das so."


„Komm, ich suche schnell das blaue Hemd heraus. Das bringt deine grünen Augen viel besser zur Geltung."

Ohne auf eine Antwort zu warten, öffnet sie meinen Kleiderschrank.


„Und bring bitte noch deine Frisur in Ordnung. Deine Haare stehen ja in alle Richtungen."


Skeptisch sehe ich erneut in den Spiegel und streiche mir mit den Fingern durch die Haare. Sie findet einfach immer etwas.


Früher musste ich Concealer auf meine Sommersprossen auftragen, weil sie angeblich nicht männlich genug aussahen. Ein paar Monate später war Concealer plötzlich „zu schwul".


Wenn sie nur wüsste.


Dann gab es die Zeit, in der sie mein Gewicht kontrollierte. Ein paar Kilo zu viel oder zu wenig reichten aus, damit sie nervös wurde. Irgendwann fing ich an, regelmäßig Sport zu machen. Wenigstens dieses Thema war damit erledigt.


„Hier ist es", sagt sie zufrieden und hält mir das hellblaue Hemd entgegen. „Komm, zieh dich um."


Ich widerspreche nicht. Nicht, weil ich einverstanden bin. Sondern weil ich keine Lust mehr auf Diskussionen habe. Ich ziehe mir den Hoodie über den Kopf, schlüpfe in das Hemd und knöpfe es unter den prüfenden Blicken meiner Mutter zu.


Ein zufriedenes Lächeln legt sich auf ihr Gesicht. „Sehr schön", sagt sie stolz. „So sieht ein hübscher junger Mann aus."


Schmunzelnd verlässt sie mein Zimmer.


Ich fühle mich nicht sonderlich wohl in diesem Hemd. Blau schmeichelt meinen grünen Augen? Hat sie das nur gesagt, weil sie unbedingt wollte, dass ich es anziehe?


* * *


Während der Fahrt habe ich endlich Gelegenheit, mir meine neue Heimat etwas genauer anzusehen.


Von einer Stadt mit zweihunderttausend Einwohnern in eine Kleinstadt mit gerade einmal fünfzehntausend. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das eine gewaltige Umstellung wird.


Schon die Umgebung fühlt sich völlig anders an. Die Häuser sehen älter aus, viele bestehen aus hellem Holz und besitzen große Veranden mit Schaukelstühlen oder Blumenkästen an den Fenstern. Fast jeder Vorgarten ist gepflegt, als würde hier ständig jemand den Rasen mähen. Überall wachsen hohe Bäume, deren Äste sich teilweise über die Straße erstrecken.


Kurz darauf fahren wir sogar an zwei riesigen Feldern vorbei. Keine Hochhäuser, keine Einkaufszentren, keine Menschenmassen.


Nur Natur.


Vermutlich genau deshalb wollte meine Mutter hierher. Um uns noch weiter von der Außenwelt abzuschirmen.


„Dein Fahrrad kommt morgen an", sagt sie und lächelt mich kurz an, bevor sie sich wieder auf die Straße konzentriert. „Damit kannst du jeden Tag zur Schule fahren. Oder wenn du sonst irgendwo hin möchtest."


„Okay." Mehr fällt mir dazu nicht ein.

Meinen Führerschein habe ich bereits letztes Jahr gemacht. Von meinem Ersparten wollte ich mir sogar ein kleines Auto kaufen, doch meine Mutter hat es mir verboten. Erst nach der Schule, meinte sie.


Wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass sie auch dann noch irgendeinen Grund finden würde. Nicht wegen der Umwelt oder weil ein Auto zu teuer wäre. Sondern weil sie möchte, dass andere Menschen sehen, wie aktiv ich bin.


„Freust du dich schon auf die neue Schule?", fragt sie nach einer kurzen Pause.


„Nicht wirklich", antworte ich ehrlich. „Wir sind heute erst angekommen und morgen muss ich schon in die Schule. Das ist alles ziemlich stressig."


„In der Kirche wirst du etwas Ruhe finden."


Ich unterdrücke ein Seufzen. Eher werde ich dort mehrere Stunden verbringen, in denen sich jeder gegenseitig erzählt, wie froh er über Gottes Gnade ist.


Als wir in die nächste Straße einbiegen, taucht die Kirche vor uns auf.


Sie wirkt alt.


Der helle Glockenturm ragt weit über die umliegenden Häuser hinaus und an der Fassade rankt sich dunkler Efeu empor. Vor dem Eingang stehen unzählige Menschen in kleinen Gruppen zusammen und unterhalten sich. Viele tragen schicke Kleidung, Hemden, Blusen, Kleider oder Anzüge.


Direkt neben dem Eingang wurden mehrere lange Holztische aufgebaut.


Darauf stehen Körbe mit verschiedenem Brot – helles Bauernbrot, dunkles Roggenbrot, kleine Brötchen und geflochtene Hefezöpfe. Daneben liegen Teller mit Butter, Käse, Marmelade und etwas Obst. Es wirkt schlicht, fast bescheiden.


In der Mitte stehen mehrere Karaffen mit Traubensaft sowie einige Flaschen Rot- und Weißwein. Davor sind dutzende Gläser ordentlich in Reihen aufgestellt.


Keine Musik.


Keine aufwendige Dekoration.


Nur ein paar weiße Tischdecken, schlichte Blumensträuße und einige Luftballons, die im Wind leicht hin und her schaukeln.


Um ehrlich zu sein, habe ich trotzdem nicht damit gerechnet, dass wir derart empfangen werden.


Für sie sind wir doch nur zwei weitere Mitglieder.


„Okay, Will", sagt meine Mutter und lächelt mich an. „Lächeln."


Sie macht es mir direkt vor, wirft noch einen prüfenden Blick in den Rückspiegel und öffnet anschließend die Autotür.


Ich atme tief durch.


Dann steige ich ebenfalls aus.


Kaum haben wir das Auto verlassen, verstummen einige Gespräche. Mehrere Gemeindemitglieder wenden sich uns zu und lächeln freundlich.


„Friede sei mit euch!", ruft ein älterer Mann.


„Herzlich willkommen in Gracewood!"


„Schön, dass ihr da seid."


Eine ältere Dame mit grauen Locken legt meiner Mutter sogar kurz eine Hand auf den Arm.


„Wir haben uns schon so auf euch gefreut."


Meine Mutter strahlt.


„Vielen Dank."


Aus der kleinen Menschenmenge tritt schließlich ein Mann hervor, den ich sofort als Pfarrer erkenne. Er trägt einen schwarzen Anzug mit weißem Priesterkragen und bewegt sich mit einer Ruhe, als hätte er alle Zeit der Welt.


Mit offenen Armen kommt er auf uns zu.


„Grace und William Brook", sagt er mit warmer Stimme. „Wie schön, dass Sie den Weg zu uns gefunden haben."


Er reicht zuerst meiner Mutter die Hand, anschließend mir.


„Grüß Gott, Pfarrer Johannes", sagt meine Mutter und verneigt sich sogar leicht vor ihm. „Es freut uns sehr, dass Sie uns in Ihrer wundervollen Gemeinde aufnehmen."


„Willkommen in Gracewood", sagt er und schenkt mir ein freundliches Lächeln.


„Hallo", bringe ich nur leise hervor.


Innerhalb weniger Sekunden kommen weitere Gemeindemitglieder auf uns zu, stellen sich mit Namen vor und begrüßen uns herzlich. Manche schütteln mir die Hand, andere klopfen mir auf die Schulter oder wünschen uns Gottes Segen für unseren Neuanfang.


Ich lächle höflich, versuche mir Namen zu merken und weiß schon jetzt, dass ich spätestens morgen die Hälfte davon wieder vergessen haben werde.


Mein Blick bleibt an einer Gruppe junger Menschen hängen.


Drei Jungs und zwei Mädchen stehen etwas abseits der übrigen Gemeindemitglieder. Während die Erwachsenen sich in kleinen Grüppchen über die Gemeinde oder den Alltag unterhalten, scheinen sie in ihr eigenes Gespräch vertieft zu sein. Einer der Jungen gestikuliert wild mit den Händen, woraufhin die anderen lachen.


Für einen kurzen Moment keimt Hoffnung in mir auf.


Ich bin also doch nicht der Einzige in meinem Alter.


„Wir gehen hinein", sagt Pfarrer Johannes, noch bevor ich die Gelegenheit habe, die Gruppe genauer zu betrachten.


Sanft legt er mir eine Hand auf die Schulter und führt meine Mutter und mich durch die großen Holztüren der Kirche.


Schon beim Betreten umfängt mich eine angenehme Kühle. Die Kirche wirkt größer, als sie von außen aussah. Hohe Rundbogenfenster lassen warmes Sonnenlicht auf die dunklen Holzbänke fallen, die in langen Reihen bis zum Altar reichen. An den Wänden hängen schlichte Holzkreuze, dazwischen einige Bilder mit biblischen Motiven. Es gibt keinen übertriebenen Schmuck, keinen goldenen Prunk, alles wirkt schlicht, gepflegt und bescheiden.


Vor dem Altar steht ein großes Holzkreuz. Daneben flackern mehrere Kerzen, deren Licht sich auf dem polierten Steinboden spiegelt.


Während sich die Gemeindemitglieder nach und nach auf die Bänke setzen, bleiben meine Mutter, Pfarrer Johannes und ich vorne am Altar stehen.


Alle Blicke richten sich auf uns.


Ich verschränke unauffällig die Hände hinter meinem Rücken und versuche, möglichst gelassen zu wirken.


„Liebe Schwestern und Brüder", beginnt Pfarrer Johannes mit ruhiger Stimme. Sofort wird es vollkommen still. „Heute dürfen wir zwei neue Mitglieder in unserer Gemeinde willkommen heißen."


Er macht eine einladende Geste zu uns.

„Grace Brook und ihr Sohn William haben den Entschluss gefasst, Teil unserer Gemeinschaft zu werden. Wir freuen uns sehr, sie in Gracewood begrüßen zu dürfen und hoffen, dass sie hier ein neues Zuhause finden."


Ein zustimmendes Murmeln geht durch die Kirche. Mehrere Menschen lächeln uns freundlich an, einige nicken meiner Mutter zu.


„Möge Gott euch auf eurem neuen Weg begleiten", fährt der Pfarrer fort. „Und möge unsere Gemeinde euch stets mit offenen Armen empfangen."


„Amen", ertönt es beinahe gleichzeitig aus den Reihen.


Ich zwinge mich zu einem höflichen Lächeln. Als mein Blick durch die Kirche wandert, entdecke ich die fünf Jugendlichen wieder.


Sie sitzen gemeinsam in einer der hinteren Reihen. Einer von ihnen lehnt lässig an der Bank, während die anderen leise miteinander sprechen. Unwillkürlich frage ich mich, ob ich morgen mit ihnen in einer Klasse sitzen werde.

Let stranger know what you thought about this chapter!
Love this

0

Love this

Funny

0

Funny

Spicy

0

Spicy

Suspenseful

0

Suspenseful

Emotional

0

Emotional

Profound

0

Profound

Heartwarming

0

Heartwarming

Shocking

0

Shocking

Good Writing

0

Good Writing

Compelling Plot

0

Compelling Plot

Great Character

0

Great Character

Strong Dialog

0

Strong Dialog

Further Recommendations

Merry Christmas - Adventskalender 2025

Aelyn Raven: Wieder eine tolle Geschichte. Leider bin ich erst jetzt dazu gekommen sie zu lesen, aber das tut der Geschichte keinen Abbruch *g* ich freue mich schon auf den nächsten Adventskalender

Read Now
Charly's Weihnachten

T.M: Ich kann es gar nicht anders sagen also ich liebe diese Geschichte einfach. Sie hat für mich einfach alles was es braucht. Sie hat mich einfach mitgenommen auf eine echt schöne Reise. Danke❤️

Read Now
Bloodlines

Diana: Would recomend a good read, I like it's not to long

Read Now
Milky Treasures on a Healing Love

Ren selka: It was absolutely AMAZING I think I liked this story a little too much..! Haha..!

Read Now
Bear Roberts

ValJ Prime: Merci pour cette histoire qui m'a fait découvrir une famille unie qui se serre vraiment les coudes, des gens blessés qui n'abandonnent pas, des gestes qui sont des preuves bien plus parlantes que les mots.

Read Now
Die Wölfe von Welby

Silvia: Sehr gut geschrieben. Spannend von Anfang an. Lustig und doch fesselnd zugleich. Hoffe es geht gut aus für sie.

Read Now
Ruthless Lord

Rebeca: Excelente novela

Read Now
Buried Alive

Tamalar Burton: I was overwhelmed with feeling when the story started. Everything she went through at early pregnancy was a little scary but it seemed to work out really well. There were even some funny moments. It was a very romantic story.

Read Now
Half-Claimed

Alicia: Like the plot, definitely a slow read, wish there was more romance doesn’t have to be erotic, but definitely romance so it’s nice especially with shifters but overall good read

Read Now
The Things We Never Pray For