Kapitel 1 - Der Preis des Winters
Der letzte Sack Getreide unseres Reiches war leichter, als ein Sack voller Hoffnung sein durfte.
Ich stand im Vorratshaus, in dem meine Kindheit einst nach warmem Brot und frisch geerntetem Korn gerochen hatte, und sah zu, wie Verwalter Ossian den Sack über den steinernen Trog kippte. Das Getreide fiel in einem dünnen, kraftlosen Strom heraus, als hätte selbst das Korn keine Kraft mehr, sich von seinem Sack zu lösen. Zwischen den blassen Körnern lagen schwarze, vertrocknete Halme, verbrannt wirkend, als hätte ein unsichtbares Feuer sie von innen versengt. Ich kniete mich hin, nahm eine Handvoll und ließ sie durch meine Finger rieseln. Sie zerfielen zu Staub, bevor sie den Boden erreichten.
„Wie lange reicht das noch?“, fragte ich, obwohl ich die Antwort bereits in Ossians Gesicht las.
Er wich meinem Blick aus. Seine Hände, die seit Jahrzehnten die Vorräte des Königreichs verwalteten, zitterten leicht, als er den leeren Sack zusammenfaltete. „Bei strengster Einteilung, Hoheit … vielleicht drei Wochen. Vielleicht vier, wenn wir das Vieh weiter reduzieren.”
Drei Wochen. Der Winter hatte noch nicht einmal richtig begonnen.
Ich stand auf und strich mir den Staub von den Handflächen, als könnte ich damit auch die Angst abstreifen, die sich in meiner Brust festsetzte. Draußen vor dem Vorratshaus wartete bereits die Schlange der Familien, die auf ihre Rationen hofften. Ich hörte sie durch die dicken Mauern hindurch – das Weinen eines Kindes, das leise Murmeln erschöpfter Stimmen, das Scharren von Füßen im gefrorenen Matsch.
„Die Menschen werden diesen Winter nicht überleben, Ossian. Nicht alle von ihnen.”
Er sagte nichts. Es gab nichts zu sagen. Wir beide wussten es, und das Schweigen zwischen uns war lauter als jede Antwort hätte sein können.
Ich trug an diesem Morgen keine der Roben, die für eine Prinzessin von Avarin vorgesehen waren – keine bestickten Ärmel, kein Pelzbesatz, kein Gold an meinem Hals. Ich trug einen dicken Wollmantel über einer einfachen Tunika, feste Stiefel, die schon Risse an den Sohlen zeigten, und Handschuhe, die eher zum Arbeiten als zum Repräsentieren gedacht waren. Meine Mutter, hätte sie noch gelebt, hätte vermutlich den Kopf geschüttelt. Aber ich konnte nicht vor meinem Volk stehen, gekleidet wie eine Frau, die niemals Hunger gekannt hatte, während sie sich fragten, ob sie den nächsten Morgen erleben würden.
Ich trat hinaus in die beißende Kälte.
Die Schlange reichte bis zum Marktplatz. Mütter mit hohlen Wangen, Väter mit rissigen Händen, Kinder, die zu müde waren, um zu spielen, selbst im Schnee, der die letzten Nächte gefallen war. Ich nahm meinen Platz neben den Verteilern ein, wie ich es seit Wochen tat, und begann, die kleinen Säckchen mit Getreide, die noch übrig waren, in wartende Hände zu legen.
„Danke, Hoheit”, murmelten sie, einer nach dem anderen, und in ihren Augen lag etwas, das mir jedes Mal das Herz zusammenzog – nicht nur Dankbarkeit, sondern eine Art verzweifelte Hoffnung, als könnte meine bloße Anwesenheit den Winter aufhalten.
Ich bemerkte die Frau nicht sofort. Sie stand am Rand der Schlange, zwei Kinder an ihre Röcke geklammert, beide so dünn, dass ihre Schlüsselbeine sich unter der abgetragenen Kleidung abzeichneten. Als sie an der Reihe war, reichte ich ihr das Säckchen, das für ihre Familie vorgesehen war – und sah, wie sie es sofort öffnete und den gesamten Inhalt zwischen ihren beiden Kindern aufteilte, ohne auch nur eine Handvoll für sich selbst zurückzubehalten.
„Und du?“, fragte ich leise.
Sie lächelte, ein müdes, brüchiges Lächeln. „Ich habe gestern gegessen, Hoheit. Sie brauchen es mehr.”
Ich wusste, dass das eine Lüge war. Ich wusste es an der Art, wie ihre Hände zitterten, an der Blässe ihrer Lippen. Als sie sich abwandte, um weiterzugehen, griff ich nach ihrem Arm und drückte ihr, außer Sichtweite der anderen, ein zweites Säckchen in die Hand – aus den Vorräten, die eigentlich für die königliche Küche bestimmt waren. Sie sah mich mit aufgerissenen Augen an, als hätte ich ihr ein Königreich geschenkt, nicht eine Handvoll Korn.
„Sag es niemandem”, flüsterte ich.
Sie nickte, presste die Lippen zusammen, um nicht zu weinen, und verschwand in der Menge.
Neben mir räusperte sich Ser Baldrin, mein Leibwächter seit meiner Kindheit, ein Mann mit einer Narbe über der linken Augenbraue und der Geduld eines Berges. „Hoheit, wenn Ihr weiterhin die königlichen Vorräte verteilt, wird auch das Schloss bald hungern.”
„Dann hungert das Schloss.” Ich sah ihn an. „Ich werde nicht essen, während vor den Mauern Kinder verhungern, Baldrin. Das habe ich meinem Vater versprochen, als meine Mutter starb. Dass ich niemals vergesse, wessen Krone ich einst tragen werde – und wem sie dient.”
Er schwieg, aber ich sah, wie sich etwas in seinem Blick veränderte. Respekt, vielleicht. Oder Sorge. Bei Baldrin waren die beiden manchmal schwer zu unterscheiden.
Ein kleines Mädchen löste sich aus der Schlange und lief auf mich zu, bevor ihre Mutter sie zurückhalten konnte. Sie konnte nicht älter als sechs Jahre sein, mit strohblondem Haar, das unter einer viel zu großen Kapuze hervorlugte, und Wangen, die vor Kälte gerötet waren.
„Prinzessin Lysara?” Ihre Stimme war klein, aber klar. „Kommt die Sonne im nächsten Jahr wieder?”
Ich kniete mich vor sie hin, sodass unsere Augen auf gleicher Höhe waren. Hinter ihr sah ich ihre Mutter, die Hände vor dem Mund, als fürchtete sie, dass die Frage selbst gefährlich sein könnte.
„Die Sonne kommt immer wieder”, sagte ich, und ich zwang meine Stimme, fest zu klingen, obwohl mein Herz in diesem Moment wie ein Stein in meiner Brust lag. „Das verspreche ich dir.”
Das Mädchen lächelte, ein Lächeln so rein und unbeschwert, dass es fast wehtat, es zu sehen, und lief zurück zu ihrer Mutter. Ich blieb noch einen Moment auf den Knien im Schnee, und erst als Baldrin mir die Hand reichte, um mir aufzuhelfen, bemerkte ich, dass meine Augen brannten.
Ich wusste nicht, ob ich dieses Versprechen halten konnte. Aber ich wusste, dass ich es nicht ungesagt lassen konnte.
Seit fünf Jahren wurden die Sommer in Avarin kürzer. Was einst wie eine schlechte Ernte, ein unglückliches Jahr erschienen war, hatte sich zu etwas Größerem, Dunklerem entwickelt. Die Böden froren früher, die Flüsse verschlossen sich unter dickerem Eis, und in diesem Jahr, dem schlimmsten von allen, war die Ernte beinahe vollständig ausgefallen. Das Korn, das aus der Erde kam, war schwarz und brüchig, als hätte man ihm die Lebenskraft entzogen, bevor es überhaupt reifen konnte.
Es waren nicht nur die Felder. Die Tiere verendeten in ihren Ställen, ohne erkennbaren Grund, ihre Augen milchig und ihre Mägen leer, obwohl man sie gefüttert hatte. Brunnen, die selbst im tiefsten Winter niemals zugefroren waren, zeigten bereits im Herbst eine Eisschicht so dick, dass man sie mit Äxten aufbrechen musste. Die Wälder, einst voller Wildtiere und dem Rufen der Vögel, waren still geworden – eine Stille, die sich wie eine Krankheit über das Land legte.
Die alten Geschichten, die meine Amme mir als Kind erzählt hatte, sprachen von einer Wärme, die einst aus den fernen Bergen zu uns geflossen war – ein unsichtbarer Strom, der die Jahreszeiten im Gleichgewicht gehalten hatte. Die meisten hielten diese Geschichten für Märchen. Doch während ich über die schwarzen Felder blickte und die unnatürliche Kälte spürte, fragte ich mich zum ersten Mal, ob etwas Wahres darin verborgen lag. Vielleicht war diese Wärme tatsächlich versiegt. Vielleicht hatte etwas – oder jemand – sie unserem Land genommen.
Mein Vater, König Aldric von Avarin, hatte in den letzten Monaten Gesandte in jedes benachbarte Reich geschickt, das er kannte. Ich hatte ihn dabei beobachtet, wie seine einst kräftige Gestalt Woche für Woche schmaler wurde, nicht nur durch die Rationierung, die er sich selbst auferlegte, sondern durch eine Krankheit, die die Heiler des Schlosses nicht benennen konnten – eine Erschöpfung, die tiefer saß als der Körper, als hätte die Sorge um sein Volk sein Herz selbst ausgezehrt. Er liebte mich, das wusste ich mit jeder Faser meines Seins, aber ich sah auch, wie die Last seines Königreichs ihn langsam von innen zermürbte.
Die Antworten der Gesandten waren fast durchweg dieselben gewesen. Kein Reich wollte einem sterbenden Land helfen, ohne etwas Wertvolles zurückzuerhalten. Manche verlangten Gebiete – die fruchtbaren Täler im Süden, die Minen im Osten. Andere, offener in ihrer Grausamkeit, forderten die vollständige Unterwerfung Avarins unter ihre Krone, unser Königshaus zu einem bloßen Aushängeschild degradiert, während ihre Statthalter tatsächlich regierten.
„Ich werde unser Volk niemals einem fremden Herrscher ausliefern”, hatte ich meinem Vater gesagt, als er mir die letzte dieser Antworten vorlas, seine Stimme brüchig vor Erschöpfung. „Lieber sterbe ich mit ihnen, als sie in Ketten zu sehen.”
Er hatte mich damals lange angesehen, mit einem Ausdruck, den ich erst später verstehen sollte – eine Mischung aus Stolz und Furcht, als ahnte er bereits, welchen Preis meine Worte eines Tages fordern würden.
Die Hörner ertönten am Morgen des siebten Tages nach jenem Gespräch.
Ich stand auf der Zinne des östlichen Turms, als der Klang durch die klirrende Kälte hallte – lang, tief, unbekannt. Baldrin war sofort an meiner Seite, die Hand am Schwertgriff, seine Augen zu den Toren gerichtet, wo sich am Horizont eine Karawane näherte.
Es waren keine feindlichen Truppen. Das erkannte ich sofort an der Ordnung, mit der sie sich bewegten, an den Wagen, die schwer beladen und offen waren, nicht verhüllt wie Fracht, die man verstecken wollte. Als die Karawane näher kam, sah ich, was sie trug – Säcke voller Getreide, gestapelt bis zum Rand, Fässer, die nach getrocknetem Fleisch und Heilkräutern rochen, Ballen warmer Wolldecken, so viele, dass ich sie kaum zählen konnte.
Die Menschen strömten aus ihren Häusern, aus den Gassen, aus den Feldern, in denen ohnehin nichts mehr zu ernten war, um die Wagen zu sehen. Ein Raunen ging durch die Menge, und in vielen Gesichtern erkannte ich etwas, das ich seit Wochen nicht mehr gesehen hatte – Hoffnung, ungezügelt und roh, wie ein Feuer, das zu lange erstickt worden war.
„Die Rettung ist gekommen!“, rief jemand, und andere Stimmen fielen ein, ein Chor der Erleichterung, der durch die Straßen hallte.
Ich sah es anders. Ich sah, wie demonstrativ die Vorräte transportiert wurden, offen, sichtbar, als sollte jeder in Avarin genau erkennen, was dieses fremde Reich zu bieten hatte. Es war keine stille Geste der Nächstenliebe. Es war eine Zurschaustellung von Macht, so unmissverständlich wie ein Schwert, das man auf den Tisch legt, bevor man verhandelt.
Auf den Seiten der Wagen prangte ein Wappen, das ich noch nie zuvor gesehen hatte – eine goldene Sonne, die über einem schwarzen Berg aufging, in dessen Gipfel sich etwas verbarg, das ich zunächst für eine stilisierte Flamme hielt, bevor mir klar wurde, dass es die Umrisse einer Klaue waren.
„Das Wappen des Hauses Drayvorn”, murmelte Baldrin neben mir, die Stirn in Falten gelegt. „Das Bergreich, jenseits der östlichen Pässe. Ich hatte nicht erwartet, dass sie überhaupt antworten würden, geschweige denn so.”
An der Spitze der Karawane, auf einem prächtigen Rappen, der selbst in der Kälte nicht zu frieren schien, ritt ein Mann, dessen Ankunft ich später, in ruhigeren Momenten, nie wieder aus meinem Gedächtnis würde löschen können.
Sie öffneten die Tore, und ich stand an der Seite meines Vaters im Innenhof, als die Karawane in unser Schloss einzog. Mein Vater, gestützt von zwei seiner Berater, trug trotz seiner Schwäche die schwere Robe seines Amtes, sein Kinn erhoben, als wollte er der Welt zeigen, dass Avarin, auch am Rande des Untergangs, seine Würde noch nicht verloren hatte.
Der Mann stieg von seinem Pferd ab, mit einer Anmut, die fast beiläufig wirkte, als hätte er nie einen ungeschickten Moment in seinem Leben erlebt. Er war groß, dunkelhaarig, mit Zügen, die man als makellos bezeichnet hätte, wäre da nicht diese Kälte gewesen, die sich hinter seinem Lächeln verbarg – eine Kälte, die ich in diesem ersten Moment noch nicht benennen konnte, die aber wie ein Schatten unter der Oberfläche seines Charmes lag.
„König Aldric”, sagte er, verneigte sich mit vollendeter Höflichkeit vor meinem Vater. „Ich bin Prinz Cassian vom Hause Drayvorn. Ich habe von der Not Eures Reiches gehört und wollte selbst kommen, statt nur einen Gesandten zu schicken. Was ich anzubieten habe, verdient mehr als einen Brief.”
Mein Vater, sichtlich überrascht, dass der Prinz selbst gereist war, erwiderte die Verneigung mit der ihm verbliebenen Würde. „Ihr ehrt uns mit Eurer Anwesenheit, Prinz Cassian. Doch ich fürchte, Ihr werdet ein Königreich vorfinden, das wenig zu bieten hat, außer Dankbarkeit.”
„Dankbarkeit ist mehr wert, als Ihr denkt”, erwiderte Cassian, und dann wandte sich sein Blick zu mir.
Ich spürte, wie sich etwas in mir zusammenzog, noch bevor er ein Wort gesprochen hatte. Seine Augen, dunkel und aufmerksam, glitten über mich, nicht auf eine Weise, die unhöflich gewesen wäre, sondern auf eine, die mich das Gefühl gab, bereits studiert, bereits katalogisiert worden zu sein, lange bevor ich ihm überhaupt begegnet war.
„Und das muss Prinzessin Lysara sein.” Er trat einen Schritt näher und verneigte sich vor mir, tiefer, als es das Protokoll verlangte. „Man hat mir viel von Euch erzählt. Dass Ihr selbst die Vorräte Eures Volkes verteilt, obwohl es nicht die Pflicht einer Prinzessin wäre. Dass Ihr reitet und kämpft wie ein Soldat, nicht wie eine Hofdame. Dass Ihr Euch geweigert habt, dieses Land zu verlassen, selbst als andere Reiche Euch Zuflucht anboten.”
Ich fühlte, wie sich meine Kehle verengte. Woher wusste er das alles? Wir hatten Gesandte in mehrere Reiche geschickt, ja, aber niemand hatte Anlass gehabt, ihm derart persönliche Details über mich mitzuteilen – es sei denn, er hatte gezielt nach ihnen suchen lassen.
„Ihr scheint gut informiert, Prinz Cassian”, sagte ich, und ich bemühte mich, meine Stimme neutral klingen zu lassen, obwohl mein Herz schneller schlug.
„Ich informiere mich gerne über Menschen, die mich interessieren.” Sein Lächeln vertiefte sich, und in diesem Moment griff er nach meiner Hand, um sie in der üblichen höfischen Geste zu begrüßen. Seine Finger schlossen sich um meine, und er hielt sie einen Moment zu lange fest – lang genug, dass es keine Höflichkeit mehr war, sondern eine stille Behauptung von etwas, das ich noch nicht benennen konnte.
Ich zog meine Hand zurück, sobald es der Anstand erlaubte, und lächelte, so höflich, wie mein aufgewühltes Inneres es zuließ. Sein Lächeln, bemerkte ich, erreichte nie ganz seine Augen. Es lag dort, gemalt und makellos, wie eine Maske, die perfekt saß, aber niemals ganz Teil des Gesichts dahinter wurde.
Und dann, als er sich aufrichtete, roch ich es – schwach, aber unverkennbar. Rauch. Verbranntes Metall. Ein Geruch, der zu keinem Feuer im Hof passte, denn nirgendwo brannte eines. Es war, als würde der Geruch von ihm selbst ausgehen, tief aus seiner Kleidung, aus seiner Haut, ein Hauch von etwas Verbranntem, das er mit sich trug wie ein Schatten, den er nicht abstreifen konnte.
Ich sagte nichts. Aber ich vergaß es nicht.
Der Rat versammelte sich noch am selben Abend in der großen Halle, deren Wände einst mit prächtigen Wandteppichen behangen gewesen waren, bevor wir sie verkauft hatten, um Getreide zu kaufen, das es ohnehin nirgendwo mehr zu kaufen gab. Mein Vater saß auf seinem Thron, blass, aber aufrecht, während Cassian vor ihm stand, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, mit der Gelassenheit eines Mannes, der bereits wusste, wie dieses Gespräch enden würde.
„Die Wagen, die Ihr heute gesehen habt, sind nur ein Vorgeschmack”, begann er, seine Stimme ruhig, fast beiläufig, als spräche er über das Wetter und nicht über das Schicksal eines ganzen Volkes. „Mein Reich kann Avarin genug Nahrung, Saatgut und Vieh liefern, um den gesamten Winter zu überstehen. Im Frühjahr werden wir Handwerker und Material senden, um beim Wiederaufbau zu helfen. Eure Felder werden wieder tragen. Eure Speicher werden wieder voll sein.”
Ein Raunen ging durch die versammelten Berater. Ich sah die Erleichterung in ihren Gesichtern, die Hoffnung, die sich wie ein Feuer entzündete – dieselbe Hoffnung, die ich auf den Straßen gesehen hatte, als die Karawane eintraf.
„Und was verlangt Ihr im Gegenzug?“, fragte mein Vater, seine Stimme vorsichtig, denn er hatte gelernt, wie teuer solche Angebote in den letzten Monaten geworden waren.
„Keine Gebiete”, sagte Cassian. „Kein Gold, keine Minen, keine Unterwerfung Eurer Krone unter meine.” Er machte eine Pause, und in diesem Moment wandte sich sein Blick zu mir, so unverwandt, dass ich das Gefühl hatte, jeder andere im Raum wäre verschwunden. „Ich verlange Eure Tochter. Ich möchte Prinzessin Lysara zur Frau nehmen und unsere beiden Reiche für immer miteinander verbinden.”
Die Stille, die diesen Worten folgte, war so dicht, dass ich meinen eigenen Herzschlag hören konnte.
Mein Vater erhob sich von seinem Thron, so schnell, dass einer seiner Berater erschrocken vortrat, um ihn zu stützen. „Ihr nutzt unsere Not aus”, sagte er, seine Stimme zitternd vor Zorn, der stärker war, als ich ihn seit Monaten gesehen hatte. „Ihr kommt hierher, präsentiert uns Nahrung, die unser Volk vor dem Tod retten könnte, und verlangt im selben Atemzug meine Tochter, als wäre sie eine Ware, die man gegen Getreide eintauscht.”
Cassian blieb vollkommen ruhig, seine Hände noch immer hinter dem Rücken verschränkt. „Ich verstehe Euren Zorn, König Aldric. Aber betrachtet es nicht als Handel. Ich wünsche mir eine dauerhafte Verbindung zwischen unseren Häusern, keine vorübergehende Hilfe, die in einem Jahr vergessen ist. Eine Ehe schafft Bindungen, die kein Vertrag jemals schaffen könnte. Und ich habe” – sein Blick glitt erneut zu mir – „großen Respekt vor der Frau, die Eure Tochter geworden ist.”
Ich stand still, meine Hände zu Fäusten geballt in den Falten meines Mantels, während in meinem Kopf ein einziger Gedanke widerhallte, kalt und unausweichlich: Eine Ablehnung bedeutet den Tod für viele. Eine Zustimmung bedeutet – was?
„Ich werde meine Tochter zu nichts zwingen”, sagte mein Vater, und seine Stimme, so brüchig sie auch war, trug eine Endgültigkeit, die keinen Widerspruch duldete. „Weder für Euer Getreide noch für irgendetwas sonst.”
Cassian neigte den Kopf, eine Geste, die Respekt vortäuschen sollte, aber ich sah in seinen Augen etwas anderes – die ruhige Gewissheit eines Mannes, der bereits wusste, dass die Umstände selbst für ihn sprechen würden, ganz ohne dass er weiter drängen musste.
„Ich verstehe”, sagte er. „Ich werde meine Antwort nicht heute Nacht verlangen. Aber die Vorräte, die ich mitgebracht habe, sind ein Geschenk, kein Pfand. Sie bleiben hier, ganz gleich, welche Entscheidung Prinzessin Lysara trifft.” Ein Lächeln, so höflich wie zuvor. „Ich möchte schließlich nicht, dass man mich für einen Mann hält, der mit dem Hunger von Kindern verhandelt.”
Und doch, dachte ich, während ich seinen Blick erwiderte, tut Ihr genau das.
Ich zog mich früh in meine Gemächer zurück, den Kopf voller Gedanken, die sich wie ein aufgewühlter Fluss überschlugen. Ich hatte kaum die Kerze entzündet, als ein leises Klopfen an meiner Tür ertönte – so vorsichtig, dass ich es beinahe überhört hätte.
Es war Maren, die alte Bibliothekarin des Schlosses, eine Frau, die einst meiner Mutter als Hofdame gedient hatte und seither über die Chroniken und Archive Avarins wachte. Ihr Gesicht, gezeichnet von Jahrzehnten und Sorge, wirkte in diesem Moment noch faltiger, als sie sich umsah, bevor sie eintrat und die Tür leise hinter sich schloss.
„Hoheit”, flüsterte sie, „ich muss mit Euch sprechen, bevor Ihr eine Entscheidung trefft.”
„Setz dich, Maren.” Ich deutete auf den Stuhl nahe dem Kamin. Sie schüttelte den Kopf, blieb stehen, ihre Hände nervös ineinander verschränkt.
„Prinz Cassian”, begann sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch, „hat schon früher um Frauen geworben. Nicht nur einmal, Hoheit. Mehrfach.”
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. „Was meinst du damit?”
Die alten Geschichten, die meine Amme mir als Kind erzählt hatte, sprachen von einer Wärme, die einst aus den fernen Bergen zu uns geflossen war – ein unsichtbarer Strom, der die Jahreszeiten im Gleichgewicht gehalten hatte. Die meisten hielten diese Geschichten für Märchen. Doch während ich über die schwarzen Felder blickte und die unnatürliche Kälte spürte, fragte ich mich zum ersten Mal, ob etwas Wahres darin verborgen lag. Vielleicht war diese Wärme tatsächlich versiegt. Vielleicht hatte etwas – oder jemand – sie unserem Land genommen.
Ich spürte, wie sich meine Kehle zusammenzog. „Warum hat niemand darüber gesprochen? Warum hat mein Vater nichts davon gewusst?”
Maren sah mich an, und in ihrem Blick lag eine Müdigkeit, die tiefer ging als bloße Erschöpfung. „Weil die Menschen lieber an einen trauernden Prinzen glauben als an einen Palast, der seine Bräute verschlingt, Hoheit. Es ist leichter, eine traurige Geschichte zu erzählen, als eine, die einen dazu zwingt, etwas zu tun.”
Ihre Worte hingen im Raum wie Rauch, der sich nicht auflösen wollte. Ich dachte an den Geruch, den ich an Cassian wahrgenommen hatte – Rauch, verbranntes Metall, ohne ein Feuer, das ihn hätte erklären können. Ich dachte an sein Lächeln, das seine Augen nie erreichte. Ich dachte an die Art, wie er meine Hand zu lange gehalten hatte, als hätte er bereits ein Anrecht auf mich beansprucht.
„Danke, Maren”, sagte ich leise. „Dass du es mir erzählt hast.”
Sie nickte, ihre Augen noch immer voller Sorge. „Seid vorsichtig, Hoheit. Bitte.”
Nachdem sie gegangen war, saß ich lange am Fenster, die Kerze neben mir flackernd im Zug der kalten Nachtluft. Unten im Hof konnte ich die Wagen mit den Vorräten erkennen, bewacht von Fackeln, die trotz der Kälte hell brannten. Ich sah, wie einige der ärmeren Familien der Stadt, die keine eigenen Vorräte mehr besaßen, sich in der Nähe der Wagen versammelt hatten, in der Hoffnung auf eine zusätzliche Ration. Ich sah Kinder, die zum ersten Mal seit Tagen eine warme Mahlzeit zu sich nahmen, ihre kleinen Gesichter im Fackelschein fast friedlich.
Ich wusste, dass Cassians Angebot wahrscheinlich eine Falle war. Jede Faser meines Körpers schrie es mir zu, seit dem Moment, in dem er meine Hand ergriffen hatte. Und doch – wenn ich ablehnte, würden diese Kinder verhungern. Diese Mütter, die ihre eigenen Rationen für ihre Kinder opferten. Dieser alte Mann, der letzte Woche zusammengebrochen war, weil sein Körper keine Kraft mehr hatte. Sie alle würden den Winter nicht überleben, wenn ich Nein sagte.
Mein Vater kam kurz vor Mitternacht zu mir, gestützt auf seinen Stock, sein Gesicht in der Kerzenschein noch bleicher als sonst. Er setzte sich neben mich ans Fenster, und für einen langen Moment sagte er nichts, sah nur hinaus auf die Wagen, die unser Land vielleicht retten – oder vielleicht verschlingen würden.
„Du musst wissen, Lysara”, sagte er schließlich, seine Stimme brüchig, „dass ich dich niemals zu dieser Ehe zwingen werde. Was auch geschieht, welches Elend uns auch trifft – ich werde dich niemals einem Mann übergeben, den du nicht selbst wählst.”
Ich sah ihn an, diesen Mann, der einst so kräftig gewesen war, der mich als Kind auf seinen Schultern durch die Gärten des Schlosses getragen hatte, und der nun so zerbrechlich vor mir saß, dass ich fürchtete, ein starker Windstoß könnte ihn umwerfen.
„Du musst mich nicht zwingen, Vater”, sagte ich leise, und die Worte fühlten sich an wie Steine, die ich über eine lange Zeit in mir getragen hatte, bevor ich sie endlich aussprach. „Der Hunger hat diese Entscheidung längst für mich getroffen.”
Er nahm meine Hand, seine Finger kalt und dünn, aber fest. „Dann lass sie noch nicht endgültig sein, mein Kind. Nicht heute Nacht. Finde zuerst heraus, was mit jenen zwölf Frauen geschah, bevor du dein eigenes Schicksal an seines bindest.”
Er hatte recht. Ich musste es wissen, bevor ich eine Entscheidung traf, die nicht nur mein Leben, sondern das Schicksal meines gesamten Volkes bestimmen würde.
Nachdem mein Vater gegangen war, wartete ich, bis das Schloss in Stille versank, bis selbst die Wachen an ihren Posten in den trägen Rhythmus der tiefen Nacht verfielen. Dann schlich ich mich hinunter in die Archive, in jenen Flügel des Schlosses, den nur wenige besuchten, wo Staub auf jahrhundertealten Chroniken lag und die Kerzen kaum genug Licht spendeten, um die verblassten Schriften zu entziffern.
Ich fand die Kassette dort, wo Maren sie verborgen hatte: im untersten Fach eines alten Schrankes, hinter mehreren bedeutungslosen Steueraufzeichnungen. Das Schloss war bereits aufgebrochen. Darin lag eine in schwarzes Leder gebundene Chronik, auf deren Einband dieselbe Drachenklaue eingeprägt war wie auf Cassians Wagen.
Zwölf Namen standen dort, jeder mit einem Hochzeitsdatum versehen, jeder aus einem anderen Reich, jeder von einer anderen Herkunft – Prinzessinnen, Adelstöchter, sogar die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns. Neben jedem Namen war dasselbe kleine Zeichen eingeritzt, kaum größer als mein Daumennagel – eine Drachenklaue, gebogen wie eine schwarze Flamme, dasselbe Symbol, das ich auf dem Wappen der Karawane gesehen hatte.
Ich fuhr mit dem Finger über die Namen, meine Hand zitternd im Kerzenlicht. Zwölf Frauen. Zwölf Hochzeiten. Und keine von ihnen war jemals wieder gesehen worden.
Unter dem zwölften Namen war eine neue Zeile bereits vorbereitet, die Tinte noch dunkler, frischer als die anderen, als wäre sie erst kürzlich geschrieben worden.
Meine Augen wanderten zu dieser Zeile, und für einen Moment weigerte sich mein Verstand, zu begreifen, was dort geschrieben stand.
Prinzessin Lysara von Avarin.
Daneben stand bereits ein Datum. Das Datum meiner Hochzeit – eines, über das ich selbst noch nicht einmal entschieden hatte, das Cassian nicht einmal in Worten genannt hatte, und das dennoch bereits in dieser uralten Chronik verzeichnet stand, als wäre meine Zustimmung niemals eine Frage, sondern nur eine Formalität gewesen, die man längst vorausgesehen hatte.
Meine Hände zitterten so heftig, dass die Kerze neben mir flackerte und beinahe erlosch. Ich starrte auf meinen eigenen Namen, auf das Zeichen der Drachenklaue daneben, das dieselbe Kälte in mir auslöste wie der Rauchgeruch, den ich an Cassian wahrgenommen hatte.
Unter dem zwölften Namen wartete eine dreizehnte Zeile.
Prinzessin Lysara von Avarin.
Daneben stand bereits das Datum meiner Hochzeit.
Cassian hatte mir kein Angebot gemacht.
Er hatte mir mitgeteilt, wann ich sterben würde.








