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Der Gips juckte an einer Stelle, die ich nie erreichen konnte, egal wie ich den Stift ansetzte. Und während ich nachts wach lag und den Fuß am Bettlaken rieb, dachte ich nicht an den Juckreiz. Ich dachte an den Zettel, der seit Tagen zusammengefaltet in meiner Jackentasche lag. An das Wort *Anzeige*, das ich noch nicht laut ausgesprochen hatte, nicht einmal vor mir selbst.
Krücken laufen lernt man nicht in einem Tag. In der ersten Woche war ich zweimal gestürzt – vor dem Supermarkt, auf der Treppe zu meiner Wohnung – und beide Male schneller wieder hochgerappelt, als jemand fragen konnte, ob alles in Ordnung sei. Ich wollte nicht, dass man mich ansah, wenn ich am Boden lag. Am wenigsten wollte ich, dass sie mich so sah.
Die Wohnung war zu klein für Krücken. Der Flur zu schmal, das Bad ein einziges Hindernis. Ich lernte, mich an Möbelkanten entlangzuhangeln, aß, was sich mit einer Hand zubereiten ließ. Als die Nachbarin anbot, einzukaufen, lehnte ich ab. Ich wollte niemandem etwas schuldig sein, das sich später gegen mich verwenden ließ. Diese Vorsicht hatte ich mir antrainiert, lange bevor der Fuß brach.
Meine Schwester hatte mir den Fuß nicht direkt gebrochen. Das musste ich mir ständig sagen – der Streit, die Treppe vor ihrer Wohnungstür, wie ich ausgerutscht war, während sie im Türrahmen stand und schrie, ich solle endlich verschwinden. Direkt gestoßen hatte sie mich nicht. Aber sie hatte dagestanden, hatte zugesehen, wie ich die Stufen runterfiel, und war nicht näher gekommen.
Es war nicht der erste Streit gewesen. Zwischen uns hatte es nie diese Nähe gegeben, von der andere Leute sprachen, wenn sie ihre Geschwister beschrieben. Meine Schwester war drei Jahre älter und hatte immer das Gefühl gehabt, mir etwas beweisen zu müssen. Kleine Sticheleien als Kinder waren mit den Jahren zu etwas Härterem geworden. An diesem Abend war aus den Worten mehr geworden.
„Du übertreibst", hatte sie später gesagt, als der Krankenwagen schon da war. „Das war ein Unfall."
Ich hatte ihr geglaubt, für ein paar Tage. Aber je öfter ich die Szene im Kopf durchspielte, desto deutlicher wurde ein Detail, das ich zuerst weggeschoben hatte: der Druck ihrer Hand an meiner Schulter, eine Zehntelsekunde zu kurz, um mich zu halten, und genau lang genug, um mich aus dem Gleichgewicht zu bringen. Kein Stoß, den irgendjemand als Stoß erkannt hätte. Nur das Fehlen von etwas, das da hätte sein sollen – Halt, ein Griff, der zupackt statt loszulassen. Je öfter ich daran dachte, desto weniger passte das Wort „Unfall" dazu.
Meine Eltern wollten nichts davon hören. Als ich sie besuchte, kurz nachdem der Gips angelegt worden war, saß ich am Küchentisch, den ich aus meiner Kindheit kannte, und mein Vater sagte nur: „Familie regelt das unter sich", jedes Mal, wenn ich versuchte, das Thema anzusprechen. Meine Mutter wechselte nur das Thema, kochte Tee, den ich nicht trinken wollte, stellte die Tasse vor mich hin, als wäre das schon eine Antwort. Ich fuhr an diesem Abend wieder zurück in meine eigene Wohnung, allein, und hörte auf, es bei ihnen anzusprechen. Aufhören, darüber nachzudenken, konnte ich nicht.
Die Idee mit der Anzeige kam mir zum ersten Mal, als ich allein in der Notaufnahme saß und der Arzt mich fragte, wie genau ich mir den Fuß gebrochen hatte. Ich hatte gelogen. Treppe runtergefallen, aus Versehen. Aber während ich log, hatte etwas in mir beschlossen, dass das die letzte Lüge sein würde.
Es dauerte noch zwei Wochen, bis ich den Mut aufbrachte, das Formular für die Anzeige tatsächlich herunterzuladen. Noch eine Woche, bis ich es ausfüllte. Beim dritten Versuch hatte ich angefangen, „ich habe solche Angst vor ihr" zu schreiben, mitten im Feld für den Tatvorgang, und beim Anblick der eigenen Handschrift gemerkt, wie sehr das nach einem Hilferuf klang statt nach einer Anzeige. Ich zerriss auch diesen. Beim vierten Versuch strich ich jedes Wort, das nach Gefühl klang, und ließ nur übrig, was sich beweisen ließ.
Meine Schwester rief in dieser Zeit mehrmals an. Ich ging nicht ran. Einmal schrieb sie eine Nachricht – *„Ich hoffe, dein Fuß wird bald besser"* – so beiläufig, als hätte sie nichts damit zu tun gehabt. Ich starrte die Nachricht lange an, bevor ich das Handy wegdrückte, ohne zu antworten. Später, als ich nicht schlafen konnte, las ich sie noch einmal, und noch einmal, als würde sich der Sinn dahinter ändern, wenn ich nur oft genug hinsah. Er änderte sich nicht.
Ein anderes Mal stand sie vor der Wohnungstür, klopfte, rief meinen Namen durch das Holz. Ich saß auf dem Boden im Flur, den Rücken gegen die Wand, die Krücken neben mir, und rührte mich nicht, bis ich ihre Schritte die Treppe wieder hinuntergehen hörte. Keine Ahnung, was schwerer wog – sie auszusperren, oder zu wissen, dass ich es beim nächsten Mal wieder tun würde.
Die Vorstellung, zur Polizei zu gehen, hatte sich in den Wochen davor langsam verändert. Am Anfang war sie nur ein Gedanke gewesen, den ich sofort wieder verworfen hatte – zu drastisch, zu endgültig, zu sehr das Ende von etwas, das vielleicht noch zu retten war. Aber mit jeder ignorierten Nachricht, mit jedem Mal, das ich stattdessen an der Wand saß, während sie draußen klopfte, wurde aus dem Gedanken etwas Festeres. Es war kein Wunsch nach Rache. Es war eher das Gefühl, dass ich, wenn ich jetzt nichts tat, für immer die sein würde, die auf dem Boden lag, während jemand zusah.
Am Abend, an dem ich mich schließlich auf den Weg zur Polizei machte, regnete es. Ich hatte die Krücken fest im Griff, den gefalteten Zettel mit der Anzeige in der Innentasche meiner Jacke, wo ich ihn während der ganzen Fahrt mit der Hand berührt hatte, um sicherzugehen, dass er noch da war. Die Straßenbahn war fast leer, nur ein alter Mann mit einem Hund saß mir gegenüber und nickte mir kurz zu, als würde er etwas in meinem Gesicht erkennen. Ich sah aus dem Fenster, auf die verschwommenen Lichter, und übte im Kopf die Sätze, die ich am Schalter der Wache sagen würde.
Kurz vor meiner Haltestelle lief mir ein Schauer über den Nacken, so plötzlich und grundlos, dass ich mich instinktiv umsah. Nichts als die üblichen Lichter, verschwommen vom Regen auf der Scheibe, ein paar Passanten mit aufgespannten Schirmen. Ich schob das Gefühl beiseite. Wahrscheinlich Einbildung, sagte ich mir. Ich hatte gerade wirklich andere Dinge im Kopf.
Ich wusste nicht, ob ich das Richtige tat. Ich wusste nur, dass ich es nicht mehr aushielt, es nicht zu tun.








