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Repetitions of the Heart - Band 2

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Summary

Beschreibung kommt zum ende dieses Buches!

Status
Ongoing
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel 1

Kapitel 1 

Jayce

Ich freute mich so unglaublich für meinen kleinen Bruder, dass mein Herz vor Stolz und Rührung schier zu zerreißen drohte, während ich ihn und Leonard von meiner Position aus im schützenden Schatten des mächtigen Baumstamms beobachtete. Jaxon hatte es von uns drei Geschwistern immer am schwersten gehabt. Während Julia als die unangefochtene Lieblingstochter aufgewachsen war und ich den unerschütterlichen Stolz unserer Eltern verkörpert hatte zumindest so lange, bis mein Talent im Kampfsport den perfekten Fassadenbau stützte, war Jaxon oft zwischen den Erwartungen zerrieben worden. Alles lief gut, bis unsere Eltern damals die Wahrheit über meine Sexualität erfuhren. Schlagartig zerbrach das Bild, das sie sich von ihrem perfekten Erstgeborenen gemacht hatten. Ab diesem Moment hatte ich meinen Horizont drastisch erweitert, die Fesseln ihrer engstirnigen Anerkennung abgeworfen und den professionellen Kampfsport an den Nagel gehängt. Heute betrieb ich ihn nur noch als reines Hobby, als körperlichen Ausgleich, während mein beruflicher Mittelpunkt an Jaxons alter Universität lag. Dort arbeitete ich inzwischen mit voller Hingabe als Trainer im universitären Fitnessraum und half den Studenten, die neben der schweren Theorie der Kunst auch etwas für ihren Körper tun wollten.

Das plötzliche, rhythmische Herumwedeln einer Hand direkt vor meinem Gesicht riss mich aus meinen tiefen Erinnerungen. Ich blinzelte leicht, fokussierte mich wieder auf die Gegenwart und sah in das gut gelaunte Gesicht von Marc, mit dem ich in kürzester Zeit eine unglaublich tiefe und dicke Freundschaft aufgebaut hatte.

»Mensch, Jayce, wo bist du denn schon wieder mit deinen Gedanken?«, fragte Marc mit einem breiten, spitzbübischen Grinsen, während er sein Champagnerglas locker in der Hand kreisen ließ und mir einen amüsierten Blick zuwarf.

Ich atmete tief aus, nahm einen kleinen Schluck von meinem Champagner, dessen kühle Perlen ein angenehmes Kribbeln im Hals hinterließen, und wandte den Blick wieder abgewandt von den frisch Vermählten zu Marc, der geduldig auf eine Antwort gewartet hatte.

»Ich habe gerade an Jaxons und meine Vergangenheit gedacht«, gab ich leise zu, während mein Blick kurz über das glitzernde Sonnenlicht auf dem Rasen glitt. »Solche Erinnerungen kommen an Tagen wie diesem unweigerlich hoch, egal wie sehr man die dunklen Jahre am liebsten für immer vergessen würde.«

Ich schmunzelte schwach, wobei ein Hauch von bitterer Ironie in dem Ausdruck lag, der sich auf meine Züge stahl.

»Naja, jetzt hat Julia unsere Eltern wenigstens ganz für sich alleine«, fügte ich hinzu und schüttelte fast mitleidig den Kopf. »Sie können sich in ihrer kleinen, perfekten Welt gegenseitig auf die Schultern klopfen und so tun, als gäbe es uns beide überhaupt nicht. Sollen sie glücklich werden damit Jaxon hat heute etwas Echtes gewonnen, und das ist alles, was zählt.«

Marc folgte meinem Blick und wandte den Kopf langsam in Richtung der tanzenden Menge. Auf dem sonnendurchfluteten Rasen drehte sich Jasmina im Takt der sanften Musik, während sie die kleine Hannah im Arm hielt und lachend mit ihr über den Rasen wirbelte. In diesem Moment spiegelte sich in Marcs Zügen eine Mischung aus tiefer Dankbarkeit und der stillen Schwere eigener, längst verbitterter Familienkonflikte wider. Er atmete tief aus, hob sein Glas und nahm einen langsamen Schluck des edlen Sekts, ehe er den Blick wieder auf mich richtete.

»Glaub mir, Jayce, ich weiß verdammt genau, wie sich das anfühlt«, sagte Marc mit einer leisen, fast rau gewordenen Stimme, die keinen Raum für Floskeln ließ. Ein schiefes, melancholisches Lächeln huschte über sein Gesicht. »Ich habe auch nicht gerade Vorzeigeeltern im Lehrbuch stehen. Die Weihnachtsfeiertage waren bei uns zu Hause eher ein psychologisches Minenfeld als ein Fest der Liebe, und den Kontakt auf ein Minimum zu reduzieren, war die beste Entscheidung meines Lebens.«

Er machte eine kurze Pause, während sein Blick wieder zu seiner Frau und seiner Tochter glitt, die gerade einen fröhlichen Dreher hinlegten, bei dem Hannahs kleines Kleid wie eine weiße Blüte aufschwang. In Marcs Augen lag ein glänzender, fast rührender Stolz, der den Kontrast zu seiner dunklen Vergangenheit nur noch stärker hervorhob.

»Und glaub mir auch das: Hätte ich Jasmina und meine kleine Hannah nicht, wäre mein Leben heute eine verdammt einsame Baustelle«, fuhr Marc fort, und seine Stimme trug eine Ehrlichkeit in sich, die mich tief berührte. Er legte seine freie Hand kurz fest und brüderlich auf meine Schulter. »Man sucht sich seine Familie am Ende eben doch selbst aus. Und wir beide wissen, dass die Blutsbande einen Scheißdreck wert sind, wenn dahinter kein Funken echter Liebe oder Loyalität steckt. Schau sie dir an.«

Er nickte dezent in Richtung der Tanzfläche, wo Jaxon und Leonard gerade eng umschlungen vorbeiglitten, beide mit diesem absoluten, unerschütterlichen Glücksausdruck im Gesicht, den man sich weder erkaufen noch durch gesellschaftliche Konventionen erzwingen konnte.

»Die beiden haben ihren eigenen Frieden gefunden«, schloss Marc leise, während der warme Sommerwind leise durch die Blätter wehte und die Festgesellschaft um uns herum in helles Gelächter ausbrach. »Und wir passen verdammt gut auf sie auf. Das ist mehr, als sich jeder von uns je hätte erträumen können.«

Marc schmunzelte leicht, während seine Augen kurz in der warmen Mittagssonne aufblitzten, und wandte sich wieder ganz mir zu. Die schwere, melancholische Wolke, die eben noch über unserem Gespräch gehangen hatte, schien augenblicklich zu verwehen, fortgeblasen von seiner gewohnten, entwaffnend ehrlichen Herzlichkeit. Er hob sein Glas noch ein Stück höher und sah mich mit einem Ausdruck an, der keinen Widerspruch duldete.

»Und glaub mir, wenn ich dir sage: Auch Jaxon wünscht sich von ganzem Herzen, dass du genau dieses Glück findest«, sagte Marc mit einer sanften, aber festen Entschlossenheit in der Stimme. »Dass auch du irgendwann den Mann fürs Leben triffst, der dich genauso bedingungslos liebt, dich so nimmt, wie du bist, und mit dem du all das teilen kannst, was du dir verdienst. Du hast deinen Bruder durch jeden harten Sturm getragen, Jayce. Jetzt wird es verdammt noch mal Zeit, dass jemand da draußen genau dasselbe für dich tut.«

Ich starrte Marc für einen Moment überrascht an, während seine Worte tief in mir nachhallten. In den letzten Wochen hatten wir viele ernste Gespräche geführt, aber dieser Moment traf mich unvorbereitet auf die wohl schönste Art und Weise, die man sich vorstellen konnte.

Ein leises, fast verlegen wirkendes Lachen entkam meiner Kehle, während ich den Kopf schüttelte und meinen Blick wieder über das bunte, lebendige Treiben auf dem Rasen schweifen ließ. Wo eben noch die kalten Schatten der Vergangenheit gelegen hatten, breitete sich plötzlich eine unerwartete, helle Zuversicht in meiner Brust aus.

»Wer weiß, Marc«, erwiderte ich schließlich und stieß mein Glas leise gegen das seine, während ein ehrliches, warmes Lächeln mein Gesicht erhellte. »Vielleicht läuft mir der Richtige ja direkt über den Weg, während ich im Uni-Fitnessraum versuche, den übermotivierten Sportstudenten beizubringen, wie man richtig atmet.«

Marc lachte laut auf, ein befreiender, heller Ton, der perfekt zu diesem perfekten Sommertag passte. »Sag niemals nie, alter Hausaxt. Wunder geschehen schließlich immer dann, wenn man am wenigsten damit rechnet wie man hier unschwer erkennen kann.«

Wir blieben noch eine Weile Seite an Seite stehen, sahen zu, wie die Sonne langsam tiefer sank und das gesamte Anwesen in ein goldenes Abendlicht tauchte, während die Musik leise über die Terrasse klang.

Ein sanftes Schmunzeln huschte über Marcs Gesicht, während er das kühle Glas Champagner leicht neigte und den Blick neugierig auf mich richtete. Die feinen Perlen perlten im rötlichen Licht der langsam sinkenden Abendsonne, die den Garten mittlerweile in eine malerische, warme Kulisse tauchte. Um uns herum klang leise Musik, und das fröhliche Lachen der tanzenden Gäste schwebte wie eine vertraute Melodie durch die laue Luft.

»Sag, wie sind die Studenten eigentlich so, die nach den Kursen in deinen Fitnessraum kommen?«, fragte Marc und musterte mich mit einem amüsierten Blitzen in den Augen, das verriet, dass er mich ein wenig aus der Reserve locken wollte. »Halten die dich auf Trab, oder musst du dort unten eher den Babysitter für übereifrige Möchtegern-Athleten spielen?«

Ich nippte an meinem Glas, schmeckte die herbe Frische des Sekts auf der Zunge und lehnte mich entspannter gegen den rauen Stamm der alten Eiche, während die Erinnerung an meinen Arbeitsalltag an der Universität vor meinem inneren Auge aufstieg.

»In Ordnung, schätze ich mal«, antwortete ich mit einem trockenen, fast belustigten Schmunzeln und schüttelte leicht den Kopf. »Sie sind zumindest hartnäckig, und das Wichtigste: Sie lernen schnell. Am Anfang versuchen sie natürlich immer, die schweren Hanteln zu stemmen, als gälte es, einen Weltrekord im Ego-Lifting aufzustellen, und vergessen dabei jede Form von gesunder Haltung. Aber sie lernen schnell, dass man mit falschem Ehrgeiz nur eins erreicht: einen veritablen Bandscheibenvorfall und ein verdammt schlechtes Gewissen am nächsten Morgen.«

Ich machte eine kurze Pause, während ein Bild von Kevin, einem der besonders unverbesserlichen Kunststudenten aus dem ersten Semester, in meinem Kopf auftauchte.

»Manchmal muss man ihnen eben ein paar Mal erklären, dass Muskeln nicht durch reines Brüllen wachsen, sondern durch saubere Ausführung und Disziplin«, fuhr ich fort, während der spöttische Unterton in meiner Stimme von echter Zuneigung zu meiner Arbeit abgelöst wurde. »Aber im Grunde sind sie ein ganz guter Haufen. Sie bringen eine Menge Leben in die altehrwürdigen Hallen, und wenn sie merken, dass man ihnen nicht nur den Puls abknöpfen, sondern tatsächlich etwas beibringen will, sind sie sogar überraschend diszipliniert. Es ist ein guter Ausgleich zu all der Theorie da draußen Eisen lügt eben nie, Marc. Entweder du packst das Gewicht, oder du lässt es bleiben.«

Marc schmunzelte amüsiert über meine Ausführungen zum studentischen Trainingsalltag und schien kurz in Gedanken versunken, bevor sich sein Blick plötzlich aufhellte, als wäre ihm ein entscheidender Einfall gekommen. Er nahm einen tiefen Schluck von seinem Champagner, setzte das Glas auf einem kleinen, vorbeigetragenen Tablett ab und drehte sich ein Stück weit zu mir um, um in dem lauter werdenden Stimmengewirr der Feier nicht unterzugehen.

»Ach, was ich fast vergessen hätte!«, hob Marc an, und in seiner Stimme lag jene spitzbübische Neugier, die ihn immer dann auszeichnete, wenn er eine besonders pikante Anekdote aus dem Hut zauberte. »Beim gemeinsamen Abwasch in der Küche vor ein paar Tagen hat Jaxon mir erzählt, dass er damals, als er noch selbst an der White Academy studiert hat, den Direktor des Öfteren dabei beobachtet hat, wie er zielstrebig den Weg in Richtung des universitären Fitnessraums eingeschlagen hat. Sag mal, ist der eigentlich seitdem du dort arbeitest jemals dort aufgetaucht? Ist er dir jemals über den Weg gelaufen?«

Ich schüttelte den Kopf, während ich das Glas leicht in meiner Hand kreisen ließ und den Blick über den funkelnden Kronleuchter schweifen ließ, den wir in den Ästen der großen Eiche aufgehängt hatten.

»Nein, bis jetzt noch nicht, tatsächlich«, antwortete ich mit einem nachdenklichen Unterton in der Stimme. »Oder zumindest wüsste ich nicht, ob er jemals da war, da ich den Direktor persönlich bis heute noch nie zu Gesicht bekommen habe. Es kann natürlich sein, dass ihn sein Posten als Direktor schlicht und ergreifend so massiv einspannt, dass für schweißtreibende Workouts schlicht keine Zeit mehr im Kalender bleibt. Die Verwaltung einer so elitären Einrichtung frisst einen Mann vermutlich komplett auf. Andererseits erzählte mir neulich erst einer der altgedienten Dozenten, dass er mit seinen gerade einmal zweiundvierzig Jahren der jüngste Direktor sein soll, den diese traditionsreiche Universität je gesehen hat. Zumindest behauptet der Dozent das mit einer Inbrunst, als stünde es in Stein gemeißelt ob das nun tatsächlich der absolute Wahrheit entspricht oder nur eine dieser typischen Campus-Legenden ist, sei natürlich mal dahingestellt.«

Ich nahm noch einen langsamen, bedächtigen Schluck von dem kühlen Champagner, während die prickelnde Frische kurz auf meiner Zunge tanzte, und ließ den Blick wieder über die tanzende Gesellschaft schweifen, bevor ich den Faden des Gesprächs mit Marc wieder aufnahm.

»Aber theoretisch ist es natürlich absolut nicht ausgeschlossen, dass er früher oder später doch noch dort aufkreuzt«, fuhr ich fort und wandte den Kopf wieder meinem Gesprächspartner zu. »Zumindest kenne ich mittlerweile seinen Namen, da der alte Dozent ihn damals ganz nebenbei erwähnte, als er von den glorreichen Zeiten der Fakultät schwärmte. Mateo Neumann heißt er.«

Kaum hatte ich den Namen ausgesprochen, geschah etwas Unerwartetes. Marc riss die Augen so weit auf, dass man fast fürchten musste, sie würden ihm aus den Höhlen fallen. Er starrte mich an, als hätte ich soeben einen Geist gesehen, stockte mitten in der Bewegung und verschluckte sich beinahe an seiner eigenen Spucke, während er wild mit der freien Hand gestikulierte.

»Nicht dein Ernst! Alter, das fass ich jetzt einfach nicht!«, platzte es aus Marc heraus, und seine Stimme überschlug sich vor purem Unglauben, während ein schallendes, fassungsloses Lachen seine Kehle verließ. Er schlug sich mit flacher Hand gegen die Stirn und schüttelte den Kopf, als versuche er, die Sinnlosigkeit dieses monumentalen Zufalls zu begreifen. »Alter, dieser Typ dem erzähle ich später am Telefon aber gewaltig die Leviten, der kann sich verdammt noch mal warm anziehen und was von mir hören!«

Ich blinzelte völlig verwirrt, stellte das Champagnerglas auf dem nächsten Holztisch ab und musterte Marc, der sich vor lauter Aufregung kaum noch einkriegte und mit roten Wangen vor mir stand.

»Warte mal kurz, ganz langsam mit den jungen Pferden«, bremste ich ihn mit einem irritierten Schmunzeln und hob abwehrend die Hände. »Du willst mir jetzt ernsthaft erzählen, dass du den Direktor der White Academy kennst? Und das nicht etwa vom Hörensagen oder über ein paar Ecken?«

Marc holte tief Luft, lehnte sich mit dem Rücken gegen den dicken Eichenstamm und rieb sich ungläubig das Gesicht, während ein breites, fast diebisches Grinsen sein Gesicht erhellte.

»Und ob ich ihn kenne!«, rief er fast triumphierend aus, während einige Gäste an den benachbarten Tischen kurz neugierig zu uns herübersahen. »Ich bin mit diesem Kerl seit gefühlten Ewigkeiten befreundet genauer gesagt seit den gemeinsamen Tagen im Sandkasten, als wir noch mit Plastikbaggern um den letzten Eimer feuchten Sand gestritten haben. Wir sind durch dick und dünn gegangen, haben zusammen die Schulbank gedrückt und jede Menge verbotenen Blödsinn angestellt. Aber dieser elende Sturkopf hat mir gegenüber mit keinem einzigen Wort auch nur ein einziges Mal erwähnt, als was er nach all den Jahren im akademischen Sumpf nun eigentlich arbeitet!«

Ich musste unwillkürlich lachen und lehnte mich neben Marc gegen den massiven Stamm der alten Eiche, während ich die Arme vor der Brust verschränkte. Die Vorstellung war schlicht absurd, wenn man die gigantischen Ausmaße der Welt und vor allem die schiere Unüberschaubarkeit amerikanischer Metropolen bedachte.

»Uff... nun, die Welt ist wahrlich kleiner, als man denkt«, schüttelte ich den Kopf, während ein amüsiertes Schmunzeln meine Züge erhellte. »Dabei ist New York eine absolute Gigantenstadt. Ich meine, du und Jasmina, ihr lebt mitten in diesem Moloch, und ich bin dort aufgewachsen, lebe bis heute dort... Aber dass du jahrelang eng mit jemandem befreundet bist, der ausgerechnet in dieser Millionenmetropole eine so hoch angesehene Institution leitet, und du hast absolut keine Ahnung davon? Dagegen wirkt selbst Boston hier im Vergleich wie ein winziges Nest, in dem sich ohnehin jeder kennt.«

Marc schnaufte verächtlich aus, wenngleich in seinen Augen immer noch dieses amüsierte, fassungslose Blitzen tanzte. Er strich sich mit der Hand über den Nacken und schüttelte den Kopf über die unendliche Verschwiegenheit seines langjährigen Weggefährten.

»Frag mich mal«, knurrte er gespielt ungehalten, doch der Tonfall verriet sofort, dass ihn die Absurdität der Situation schlicht faszinierte. »Wir telefonieren gefühlt jede Woche, quatschen über Gott und die Welt, über alte Zeiten, über die Probleme im Job, über die Erziehung von Hannah – und mit keinem einzigen halben Wort erwähnt dieser Mann, dass er tagtäglich über die heiligen Hallen der White Academy herrscht.«

Ich lachte leise auf, während mir ein verwegener, fast spitzbübischer Gedanke durch den Kopf schoss.

»Ruf ihn doch jetzt an«, schlug ich vor und die Vorfreude auf diesen kleinen, perfekten Streich brodelte bereits in meiner Stimme. »Mein Bruder liebt nichts mehr als solche Zufälle, glaub mir, und Leonard wird das absolut feiern und sich köstlich amüsieren.«

Ich winkte mit der freien Hand zu den frisch Vermählten herüber, die uns von der anderen Seite des Rasens aus beobachtet hatten. Als sie Marcs immer noch fassungslosen Gesichtsausdruck sahen, wechselten Leonard und Jaxon einen kurzen, irritierten Blick und traten, neugierig geworden, näher an uns heran.

Leonard war der Erste, der bei uns ankam. Er lächelte entspannt, das Jackett leicht geöffnet, die Krawatte im Laufe des Nachmittags abgelegt, und legte wie selbstverständlich eine Hand um die Taille von Jaxon, der sich eng an seine Seite schmiegte.

»Was ist denn hier los, lieber Schwager?«, fragte Leonard schmunzelnd, während sein Blick amüsant zwischen Marc und mir hin und her wanderte. »Ihr seht aus, als hättet ihr gerade den heiligen Gral gefunden oder mindestens ein Staatsgeheimnis ausgegraben.«

Ich lachte leise auf und schüttelte amüsiert den Kopf, während ich mich ein Stück weit von dem rauen Stamm der Eiche abdrückte. Die Ironie des Augenblicks lag förmlich greifbar in der warmen Sommerluft, die nach frisch gemähtem Rasen und den feinen Noten von Jasmin und Rosen roch.

»Noch besser«, stieg ich in das Gespräch ein, während meine Augen vor Vergnügen funkelten und mein Blick zwischen Leonard und Jaxon hin- und herwanderte. »Wir haben gerade ganz harmlos über meinen Job im Fitnessraum an der White Academy gesprochen und kamen dann auf die obere Etage – genauer gesagt auf den Direktor – zu sprechen. Ein alter Dozent hatte mir neulich erst von ihm erzählt und nebenbei behauptet, er sei mit seinen zweiundvierzig Jahren der jüngste Direktor, den diese traditionsreiche Universität je gesehen hat.«

Ich machte eine theatralische Kunstpause, genoss den Moment der wachsenden Spannung sichtlich und warf Marc einen vielsagenden Blick zu, der sofort verstand und das Spiel mitmachte.

»Und stellt euch das mal vor: Als ich gerade den Namen dieses Mannes erwähnt habe Mateo Neumann, ist unserem guten Marc hier fast der Schlag getroffen worden«, fuhr ich fort, während ein breites Grinsen mein Gesicht erhellte. »Er wäre um ein Haar über seine eigenen Füße gestolpert, weil er diesen vermeintlich unnahbaren, hochdekorierten und geheimnisvollen Campus-Leiter seit den gemeinsamen Tagen im Sandkasten kennt! Die beiden haben früher wohl Sandkuchen gebacken und Kumpeltabak geraucht, und Marc wusste bis gerade eben absolut nicht, dass sein alter bester Freund über die Elite-Universität von New York herrscht!«

Bei meinen Worten entgleisten Jaxon tatsächlich fast die Gesichtszüge. Seine Augen weiteten sich todesmutig, der Mund öffnete sich in einem stummen O des puren Unglaubens, und er starrte erst mich und dann Marc an, als hätte ich gerade verkündet, dass wir uns auf dem Mars befänden. Für eine Sekunde schien die Welt stillzustehen, während Jaxon nach Worten rang.

Und dann hielt es Leonard nicht mehr. Mein frisch angetrauter Schwager warf den Kopf in den Nacken und fing so schallend und befreiend an zu lachen, dass sich sofort einige Köpfe der umstehenden Gäste in unsere Richtung drehten. Es war ein tiefes, herzliches Lachen, das die letzten Spuren von formeller Anspannung endgültig vom Festplatz fegte.

»Nein! Das ist jetzt nicht euer Ernst!«, brachte Jaxon schließlich hervor, während er sich vor Lachen leicht nach vorne beugte und sich mit einer Hand an Leonards Schulter abstützte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. »Du willst mir ernsthaft erzählen, dass der Mann, der meine Klausuren benotet hat, meine Stipendienanträge geprüft hat und über dessen strenge Hausordnungen sich die halbe Fakultät den Mund zerreißt, mit Marc befreundet ist? Weltklasse! Die Welt ist wirklich ein elendes, wunderbares kleines Dorf!«

Marc schüttelte vehement den Kopf, während ein spitzbübisches, fast schon verschmitztes Funkeln in seinen Augen aufblitzte, das nichts Gutes verhieß zumindest nicht für seinen langjährigen Sandkastenfreund am anderen Ende der Leitung. Mit einer schnellen, fast entschlossenen Bewegung griff er in die Hosentasche seines maßgeschneiderten Anzugs, zog sein Smartphone hervor und entsperrte das Display mit geübter Hand.

»Ich rufe diesen Kerl jetzt auf der Stelle an«, verkündete er mit Nachdruck, während sich ein breites, diebisches Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete. »Der kann jetzt etwas erleben! Jahrelang hält er mir die absolut spannendsten Geschichten aus seinem neuen Berufsleben verschwiegen, tut so, als sei er ein ganz normaler, unauffälliger Angestellter im Bildungssektor, und dabei zieht er im Hintergrund die Fäden an der renommiertesten Elite-Universität der Stadt. Das wird ein amüsantes Gespräch, das schwöre ich euch.«

Leonard, der sich inzwischen ein wenig beruhigt hatte und immer noch mit einem breiten Lächeln im Gesicht an Jaxons Seite stand, lehnte sich gespannt vor. Die Aussicht auf diese spontane Konfrontation schien genau das Richtige zu sein, um die ohnehin schon ausgelassene Stimmung des Nachmittags mit einer weiteren humorvollen Note zu bereichern.

»Oh, du musst unbedingt auf Lautsprecher stellen, Marc!«, forderte Leonard auf, wobei seine dunklen Augen vor Vorfreude leuchteten. »Ich will hören, wie er sich aus dieser Nummer herausredet, wenn du ihn mit geballter Sandkasten-Nostalgie und verheimlichten Akademiker-Geheimnissen konfrontierst. So eine Chance bekommt man schließlich nicht alle Tage geboten.«

Auch Jaxon, der das Smartphone mittlerweile mit fasziniertem Blick fixierte, nickte eifrig. »Genau, mach Lautsprecher an! Wer weiß, vielleicht sitzt der Herr Direktor gerade mit einem Glas Rotwein auf der Veranda, hält sich für furchtbar wichtig und ahnt nicht einmal im Ansatz, dass seine Tarnung gerade spektakulär aufgeflogen ist.«

Marc lachte kurz auf, tippte auf den Kontakt und hielt das Gerät für einen kurzen Moment triumphierend in die Luft, als bereite er sich auf einen verbalen Überraschungsangriff vor. Das Freizeichen begann zu ertönen, und während wir alle gebannt den Atem anhielten, um die ersten Sekunden dieses unerwarteten Anrufs nicht zu verpassen, schien die Zeit auf dem festlich geschmückten Rasen für einen Augenblick stillzustehen. Die Musik plätscherte leise im Hintergrund, die Abendsonne tauchte die Szenerie in ein warmes, goldenes Licht, und die Bühne war bereit für das nächste Kapitel eines Tages, der ohnehin schon voller unvergesslicher Wendungen steckte.

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