Kapitel 1
Mit Wucht donnere ich die zwei Einzelteile des zerbrochenen Surfboards in die Badewanne, wo es mit einem lauten Schlag auf der Emaille-Oberfläche aufkommt. Ich koche vor Wut.
So ein Arschloch! Was fällt diesem Anfänger ein, mit mir die Welle nicht zu teilen? Das kann doch nicht wahr sein. Das Surfboard ist eindeutig im Arsch. Auf immer und ewig geschrottet. Das wird nicht mal mehr Papà reparieren können. Es war mein verdammtes Lieblingsbrett. Ein Geschenk von ihm zu meinem 23. Geburtstag.
„Kaia, was ist los? Ich kann nicht schlafen bei dem Krach.” Harper, meine Mitbewohnerin, steckt verschlafen ihren Kopf durch die Badezimmertür. Ihre braunen Haare hat sie zu einem wilden Knoten zusammengebunden, und sie sieht ein bisschen aus wie ein Faultier. Ein sehr süßes.
„Irgend so ein Vollpfosten hat mich geschnitten, und jetzt ist das Board im Arsch”, schnaube ich wütend. Zorn strömt durch jede Faser meines Körpers. Am liebsten würde ich weinen und schreien gleichzeitig.
„Was? Shit, war er von hier? Kennst du ihn?” Wie immer sieht sie frisch geknutscht aus und strahlt diese unglaublich positiven Vibes aus. Harper-Vibes.
„Ist das deines?” Mit hochgezogenen Augenbrauen deute ich auf das Shirt, das sie trägt. Harper sieht an sich runter, dann zieht sie sich den Kragen über ihre Nase und atmet tief ein, bevor sie ihren Kopf wieder herauszieht. Mit einem gewinnbringenden Lächeln schüttelt sie den Kopf.
„Nope, Marcus hat es mir geliehen.” Das Wort „geliehen” untermalt sie, indem sie es mit ihren Fingern in Anführungszeichen setzt. Dann greift sie nach ihrer Zahnbürste und putzt sich die Zähne, als wäre nichts weiter.
„Ist er noch da?” Der Gedanke, eine andere Person könnte meinen Wutausbruch von eben mitbekommen haben, gefällt mir nicht. Vor allem nicht Harpers Loverboy Marcus. Ihr Freund mit Vorzügen, wie sie ihn liebevoll betitelt.
„Nein, er ist schon weg. Er ist gegangen, als du an den Strand gefahren bist, vorher haben wir noch mal ...” Doch ich höre Harper nicht mehr, binnen Sekunden brechen alle Dämme, und ich beginne zu weinen.
„Das Board ist kaputt, und ich habe es so geliebt.” Heulend stehe ich vor dem Waschbecken und betrachte mich im Spiegel. Die roten Locken stehen mir wirr vom Kopf ab, die Augen sind gerötet vom Salzwasser und meinen Tränen. Im Spiegel erscheint Harpers Gesicht neben meinem. Sie sieht mich an. Dann legt sie ihre Arme um meine Schultern, und ich lasse allen Emotionen freien Lauf und heule hemmungslos in Marcus’ T-Shirt.
„Ach, Liebes, das tut mir so leid mit dem Board. Wenn ich den Arsch finde, dann zerbreche ich seines. Versprochen.” Eine Weile bleiben wir in unserer Umarmung stehen. „Vielleicht kann man es ja doch reparieren?“, flüstert sie mir ins Ohr.
Wir beide wissen, dass dieses Board nicht mehr zu retten ist. Ich lege meinen Kopf auf Harpers Schulter und atme ihren Duft ein. Mit sanften Kreisen streichelt sie mir über den Rücken. Sie riecht nach Zahnpasta und Sex, den sie mit Marcus hatte. Der Typ, den wir aus dem Boardshop kennen. Er ist groß, hat Locken, die ihm wild von seinem hübschen Gesicht abstehen. Er passt in jeder Hinsicht zu Harpers Beuteschema.
Als ich mich aus Harpers Umarmung löse, reibe ich mir mit dem Handrücken über die Nase und wische mir die Tränen von den Wangen. Wortlos schäle ich mich aus dem Neoprenanzug, den ich vor Wut angelassen habe, bevor ich mit dem Rad nach Hause gefahren bin. Dann stelle ich mich in die Wanne, zu meinem kaputten Surfbrett, und dusche mir das Salzwasser ab.
Harper schlurft unterdessen in die Küche, die nur aus einer provisorischen Küchenzeile in unserem Wohnzimmer besteht. Wir haben schon lange vor, daraus mehr zu machen, aber es fehlt immer an der Zeit und am Geld.
„Für dich auch einen?“, ruft sie mir zu.
„Einen doppelten”, antworte ich.
Das warme Wasser tut gut auf der kalten Haut. Die Wärme nimmt ein wenig von dem Ärger mit und spült ihn samt Sand und Duschgel in den Abfluss. Ich fühle mich gleich etwas besser.
Mit einem Handtuchturban auf dem Kopf und in meinen Frotteekimono gewickelt, gehe ich zu unserer Couch und lasse mich in die Kissen fallen.
„Vielleicht sollte ich nicht mehr surfen.” Den Gedanken habe ich in letzter Zeit öfter. Mir fehlt der nötige Flow schon eine ganze Weile, um auf den Wellen wirklich Spaß zu haben.
„Erzähl mal die ganze Geschichte.” Harper steigt umständlich über die Armlehne unseres Sofas und rutscht, mit einer dampfenden Tasse in jeder Hand, an der Rückenlehne ein paar Zentimeter hinunter, bis sie im Schneidersitz neben mir sitzt. Dann erzähle ich ihr, wie ich den hellbraunen Ford Transit und seinen Besitzer schon von der Ferne gesehen habe, während ich im Line-up auf die Wellen gewartet habe.
„Er sah aus wie ein typischer Vanlife-Surfer. Halblange blonde Haare, Vollbart. Er hat etwas verwahrlost auf mich gewirkt.”
„Von dieser Sorte gibt es viele Typen hier an den Stränden.” Nickend stimme ich Harper zu. Sie leben den kalifornischen Surfer-Traum. In einem Van reisen sie die Küste entlang und besuchen unterschiedliche Surfspots.
„Immer dem Wellenreport hinterher. Warum sie sich dabei so gehen lassen, ist mir ein Rätsel.” Es ist nichts Ungewöhnliches, dass sich Touristen an unseren Spots tummeln. Immer wieder hängen sie an den Stränden ab und blockieren die, die wirklich etwas vom Surfen verstehen. Das bringt immer wieder Ärger. Manchmal werden sie nicht geduldet, und es kommt schon mal vor, dass dem einen oder anderen absichtlich die Welle genommen wird. Meistens passiert das unter dem tosenden Gelächter und Gebrüll der halbstarken Einheimischen. Und eher selten werden Boards vorsätzlich kaputtgemacht. Nur heute ist es mir passiert.
Zugegeben war das heute kein Akt von Vandalismus, sondern von Dummheit. Meiner eigenen Dummheit, um ehrlich zu sein. Doch das muss Harper nicht wissen.
„Kaia, huhu. Weitererzählen.” Harper schnippt mit ihren Fingern vor meiner Nase und holt mich zurück aus den Gedanken.
„Es ging so schnell. Ich paddelte ins Line-up, wartete auf das nächste Set. Als die Welle dann kam und ich aufstehen wollte, war der Typ schon da.” Mit ausladenden Bewegungen verleihe ich meiner Erzählung die nötige Bildhaftigkeit und Dramatik.
„Warte. Er war zuerst da? Also nur, damit ich das jetzt richtig verstehe.” Sie nippt an ihrem Kaffee und sieht mich dabei fragend an. Mir wird mulmig, denn Harper hat mich bei einer Notlüge ertappt.
„Ja, und? Gibt ihm das das Recht, mir die Welle zu nehmen, auf der ich paddle?“, gebe ich übertrieben beleidigt zu Protokoll.
„Ja, Baby, das tut es. Das tut es. Du weißt, die Etikette, Liebes.” Ein Zeigefinger wedelt direkt vor meiner Nase herum, und ich frage mich, warum Harper immer so direkt sein muss. Ein bisschen Solidarität wäre angebracht.
„Ich kann dir nicht mal sagen, woher er gekommen ist. Der war plötzlich da”, verteidige ich mich. Zwecklos. Meine Mitbewohnerin schnalzt mit ihrer Zunge und schüttelt den Kopf. Sie trinkt einen Schluck von ihrem Kaffee und sagt wieder: „Surfetikette, Kaia Baby.”
„Du klingst wie mein Papà. Surfetikette. Kaia Baby”, maule ich nach. Aber Harper hat recht, wer zuerst da ist, bekommt die Welle. „Im Wasser war ich vor ihm. Er hätte sich anstellen können.”
“Das erklärt jetzt aber noch nicht, wie das Board kaputt ging.” Mir reicht’s, ich stehe auf und gehe in mein Zimmer. Es ist fast 09:30 Uhr, und mein Café, das Sugar & Salt, sperrt sich nicht von alleine auf.
„Wir sehen uns unten”, murmle ich, bevor Harper und ich in unseren Zimmern verschwinden.
Die stechend blauen Augen habe ich nicht erwähnt, dafür sehe ich sie vor mir, wenn ich meine Augen schließe.








