Kapitel 1- Im Staub der Jahre
Das Zentralarchiv schmeckte nach nichts.
Es war eine keimfreie, temperaturregulierende Luft, tiefgekühlt auf exakt siebzehn Komma fünf Grad Celsius und gefiltert von Maschinen, die im Keller des dreistöckigen Sichtbetonbaus wie schlafende Walfische brummten. Keine Pollen, keine Feuchtigkeit, kein Staub. Ein Ort, erschaffen, um den Zerfall aufzuhalten, und doch roch er selbst nach gar nichts – außer vielleicht nach dem warmen Plastik der Flachbildschirme und dem leisen Ozon Hauch der Hochleistungsscanner.
Gregor Hellinger mochte diese Luft nicht. Sie trocknete ihm die Schleimhäute aus.
Er schob die runde Hornbrille mit dem Zeigefinger ein Stück höher auf den Nasenrücken, strich mit der flachen Hand über die Ärmel seines Tweed-Sakkos und wandte sich dem nächsten Stapel zu.
Bestand B-19, Kanzlei-Akten, späte Kaiserzeit.
Freitage im Archiv folgten einem eigenen, wohltuenden Rhythmus. Die Gänge waren noch stiller als sonst, die Schritte der wenigen Kollegen klangen dumpf auf dem gebohnerten Linoleum, und draußen hinter den doppelverglasten Fenstern schob sich die Stadt dem Wochenende entgegen. Für Gregor änderte sich freitags nichts. Zeit war im Archiv kein Fluss, sondern eine Ansammlung von Papierschichten. Gegen zehn Uhr schob sich die schwere Brandschutztür am Ende von Reihe 14 mit einem leisen Puffen auf.
Der Archivleiter Dr. Wellbrock, trat ein.
Dr. Wellbrock war ein Mann, der wirkte, als habe man ihn zusammen mit dem Inventar im Jahr 1982 im Untergeschoss festgeschraubt.Er war Ende fünfzig, von schmaler, leicht vorgebeugter Gestalt, und besaß die seltene Fähigkeit, selbst auf den am besten beleuchteten Fluren immer ein wenig im Schatten zu stehen. Sein Haar war von einem verwaschenen, mausgrauen Ton, penibel mit einem feinen Seitenscheitel gekämmt, der mit etwas zu viel Haarwasser in Form gehalten wurde. Hinter einer Randlosbrille mit erstaunlich dicken Gläsern lagen zwei kleine, wache Augen, die nicht Menschen ansahen, sondern sie eher wie fehlerhaft eingeordnete Aktenstücke taxierten.
Über seinem hellblauen, stets steif gestärkten Oberhemd trug er jahrein, jahraus denselben grauen Strickpullunder aus dünner Schurwolle. Der V-Ausschnitt war so exakt zentriert, dass man vermuten konnte, Wellbrock nutze morgens ein Lineal vor dem Spiegel. Er sprach nie laut. Seine Stimme war ein leises, trockenes Rascheln – wie Papier, das man über ein Pult schiebt –, und jede seiner Äußerungen wurde von einem leisen Hauch Pfefferminz begleitet, da er ununterbrochen kleine, weiße Rautis lutschte, deren Klappern gegen seine Zähne das einzige Zugeständnis an Unruhe war. Unter dem Arm trug er fast wie eine Verlängerung seines Unterarms eine schwarze Klemmbrett-Mappe aus genarbtem Plastik. Dr. Wellbrock war kein unhöflicher Vorgesetzter, aber er besaß die unerbittliche Milde eines Mannes, der Verwaltung nicht als Beruf, sondern als Naturgesetz begriff.
„Hellinger“, sagte Wellbrock und blieb mit behaglichem Abstand vor Gregors Arbeitstisch stehen. „Wie läuft der Bestand B-19?“
„Akte 1899/006 bis 008 sind im System“, antwortete Gregor ruhig. „Die Fadenheftungen sind mürbe. Man muss behutsam sein.“
„Sehr gut, sehr gut.“ Wellbrock nickte mechanisch, während sein Blick kurz über die Bildschirme glitt. „Ich wollte Ihnen nur Bescheid geben: Ab Montag bekommen Sie Unterstützung. Die Direktion hat uns eine Stelle aus dem Umschichtungsprogramm zugewiesen. “Gregor hielt in der Bewegung inne. Ein Bogen Kanzleipapier schwebte zwei Zentimeter über dem Scannertisch. „Unterstützung?“
„Frau Sander. Anne Sander“, sagte Wellbrock und wischte eine unsichtbare Fluse von seinem Mappenrand. „Kommt vom Jobcenter. Strukturwandel, Digitalisierungsoffensive, Sie kennen das ja. Sie hat dort in der Sachbearbeitung gesessen, braucht jetzt eine neue Verwendung. Ich habe ihr gesagt, dass sie sich am Montag um acht bei Ihnen meldet. Sie führen sie ein bisschen in die Abläufe ein.“
„Frau Sander“, wiederholte Gregor langsam. Das Wort lag fremd und sperrig in der kühlen Luft des Scanzentrums. „Aus dem Jobcenter?“ murmelte er vor sich hin.
„Wird schon werden, Hellinger. Sie scannt ein paar Akten, Sie behalten die Struktur im Auge. Ein schönes Wochenende wünsche ich Ihnen.“ Wellbrock nickte knapp, drehte sich auf dem Absatz um und verschwand wieder durch die Brandschutztür.
Gregor blieb einen Augenblick reglos stehen. Die Vorstellung, dass ab Montag jemand Fremdes an den Tischen herumwirtschaften würde, brachte feine Risse in das gewohnte Gefüge seines Tages. Er holte tief Luft, griff nach der Junghans-Taschenuhr in seiner Westentasche und schnappte den Deckel auf. 10:38 Uhr Vormittag. Ein ganz normaler Freitag. Er legte die Uhr neben die Tastatur, nahm die nächste Mappe aus dem Karton und legte den ersten Bogen auf das Glas des Axiom 9000.
Der Scanner surrte in seinem gewohnten B-Moll. Das kaltweiße LED-Licht zog über das vergilbte Papier. Verwandlung von Geschichte in Nullen und Einsen. Ein unerbittlicher Prozess, den die Direktion stolz „Ewigkeits-Sicherung“ nannte. Gregor nannte es die Marmorisierung von Schatten. Wenn eine Akte erst einmal digitalisiert war, wanderte das Original in Säure-freie Kartons im zweiten Untergeschoss, wo nie wieder ein menschliches Auge darauf fiel.
Er griff nach Mappe 1899/009.
Er spürte die rauhe Textur, den leisen Widerstand der mürben Fasern, den leichten Geruch nach alter Tinte und verblassenem Holz, der sich stur gegen die Filteranlagen behauptete.
Gregor strich noch einmal vorsichtig über das vergilbte Deckblatt der Mappe 1899/009. Dann legte er Blatt für Blatt auf die Glasplatte des Scanners und ließ das vertraute B-Moll des Lichtschlittens wieder zu seinem Herzschlag werden. Stunde um Stunde. Akte 010. Akte 011. Akte 012. Er arbeitete stur, präzise und ohne Pause weiter, so wie er es seit fünfzehn Jahren an jedem Freitag tat.
Um Punkt fünfzehn Uhr schaltete sich die Steuerung des Axiom 9000 mit einem langgezogenen, abfallenden Surren ab. Feierabend. Gregor deckte die Glasplatte mit dem passgenauen Filztuch ab. Er fuhr den Rechner herunter, kontrollierte den Sitz des B-Register-Ordners und schob die Tastatur exakt parallel zur Tischkante. Aus dem Holzschrank neben der Brandschutztür holte er seine alte, braune Ledertasche. Er legte die Junghans-Taschenuhr hinein, verschloss die Schnallen mit eingespielten Handgriffen und griff nach seinem Mantel.
Als er durch die gläsernen Schleusentüren ins Freie trat, traf ihn die Nachmittagsluft der Stadt. Der Juliwind war trocken und schmeckte nach warmem Asphalt, Staub und Lindenblüten – ein scharfer, fast betäubender Kontrast zur keimfreien Sechzehn-Grad-Luft im Untergeschoss.
Er ging hinüber zum überdachten Fahrradständer, schloss sein altes, tiefgrünes Tourenrad auf und klemmte die Ledertasche auf den Gepäckträger. Die Fahrt nach Hause war ein Ritual, das er mit geschlossenen Augen hätte bewältigen können. Er trat langsam in die Pedale, die Ellbogen leicht angewinkelt, den Blick auf das Pflaster gerichtet. Er mied die großen Hauptstraßen und wählte stattdessen die ruhigen Nebenstraßen mit den hohen Gründerzeitfassaden und den knorrigen Kastanienbäumen, deren Blätter im Sommerwind raschelten. Normalerweise nutzte Gregor diese zwanzig Minuten, um die Zahlen, Aktenzeichen und Papierstaubpartikel der Arbeitswoche aus seinem Kopf zu spülen. Doch heute ging ihm die Ankündigung von Dr. Wellbrock nicht aus dem Kopf.
Ab Montag würde Frau Sander kommen. Eine Fremde aus dem Jobcenter, die fortan in Reihe 14 sitzen, Kaffeeflecken riskieren und den eingespielten Takt seiner Tage stören würde. Gregor schüttelte leise den Kopf, bog in die Einfahrt ein und rollte das Rad in den schattigen Hinterhof seines Altbaus. Das Wochenende lag vor ihm – zwei Tage ungestörte Ruhe in der Wohnung seiner Großeltern. Noch wusste er nicht, dass dieser Freitag der letzte ganz normale Tag seines Lebens gewesen war.








