Date 1 - Der Biologiestudent
Emilyth Benoît stand mitten im Bad, die Stirn leicht gerunzelt, und versuchte ihre Hörnchen mit einer Haarspange zu bändigen. Doch jedes mal, wenn die Spange sie auf der einen Seite verdeckte, rutschte auf der anderen Seite das Hörnchen wieder hervor.
“Das sieht doch doof aus …”, murmelte sie und verzog den Mund. Die Haarspange antwortete nicht. Aber wenn sie es getan hätte, hätte sie vermutlich “Gib’s auf” gesagt.
Ein Blick auf die Uhr reichte, um ihr Herz schneller schlagen zu lassen. Ihr erstes Date in drei Monaten. Und sie war jetzt schon nervlich am Ende. Ihre Schwester, Vivienne, hatte sie gestern noch ermutigt. “Diesmal bleibst du bis zum Dessert, sonst fang ich an, dich mit jedem zu verkuppeln, der auch nur ansatzweise einen Puls hat.” Vielleicht war es auch eine Drohung gewesen? Emilyth war sich da nicht so sicher. Sie hatte nur gelächelt und genickt – und innerlich geschworen, dass sie es dieses Mal wirklich schaffen würde.
Nur … das war leichter gesagt als getan. Immerhin war sie jetzt volljährig. Und damit endlich eine vollwertige Sukkubus. Die letzte ihrer Art. Wenn man ihre Schwester mal außer acht ließ. Und ihre Mutter. Und ihren Vater, wenn man einen Inkubus mitzählte. Kurzum, sie war die letzte in einer kurzen Ahnenreihe außergewöhnlicher Wesen, die seit Jahrtausenden die Fantasie der Menschen inspirierte, während sie ihre Lebenskraft stahlen. Also, eigentlich tranken sie sie. Und auch nicht alles. Ein bisschen wie ein Energydrink. Nur, dass man dabei irgendwie meistens nackt und verschwitzt sein musste. Der Gedanke daran ließ Emilyths Gesichtsmimik einen komischen Tanz vollführen. Sie musste sich zusammenreißen. Sie würde das diesmal schon schaffen. Eine Sukkubus konnte schließlich allein mit ihrem Blick Menschen um den Verstand bringen. Also theoretisch. Praktisch brachte Emilyth höchstens Kellner dazu, sich Sorgen zu machen, ob sie gleich ohnmächtig wird.
Mit einem tiefen Atemzug schlüpfte Emilyth in ihre Schuhe, riss die Tür auf und rannte los. Es war einer dieser Läufe, bei denen man zwar schnell sein wollte, aber gleichzeitig versuchte, nicht so auszusehen, als wäre man verzweifelt. Das Ergebnis war ein seltsames Hüpfen, bei dem ihr Rock bedrohlich im Wind flatterte und ihr Schwanz im Takt hin und her peitschte wie ein nervöser Metronomzeiger.
Die Glocke über der Tür des “Café Amarante” bimmelte, als sie hereinstolperte – und im selben Moment stolperte sie wirklich, über die kleine Stufe, die sie jedes einzelne Mal übersah.
“Alles gut?”, fragte jemand hinter dem Tresen, doch Emilyth hob nur eine Hand, ohne hinzusehen, und hoffte, dass ihr hektischer Atmen nicht allzu sehr wie ein panischer Asthmaanfall klang.
Keine Zeit für den Barista. Keine Zeit für einen Kakao. Keine Zeit, um sich zu sammeln. Das Date wartete. Sie ließ den Blick über den Raum schweifen und entdeckte ihn sofort: einen jungen Mann am Fensterplatz, leger angelehnt, die Sonnenstrahlen zeichneten Konturen auf sein Gesicht, während er lächelnd auf sie wartete. *Gut. Einfach hingehen. Hinsetzen. Atmen. Atmen ist Sexy, oder?”
Emilyth eilte zu ihm herüber und setzte sich. “Hiichbinemilysorrydassichzuspätbinichmusstemirnochdiehaaremachenunddannwussteichnichtwasichanziehensollundwiegehtesdirso?”, sprudelt es aus aus ihr heraus, ohne das sie auch nur versuchte Luft zu holen. Sie sah ihr Date erwartungsvoll an. Und blickte nur in ein zutiefst verwirrtes Gesicht.
Jonas, sie hatte ihm im Supermarkt nach seinem Namen gefragt, hatte hellgrüne Augen, die sie an Kandierte Äpfel erinnerten. Seine dunkelblonden Haare sahen aus als wäre er gerade aus einem Sturm gekommen und sein Drei-Tage-Bart ließ ihn etwas verwegen wirken. Sie konnte sich jetzt schon vorstellen, wie sie in seinen Armen hing während sie zusammen die Welt umsegelten. Kurz, er war voll ihr typ.
“Ähm … was?”, antwortete Jonas endlich und riss Emilyth damit aus ihrer Zukunftsplanung. “Hi, ich bin Emily. Sorry, dass ich zu spät bin. Ich musste mir noch die Haare machen und dann wusste ich nicht, was ich anziehen soll. Und wie geht es dir so?”, fragte sie noch einmal. Diesmal viel zu langsam. Jonas lächelte, als hätte er sich schon eine Meinung über sie gebildet. Perfekter Start, dachte sie. Vielleicht springe ich heute einfach erst nach der Vorspeise ab.
“Du siehst umwerfend aus”, versicherte Jonas ihr und ihr Herz flatterte so sehr, sie konnte es fast hören. Sie hörte es? Ihre Flügel! Ihre Flügel flatterten vor Aufregung. Emilyth versuchte krampfhaft sich zu beruhigen. Nicht, dass ein Mensch ihre Flügel sehen würde. Aber ihr war es trotzdem unangenehm.
“Also, erzähl mal von dir”, begann Jonas, die Arme locker auf den Tisch verschränkt. Okay, das ist einfach. Einfach ehrlich sein. “Ich … komme aus einer Familie … äh … sehr … traditioneller … äh … Gastronomen.” Technisch gesehen stimmte es. Irgendwie. “Oh, cool. Also Restaurant oder so?” – “Äh … oder so”, bestätigte Emily.
“Ich studiere noch. Biologie”, erzählte Jonas einfach. “Und ich arbeite im Zoo.” Tierlieb. Das war ein großer Pluspunkt. Sie konnte sich förmlich vorstellen, wie er in Safari-Montur ins Löwengehege ging um einen armen, verletzen Löwen zu versorgen.
“Ah, sorry, ich hatte schon bestellt. War mir nicht sicher wann du kommst”, entschuldigte Jonas sich, als der Barista, Björn, mit einem kleinen Tablett kam und eine dampfende, nach Cappuccino riechende, Tasse vor ihm abstellte. Emily selbst bekomm eine große Tasse Kakao mit einem vierblättrigen Kleeblatt als Kakaomuster im Schaum. “Danke”, sagte sie und wandte sich wieder Jonas zu. “Ich … ähm … bin öfter hier. Er weiß was ich trinke”, versuchte sie zu erklären. “Und. Was machst du so im Zoo?”, fragte sie, während sie von ihrem Kakao trank.
“Ich verkaufe Zuckerwatte”, antwortete er, als wäre es das Normalste der Welt. “Eigentlich wollte ich was mit Tierpflege, aber die brauchten gerade niemanden – und hey, gratis Zuckerwatte.” Er grinste.
Jonas pustete vorsichtig in seinen Cappuccino, während Emily an ihrem Kakao nippte, als hinge ihr Leben davon ab. Nicht zu viel auf einmal. Sonst sieht er, wie zittrig meine Hände sind. Warum ist Schokolade eigentlich immer flüssig, wenn man nervös ist?
„Also, im Zoo ist es nie langweilig“, begann Jonas, seine Ellbogen lässig auf den Tisch gestützt. „Neulich ist ein kleiner Affe aus dem Gehege ausgebüxt und hat einem Besucher das Eis geklaut. Der Typ hat geguckt, als wäre gerade sein ganzes Leben zusammengebrochen.“
Emily lachte leise, viel zu hoch, und verschluckte sich beinahe. „Oh! Das … das ist … ähm… witzig. Also, nicht für den Mann. Für den Affen. Aber irgendwie auch für dich. Also … ähm…“ Sie vergrub ihre Lippen wieder in der Tasse. Toll. Ich klinge wie ein Papagei auf Koffein.
Jonas grinste, als hätte er sich über genau so eine Reaktion gefreut. „Du hättest sehen sollen, wie er das Eis gehalten hat. Mit beiden Händen. Ganz stolz. Wie so ein kleiner König.“
Emily stellte sich das Bild vor und musste automatisch kichern. Ihr Schwanz zuckte unter dem Tisch, sodass sie hektisch die Beine übereinanderschlug, als könnte sie damit irgendetwas verbergen. Reiß dich zusammen! Schwanzwedeln ist nicht sexy. Außer vielleicht für Hunde.
„Und du?“, fragte Jonas plötzlich. „Hast du auch so eine geheime Superkraft? Ich meine, ich kann immerhin mit Primaten verhandeln.“
Emily blinzelte. Mehrmals. Superkraft? Oh nein. Meine Superkraft ist, spontan in den Boden versinken zu wollen. „Äh… ich kann ziemlich gut … ähm… Menschen zuhören?“, versuchte sie. „Das klingt jetzt nicht spektakulär, aber … ich treffe auch nicht so viele Affen..“
Jonas lachte, ein tiefes, warmes Lachen, das Emily direkt in den Bauch traf. Okay. Halt. Stopp. Das mag ich zu sehr. Das ist gefährlich.
„Na ja,“ sagte er und lehnte sich etwas näher zu ihr, „ich würde sagen, zuhören ist eine verdammt gute Superkraft. Vor allem, wenn man so süß dabei guckt.“
Emily erstarrte, als hätte jemand die Pausetaste gedrückt. Süß?! Hat er … hat er gerade wirklich …?! Oh nein, jetzt werd ich rot. Oh nein, jetzt sieht er, dass ich rot werde. Oh nein, jetzt denkt er bestimmt, ich werd rot, weil ich ihn mag … was ja stimmt, aber …
„S-… süß?“, stammelte sie und kicherte nervös, „also … äh… ich glaub, das war der Kakao. Der ist süß. Nicht ich. Also … ich auch, aber … nein! Ich meine, nicht so, wie du denkst!“ Ihre Flügel zuckten unter dem Pulli, und sie zog ihn panisch enger an sich.
Jonas beobachtete sie, die Augen funkelnd, und schien sich köstlich zu amüsieren. „Okay“, sagte er langsam, „dann einigen wir uns darauf: Der Kakao ist süß. Und du bist es … mindestens genauso.“
Emily sank ein Stück tiefer in ihren Stuhl, unschlüssig, ob sie vor Scham sterben oder einfach auf der Stelle ohnmächtig werden sollte. Warum, Universum, warum?
„Weißt du“, fuhr Jonas fort, und seine Stimme bekam diesen spielerischen Unterton, der Emilys Herz noch schneller schlagen ließ, „ich glaube, das ist mein neuer Lieblingsplatz hier. Direkt am Fenster, guter Kaffee … und die beste Gesellschaft, die man haben kann.“
Emily japste nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. „D-die … beste … Gesellschaft?“ – „Na klar.“ Er lehnte sich zurück und musterte sie mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen charmant und gefährlich lag. „Ich mein, der Affe mit dem Eis war schon lustig … aber ich glaub, du topst sogar das.“
Oh nein. Das ist Flirten. Er flirtet. Offiziell.
Emily griff hastig nach ihrer Tasse und nahm einen viel zu großen Schluck Kakao, nur um irgendetwas zu tun, während Jonas’ Blick sie traf wie ein Scheinwerfer.
Jonas grinste, als Emily die Tasse fast krampfhaft an den Lippen festhielt. „Weißt du, im Zoo sagen wir immer: Wer einem Lama zu tief in die Augen schaut, verliebt sich. Wegen der Wimpern.“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause. „Ich glaub, du solltest lieber nicht in den Spiegel schauen. Sonst verknallst du dich noch in dich selbst.“
Emily war gerade mitten im Schlucken. Der Kakao erwischte sie wie ein Schlag. Sie prustete los, verschluckte sich, und im nächsten Moment spritzte die Schokolade ihr durch die Nase wieder heraus.
„Oh nein, oh nein, oh nein …!“ japste sie, während ihre Augen tränten und sie nach Servietten tastete. Jonas hielt sich die Hand vor den Mund, aber das Grinsen war nicht zu verbergen. „Heilige Schokolade“, murmelte er, „das war … noch süßer.“
Emily wollte im Boden versinken. „Ich … ich … das war nicht …! Das war der Kakao! Ich schwöre!“
„Na klar“, antwortete Jonas und reichte ihr mit todernster Miene eine Serviette. „Der Kakao hat dich angegriffen. Gemein von ihm. Soll ich ihn für dich verklagen?“
Emily schniefte und drückte sich die Serviette gegen die Nase, als würde sie gerade eine Nasenblutung versorgen. „Das ist sooo peinlich …“ nuschelte sie hinter dem Stoff.
Jonas nahm einen Schluck Cappuccino, ganz entspannt, und legte den Kopf leicht schief. „Hey, mach dir keinen Kopf. Du bist die erste, die es geschafft hat, mich mit Kakao zu beeindrucken. Normalerweise muss man dafür wenigstens Feuer spucken.“
„Beeindrucken?!“ Emily ließ die Serviette sinken. Ihre Augen waren glasig vom Husten, ihre Wangen knallrot. „Das war doch … äh… nicht …“
„Doch“, unterbrach Jonas sie und grinste. „Definitiv. Ich mein, wer kann schon behaupten, Schokolade zweifach genießen zu können? Einmal rein, einmal raus.“
Emily japste entrüstet nach Luft, bevor sie wieder hektisch die Serviette hochriss, um ihr rotes Gesicht zu verstecken. Ich. Sterbe. Sofort.
Jonas beugte sich ein Stück näher zu ihr, senkte die Stimme und meinte leichthin: „Weißt du … wenn’s dir hier zu peinlich wird – wir könnten auch einfach zu mir. Da gibt’s zwar keinen Barista, aber garantiert niemanden, der über Kakao-Unfälle lacht.“
Emily hielt inne. Ihre Finger verkrampften sich um die Serviette. Ihr Herz stolperte wie ein nervöser Marathonläufer. Zu ihm? Nach dem Date? Einfach so?! Oh nein. Oh nein. Das heißt … das heißt bestimmt …
Emily stand so abrupt auf, dass fast ihr Stuhl kippte. „Ich … ähm… Toilette!“, quietschte sie und stolperte zwischen den Tischen hindurch, den halben Kakao noch im Gesicht, als würde sie einen Rettungsausgang suchen.
Die Tür zum Damen-WC fiel hinter ihr ins Schloss, und sie stützte sich schwer auf das Waschbecken. Im Spiegel sah sie ihr rotes, tränendes Gesicht, die Haare wirr, ein Schokofleck auf dem Pulli. Ihre kleinen Hörnchen lugten zwischen den Strähnen hervor, als hätten sie beschlossen, ihre Demütigung noch zu unterstreichen.
„Ich kann das nicht … ich kann das nicht!“, flüsterte sie und spritzte sich hektisch Wasser ins Gesicht. „Zu ihm gehen? Jetzt schon? Das ist… das ist zu schnell. Zu früh!“
Sie sprach zu ihrem Spiegelbild, als könnte es ihr raten. „Du gehst da jetzt raus, lächelst charmant, und sagst: Klar, Jonas, lass uns zu dir. Ganz easy. Ganz … oh nein …“
Ihre Flügel zuckten unkontrolliert hervor, die Spitzen stießen beinahe gegen die Kabinentür. Emily drückte sie panisch wieder unter den Pullover. Wenn er mich zu sich einlädt … denkt er dann …? Ihr Herz raste. Oh Gott. Natürlich denkt er das! Männer denken immer das! Aber ich kann das nicht. Ich kann nicht—
Sie rang nach Luft, sah sich fieberhaft um. Ein kleines Fenster stand offen, viel zu klein für eine normale Flucht. Für Emily war es perfekt.
„Okay … okay … Plan B“, murmelte sie und kletterte unbeholfen auf die Fensterbank. „Nächstes Mal halte ich durch. Nächstes Mal … wirklich.“
Mit einem letzten Blick auf ihr beschmiertes Spiegelbild zog sie sich nach draußen – und verschwand, halb elegant, halb katastrophal, in die Nacht.
Die kühle Nachtluft schlug ihr entgegen, kaum dass sie draußen auf dem Gehweg gelandet war. Emily rappelte sich auf, klopfte sich vergeblich den Staub vom Rock und rannte los, als verfolgten sie tausend unsichtbare Augen. Ihr Herz schlug noch schneller als während des Dates, und sie wagte nicht, auch nur einmal zurückzublicken.
„Warum … mach ich sowas immer …?!“ japste sie keuchend. Ihr Schwanz peitschte unkontrolliert im Takt ihrer Schritte, während ihre Flügel hektisch unter dem Pullover zuckten. „Ich hätte einfach … lächeln können. Oder wenigstens tschüss sagen. Statt … Ninja-Flucht durchs Fenster.“
Vor ihrer Wohnung blieb sie stehen, schnappte nach Luft und lehnte sich schwer gegen die Tür. Sie kramte in ihrer Tasche, fand den Schlüssel – natürlich erst nach drei Minuten hektischen Suchens – und schloss auf.
Drinnen war es still. Nur das Summen des Kühlschranks. Emily ließ sich an die Wand sinken, das Gesicht in den Händen vergraben. „Katastrophe … hundertprozentige Date-Katastrophe …“
Und doch – während sie so dasaß, zitternd, mit Kakao-Flecken auf dem Pulli und nassen Haaren vom Waschbecken – schlich sich ein kleines, kaum zu bändigendes Lächeln auf ihre Lippen.
Jonas’ Lachen hallte in ihrem Kopf nach. Dieses warme, tiefe Lachen, das sie im Bauch gekitzelt hatte. Und sein Blick, als er gesagt hatte, sie sei süß.
Emily zog die Knie an die Brust und vergrub das Gesicht darin. „Verdammt“, flüsterte sie. „Ich mag ihn.“
![The Moon's Weapon : the cursed mate [ MOVING TO GALATEA]](https://cdn-gcs.inkitt.com/vertical_storycovers/ipad_123f31099804e79c6de11657975bcaae.jpg)







