Kapitel 1 – Gina
Saskia oder Gina, wie sie sich seit fast drei Jahren nannte, wenn sie in ihrem Einzimmerappartement in Dortmund-Hörde arbeitete – hockte auf dem abgewetzten Zweiersofa, das schon bessere Tage gesehen hatte. Sie blätterte lustlos in einer dieser Frauenzeitschriften. Glanzpapier, strahlende Zähne, 08/15-Lebenstipps. Sie hob den Blick zur Uhr über der Kochnische. 14:32.
Heute lief es zäh. Bisher nur ein Freier am frühen Mittag. Ein Mann Anfang 40, verheiratet wie Saskia an dem Ehering an der rechten Hand unschwer erkennen konnte. Der Klassiker: Ausziehen. Kurz abwaschen, damit er sich nicht beschwert. Ihn kurz mit dem Mund anheizen, weil die meisten das erwarten. Gummi drübergezogen, immer schön langsam, damit er nicht denkt, man hetzt ihn. Rauf auf ihn, Cowgirl, bisschen auf und ab, die Titten in Szene gesetzt, die richtigen Stöhngeräusche. Dann umdrehen, Doggy, Arsch hoch, Rücken durchgedrückt, die Hände ins Laken gekrallt, damit es echt aussieht. Er keucht, wird schneller, kommt ins Kondom.
Fünfzehn Sekunden Durchatmen. Kondom ab, Knoten rein, in den Mülleimer. Er zieht sich an, sie zieht sich an. Smalltalk auf Sparflamme: »War schön«, »Bis bald vielleicht«, Tür zu, Schlüssel rum.
28 Minuten. Vom Klingeln bis sich der Schlüssel im Schloss wieder drehte.
Sie ließ die Zeitschrift auf den Boden rutschen, zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch in Richtung Decke.
Manchmal fühlte sich der Tag an wie ein einziger langer Refrain. Man sang einfach weiter.
Dann fiel ihr wieder ein, warum sie das hier eigentlich machte.
Für Lea. Die Kleine war jetzt fast vier, quasselte den ganzen Tag ohne Punkt und Komma, malte Sonnen mit riesigen Gesichtern und fragte neuerdings, warum Mama manchmal so lange wegbleibt. Saskias Mutter nahm sie, Gott sei Dank, ohne groß zu meckern. Das war der Deal: Oma passt auf, Mama bringt das Geld ran.
Und für Markus. Ihr Mann, der immer noch jeden Morgen um halb sechs in die leere Schreinerei fuhr, obwohl da längst die Maschinen abgebaut waren und die Schulden sich auf dem Küchentisch stapelten. Seit die Bank den letzten Kredit gekündigt hatte, hing der Geruch von Scheitern in der Wohnung wie alter Leim. Sie zahlte ab, was sie konnte, damit er nicht ganz unterging.
Und wenn sie ehrlich war, machte sie es auch für sich selbst. Weil sie irgendwann mal wieder ausgehen wollte, ohne dreimal nachzurechnen. Weil sie ein Kleid kaufen wollte, das nicht nach fremdem Parfüm roch. Weil sie Urlaub machen wollte. Richtig, mit Koffer und Meer, und ohne jedes Mal zu überlegen, ob noch Geld für Leas Eis blieb.
Saskia zog noch einmal tief an der Zigarette und drückte sie dann im Aschenbecher aus. Sie sah wieder auf die Uhr. 14:48. Kurz nach eins hatte ein Stammfreier angerufen und für fünfzehn Uhr einen Termin gemacht. Haiko hieß er, war 23, kam seit etwa einem Jahr alle vier bis sechs Wochen vorbei, immer freitags, und er buchte sie immer für eine Stunde.
Sie stand auf, zog die graue Jogginghose und den Hoodie aus. Die Sachen faltete sie ordentlich zusammen. Alles kam in den kleinen Schrank neben dem Sofa, wo die Arbeits-Dessous lagen: die schwarzen Spitzenstrings mit dem winzigen Schleifchen, die sie eigentlich hasste, weil sie nach dem dritten Waschen schon kratzten, die Push-up-BHs, die ihre üppigen Brüste wie auf einem Tablett präsentierten, und der bordeauxrote Body, den Haiko am liebsten mochte. Er hatte ihn einmal »elegant« genannt.
Nackt ging sie ins winzige Bad, drehte das Wasser auf kalt, hielt die Hände darunter, bis sie taub wurden, dann wusch sie sich zwischen den Beinen, unter den Achseln, zwischen den Brüsten. Immer dieselbe Reihenfolge, immer dieselbe Seife, die nach künstlicher Zitrone roch und die Haut irgendwann stumpf machte. Sie trocknete sich ab, tupfte statt zu rubbeln, weil sie gelernt hatte, dass raue Haut bei manchen Freiern den Stimmungskiller spielte.
Zurück im Zimmer zog sie den bordeauxroten Body an und betrachtete sich in dem schmalen Spiegel, der neben der Wohnungstür an der Wand hing.
Der Stoff schmiegte sich an sie wie eine zweite Haut, straff und unnachgiebig. Die Schnürbänder an den Seiten zogen sich fest, der Druck lag warm und gleichmäßig auf den Rippen. Bei jeder Bewegung spürte sie das leichte Kratzen der Ösen an der Haut und die Wärme, die sich unter dem Material staute. Vorne tauchte der Ausschnitt tief ein, ein spitzer Sweetheart-Ausschnitt, der ihre Brüste hochdrückte. Die Träger waren hauchdünn, liefen über die Schultern und kreuzten sich hinten im Nacken. Von der Achselhöhle bis zur Hüfte zogen sich die engen, gekreuzten Schnürbänder durch Ösen – ein filigranes Netz, das die Haut in schmalen Streifen freilegte. Bei jeder Bewegung blitzte helle Haut auf. Die Taille wirkte dadurch noch schmaler, bevor die Hüften sich rund und voll entfalteten.
Der Schnitt war hoch angesetzt, die Beine wirkten endlos lang. Der Stoff grub sich tief in die Leistenbeuge ein, umrahmte den prallen Po. Hinten war der Body nur ein schmaler Streifen, der zwischen den Backen verschwand. Der Stoff spannte sich darüber, glänzte matt.
Sie drehte sich leicht, hob einen Arm, und die seitlichen Schnürungen öffneten sich noch ein Stück weiter. Sexy, ohne billig zu wirken. Genau das, was sie wollte: ein Körper, der versprach, ohne alles sofort preiszugeben.
Saskia strich mit den Fingerspitzen über die Schnürbänder, zog leicht daran, bis der Stoff sich noch enger zog und ihre Brüste sich hoben. Der Druck auf den Rippen wurde deutlicher, warm und fest.
14:55. Sie stellte eine Flasche Wasser und ein Glas auf den kleinen Tisch vor dem Sofa. Haiko kam regelmäßig, doch er war zu Beginn jedes Treffens immer ein wenig verkrampft. Ein Schluck Wasser half oft, um das erste Schweigen zu überbrücken.
Zwei Kondome legte sie ans Kopfende des Bettes, neben die Rolle Küchenpapier, die noch vom letzten Freier dort stand. Alles an seinem Platz. Alles wie immer. Bewegungen, die sich ins Fleisch geschrieben hatten.
Sie ließ sich wieder aufs Sofa sinken, diesmal nur im Body. Die Beine leicht angewinkelt. Die Zeitschrift lag noch immer da, sie schob sie mit dem nackten Fuß unter das Sofa. Keine Lust mehr auf strahlende Zähne und Ratschläge für ein Leben, das nicht ihres war.
Saskia schloss für einen Moment die Augen und dachte an Haikos letzten Besuch. Sie musste lächeln – das kam nicht oft vor in ihrem Job.
Haiko war anders als die meisten Freier. Nicht, weil er so jung war. Saskia vermutete, dass er keine Freundin hatte, auch wenn er hin und wieder von einer Andrea sprach. Wahrscheinlich nur ein Schwarm. Vielleicht eine aus der Uni.
Was ihn wirklich unterschied, war das, was er mitbrachte. Bei jedem Besuch etwas anderes: Dessous, ein Paar Strümpfe, manchmal lange, dicke Wollsocken, manchmal halterlose mit feinem Spitzenrand. Oder einen Slip. Einen kurzen Rock.
Nicht als Geschenk für sie. Sie sollte sie einfach nur anziehen. Während der Stunde. Danach nahm er alles wieder mit.
Die Sachen waren sauber. Meist noch neu, oft originalverpackt. Und so tat Saskia ihm den Gefallen. Zog an, was er mitbrachte. Ohne Fragen.
Haiko würde gleich klingeln. Er war nie zu früh. Nie zu spät. Immer pünktlich.








